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E-Book

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

Schweitzer SCHWARZ

Isar-Kilometer 148
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7531-8837-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Isar-Kilometer 148

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

ISBN: 978-3-7531-8837-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Stakkato schwarzer Gedanken, ein wilder Lauf durch das bunte Schwarz der Seele und den jahreszeitlichen Wandel der Isar. Der Jogger läuft an der Isar. Immer wieder, Lauf für Lauf. Jeder Lauf eine Steigerung der Motivation, jeder Lauf eine Konfrontation mit dem Schwarz. Jeder Lauf lässt die Gedanken fließen. Was erdet, was stresst Stadtmenschen? Wo finden sie Entspannung? Wie begegnen sie dem schnellen Rauschen des Stadtlebens, der Dichte der Stadt? Er ist einer von vielen, die hier Erholung suchen und Sport treiben. Und genau das ist sein Problem, denn er sucht Ruhe und findet Aggression. Die Schönheit der Isar, sein inneres Schwarz mit seinen vielfältigen, bunten Facetten verarmen und verdichten sich zu einer homogenen schwarzen Masse, die in einem Mord explodiert. Aus der anfänglichen Freude am Laufen wird ein Kampf ums Überleben.

Markus Schweitzer wurde in Hamburg geboren, ist gelernter Tischler und promovierter Designer. Er lebt und arbeitet als selbstständiger Designer in der Nähe der Isar, die ihm, wie auch unzähligen anderen Großstädtern, als Inspirationsquelle, Laufstrecke und zur Erholung dient. Zudem beschäftigt er sich mit Ethik im Design und zufällig entstandener Alltagsästhetik.
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1 Wohlfühlschwarz


Schwarz. Schwarz ist Schwarz. Ist Teil dieser Welt. Keine Welt ohne Schwarz. Es ist der Gegenpol zum Licht. Schwarz gibt dem Leben Tiefe, Fülle, Abgründe. Die Augen gewöhnen sich an das Dunkel und das Schwarz lässt das Licht leuchten. Das Schwarz ist die Basis, der Hintergrund, das umgebende Universum, vor dem sich alles andere präsentiert und behaupten muss. Schwarz inszeniert. Das andere, nicht sich selbst. Das Schwarz ist bescheiden, es verstärkt das andere, es ist ein Multiplikator. Das macht das Schwarz auch gefährlich. Selbst überlassen breitet es sich aus, besetzt, füllt, vereinnahmt jeden freien Raum. Wie in einem Vakuum schwillt es an. Je größer es wird, desto intensiver verstärkt es das andere. Bis es das andere absorbiert, frisst, schwärzt. Das Schwarz braucht das andere nicht, aber toleriert es, lässt es zu. Das andere hingegen braucht das Schwarz. Um zu leuchten, zu glänzen, hervorzustechen, präsent zu sein. Die Schönheit des Schwarz‘ liegt außerhalb. Im anderen. Die Schönheit des anderen überträgt sich auf das Schwarz. Überzieht es mit Glanz, hüllt es in einen reflektierenden Nebel ein. Das Schwarz ist neutral.

Schwarz. Schwarz ist immer vorhanden, wird immer mitgedacht, beeinflusst alles, auch in seiner scheinbaren Abwesenheit. Es ist nicht möglich das Schwarz an sich, das Schwarz als Konzept zu entfernen ohne auch das Weiß zu eliminieren. Schwarz ist eine reale Illusion. Ein Konstrukt aus Materialeigenschaft und Licht. Ein menschliches Konstrukt, ein Konstrukt menschlicher Wahrnehmung. Schwarz ist, was als Schwarz wahrgenommen wird. Schwarz ist, was Schwarz bedeuten soll. Schwarz bedeutet, was Schwarz als Bedeutung injiziert wird. Es reflektiert die Bedeutung seines Kontexts. Des Kontexts eines Individuums. So wird das neutrale Schwarz zu einem parteiischen, individuellen, subjektiven Schwarzkonstrukt. Das niemand anders in voller Tiefe verstehen kann als man selbst. Es ist eine Illusion, die nur im Individuum real wird. Eine Illusion, die grundlegend für die Innen- und Außenwahrnehmung eines Individuums ist. Schwarz ist eine subjektive Illusion, die als objektiv gilt, als objektiv kommuniziert wird. Neutral bis es mit Bedeutung aufgeladen wird. Schwarz ist negativ. Schwarz ist positiv. Schwarz ist neutral. Schwarz ist subjektiv.

Schwarz. Schwarz ist vielfältig, bunt. Es ist facettenreich. Schwarz ist subjektiv und kontextabhängig. Ob eine Fläche schwarz, grau, im Schatten liegend farbig oder sogar weiß ist, basiert auf einer subjektiven Bewertung. Schwarz ist nur ein Eindruck, als mentales Konstrukt ist es vergänglich. Schwarz ist eine Frage der gemachten Erfahrungen, des Lichts, der Umgebung, der Stimmung. Ist eine weiße Wand im Dunkeln betrachtet weiß oder schwarz? Kontextlos betrachtet ist sie schwarz, bestenfalls grau. Kontextbezogen betrachtet ist sie vielleicht weiß. Schwarz oder weiß, schwarz oder farbig ist eine Frage des individuellen Kontexts und der Perspektive. Einer immer individuell geprägten Perspektive. Sie ist vom Gefühl, vom Wohlbefinden jedes einzelnen Betrachters beeinflusst. Schwarz hat zunächst keine wertende Bedeutung. Schwarz bedeutet nicht unbedingt gleich düster, dunkel, finster. Häufig ist Schwarz positiv besetzt, ein klares Statement, eine bewusste Entscheidung, ein Gestaltungsmittel. Diese Bewertung beruht nicht auf objektiv darstellbaren, realen Kriterien und ist doch subjektive Realität. Schwarz ist daher so vielfältig wie die Menschheit. Jeder Mensch hat sein eigenes Schwarz, geht auf eigene Art und Weise mit seinem Schwarz um. Entwickelt es weiter, macht es farbig oder entfärbt es. Schwarz ist kein Zustand, es ist ein Prozess. Schwarz bedeutet nicht statischer Stillstand, sondern dynamische Bewegung. Schwarz an sich ist neutral, die Zuweisung von Attributen, das Empfinden in der realen Situation hingegen ist subjektiv konnotiert. Schwarz ist bunt.

Schwarz. Schwarz kann sich verändern, kann aktiv verändert werden. Schwarz kann die Seele fressen, es kann sich explosiv ausbreiten und alles Farbige überdecken. Es kann Momente der Unachtsamkeit, der fehlenden Selbstdisziplin ausnutzen, um sich in allen noch so kleinen Poren und Ritzen festzusetzen. Es kann alles andere verdrängen. Das Laufen hält das Schwarz in Schach, verwandelt das Schwarz, gibt ihm eine positive Konnotation zurück. Das Laufen bedeutet Disziplin, es hat selbst eine schwarze Seite, die das Laufen erst ermöglicht. Das Laufen reicht dem Schwarz die Hand zu einer produktiven Koexistenz. Es will das Schwarz nicht verdrängen, vernichten, es will das Schwarz nutzen und integrieren. Das Laufen nutzt die schwarze Energie, die schwarze Kraft, die schwarze Unerbittlichkeit und bringt die schwarze Schönheit zum Vorschein. Das Schwarz und das Laufen bilden eine fragile, ständig neu auszutarierende Balance. Sie wird ständig neu verhandelt. Jeder Lauf eine Verhandlung an deren Ende ein neues Kräfteverhältnis steht. Jedes Vordringen des Schwarz eine Aufforderung neu zu verhandeln. Eine Verhandlung ist jederzeit möglich, das Schwarz stellt sich jeder Aufforderung, jeder Herausforderung. Das Schwarz ist neutral, ohne Willen, ohne Hintergedanken, ohne Präferenzen. Schwarz ist veränderbar.

Schwarz. Schwarz ist ein kontrastierendes Element. Schwarz ist der maximale Kontrast zu Weiß. Weiß der maximale Kontrast zu Schwarz. Dabei lässt ein unendlich tiefes, unendlich dicht komprimiertes, undurchdringliches Schwarz keinen Kontrast zu. Ein solches Schwarz kennt keinen Kontrast. Wenn die Farben aus der Wahrnehmungswelt verschwinden, spricht man von dem Wahrgenommenen als etwas in Schwarz-Weiß. Wie ein Schwarz-Weiß-Foto. Schwarz-Weiß-Kontrast. Blickschärfendes Schwarz. Hervorhebung durch Reduktion. Verstehen durch Entfremdung. Grau beschreibt diese Wahrnehmung jedoch meistens treffender. Ein Zustand, eine Situation in Graustufen. Ein fließender Übergang ohne Farben, ohne Farbinformation. Weich. Ein Schwarz-Weiß hingegen ist sehr hart. Ohne Grautöne ohne Zwischentöne, extrem, hart, kantig. Zuspitzend, betonend und fordernd. Einen harten Gegenpol bildend. Feinheiten, Details egalisierend. Es bedeutet das komplette Ausblenden von Zwischenstufen, Zwischentönen, von allem Weichen, allem Vagen. Es ist kompromisslos. Verschwinden zusätzlich zu den Zwischentönen noch die Strukturen und Konturen, ist Schwarz wirklich schwarz. Tiefe gebendes Schwarz. Undurchdringliches Schwarz. Aber Schwarz muss nicht so kompromisslos hart sein. Schwarz kann Textur haben. Es kann samtig und weich sein. Es kann rau und porös daherkommen. Oder eben hart und glatt. Im Kontrast neutral. Kontrastierendes Schwarz.

Isar-Verlauf


Er mag das Schwarz. Er mag das Laufen. Beides gehört für ihn zusammen. Beim Laufen tariert sich die Balance zwischen beidem in ihm aus. Das Schwarz in seinem Inneren ist nach dem Laufen ein anderes als davor. Jeder Schritt eine Veränderung des Schwarz. Jeder Meter ein Stück Weg zum schwarzen Gleichgewicht. Er läuft im Schwarz, mit dem Schwarz, für das Schwarz, gegen das Schwarz. Schritt für Schritt eine Neudefinition seines eigenen, individuellen, subjektiven Schwarz. Jeder Lauf ist eine Neuverhandlung des Schwarzanteils in ihm und um ihn herum. Er läuft um zu neutralisieren. Das Schwarz zu neutralisieren.

Die Isar ist sein ständiger Begleiter. Sie ist immer da, nie gleich, jedes Mal neu. Mal ruhig und sanft, mal rau und wild, aber immer unterschwellig gefährlich. In ihrem Verlauf vom Ursprung bis zur Mündung verändert sie sich. Meter für Meter, Kilometer für Kilometer wird sie erwachsener, verliert ihren wilden Charakter, der in gezähmte Konformität übergeht. Steinig rau, grünlich bemoost, einem Rinnsal ähnelnd, tröpfelt sie die ersten Meter durch das Erdreich. Verwandelt sich schnell in einen klaren verwunschenen Bach, rundherum mit grünem Moos bewachsen, schwarz verwittert, leicht zu überspringen, ohne bemerkenswerte Tiefe. Eingeschlossen im Karwendelgebirge, sich einen Weg grabend, schnell breiter werdend. Klares Wasser, von den Seiten kommend, lässt sie schneller fließen, gibt Breite und Tiefe, sprudelt über Gesteinsbrocken und Kiesel hinweg, unter als improvisierte schmale Brücken dienenden Baumstämmen und Brettern hindurch. Sucht sich ständig sich verändernde Wege durch riesige Kiesflächen, säuselt an den Rändern der mäandernden Kiesbetten. Vorbei an Nadelbäumen, natürlichen, grauen Schutthalden, Endmoränen und grünen Wiesenflächen, sich immer breiter verteilend durch tiefe Schluchten. Transparentes Wasser wird auf weiß scheinenden hellgrauen Kieseln zu einem durchdringenden Türkis, funkelnd, glitzernd sich endlos bewegend. Sich massegewinnend schlängelnd, immer lauter rauschend. Um dann, jetzt noch nur wenige Kilometer alt, ein erstes Mal ausbeutend gebändigt zu werden.

Flach noch breitet sie sich dann in der Ebene zwischen den Bergen im weit erscheinenden Kiesbett aus, das türkisfarbene Wasser sich in einer Hauptrinne bündelnd, am Rande des Kiesbetts mal kleinere, mal größere Bäume, Tannen, Latschenkiefern, mal eine Straße, ein Weg oder ein Trampelpfad, mal steil aufsteigende Hänge. Auch das Ufer mal flach, dann wieder höher mit harten Abbruchkanten, unterspült teilweise, den Querschnitt der Landschaft freilegend, offenbarend und präsentierend. Büsche ragen in das Wasser, Zweige, Äste, Bäume vereinnahmen den Raum über der fluiden Wasseroberfläche. Hier und da Kiesbänke zwischen den flachen Wasseradern. Am Ufer teils Zaunpfosten, ohne Verspannung, durchlässig eine Abgrenzung markierend. Unter der transparent türkisfarbenen, sich kräuselnden Wasseroberfläche erscheinen Steine und Kiesel wie unter der Lupe, Bewegung vortäuschend. Nahezu unbemerkt überschreitet das Wasser die Ländergrenze...



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