Schymura | Käthe Kollwitz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Schymura Käthe Kollwitz

Die Liebe, der Krieg und die Kunst
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-406-69872-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Liebe, der Krieg und die Kunst

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-406-69872-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Käthe Kollwitz lebte ein Leben gegen jede Konvention – selbstbewusst, leidenschaftlich und unerschrocken. Sie war eine Ausnahmekünstlerin und politische Kämpferin, führte eine unbürgerliche Ehe und ging in der Liebe zu ihren Söhnen auf. Yvonne Schymura erzählt das aufregende Leben einer Frau zwischen Kaiserreich und Zweitem Weltkrieg, die nach ihrem Tod zu einer deutschen Ikone wurde. Als Käthe Kollwitz (1867 – 1945) zur Welt kam, zogen Pferde die Ziegelkarren vom elterlichen Bauhof. Als sie starb, lag das Deutsche Reich in Trümmern. Als Mädchen erkämpfte sie sich ihre Ausbildung, und als sie sich endlich durchgesetzt hatte, widersetzte sie sich erneut den Erwartungen der Gesellschaft, indem sie heiratete und Kinder bekam. Das Schlüsselereignis ihres Lebens, der Tod des jüngeren Sohnes in den Anfangswochen des Ersten Weltkrieges, ließ sie zur Pazifistin werden und beherrschte auf Jahre ihr Leben wie ihre Kunst. Als erste Frau stieg sie zu Amt und Würden in der Preußischen Akademie der Künste auf, bis sie 1933 durch die Nationalsozialisten kaltgestellt wurde. Yvonne Schymura räumt mit gängigen biographischen Mythen auf und thematisiert auch die rätselhaften Umstände von Kollwitz’ Tod. Ihre lebhaft erzählte Biographie zeichnet ein bewegendes Bild der berühmtesten deutschen Künstlerin.



Yvonne Schymura ist promovierte Historikerin und forscht seit vielen Jahren über Käthe Kollwitz. Seit 2013 arbeitet sie für und schreibt als freie Journalistin für ZEIT Online, Spiegel Online und die Deutsche Welle.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Cover;1
2;Titel;3
3;Impressum;4
4;Inhalt;5
5;Vorwort;7
6;1.?Mädchenjahre;11
6.1;Der Aufbruch;11
6.2;Grundsätze und Geist –die Königsberger Herkunft;14
6.3;Kindheit in Königsberg;19
6.4;Künstlerin auf Probe;26
6.5;München – ein Fest;33
7;2.?Das Leben und die Kunst;45
7.1;Inspiration;45
7.2;Die Familie als Fundament;48
7.3;Talent und Glück;61
7.4;Künstlerinnenhimmel;78
7.5;Entwicklungswege;98
8;3.?Der bittere Weg;116
8.1;Das Opfer;116
8.2;Die neue Zeit;120
8.3;Festhalten;130
8.4;Ein Denkmal setzen;139
8.5;Langsame Abkehr;145
9;4.?Ganz oben;157
9.1;Revolutionstage;157
9.2;Zwischen Hoffnung und Angst;160
9.3;Neubeginn;166
9.4;Familienzuwachs;179
9.5;Gipfelstürmerin;187
10;5.?«Das Dritte Reich bricht an»;202
10.1;Der Rauswurf;202
10.2;Bei den Gemaßregelten stehen;205
10.3;«Als ob mein Herz tot ist»;209
10.4;Wieder Krieg;226
10.5;«Der Krieg begleitet mich bis zum Ende»;231
11;6.?Nachleben;235
11.1;Sozialistische Kampfkunst;237
11.2;Die große Mutter;247
11.3;Im wiedervereinten Deutschland;257
12;7.?Zeittafel;263
13;Anhang;267
13.1;Anmerkungen;269
13.2;Literaturverzeichnis;297
13.3;Bildnachweis;309
13.4;Personenregister;311
14;Zum Buch;316
15;Über die Autorin;317


1. Mädchenjahre


Der Aufbruch


Die Sonne schien warm auf die zwei Mädchen, die im Frühsommer 1886 die halb gepflasterte Hauptstraße in Erkner hinuntergingen.[1] Die eine fast schon eine Frau, ein freundliches Wesen, mit rundem Kopf und einem ernsten Blick in den dunklen Augen. Ihre Kleidung, sorgfältig gewählt, war von bescheidener Art. Der ungebleichte Wollstoff schmiegte sich weich an die dünnen Arme. Schlicht war auch das Haar, straff gescheitelt, im Nacken ein geflochtener Knoten. Ein paar feine Strähnen umrahmten das Gesicht, unregelmäßig, aber mit verstohlener Anmut.[2] Die andere war kaum dem Backfischalter entwachsen. Ihre Augen schauten heiter unter dem blonden Scheitel hervor. Im Dorf kannte man die Zwei als Gäste des Herrn Doktor Hofferichter. Unverkennbar waren es die Schwestern seiner jungen Frau Julie. Sie machten mit der Mutter auf dem Weg ins schweizerische Engadin ein paar Tage Halt in Erkner.

Käthe und Lisbeth Schmidt, so die Namen der beiden Mädchen, folgten der Dorfstraße bis zum Ende. Fast schon im Wald lag die ‹Villa Lassen›, wo sich der spätere Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann mit Frau und Neugeborenem eingemietet hatte. Der Dichter war noch jung, gleichwohl nicht ganz unbekannt. Sein «Promethidenlos» war im Jahr zuvor erschienen. In Erkner, unweit von Berlin, lebte er wegen der guten Luft. Gegen die Langeweile lud er Freunde, Kollegen und Künstler ein. Auch der Chemiker Paul Hofferichter, Käthes Schwager, war bei Hauptmanns gern gesehen. Man hatte sich in der Stadtbahn kennengelernt und verkehrte freundschaftlich miteinander.[3]

Als Hauptmann für diesen Abend zur Soiree lud, waren die beiden Schwestern selbstverständlich willkommen. Die überschaubare Gästeliste bot mit dem Maler Hugo Ernst Schmidt, einem Freund und Logiergast des Hauses, dem Bruder Carl Hauptmann und Arno Holz ein paar höchst interessante Persönlichkeiten.[4] Zumal für zwei junge Frauen aus Königsberg, von denen die eine im kommenden Herbst Malerei studieren würde.

Die Mädchen betraten die Villa über die stattliche Vordertreppe. Der Saal, in den man sie führte, war festlich geschmückt. Blumen lagen auf den Tischen drapiert. Rosenkränze schmückten die Häupter der Gäste. Ausgewählte Gerichte standen bereit, später las Gerhart Hauptmann aus Shakespeares «Julius Cäsar» vor. Man unterhielt sich glänzend.[5]

Käthe und Lisbeth waren nicht scheu, den Umgang mit Akademikern, Künstlern und Geistesmenschen waren sie gewohnt. Die Eltern und Großeltern luden regelmäßig zum Salon. Mit den stürmischen Naturalisten in Erkner konnten die Schwestern durchaus mithalten. Sie waren literarisch bewandert, hatten einen klaren Verstand und wussten sich auch in der intellektuellen Konversation zu behaupten. Das wichtigtuerische Gehabe der Jungliteraten konnte sie daher nicht allzu sehr beeindrucken. Bis das Gespräch sich der Malerei zuwandte. Ausgerechnet auf ihrem Spezialgebiet sollte sich die angehende Künstlerin blamieren.

Die 1880er Jahre waren in der bildenden Kunst eine Zeit großer Veränderungen. Das Leben, in all seiner bunten Vielfältigkeit, versuchte sich als Gegenstand der Kunst zu behaupten. Mit den Motiven änderte sich auch die Darstellungsweise. Die Maler konzentrierten sich auf Licht, Luft und Form. Max Liebermann zeigte seine Waisenmädchen in der «Holländischen Nähschule» (1867). Max Uhde präsentierte im Pariser Salon «Das Abendmahl» (1886), mit einer Luft so glasklar, wie man sie kaum je gesehen hatte. In Deutschland blieb das Meisterwerk allerdings unbeachtet, weil die offizielle Kunstpolitik mit aller Macht am akademischen Historismus festhielt.

Wer auf sich hielt, jung und fortschrittlich war, prangerte das an. Käthe Schmidt stimmte selbstverständlich in den Ruf nach Erneuerung ein und führte als rühmliches Beispiel für die Zukunft der Malerei Emil Neides «Die Lebensmüden» (1885) an. Das Genrebild des Königsberger Malers zeigt ein Liebespaar, das sich gemeinsam und zusammengebunden in die tosenden Fluten eines Flusses stürzen will. Es hatte in ganz Preußen für Aufsehen gesorgt und den Künstler überregional bekannt gemacht. In Königsberg war die Wahl des Motivs geradezu eine Sensation und so muss sich Käthe bei der Erwähnung dieses Gemäldes auf der sicheren Seite geglaubt haben. Wie begrenzt ihr Blick auf die Kunst war, realisierte sie erst, als Holz, Schmidt und die Hauptmann-Brüder ihre naive Kunstauffassung verspotteten. Sie nannten das Werk Neides ein «Bild für Dienstmädchen» und eine derartige Kunst «ein Lämmchen mit dem rosa Band».[6]

Der Lapsus traf ins Innere. Sonst hätte Käthe Kollwitz die Episode fünfundfünfzig Jahre später, als sie längst eine berühmte Künstlerin war, kaum zum Gegenstand ihrer Lebenserinnerungen gemacht. Zum ersten Mal erkannte sie, wie eindimensional sie geschult, wie eng ihre Perspektive noch war. Ihre Unwissenheit war verzeihlich, denn Königsberg war alles andere als eine Kunstmetropole. Weit draußen in der Provinz hielten sich die Künstler an die hergebrachten Traditionen. Sie malten geschichtliche Großereignisse und wohlgefällige Alltagsszenen. Auch im örtlichen Kunstmuseum hatte Käthe nie etwas anderes gesehen als historische, biblische oder literarische Stoffe, Werke der Genremalerei, ein paar Landschaften und eine kleine Sammlung deutscher, flämischer und holländischer Gemälde.[7]

Was blieb ihr übrig, als das Missgeschick mit erhobenem Haupt hinzunehmen. Sie war jung, stand noch am Anfang ihres Weges. Sie konnte sich den Fehler leisten und nahm ihn als Ansporn. Künftig würde sie mit offenen Augen und wachem Geist durch die Welt gehen. Das Studium in Berlin war nur noch ein paar Wochen entfernt. Schon jetzt war sie nicht mehr das Mädchen, das in Königsberg aufgebrochen war. Das hier war der Anfang. «Es war ein wundervoller Auftakt zu dem Leben, das sich dann allmählich, aber unaufhaltsam mir eröffnete.»[8]

Grundsätze und Geist – die Königsberger Herkunft


Das neue Leben war verheißungsvoll. Käthe wusste, was sie wollte. Ihr Glück lag nicht da, wo andere Frauen es fanden, in der Familie, an der Seite eines Mannes, in Kirche, Küche, Kinderzimmer. Käthe wollte Malerin werden, Künstlerin, eine Ausnahmeexistenz. Es gab nichts, was sie mehr wünschte. Und hätte man ihr die Wahl gelassen, so hätte sie bedenkenlos «ihr ganzes geistiges Vermögen aufgehoben und ihrer künstlerischen Fähigkeit zugeschlagen, damit doch bloß dieses Feuer hell brannte».[9]

Für ein Königsberger Mädchen aus gutbürgerlichen Verhältnissen war das ein außergewöhnlicher Plan. Zwar waren die Frauen in ihrer Familie respektierte Persönlichkeiten, die über Politik und Philosophie nachdachten, sich in der Freien Gemeinde Königsberg engagierten und in den Versammlungen selbstverständlich das Wort ergriffen. Trotzdem übten sie keinen Beruf aus. Sie waren Ehefrauen, Mütter oder Tanten, sorgten für die Familie, kümmerten sich um den Haushalt, unterstützten ihre Ehemänner, Väter und Brüder. In Käthes Elternhaus stellten das auch die fortschrittlichsten Denker nicht in Frage.[10]

Religion und Freiheit, Fleiß und soziale Verantwortung waren die Grundfesten im Leben von Carl Heinrich Schmidt, dem Vater von Käthe Kollwitz. Er war 1825 geboren, ein gebildeter und gottgläubiger Mann mit einer bewegten Lebensgeschichte. Früh verwaist, war er fest entschlossen, sein Glück zu machen. Als Fünfzehnjähriger zog er auf eigene Faust nach Königsberg, schrieb sich am Gymnasium ein, ohne eine Unterkunft oder ein Auskommen zu haben, und gewann Sympathien durch sein offenes Wesen und sein gefälliges Benehmen. Die Eltern eines Mitschülers erklärten sich bereit, den fremden Jungen zunächst für zwei Wochen aufzunehmen. Aus vierzehn Tagen wurden fünf Jahre, in denen er bei der nicht wohlhabenden, aber äußerst...


Yvonne Schymura ist promovierte Historikerin und forscht seit vielen Jahren über Käthe Kollwitz. Seit 2013 arbeitet sie für und schreibt als freie Journalistin für ZEIT Online, Spiegel Online und die Deutsche Welle.



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