E-Book, Deutsch, 366 Seiten
Reihe: Lübbe
Seck Was wir nicht kommen sahen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6117-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 366 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7517-6117-8
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was tun, wenn die Tochter sich aus dem Leben verabschiedet?
An einem ganz normalen Abend verabschiedet sich die 18-jährige Ada von ihrer Familie und beendet ihr Leben durch den Sprung von einer Brücke. Ihre Eltern Jenny und Dominik bleiben fassungslos zurück. Während Dominik sich vor seiner Trauer in Arbeit flüchtet, beginnt Jenny verzweifelt nach Antworten auf die Frage nach dem Warum zu suchen. Im Internet stößt sie auf eine Spur aus digitaler Gewalt, die sich gegen Ada richtete und der auch Jenny bald nicht mehr entrinnen kann.
Katharina Seck wurde 1987 im Westerwald geboren, wo sie noch heute lebt und als Autorin arbeitet. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit ihren liebsten Menschen und Tieren, einem beachtlichen Stapel ungelesener Bücher sowie politischem Aktivismus. Mehr Infos zur Autorin finden sich auf KATHARINASECK.DE oder ihrem Instagram-Kanal.
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JENNY
Der Alltag verwandelt uns in eine Maschine, denkt Jenny. Man funktioniert, jeder Handgriff sitzt, präzise bis zur Vollkommenheit optimiert, jede Bewegung ist eine einstudierte Choreografie. Aber er treibt auch die Emotionen aus einem raus, lässt einen gleichgültig werden. Und dann ist es manchmal so, dass man plötzlich hochzuckt und blinzelt und des Augenblicks gewahr wird und sich fragt: Habe ich die Wohnung abgeschlossen? Den Herd ausgeschaltet? Wie sah die Straße eigentlich aus, über die ich eben noch mit dem Auto gefahren bin? Waren da Bäume hinter der Leitplanke? Oder: Habe ich meiner Tochter gesagt, dass ich sie liebe, bevor sie sich das Leben genommen hat? Welchen Pullover hat sie getragen, als sie zur Tür hinausgegangen ist, mit diesem feinen Lächeln auf den Lippen, von dem Jenny jetzt weiß, dass es sie in Sicherheit wiegen sollte. Dass es nicht echt war.
Der Alltag lässt einen Details vergessen. Details, von denen man denkt, sie wären unwichtig, die der Verstand in irgendeine verstaubte Ecke stopft wie zu eng gewordene Jeanshosen in die unterste Schublade: Brauche ich nicht. Kann weg. Unwichtig.
Details, die, in einen Schlund gesogen, unumkehrbar und verschüttet sind und die es hinter Jennys Schläfe vor Anstrengung pochen lassen, weil sie so sehr nach ihnen greifen will und sie doch nicht zu fassen bekommt. Sie sieht das Lächeln nicht mehr. Weiß nicht, was sie gesagt hat, ehe Ada aus dem Haus verschwunden ist. War es etwas Nettes? Ein Ich hab dich lieb? Oder etwas Belangloses, eine Bitte, etwas aus dem Kiosk mitzubringen, der auf dem Weg von Kim zu ihnen liegt?
Die einzige Frage, die beantwortet ist, ist die nach der Farbe des Pullovers. Dunkelrot und oversized war er, etwas ausgeblichen, weil Ada ihn geliebt und oft getragen hat.
Jetzt mischen sich verschiedene Schmutztöne in den Stoff, den sie und Dominik zusammen mit Adas anderen Dingen in einer knisternden Plastiktüte von der Polizei überreicht bekommen haben. Möglicherweise sind da auch noch Blutreste drin, die der Fluss nicht rausgewaschen hat. Auf Wasser schlägt man auf wie auf Beton, wenn man von hoch genug springt. Das hat Jenny vorher nicht gewusst, und am liebsten hätte sie es auch nie erfahren.
Eine Woche ist es her, seit sie Ada beerdigt haben. Zweieinhalb Wochen, seit die Polizei vor ihrer Tür stand. Jenny hat die Gesichter der Beamten schon längst vergessen. In ihrer Erinnerung sind sie verschwommen. Jennys Verstand kann nicht Gesichter und die Aussage, die sie getroffen haben, gleichzeitig verarbeiten. Vielleicht können Leute mit großem Verstand so etwas. Leute wie Einstein oder Marie Curie, aber Jenny ist nur Konditorin, sie kann das nicht. Sie hat genug damit zu tun, diese eine Wahrheit zu verarbeiten. Daneben kann sie kaum Kaffee kochen oder einen Fuß vor den anderen setzen. Am liebsten würde sie sich einfach irgendwohin legen und ihren Körper auf Sparflamme herunterfahren, aber so ist der menschliche Organismus nicht gebaut. Einen dreimonatigen Winterschlaf, um mit dem Tod eines geliebten Menschen klarzukommen, hat er leider nicht im Angebot.
Jenny rennt auch nicht mehr. Sie schleicht. Von einem Zimmer zum nächsten, ins Bad, in die Küche. Durch den Flur, wo ihre schwarzen Mäntel von der Beerdigung noch an der Garderobe hängen. Sie bleibt stehen und berührt den kratzigen Stoff von Dominiks Mantel. Der Stoff gibt ihr mehr Nähe als die tatsächliche Anwesenheit ihres Mannes. Heute ist der erste Tag, an dem er wieder in der Kanzlei arbeitet. Und sein Fehlen fällt nicht einmal auf. Selbst als er die letzten zweieinhalb Wochen mit ihr im Haus gewesen ist, ist er nicht da gewesen. Er hat seinen Schmerz zu einem Klumpen geformt und ihn in sich vergraben. Als wäre er nicht da, wenn man nicht über ihn spricht.
Jenny hätte nie gedacht, dass Dominik so ist, wenn er trauert. Sie haben schon viel zusammen erlebt und durchgemacht, aber ein gemeinsames Kind zu verlieren, das ist eine ganz neue Ebene. Das zeigt Seiten an einem Menschen, die man nicht erwartet hat und die man nie hat sehen wollen.
Der schwarze Mantel unter ihren Fingerspitzen weckt Erinnerungen an die Beerdigung. Auch die sind unscharf, als hätte sich ein Filter über Jennys Augen gelegt, der genau unterscheidet zwischen wichtig und unwichtig. Wichtig: die Urne. Die Blumen in Adas Lieblingsfarben. Adas beste Freundin Kim in der ersten Reihe, die versucht, die Tränen wegzublinzeln, als müsste sie Ada selbst jetzt noch ihre trotzige Stärke demonstrieren. Unwichtig: die Trauerkarten, die den Briefkasten füllen, mit den immer gleichen Floskeln. Oder die Menschenmassen vor der Friedhofshalle. Nicht zu wissen, wer da ist, weil er wirklich trauern und ihnen beistehen will, und wer nur, um Zuschauender eines Kammerspiels zu sein.
Unklare Kategorie: Schiefe Blicke, in denen sich Mitleid und Verachtung abwechseln. Sie sind die Eltern, die es versaut haben. Jenny kann die Gedanken hinter den Stirnen der Menschen förmlich hören: Da muss doch hinter verschlossenen Türen irgendwas vorgefallen sein, kein Kind bringt sich einfach so um. Was für Eltern sind das, dass sie nicht merken, wenn es der eigenen Tochter so beschissen geht?
Jenny lässt den Stoff los. Sie muss weitergehen, auch wenn sie nicht weiß, wie und wohin, aber bloß nicht stehen bleiben, sonst holt die Trauer sie wieder ein. Sie sitzt in jeder Ecke wie ein lauerndes Tier, um zuzuschnappen, wenn Jenny nicht damit rechnet. Und jedes Mal, wenn sie Jenny erwischt, geht etwas in ihr zugrunde, ein Stück Herz oder ein Stück Knochengerüst, das sie zusammenhält.
Am meisten hat Jenny Angst, dass sie auch ihre Erinnerung zerreißt, den Klang von Adas Stimme, ihr Lachen, das Funkeln in ihren grünen Augen, die Art, wie sie sich bewegt, wie sie sich davonstehlen will, um Kim vor dem Haus zu treffen. Das alles will Jenny konservieren. Sie will es für die Ewigkeit aufbereiten. Aber sie weiß, dass das nicht geht und dass die Zeit irgendwann all das zernagen wird. Da ist die Zeit grausam. Sie kennt keine Gnade.
Jenny kämpft sich in die Küche. Dominik hat Kaffee für sie übrig gelassen. In der Filtermaschine brütet die braune Flüssigkeit vor sich hin. Sie hat zuletzt auf der Beerdigung Kaffee getrunken. Er ist viel zu stark gewesen und hat sie innerlich aufgeputscht, sodass die Trauer wie Feuer durch ihre Adern gerauscht ist. Sie ist geistig hellwach gewesen, ihr Körper dagegen ein bleischwerer Klotz aus Zement, der sie gefangen gehalten hat. Seitdem kann sie keinen Kaffee mehr trinken. Er wirkt wie ein Brennglas auf die düsteren Gedanken und macht jedes Detail unerträglich.
Sie schaltet die Kaffeemaschine aus und schüttet den Rest aus der Kanne in die Spüle. Dann wäscht sie den gläsernen Behälter aus, während sie aus den Augenwinkeln den Papierstapel auf dem Esstisch wahrnimmt, der da schon seit Tagen liegt.
Wer hätte gedacht, dass Sterben so viel Bürokratie erfordert?, überlegt Jenny. Da liegen Urkunden und ein Polizeibericht und Rechnungen. So viele Rechnungen, weil Sterben auch teuer ist. Gebühren fürs Standesamt, für das Grab, für den Bestatter, für Blumen und den Beerdigungskaffee im engsten Kreis. Dominik hat versprochen, sich um all das zu kümmern und die Rechnungen zu bezahlen, aber offenbar hat er noch nicht die Kraft gefunden. Das Geld zu überweisen hat was Endgültiges. Als hätten sie sich damit abgefunden, dass Ada tot ist, wenn sie den Betrag für die Urne überweisen, in der man ihre Überreste in die Erde unter einer Eiche befördert hat.
Wie paradox, schießt es Jenny durch den Kopf, dass ein Papierstapel den Tod näher an die eigenen Grenzen heranbringt als der Anblick einer Urne. Wenn ein Standesamt beglaubigt, dass der Mensch, den man vor achtzehn Jahren in die Welt gepresst hat, aus selbiger wieder verschwunden ist, fühlt es sich realer an als die Vorstellung, dass dieser Mensch Platz in so einem kleinen Behältnis haben soll. Alles, was Ada ausgemacht, was sie geliebt und gehasst hat, ihre Stärken und ihre Schwächen, ihre Angewohnheiten, das kann doch unmöglich da reinpassen.
Bei dieser Vorstellung sammeln sich Tränen in Jennys Augen. In ihr krampft sich alles zusammen. Sie will nicht wieder weinen. Kann nicht wieder weinen. Am Anfang sind Tränen gut. Sie lassen die Emotionen raus, mit denen man sonst explodieren würde, sie kanalisieren etwas, das man nicht in Worte fassen kann, und machen es für andere sichtbar. Dieser Mensch trauert, sagen sie, dieser Mensch spürt Verlust.
Aber irgendwann wird Weinen anstrengend. Es laugt aus, als würde man durch eine Saftpresse geschleudert und alle Flüssigkeit aus einem herausgesogen. Es knockt einen aus, bis man sich wieder gefangen und den Rotz abgewischt hat.
Jenny muss raus aus der Küche, weg von der Bürokratie. Sie geht stattdessen hoch. Sie will sich ins Bett legen und an die Decke starren, bis ihr irgendwann die Augen zufallen. Der Schlaf ist die einzige Option, die ihr Linderung verschafft. So nahe an die körperliche Sparflamme heran, wie es nur geht.
Oben läuft sie an Adas Zimmertür vorbei. Unzählige Male ist sie seit dem Tod ihrer Tochter an dieser Tür vorbeigelaufen, auf und ab, morgens, abends, nachts. Nicht einmal hat sie sich hineingetraut. Die Polizei ist in dem Zimmer gewesen, hat nach Hinweisen gesucht und nichts gefunden. Sie haben Jenny und Dominik auch befragt. Haben Sie etwas bemerkt? Hat es Anzeichen gegeben? Bei jedem Nein hat Jenny sich gehasst.
Und das Zimmer hat sie nicht betreten. Jenny konnte das bislang nicht. Ein Teil von ihr ist sich immer noch sicher, dass Ada auf dem Bett liegen wird, wenn sie den Raum betritt....




