E-Book, Deutsch, 229 Seiten
Scott Fitzgerald Seltsame Zuflucht
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7554-5474-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
10 Erzählungen (1925-1939)
E-Book, Deutsch, 229 Seiten
ISBN: 978-3-7554-5474-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der permanente amerikanische Traum von Ruhm, Macht und Geld, das ständige Streben nach persönlichem Erfolg, die Mystifikation des Lebens, rauschende Feste und Geldsorgen, Höhenflüge und Abstürze ins Bodenlose - das waren die wichtigesten Themen seines Lebens und seines Werks. Bei F. Scott Fitzgerald nimmt die exaltierte Welt der Reichen und Schönen und der Emporkömmlinge mitunter bizarre Formen an, das zeigen aufs Unterhaltsamste die hier versammelten Kurzgeschichten. Es sind zehn kleine Meisterwerke aus der Feder eines Hauptvertreters der amerikanischen Moderne, sie fangen die Stimmung der ?Roaring Twenties? ein, gipfeln schließlich in der Depression der 30er Jahre und bestechen stets durch ihre sprachliche Ausdruckskraft.
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Der Ins-Gesicht-Schläger
Der Ins-Gesicht-Schläger Der letzte Angeklagte war ein Mann - seine Männlichkeit war nicht gerade stark ausgeprägt, es ist wahr; er hätte vielleicht besser als "Person" beschrieben werden sollen, aber er war dennoch zweifelsfrei männlich und wurde allgemein auch so in der Gerichtsakte klassifiziert. Er war ein kleiner, etwas verschrumpelt wirkender, ziemlich runzliger Amerikaner, der wahrscheinlich schon seit fünfunddreißig Jahren so dahinlebte. Seine ganze Gestalt sah aus, als hätte man ihn beim letzten Schneiderbesuch versehentlich in einem schlecht sitzenden Anzug stecken lassen und ihn mit einem heißen, schweren Bügeleisen in seine jetzige Form gepresst. Sein Gesicht war ein Gesicht wie das vieler anderer auch. Es war genau von jener Art, aus dem die Gesichter der Menschenmengen bestehen: grauer Teint, und mit Ohren, die sich dicht an den Kopf schmiegen, als fürchteten sie den Lärm der Stadt. Seine Augen wirkten sehr müde. Es waren die Augen eines Menschen, dessen Vorfahren bereits schon seit fünftausend Jahren zu den Zukurzgekommenen zählten. Als er zwischen zwei hoch gewachsenen Kelten in blauen Uniformen hin zur Anklagebank geführt wurde, wirkte er wie ein Vertreter einer längst ausgestorbenen Rasse, ein ausgemergelter und verschrumpelter Kobold, der zufällig beim verbotenen Pflücken einer Butterblume im Central Park erwischt worden war. "Wie lautet Ihr Name?" "Stuart." "Stuart und wie noch?" "Charles David Stuart." Der Protokollführer trug ihn kommentarlos in das Journal der kleinen Vergehen und großen Fehler ein. "Alter?" "Dreißig." "Beruf?" "Nachtkassierer." Der Protokollführer hielt inne und sah den Richter an. Der Richter gähnte. "Und wie lautet die Anklage?", fragte er. "Die Anklage lautet" - der Protokollführer warf einen Blick auf den Zettel in seiner Hand - "die Anklage lautet, dass er einer Dame einen Schlag ins Gesicht verpasst hat." "Bekennen Sie sich schuldig?" "Ja." Damit waren die Formalitäten der Vorverhandlung abgeschlossen. Charles David Stuart, der sehr harmlos wirkte und unruhig aussah, war nun wegen eines tätlichen Angriffs mit Körperverletzung angeklagt. Die Beweisaufnahme ergab zur Überraschung des Richters, dass es sich bei der Dame, der man ins Gesicht geschlagen hatte, nicht um die Ehefrau des Angeklagten handelte. Im Gegenteil, das Opfer war eine völlig Fremde - der Angeklagte hatte sie noch nie zuvor in seinem Leben gesehen. Er gab zwei Gründe für seine Tat an: erstens, dass sie während einer Theatervorführung gesprochen hatte, und zweitens, dass sie mit ihren Knien immer wieder die Rückenlehne seines Stuhls traktiert habe. Als dies nun eine Weile so passiert sei, habe er sich umgedreht und ihr ohne Vorwarnung einen heftigen Schlag ins Gesicht versetzt. "Rufen Sie die Klägerin auf", sagte der Richter und richtete sich in seinem Stuhl ein wenig auf. "Wir wollen hören, was sie zu sagen hat." Im Gerichtssaal, der an diesem heißen Nachmittag nur spärlich besucht war und die darin Anwesenden bisher ungewöhnlich träge wirkten, kam plötzlich Bewegung auf. Mehrere Männer im hinteren Teil des Saals nahmen auf den Bänken in der Nähe des Richterpults Platz. Auch ein junger Reporter beugte sich über die Schulter des Protokollführers, um sich anschließend den Namen des Beklagten auf der Rückseite eines Briefumschlags zu notieren. Die Klägerin erhob sich. Sie war eine Frau jenseits der fünfzig mit einem entschlossenen, etwas herb wirkenden Gesichtsausdruck. Ihr Kleid war von gediegenem Schwarz, und sie erweckte den Eindruck, eine Brille tragen zu müssen; tatsächlich hatte der junge Reporter, der an seine scharfsinnige Beobachtungsgabe glaubte, sie im Geist bereits so beschrieben, noch bevor er bemerkte, dass auf ihrer dünnen, schnabelartigen Nase gar kein Brillengestell saß. Es wurde amtlich festgestellt, dass sie Mrs. George D. Robinson aus 1219 Riverside Drive war. Sie hatte schon immer eine Vorliebe für das Theater und ging manchmal in die Matinee. Gestern war sie in Begleitung zweier Damen in die Nachmittagsvorstellung gegangen, zusammen mit ihrer Cousine, die bei ihr wohnte, und mit Miss Ingles - beide Damen waren auch im Gerichtssaal anwesend. Folgendes hatte sich zugetragen: Als sich der Vorhang für den ersten Akt öffnete, hatte eine Frau, die hinter ihr saß, sie gebeten, ihren Hut abzunehmen. Mrs. Robinson hatte dies ohnehin vorgehabt und war daher etwas verärgert über die Aufforderung. Sie hatte dies auch gegenüber Miss Ingles und ihrer Cousine geäußert. In diesem Moment hatte sie den Mann, der direkt vor ihr saß, zum ersten Mal wahrgenommen, denn er hatte sich umgedreht und ihr einen unverschämten Blick zugeworfen. Dann hatte sie ihn nicht weiter beachtet, bis sie kurz vor Ende des Aktes eine Bemerkung zu Miss Ingles machte - als er plötzlich aufstand, sich umdrehte und ihr ins Gesicht schlug. "War es ein kräftiger Schlag?", fragte der Richter. "Ein harter Schlag", sagte Mrs. Robinson entrüstet, "ich würde sagen, ja das war er allerdings. Ich hatte die ganze Nacht über heiße und kalte Umschläge auf meiner Nase." "- auf ihrer Nase, die ganze Nacht." Dieses Echo kam von der Zeugenbank, wo sich zwei ältere Damen eifrig vorbeugten und zur Bestätigung mit dem Kopf nickten. "War die Saalbeleuchtung schon eingeschaltet?", fragte der Richter. „Nein, aber alle Anwesenden in der näheren Umgebung hatten den Vorfall gesehen, und einige Leute hielten sogar den Mann in diesem Moment fest.“ Damit war die Erklärung des Vorfalls seitens der Klägerin abgeschlossen. Ihre beiden Begleiterinnen sagten ähnlich aus, und in den Köpfen der Prozessbeobachter im Gerichtssaal war der Fall klar. Es war ein grundloser und daher unentschuldbarer Akt von Brutalität. Das Einzige, das nicht zu dieser Interpretation passte, war die Physiognomie des Angeklagten selbst. Für jedes beliebige geringfügige Vergehen hätte er als schuldig erscheinen können - Taschendiebe waren zum Beispiel notorisch sanftmütig -, aber für diese spezielle Art von übergriffiger Tätlichkeit, noch dazu in einem überfüllten Theater, schien er körperlich außerstande zu sein. Er hatte weder die richtige Stimme noch die dazu passende Kleidung, noch trug er den richtigen Schnurrbart, die alle zu einer solchen aggressiven Tat passen würden. "Charles David Stuart", sagte der Richter, "Sie haben die Anschuldigungen gegen Sie gehört?" "Ja." "Und Sie plädieren auf schuldig?" "Ja." "Haben Sie noch etwas zu sagen, bevor ich Sie verurteile?" "Nein." Der Angeklagte schüttelte verzweifelt den Kopf. Seine kleinen Hände zitterten. "Kein einziges Wort zur Erklärung dieses ungerechtfertigten tätlichen Angriffs?" Der Angeklagte schien zu zögern. "Nur zu - fahren Sie fort", sagte der Richter. "Sprechen Sie - es ist Ihre letzte Chance." "Nun ja", sagte Stuart etwas zaghaft, "sie fing auf einmal an, über den Bauch des Klempners zu reden." Im Gerichtssaal kam Unruhe auf. Der Richter beugte sich vor. "Was meinen Sie damit?" "Nun, zuerst hat sie nur mit den beiden Damen dort" - er deutete auf die Cousine und Miss Ingles - "über ihren eigenen Magen gesprochen, und das war nicht so schlimm. Aber als sie anfing, über den Magen des Klempners zu sprechen, wurde es anders." "Wie mein Sie das - anders?" Charles Stuart sah sich hilflos um. "Ich kann es nicht erklären", sagte er, wobei sein Schnurrbart ein wenig wackelte, "aber als sie anfing, über den Magen des Klempners zu reden, da musste man – da musste man einfach zuhören." Ein Kichern ging durch den Gerichtssaal. Mrs. Robinson und ihre Begleiterinnen auf der Zeugenbank waren sichtlich entsetzt. Der Wachmann trat einen Schritt näher an Charles Stuart heran, als würde er den Angeklagten auf einen Wink des Richters hin in den schäbigsten Kerker Manhattans verfrachten wollen. Doch zu seiner großen Überraschung lehnte sich der Richter bequem in seinen Stuhl zurück. "Berichten Sie uns davon, Stuart", sagte er nicht unfreundlich. "Erzählen Sie uns die ganze Geschichte von Anfang an." Diese Aufforderung war ein Schock für den Angeklagten, und einen Moment lang sah er so aus, als hätte er die vorgezogene Verkündigung seiner Verurteilung vernommen. Doch, nachdem er einen nervösen Blick in den Gerichtssaal geworfen hatte, legte er seine Hände auf die Tischkante. Es wirkte so, als wären es die Pfoten eines Foxterriers, der zum Männchenmachen abgerichtet wurde, dann begann er mit zitternder Stimme zu sprechen. "Nun, ich bin Nachtkassierer, Euer Ehren, im Restaurant von T. Cushmael in der Third Avenue. Ich bin nicht verheiratet" - er lächelte ein wenig, als ahnte er, dass sich das alle im Saal bereits so gedacht haben würden - "und deshalb gehe ich mittwochs und samstags nachmittags gewöhnlich in die Matinee. Das hilft mir, die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Es gibt einen Drugstore, vielleicht kennen Sie den, in dem man Karten für einen Dollar fünfundsechzig für einige der Vorstellungen bekommt, und ich gehe normalerweise dorthin und suche mir etwas Passendes aus. Die Preise an...




