Schwarzkopf | Der Tote im Vulkan | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 8, 384 Seiten

Reihe: Anna Bentorp

Schwarzkopf Der Tote im Vulkan

Kriminalroman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98707-188-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 8, 384 Seiten

Reihe: Anna Bentorp

ISBN: 978-3-98707-188-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Diebstahl eines Meisterwerks der isländischen Buchkunst. Ein mit der Kunsthistorikerin Anna Bentorp befreundeter Autor wird auf Island ermordet. Zuletzt arbeitete er an einem True-Crime-Roman um einen in Island verschollenen Experten für nordische Geschichte. Anna folgt seiner Spur und stößt auf den Diebstahl eines mittelalterlichen isländischen Buchs. Je tiefer sie in die Materie eintaucht, umso deutlicher wird: Hier geht es um eine Verschwörung mit tödlichem Ziel. Doch es sind vor allem die Geister ihrer eigenen Vergangenheit, die Anna in Gefahr stürzen und sie mit Wahrheiten konfrontieren, die sie lieber verdrängen wollte . . .

Margarete von Schwarzkopf, geboren in Wertheim am Main, studierte in Bonn und Freiburg Anglistik und Geschichte. Sie arbeitete zunächst für die Katholische Nachrichtenagentur, dann als Feuilletonredakteurin bei der »Welt« und viele Jahre beim NDR als Redakteurin für Literatur und Film. Heute ist sie als freie Journalistin, Autorin, Literaturkritikerin und Moderatorin tätig.
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Begegnung in der Wüste

Die Mauern des Wüstenschlosses schimmerten in der Mittagssonne rötlich. Unser Reiseleiter, ein vielseitig interessierter und gebildeter Vertreter seiner Zunft, war ein Stück hinter meiner Gruppe von achtzehn Teilnehmern dieser Reise nach Jordanien zurückgeblieben. Er unterhielt sich lebhaft mit einem älteren Mann, der eben gerade mit einer weiteren Schar von Touristen aus einem Bus gestiegen war. Offenbar ein Kollege. Ich wollte rasch meiner Truppe folgen, die bereits durch das große Tor des Gemäuers im schattigen Innern verschwunden war, als ich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte und eine tiefe Stimme in mein Ohr dröhnte: »Wenn das nicht eine wunderbare Überraschung ist! Anna, du hier in der Wüste! Großartig!«

Diese Stimme hätte ich unter Hunderten erkannt. Sie gehörte Heinz Kröger, oder besser Winston Stevens. Denn unter diesem Namen veröffentlichte Kröger seit gut zehn Jahren erfolgreiche Kriminalromane. Jedes Jahr erschien ein neuer Stevens, und jedes Jahr schickte er mir eine signierte Ausgabe seines jüngsten Werkes, zuletzt »Tod im Farn«. Sein Protagonist Mortimer Rascal ermittelte vor allem in Yorkshire, woher Krögers Mutter stammte.

Über seine Bücher waren wir seit etlichen Jahren in Verbindung geblieben, aber persönlich hatte ich ihn schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Kennengelernt hatte ich ihn nach einer seiner Lesungen und mit ihm lange über seine Bücher geredet. Danach waren wir uns einige Male über den Weg gelaufen und freuten uns über jede Begegnung. Gelegentlich schrieben wir uns Mails. Unsere Treffen wurden seltener. Meist befand er sich auf Lesereisen oder auf Recherche in England, und ich war ebenfalls oft unterwegs. Dabei lebte er in Norddeutschland, also nicht auf einem anderen Stern.

Ehe ich antworten konnte, umarmte er mich so heftig, dass ich fürchtete, er würde mir die Rippen brechen. »Mein Gott, Heinz!«, brachte ich atemlos hervor. »Was treibst du denn hier?«

»Das könnte ich dich auch fragen!« Heinz Kröger überragte mich um Haupteslänge. Er war inzwischen fast sechzig Jahre alt, sein noch immer dichtes Haar schneeweiß, aber seine hellbraunen Augen blitzten überraschend jugendlich. Sein Verlag druckte im Klappentext seiner Bücher immer noch ein Foto von ihm, auf dem er knapp Mitte vierzig war. Doch er hatte sich seit unserem letzten Treffen kaum verändert. Ein freundlicher Riese, dem der Erfolg mit seinen Rascal-Thrillern nicht zu Kopf gestiegen war. Auch die inzwischen vier Fernsehadaptionen hatten ihm zwar gewiss gutes Geld, aber keine Allüren beschert. Ich mochte ihn.

Er ergriff meine Hand. »Ich bin mit einem Mietauto hier und besuche diese Gegend auf eigene Faust. Für mich bitte keine Reisegruppen.« Er lachte. »Ich mag keine Massenansammlungen, wie du ja weißt.« Damit spielte er auf die gemeinsame Tour vor einigen Jahren an, als ich ihn zufällig wiedersah und er sich meist von uns anderen Sterblichen fernhielt. Da wir uns kannten, plauderte ich nach den Ausflügen am Abend als Einzige mit ihm, wissend, dass er trotz seiner herben Art ein Gemütsmensch war. Das lag gut vier Jahre zurück. Mein Freund Richard wurde fast eifersüchtig. Seltsamerweise hatte ich in letzter Zeit öfter an Heinz gedacht und mir fest vorgenommen, ihn anzurufen. Wir hatten uns damals so gut verstanden, dass er mehr als nur ein Bekannter für mich war. Eher ein Freund, den ich zu selten traf.

Heinz sah sich um und runzelte die Stirn. »Komm, Anna, lass uns rasch aus der Sonne gehen. Im Schloss ist es angenehm kühl. Ich war vor zwei Jahren hier, ein faszinierender Ort.«

Widerstand war zwecklos. Heinz zog mich durch den säulengeschmückten Eingang in einen kleinen Innenhof, von dem zahlreiche Türen abgingen. »Spätes 18. Jahrhundert«, murmelte er. »Eine Art Jagdschloss, erbaut von Scheich Ahmed al-Moudi. Die Wände der Räume waren mit Fresken bedeckt, aber sie sind zum großen Teil entweder verblichen oder mit weißer Farbe abgedeckt worden. Für seine Epoche und seine Religion teils gewagte Darstellungen.«

Er führte mich zu einer steinernen Bank in einer schattigen Ecke des Hofes. Obgleich es erst Anfang Mai war, stiegen die Temperaturen mittags bis auf dreißig Grad.

»Wo hast du denn Richard gelassen?«, fragte Heinz, als wir uns gesetzt hatten.

Ich erwiderte: »Er musste für zehn Tage in die USA, nach Boston zu einem internationalen Symposium zum Thema Kunst und Schwarzmarkt, eines seiner Spezialgebiete. Er hält dort als Antiquitätenhändler einen Vortrag über seine Erfahrungen mit dem Schwarzmarkt. Auch wenn er selbst sich davon fernhält, bekommt er noch immer obskure Angebote. Und die Polizei schätzt seine Expertise auf diesem Gebiet. Sie möchte ihn gerne als eine Art Undercoveragenten einsetzen. Richard verspürt wenig Lust, sich zu exponieren.«

Ich war heilfroh, dass sich mein Freund, der sich nicht immer genau an gesetzliche Vorschriften gehalten hatte, inzwischen zu einem fast braven Bürger mauserte.

Ehe Heinz weiterfragen konnte, fügte ich rasch hinzu: »Keine Angst, wir sind noch zusammen. Aber ich hatte mehr Lust auf Jordanien als auf Boston. Und Richard möchte danach zudem in Maine eine Cousine besuchen, die er nie zuvor gesehen hat.«

Irrte ich mich, oder schien Heinz meine Antwort zu bedauern? Für einen Moment legte sich ein Schatten auf sein Gesicht. Aber dann nickte er.

»Ich habe einiges über deine Abenteuer in den vergangenen Jahren gehört, Anna, und dein Buch darüber gelesen. Hättest du mir ruhig signiert schicken können, als Gegengabe für all die Krimis, die ich dir immer zusende.« Er sah mich einen Augenblick streng an, lächelte dann aber breit. »Was soll’s! Schön, dich wiederzusehen. Wir sollten intensiver in Kontakt bleiben. Ich lebe seit zwei Jahren nicht mehr in Hamburg, sondern in Cuxhaven. Aber das hast du sicher mitbekommen. Reizvolle Ecke und ein Katzensprung nach Helgoland, eine Insel, die ich sehr mag.«

Unser Reiseleiter Ansgar Meyers war inzwischen auch in den Hof getreten. Er ging geradewegs auf Heinz zu. »Du meine Güte, Winston Stevens persönlich!«, rief er zu meiner Überraschung. »Ich kenne alle Ihre Rascal-Romane und habe mir sogar die Verfilmungen angesehen. Sind Sie aus Vergnügen oder beruflich hier?« Ansgar Meyers konnte sehr direkt sein.

Heinz schmunzelte. »Wegen beidem. Mein neuer Roman ist keine Rascal-Story mehr. Ich habe die Reihe erst mal beiseitegelegt. Acht Bücher reichen. Ich habe eine neue Serie begonnen, diesmal mit Fällen, die auf wahren Ereignissen beruhen, also so eine Art True Crime als Basis haben. Zurzeit sehr beliebt. Der erste Band erscheint im August und spielt in Jordanien, aufgehängt an dem Fall von dem deutschen Geschäftsmann, den man vor einigen Jahren tot in diesem Wüstenschloss entdeckt hat. Das gab einen ziemlichen Aufruhr in den Medien.«

Ansgar Meyers unterbrach Heinz. »Ja, das war vor sechs Jahren. Ich war damals das erste Mal mit einer Reisegruppe hier, fast zur selben Zeit, als der Mord geschah. Der Ermordete stammte aus Köln, und bis heute ist der Fall meines Wissens nicht gelöst worden.«

»Nein, der Mörder oder die Mörderin läuft frei herum. Ein typischer Altfall. Erwin K. war ein Düsseldorfer Immobilienhändler mit Wohnsitz in Köln«, ergänzte Heinz. »Tatsächlich hat man bis heute nur zwei Verdächtige, seine Frau Karin, die kurz nach seinem Tod Erwins Partner heiratete, und seinen Stiefsohn Mike, den Karin aus ihrer ersten Ehe hatte. Beide waren damals mit auf der Reise, hatten aber ein Alibi. Während er in aller Frühe vor der Tageshitze einen Ausflug zu diesem Schloss machte, wollen sie und ihr Sohn noch geschlafen und den Rest des Tages am Swimmingpool des Hotels in Amman verbracht haben.«

»Da hast du wirklich gründlich recherchiert!«, warf ich ein.

Heinz ließ sich von mir nicht stören. »Erst gegen Abend meldeten sie dem Hotelchef, Erwin sei von einem Ausflug nicht zurückgekommen. Wenig später wurde seine Leiche in dem Schloss von einem Busfahrer entdeckt. Da seine Brieftasche, sein Handy und seine Rolex fehlten, ging man von einem Raubmord aus. Dennoch kam es zu einem Prozess, bei dem Karin K., ihr Sohn und auch Erwins Partner vorgeladen wurden. Aber irgendeine Beteiligung an dem Verbrechen konnte Karin nicht nachgewiesen werden. Der Staatsanwalt versuchte ihr zu unterstellen, ihren Mann mit Hilfe eines gedungenen Mörders beseitigt zu haben, da ihre Ehe schon lange im Argen lag, Erwin sich aber nicht scheiden lassen wollte. Karin soll zudem schon geraume Zeit eine Affäre gehabt haben. Aber der Prozess versandete, im wahrsten Sinne des Wortes. Karin und Mike kamen davon. Auch Erwins Partner, der mit ihm öfter Streit hatte, konnte nichts nachgewiesen werden. Er war zum Zeitpunkt von Erwins Tod tatsächlich kurz in Amman gewesen, aber auch er hatte ein Alibi. Ein Jahr später haben Karin und er geheiratet. Sie ist eine gute Partie.«

Ansgar Meyers ergänzte: »Eine bildhübsche Frau, ich habe sie damals kurz im Hotel gesehen.« Damit ließ er Heinz und mich wieder allein.

»Und du nimmst jetzt diese Geschichte als Ausgangspunkt für dein neues Buch?« Ich sah Heinz fragend an.

Er nahm einen großen Schluck aus einer Wasserflasche, die er aus einem Jutebeutel mit der Aufschrift »Forever young« gefischt hatte. »Ja, in der Tat. Mein neuer Ermittler ist …«, hier pausierte er für einige Sekunden, ehe er fortfuhr: »… ein Privatdetektiv, der als Reiseleiter getarnt vor Ort recherchiert. Er war mal Polizist, aber nach einem Fall traumatisiert und deshalb einige Jahre tatsächlich hauptberuflich als Reiseleiter unterwegs.«

»Aber nun findet er zurück in seinen alten Beruf und verbindet ihn geschickt mit seinem Job als...


Schwarzkopf, Margarete von
Margarete von Schwarzkopf, geboren in Wertheim am Main, studierte in Bonn und Freiburg Anglistik und Geschichte. Sie arbeitete zunächst für die Katholische Nachrichtenagentur, dann als Feuilletonredakteurin bei der »Welt« und viele Jahre beim NDR als Redakteurin für Literatur und Film. Heute ist sie als freie Journalistin, Autorin, Literaturkritikerin und Moderatorin tätig.

Margarete von Schwarzkopf, geboren in Wertheim am Main, studierte in Bonn und Freiburg Anglistik und Geschichte. Sie arbeitete zunächst für die Katholische Nachrichtenagentur, dann als Feuilletonredakteurin bei der »Welt« und viele Jahre beim NDR als Redakteurin für Literatur und Film. Heute ist sie als freie Journalistin, Autorin, Literaturkritikerin und Moderatorin tätig.



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