E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Scott Diese Seite der Nacht
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910918-21-4
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-910918-21-4
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
J. Todd Scott ist seit mehr als zwanzig Jahren als Bundesagent bei der DEA tätig und arbeitet an Fällen, in denen internationaler Seeschmuggel, texanische Meth-Labors und mexikanische Kartelle untersucht werden. Er hat einen Jura-Abschluss der George Mason University und ist Vater von drei Kindern. Er stammt aus Kentucky und wohnt heute im Südwesten, der die Kulisse für seine Kriminalromane bildet. Im Polar Verlag erschienen bereits DIE WEITE LEERE und WEISSE SONNE.
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I
Chayo & Neva
Die Männer würden sie alle töten, das wusste Chayo, als sie Castel mitten ins Gesicht schossen.
Castel hatte gerade sein schmutziges T-Shirt ausgezogen, wedelte damit über seinem rasierten Schädel herum und rief, sie seien Normalistas und unbewaffnet, als der Schuss fiel. Ein schrilles, durchdringendes Geräusch, wie Chayo es noch nie gehört hatte.
Ähnlich einer Kirchenglocke.
Castel guckte überrascht und blickte im Zusammensacken zum Himmel hoch.
Wenige Sekunden davor war er aus dem Bus gestiegen, hinein ins gleißende Scheinwerferlicht des Polizeiwagens, der ihnen den Weg versperrte. Chayo hatte gedacht, wie blass Castel in dem Licht aussah, seine Haut glatt und makellos und glänzend wie ein neuer Peso. Und wie klein und dünn er war, obwohl er drei Jahre älter war als Chayo und bald seinen Abschluss machen wollte. Beim Schreien war ihm die Brille verrutscht, eine dicke, alte Opa-Brille, deren Gläser so glänzten wie seine Haut und in denen sich alles und nichts spiegelte, denn hinter dem Kreis aus Scheinwerferlicht lag die Kreuzung – die ganze Welt – im Schatten. Und in diesem Schatten waren die Männer, die sie umzingelten, nur zu erahnen.
Als würde die Nacht schwitzen und nach Luft ringen: schwarze Lungen und ein offener, alles verschlingender Mund.
Chayo nahm wahr, dass einige der Männer dort im Dunklen Uniform trugen, alle hatten sich, aus Angst oder Scham, Bandanas über Mund und Nase gezogen und waren im Gegensatz zu den Normalistas bewaffnet.
Inzwischen schrien alle durcheinander und stießen Drohungen aus. Die Polizisten oder die Männer, die so taten, als wären sie welche, und die Studenten, die in den Bussen in der Falle saßen.
An der nächsten Kreuzung, so weit entfernt wie der Mond, blinkte eine rote Lampe.
An und aus, an und aus.
Im Rhythmus eines Herzschlags.
Der Busfahrer hatte nach dem Auftauchen des Wagens beruhigend auf die Studenten eingeredet, doch Chayo, Castel und ein paar von den Älteren – Ernesto, Iker, Juan Pablo – waren wütend aufgesprungen und wollten aus dem Bus steigen, um die vermeintlichen Polizisten dazu zu bewegen, den Weg freizumachen. Doch Neva hatte ihn zurückgehalten. »Bitte nicht«, hatte sie ihm zugeflüstert. Und als er in diese Augen geblickt hatte, die seit Wochen dafür sorgten, dass sein Herz einen Schlag aussetzte und ihm die Zunge buchstäblich am Gaumen klebte, da hatte er sich wieder hingesetzt.
Um Nevas willen … um ihrer beider willen.
Und er war nicht der Einzige. Denn Iker – das runde pockennarbige Gesicht fest an die Scheibe gepresst – hatte gerufen, dass der Wagen leer sei. Verlassen. Der Fahrer hatte sich offenbar in die Dunkelheit davongeschlichen und den Wagen im Leerlauf an der Kreuzung stehenlassen.
Nur die Scheinwerfer brannten und glotzten ihnen blind entgegen.
Wie die Augen von Toten.
Während er Nevas Hand hielt und ihren Herzschlag in den Fingerkuppen spürte, glaubte Chayo fast, das Radio im leeren Wagen zu hören. Es redete mit sich selbst, Stimmen aus weiter Ferne. Weißes Rauschen. Gespenster, die sich in der warmen Nacht flüsternd von ihnen erzählten: von den zwei Busladungen Studenten, die in eine Falle geraten waren.
Und so war es am Ende nur Castel, der aus dem Bus stieg und sich dem Polizeiwagen entgegenstellte. Der den anderen, die im Bus geblieben waren und sich nun wieder hinsetzten, zurief:
»Keine Angst. Wir schieben das Auto einfach von der Straße!«
Castel, der noch in diesem Jahr in Chiquero eine Stelle als Lehrer antreten wollte und der so gern Navelina-Orangen aß.
Castel aus Meoqui, der später einmal Dichter werden wollte.
Castel, der nie auf andere hörte und sich für sein Leben gern stritt, wobei er lächelnd die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen entblößte.
Castel, der sein T-Shirt auszog und damit wild herumwedelte.
Wie ein Torero.
Castel … dessen Stimme viel zu kräftig war für seinen schmalen, nun entblößten Oberkörper.
Umgeben von Licht.
Ungeschützt.
»Wir sind unbewaffnet. Warum tun Sie das? Die Nacht macht Sie nicht unsichtbar! Wir können Sie sehen.«
Doch Chayo sah gar nichts. Es war zu dunkel. Die Nacht hatte sich in etwas Lebendiges verwandelt, mit schwarzen Lungen, einem rot blinkenden Herzen und einem heißen, aufgerissenen Mund.
Und …
Den Augen von Toten.
Die Nacht war lebendig und wollte sie verschlingen und verschwinden lassen.
Vielleicht hatte Chayo es auch nicht sehen wollen, denn Neva drückte ihr Gesicht in seine Armbeuge und drehte sich mit ihm weg …
… als die ersten Schüsse fielen.
Und so hatte Castel allein in dem Kegel aus Licht gestanden und in den Nachthimmel geschaut, auf der Suche nach der unheimlichen Kirchenglocke, die sie alle gehört hatten und die Chayo niemals vergessen würde.
Castel, der immer noch rief: »Keine Angst, Freunde. Es ist nichts. Sie schießen nur in die Luft.«
Aber das taten sie nicht.
Zwei Stunden zuvor waren sie in Ojinaga in die Busse gestiegen, nachdem sie die Fahrer überredet hatten, die fünfunddreißig Studenten der Escuela Normal Rural »Librado Rivera« nach Ciudad de Chihuahua zu bringen. So machten es die Studenten seit Gründung der Dorfschulen. Da es von Regierungsseite keine finanzielle Unterstützung gab, verhandelten die Normalistas – angehende Lehrkräfte für die ländlichen Gegenden Mexikos – mit den Busfahrern vor Ort und zahlten mit Essen, Unterbringung und dem bisschen Geld, das sie besaßen. Manche Fahrer waren leicht zu überreden, andere nicht, doch die Studenten waren auf die Busse angewiesen, wenn sie die abgelegenen Schulen, für die sie später zuständig wären, besuchen oder Besorgungen in der nächstgrößeren Stadt machen oder auf eine Demo gehen wollten. An diesem Tag waren sie auf dem Weg nach Ciudad de Chihuahua, um mit anderen Normalistas gegen die Staatskorruption auf die Straße zu gehen. Und im kommenden Herbst wären sie wieder auf die Busfahrer angewiesen, um nach Ciudad de México zu gelangen, wenn sich das Massaker von Tlatelolco jährte, bei dem im Jahr 1968 auf der Plaza de las Tres Culturas Sicherheitskräfte der Regierung das Feuer auf demonstrierende Studenten und Zivilisten eröffnet hatten. Zum Gedenken an die Toten würden sie singen, die Umrisse der Ermordeten mit Kreide auf den Boden zeichnen und über gemalten Friedenstauben Kunstblut vergießen.
Sie würden Transparente tragen und Protestlieder singen.
Chayo, der im ersten Jahr seiner Ausbildung stand, hatte mit Castel, Juan Pablo und Batista die Busse für die Fahrt nach Chihuahua organisiert. Den ersten hatten sie in der Calle Segunda aufgetrieben. Im Bus saß niemand, und der Fahrer war sehr entgegenkommend. Der große Mann hatte ein rundes, rotbackiges Gesicht wie die Orangen, die Castel so gern aß (deshalb verpasste Chayo ihm auch gleich den Spitznamen »Naranja«), und leerte zur selbst gemachten Empanada seiner Frau zwei warme Dosen Coke. Er lachte über Juan Pablos Witze und erzählte schlüpfrige Geschichten aus seiner eigenen Jugend, und sie mochten ihn auf Anhieb. Den zweiten Bus trieben sie in der Calle del Pacífico auf, doch war der Fahrer weit weniger aufgeschlossen. Im Bus saß bereits eine Handvoll zahlender Fahrgäste, einige alte Frauen und ein paar Teenager, kaum jünger als die Normalistas selbst. Der Busfahrer sagte, er müsse erst die Fahrgäste zur Haltestelle bringen und dann seinen Chef anrufen.
Vor einer derart langen Fahrt müsse er erst einmal einen Ersatzfahrer für seine Schicht organisieren und die Reifen checken lassen.
Witze erzählte er keine und er lachte auch nicht mit ihnen. Er war so dünn, wie der andere Fahrer dick war, hatte ein verkniffenes Gesicht (weshalb Chayo ihn »Limón« taufte) und schütteres Haar. Wie von einem Kind auf den Kopf gemalt, sahen die Haare aus, flüsterte Juan Pablo ihnen zu, und so sehr Chayo sich auch bemühte, ernst zu bleiben, er musste in das Gelächter seiner Freunde miteinstimmen. Doch dann warf der Fahrer ihnen einen bösen Blick zu, als würde er sich ihre Gesichter genau einprägen.
An der Endhaltestelle stieg Limón aus und redete mit einem Wachmann. Eine Stunde verging, doch niemand kam, um die Reifen zu checken. Stattdessen telefonierte Limón mehrmals mit seinem Handy, während er auf und ab lief und Zigaretten rauchte. Er telefonierte so lange, dass Chayo schon nervös wurde, kehrte dann aber zurück.
Als er wieder in den Bus stieg, lächelte er zum ersten und einzigen Mal. Er grinste breit und entblößte schmutzig gelbe Zähne, bevor er ihnen in Zeitlupe zunickte, als würden sie sich alle über einen von Juan Pablos Witzen...




