E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Schwertfeger / Werner / Steiner In der lila Welt unterwegs
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-3944-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen und Gedichte
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-3-6957-3944-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Farbe Lila spielt in allen Erzählungen und Gedichten immer wieder Haupt- und Nebenrollen. Ein fliederfarbener Schal erinnert an eine talentierte Schneiderin im Nachkriegs-Köln, wie ihre Kleider Teil eines neuen Lebensgefühls wurden. Von einer Schülerin ist die Rede, die einen Malkurs besucht und immer weniger zu sich nimmt. Orientalischer Tanz entfaltet sich in einer Erzählung, Wege wie Freundschaften entstehen und vergehen. Orpheus im Spinnenkeller, guter Wein und Unterwelt taucht in einem Gedicht auf. Tautropfenepigramme erinnern an viskose Freiheit und andere lyrische Spuren. Lavendelfelder lassen ihr Licht aufscheinen. Steigt man in den falschen Zug, landet man unerwartet auf Sylt statt am eigentlichen Ziel. Dem Protagonisten dieser Erzählung wird der Fehler zum glücklichen Zufall. Afrikanische Stimmen berichten von ihrem Blick auf die Welt. Von einem geheimnisvollen Versteck, grob herausgeschnitzt in einem dicken Buch, wird erzählt. Was hat es damit auf sich? Im März blühen lila Krokusse.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kerstin Werner
Mir ist so wunderstill zumute
In den letzten Monaten ist so viel mit mir passiert, dass ich zutiefst glücklich bin, endlich zu mir selbst gefunden zu haben. Es war ein langer und schwieriger Weg, aber ich habe es geschafft, mich von meinen Zwangsvorstellungen und Ängsten zu befreien und meinen Körper so anzunehmen, wie er ist. Jetzt muss ich nur aufpassen, nicht rückfällig zu werden.
Alles hatte damit angefangen, dass ich anders sein wollte. Ich ertrug es nicht mehr, immer im Schatten der Mädchen zu stehen und wenig beachtet zu werden. Da ich mich nicht schminkte, nicht rauchte und auch durch meine Kleidung kaum auffiel, ging ich in der Mädchengruppe unter. Ich war einfach zu ruhig in der Klasse. Auch von den Jungs schien sich niemand für mich zu interessieren, aber da ich sie noch sehr kindisch fand, vermisste ich nichts. Manchmal glaubte ich, meinen Mitschülern geistig voraus zu sein, da mich ihre Gespräche oft langweilten und es mir deshalb schwerfiel, mich daran zu beteiligen. Nur mit Lina konnte ich mich ernsthaft unterhalten.
Auch dass ich körperlich sehr weit entwickelt war, störte mich. Ich bekam schon mit zehn Jahren meine erste Regelblutung und meine fraulichen Rundungen waren nicht zu übersehen. Aber ich fühlte mich in meinem Körper nicht zu Hause. Ich wollte noch nicht erwachsen werden und schämte mich für mein frauliches Aussehen. Oft sehnte ich mich zurück in meine Kindheit. Gern wäre ich so dünn gewesen wie Lina, aber ich musste mir eingestehen, dass ich das nie schaffen würde. Lina konnte eine Menge essen, ohne dabei dick zu werden, und ich hatte keine Ahnung, wie sie das machte. Während ich mich in der Frühstückspause auf dem Schulhof mit einem Apfel begnügte, verputzte sie zwei belegte Brötchen. Wenn sie dann noch ihren Müsliriegel mit mir teilen wollte, lehnte ich meist ab, auch wenn ich gern davon probiert hätte. Insgeheim beneidete ich sie darum, aber da sie die Einzige war, mit der ich mich über alles unterhalten konnte, wollte ich mir nicht eingestehen, wie sehr dieser Neid meine Seele belastete. Und wenn Lina mit ihrem feurigen Temperament unter den Mädchen im Mittelpunkt stand, bekam ich jedes Mal Angst, sie als Freundin zu verlieren. Aber Lina blieb mir treu, auch in der Zeit, als es mit mir bergab ging.
Meine Mutter spürte, dass ich zu Hause oft traurig war. Anfangs glaubte sie, dass mir der Leistungsdruck am Gymnasium nicht guttun würde, aber schon bald begriff sie, dass ich mit mir selbst nicht zufrieden war. Manchmal lag ich einfach nur auf meinem Bett und weinte und vertrödelte damit meine wertvolle Zeit. Seit Beginn der neunten Klasse fand ich auch keine Muße mehr zum Malen, was meine Mutter sehr bedauerte. Sie fand, dass ich sehr talentiert war und wollte mich unbedingt aus meinem Tief herausholen.
An einem Sonntagmorgen, ich saß gerade über meinen Hausaufgaben, kam sie zu mir ins Zimmer und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, einen Malzirkel zu besuchen. Sie kenne eine Künstlerin, die in der Innenstadt solch einen Zirkel leite und vor allem junge Menschen damit fördere. Ihr Vorschlag gefiel mir.
Als ich das erste Mal den Kurs besuchte, kam ich eine halbe Stunde zu früh. Eine Frau öffnete mir die Tür und musterte mich eindringlich durch ihre große Brille. Dann fragte sie, wie ich heiße und was mich zu ihr führe. Sie selbst stellte sich mit dem Namen Ursula Badura vor. Ihre resolute Erscheinung und ihr strenger Blick schüchterten mich sofort ein, und für einen kurzen Moment bereute ich mein Kommen. Mein Blick blieb an ihren knallroten Lippen hängen, die einen Kontrast zu ihrem Oberlippenbart und ihrem bereits ergrauten Haar bildeten. Sie trug eine bunte Künstlerbluse, die ihre Hose bis zur Hälfte bedeckte und sich leger über ihren kräftigen Oberkörper legte. ,Was für ein Selbstbewusstsein diese Frau ausstrahlt‘, dachte ich. Auf einmal begann ich am ganzen Körper zu zittern und gab mir alle Mühe, es mir nicht anmerken zu lassen. Ihre Gegenwart verunsicherte mich.
Doch dann lächelte sie und meine Anspannung löste sich ein wenig. Sie führte mich durch alle Räumlichkeiten und zeigte mir, mit welchen verschiedenen Techniken ihre Schüler arbeiteten. Ich war begeistert. Hier könnte ich Dinge ausprobieren, die ich in der Schule nie erlernt hatte: mit Ölfarben malen, mit verschiedenen Stiften zeichnen wie mit Kohle und Pastellkreide, einen Holzschnitt oder eine Radierung anfertigen, mit Ton modulieren, und ich könnte mich in die Aquarellmalerei vertiefen, wie ich es selbst vor Jahren eine Zeitlang mit Leidenschaft versucht hatte.
Nach und nach trudelten auch die anderen in das Atelier ein und begrüßten Frau Badura mit festem Händedruck. Erst dann entdeckten sie mich, lächelten mir zu und ein jeder stellte sich mit seinem Namen vor. Mir fiel auf, dass sie alle älter sein mussten als ich, und bald erfuhr ich, dass einige von ihnen bereits studierten.
An jenem Tag, als ich das erste Mal dort auftauchte, hatte sich die Gruppe schon seit einiger Zeit mit dem Porträtzeichnen beschäftigt, und Frau Badura fragte mich, ob ich bereit sei, Modell zu sitzen. Ich nickte und wusste selbst nicht, wie mir geschah. Irgendjemand rückte mir einen Hocker in die Mitte, auf den ich mich setzen sollte, während sich die anderen Mädchen und Jungen mit ihren Zeichenblöcken und Stiften in der Hand um mich herumplatzierten und mich eine Weile betrachteten. Dann zeichneten sie ihre ersten Linien mit Bleistift oder Kohle und ich hörte die feinen Geräusche auf ihrem Papier. Hin und wieder blickten sie auf und studierten mein Gesicht, um die nächsten Linien zu setzen. Ich hielt ganz still und ließ es geschehen. Nach etwa einer Stunde legten sie ihre Zeichnungen auf den Boden, um sie gemeinsam auszuwerten. Obwohl ich mich noch fremd in der Gruppe fühlte und niemand mich kannte, war ich erstaunt, wie geschickt und kunstvoll sie mein Gesicht getroffen hatten. Es sah mir tatsächlich sehr ähnlich. Mir gefiel, wie sie miteinander ins Gespräch kamen und die Hinweise der anderen schätzten. Besonders die Anmerkungen von Frau Badura schienen ihnen sehr wichtig zu sein. Als wir später auseinandergingen, bedankte sich ein jeder bei mir, und in diesem Moment verspürte ich den Wunsch, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein.
Seitdem besuchte ich jeden Donnerstagnachmittag diesen Malzirkel. Anfangs stand mir auch hier meine Schüchternheit im Weg, es kostete mich große Überwindung, auf die älteren Mädchen und Jungen zuzugehen, aber sie akzeptierten mich und bezogen mich in ihre Gespräche mit ein. Und schon bald gaben sie mir schmunzelnd einen wichtigen Rat: „Frau Badura wird deine farbigen Bilder mögen, wenn du vor allem violette Farbtöne aufträgst. Aber sag niemals lila zu dieser Farbe, das nimmt sie dir übel. In der Fachsprache heißt das violett.“
Dass Frau Badura tatsächlich eine Vorliebe für violett hatte, erlebte ich Wochen später, als wir mit ihr eine Ausstellung besuchten, in der Künstlerinnen und Künstler unserer Stadt ihre Arbeiten ausstellten. So konnte ich mir das erste Mal auch Kunstwerke von Frau Badura anschauen. Ihre Ölbilder strahlten eine gewaltige Kraft aus, immer wieder standen Kirchen, Schlösser und Burgen im Mittelpunkt, die durch ihre Farbgebung – sie verwendete nur reine Farben, die nichts mehr mit der äußeren Realität zu tun hatten –, besonders interessant zur Geltung kamen. Ihre Pinselstriche, die unzählige rot- und blauviolette Farbnuancen hervorbrachten, waren von solcher Intensität aufgetragen, dass ich sofort Lust bekam, selbst auf diese Weise ein Ölbild zu malen. Zum ersten Mal erlebte ich die geheimnisvolle Wirkung der Farbe Violett.
Diese Ausstellung verstärkte meinen Wunsch, nach dem Abitur an der Kunsthochschule zu studieren. Der Malzirkel, so schien es mir, sei die beste Vorbereitung dafür. Auch zu Hause begann ich wieder mehr zu zeichnen und zu malen, und meine Hausaufgaben erledigte ich eher nebenbei. Zum Lernen jedoch blieb mir kaum noch Zeit, aber ich ärgerte mich nicht, wenn ich eine schlechte Note bekam. In unserer Klasse wussten inzwischen alle Mädchen, dass ich einen Malzirkel besuche, aber niemand außer Lina interessierte sich dafür. Auf einmal war es mir auch gleichgültig, ich brauchte sie nicht mehr. Sollten sie mit ihrer Wichtigtuerei glücklich werden! Dann tat ich etwas, was ich mir vor Monaten nicht getraut hätte: Ich trat aus unserem Klassenchat aus. Ich hatte es satt, all die privaten Gespräche mitzulesen, die manchmal nur zwischen zwei Mädchen stattfanden. Was brachte mir dieser Chat? Es war reine Zeitverschwendung, so sagte ich mir.
Nur beim Malzirkel wollte ich wirklich zur Gruppe gehören, und ich rang um Anerkennung bei Frau Badura. Sie duzte mich inzwischen, was mir nur recht war. Ich mochte sie, auch wenn ich großen Respekt vor ihr hatte. Den anderen erging es ebenso, niemand wollte es sich mit ihr verscherzen.
Das Projekt Porträtmalerei beschäftigte uns noch mehrere Wochen, und jedes Mal erklärte sich ein anderer bereit, für uns Modell zu sitzen. Frau Badura war mit meinen Zeichnungen nie ganz zufrieden, meine Linien waren ihr nicht locker genug und es fehlten...




