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E-Book, Deutsch, Band 2468, 64 Seiten
Reihe: Fürsten-Roman
Seeberg Fürsten-Roman 2468
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0977-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was in jener Nacht geschah
E-Book, Deutsch, Band 2468, 64 Seiten
Reihe: Fürsten-Roman
ISBN: 978-3-7325-0977-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schweißgebadet wacht Niklas Fürst von Wulfenberg aus seinem Albtraum auf. Schon wieder hat er gesehen, wie er seine Frau die Treppe hinunterstößt. Wie es damals wirklich zu dem schrecklichen Ereignis kam, weiß Niklas nicht mehr, denn ihm fehlt jede Erinnerung an diese furchtbare Nacht. Aber er ist fest davon überzeugt, dass er selbst den Tod seiner Frau verursacht hat. Seitdem lebt er, von Schuldgefühlen geplagt, ein sehr zurückgezogenes Leben. Als Niklas von Wulfenberg eine neue Haushälterin einstellt, verzaubert ihn Jasmin Keller mit ihrer positiven Art sofort. Mit ihr kann er wieder lachen und ungezwungen sein, wenn auch nur für kurze Augenblicke. Doch als Niklas merkt, dass er dabei ist, Gefühle für diese wunderbare Frau zu entwickeln, zieht er sich sofort wieder in sich selbst zurück. Er darf nicht zulassen, dass sich Jasmin in ihn verliebt, denn wenn an seinen Albträumen wirklich etwas Wahres dran ist, könnte er auch für sie eine große Gefahr darstellen ...
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Für Jasmin Keller war eine Welt zusammengebrochen.
Das Missgeschick, das sie das obere Glied ihres linken Zeigefingers gekostet hatte, lag inzwischen ein Dreivierteljahr zurück, doch für Jasmin fühlte es sich an, als wäre der Unfall erst gestern geschehen. Seitdem bereute sie jeden Tag, dass sie mit ihrer Nichte eislaufen gegangen war.
Das Stadion war überfüllt gewesen. Unachtsame Menschen gab es überall, und dann war Jasmin auch noch hingefallen. Alles war so schnell gegangen, dass zum Reagieren keine Zeit geblieben war. Ein schrecklicher Schmerz war durch ihren Körper gegangen. Zum Glück hatten die Kufen nur einen Finger erwischt.
In der Notaufnahme war die Rettung des Fingers jedoch nicht mehr möglich gewesen.
Der Makel war zu verschmerzen. Kaum jemand bemerkte, dass Jasmins Zeigefinger verkürzt war. Aber ihren Beruf, den Jasmin über alles liebte, konnte sie seitdem nicht mehr ausüben. Das setzte ihr am meisten zu, denn sie war mit Leib und Seele Pianistin gewesen.
Natürlich konnte sie auch jetzt noch spielen, aber nicht mehr auf dem hohen Niveau, das nötig war, um ein Engagement beim Bayerischen Staatsorchester zu rechtfertigen. So in etwa hatte auch die Begründung der Orchesterleitung geklungen, kurz bevor Jasmin mit Bedauern entlassen worden war.
Jasmin war damals in ein tiefes Loch gefallen, und in diesem Loch befand sie sich auch jetzt noch. Ein Leben ohne Musik konnte sie sich nicht vorstellen, aber auf eine Anstellung in diesem Bereich zu hoffen war illusorisch. Die Konkurrenz schlief nicht, und niemand würde eine Pianistin engagieren, die nicht voll einsatzfähig war.
»Bewirb dich doch als Klavierlehrerin«, hatte ihre Schwester Sabine vorgeschlagen, aber das war nicht dasselbe.
Jasmin liebte es, auf der Bühne zu sein und für ein Publikum zu spielen. Gewiss, es hatte auch seine Vorzüge, Schüler zu unterrichten. Aber die Arbeit würde Jasmin immer schmerzlich an das erinnern, was sie verloren hatte.
Jasmin war einmal zur örtlichen Musikschule gegangen, um sich vorzustellen und ihre Chancen auf einen Job einzuschätzen. Dort hatte man sie nur vertröstet und behauptet, dass derzeit keine Stellen offen seien. Ob das stimmte oder ob es an ihrem Finger lag, konnte sie nicht sagen.
Fakt war, dass ihr das Spielen alles andere als leichtfiel. Es fehlten nur wenige Millimeter, um die Taste sicher anzuschlagen, doch auch wenige Millimeter konnten unglaublich viel sein.
An diesem Morgen studierte Jasmin die Stellenanzeigen im Internet. Allmählich musste sie aus diesem Tief wieder herauskommen. Außerdem waren ihre Geldreserven aufgebraucht. Wenn sie nicht als Karteileiche im Jobcenter enden wollte, musste sie endlich aktiv werden. Die Miete bezahlte sich schließlich nicht von allein.
Doch die meisten Stellenangebote sagten Jasmin nicht zu. Sie war tief im Herzen Künstlerin, noch dazu im Grunde ungelernt, denn sie konnte keine Qualifikation vorweisen, von ihrem Musikstudium und der Pianoausbildung abgesehen. In einem Bürojob würde sie verschimmeln, und als Verkäuferin eignete sie sich auch nicht.
Da entdeckte sie plötzlich eine Anzeige, die ihre Aufmerksamkeit erregte: Haushälterin auf Schloss Wulfenberg gesucht!, lautete die Überschrift.
Das klang doch gar nicht schlecht. Auf einem Schloss zu arbeiten, war bestimmt sehr glamourös.
Jasmin Keller war sofort Feuer und Flamme, aber die Sache hatte einen Haken: Schloss Wulfenberg lag nicht in der Umgebung von München, sondern in der Nähe von Wolfsburg. Jasmin hatte vergessen, die Anzeigen nach Orten zu filtern. Doch sie war derart von der Jobbeschreibung angetan, dass sie sich spontan entschied, trotzdem eine Bewerbung per E-Mail zu verfassen.
Die Arbeit auf einem echten Schloss musste sehr aufregend und erfüllend sein. Das war tatsächlich eine Alternative, die sie sich gut vorstellen konnte.
Nicht dass Jasmin von Luxus träumte, aber wenn der Fürst von Wulfenberg einmal einen Ball geben würde, könnte sie ja vielleicht auch dabei sein. Auf diese Weise würde sie den Verlust ihrer großen Liebe, der Musik, wohl verschmerzen können. Und bei all der vielen Arbeit wäre sie sicherlich viel zu abgelenkt, um ihrer Karriere als Pianistin nachzutrauern.
Jasmin las ihre Bewerbung noch einige Male durch und schickte die E-Mail schließlich ab, inständig hoffend, dass der Fürst sie zu einem Vorstellungsgespräch einlud.
»Du hast dich für eine Stelle in Wolfsburg beworben?«, wunderte sich Jasmins Schwester Sabine, als sich die beiden in ihrem Lieblingscafé am Münchener Marienplatz in Sabines Mittagspause trafen.
»Nicht in Wolfsburg, sondern in der Nähe von Wolfsburg«, korrigierte Jasmin ihre ältere Schwester, die als Rechtsanwaltsgehilfin in einer nahe gelegenen Kanzlei arbeitete.
Im Gegensatz zu Jasmin hatte Sabine keine musikalische Laufbahn eingeschlagen und war von Anfang an den bodenständigen Weg gegangen.
»Aber dann bist du weit weg von zu Hause – und weit weg von der Familie! Hast du dir das gut überlegt?«
»Ich bin erwachsen, und das nicht erst seit gestern. Ich bin im Frühjahr sechsunddreißig Jahre alt geworden, wie du dich sicher erinnerst.«
»Das ist auch nur eine Zahl. Erwachsen wird man im Geiste!«
Jasmin wusste, dass es Sabine störte, wenn sie nach Wolfsburg zog. Die beiden Schwestern waren sehr eng miteinander verbunden, und bisher hatte es nie eine Zeit der langen Trennung gegeben.
Zugegebenermaßen war Jasmin, als die kreativere der beiden, immer auch ein wenig naiver gewesen. Vielleicht war das der Punkt, der Sabine Sorgen bereitete. Trotzdem wollte sich Jasmin nicht in ihre Entscheidung reinreden lassen.
»Es geht mir auch um deine Ambitionen. Haushälterin willst du doch gewiss nicht bis zum Ende deines Lebens sein, oder? Du brauchst eine Umschulung, etwas mit Substanz!«, beschwor Sabine ihre Schwester.
»Ich habe im Moment noch keine Ahnung, wie mein Leben in zehn Jahren aussehen wird, aber diese Anstellung ist das Richtige für mich.«
Jasmin träumte von pompösen Bällen und hinreißenden Festen auf Schloss Wulfenberg. Das genügte ihr für den Augenblick.
»Noch hast du die Stelle nicht«, erinnerte Sabine sie.
»Musst du mir alles vermiesen?«, fragte Jasmin verärgert.
»Ich will nur verhindern, dass du enttäuscht wirst. Bestimmt träumen viele Leute davon, auf einem Schloss zu arbeiten. Die Konkurrenz schläft nicht.«
Sabine hatte wahrscheinlich recht. Sicherlich erhielt der Fürst so viele Bewerbungen, dass er gar nicht alle durchsehen konnte und Jasmins verloren ging.
»So, meine Pause ist gleich um, der Chef erwartet mich um Punkt ein Uhr zurück«, verkündete Sabine. Sie winkte die Kellnerin herbei, beglich die Rechnung und eilte nach draußen. Jasmin folgte ihr. »Überleg dir das alles sehr genau«, schärfte Sabine ihrer Schwester nochmals ein. »Das wird eine große Umstellung, falls sie dich nehmen sollten. Es wäre bestimmt ein komplett neues Leben für dich!«
»Ich weiß, Sabine. Aber genau darum geht es mir ja. Noch mal ganz von vorne anfangen, alles hinter mir lassen. Vor allem die Zeit im Orchester.« Jasmin seufzte. Sie vermisste diese Zeit sehr.
»Na schön«, gab Sabine nach. »Ich werde dich unterstützen, egal, wie du dich entscheidest.«
Jasmin atmete auf. Es war gut, das zu wissen.
»Ich bin ja auch nicht aus der Welt – wenn sie mich überhaupt in Erwägung ziehen. Heutzutage ist es leichter als jemals zuvor, in Kontakt zu bleiben. Über das Handy, das Internet …«
Sabine lächelte und nickte, dann hob sie zum Abschied die Hand und eilte über die Straße zu der Kanzlei »Brehminger und Sohn«.
Jasmin seufzte. Sie liebte ihre Schwester sehr, und niemandem vertraute sie mehr als ihr.
Und doch waren die beiden Schwestern gänzlich verschieden: Sabine war längst verheiratet und hatte Kinder, die schon zur Schule gingen.
Jasmin hingegen war immer schon verträumt und fantasievoll gewesen, ließ dabei aber das Leben an sich vorbeiziehen. Es war lange her, dass sie zuletzt in einer Beziehung gewesen war. Jasmin hatte sich erdrückt gefühlt und die Sache nach nur wenigen Monaten beendet. In ihr war ein gewisser Freiheitsdrang, der sich nicht abstellen ließ, auch nicht durch Liebe.
Liebe war etwas Abstraktes, und vielleicht war das auch Jasmins Liebe zur Musik, der wahrscheinlich einzigen, aufrechten Liebe, die sie jemals empfinden würde.
Gedankenvoll machte sich die junge Frau auf den Heimweg.
Vielleicht sollte sie einfach noch ein paar weitere Stellenanzeigen durchforsten. Es wäre töricht, sich auf diese eine Stelle zu fixieren. Sabine hatte ganz recht: Gewiss gab es noch viele weitere Bewerber für diesen Job.
Zwei Wochen nachdem Jasmin ihre Bewerbung an den Fürsten verschickt hatte, klingelte gegen Abend ihr Mobiltelefon, und eine Frau von Ammersbach meldete sich am anderen Ende der Leitung.
»Spreche ich mit Frau Keller aus München?« Die Stimme klang heiser, aber nicht unsympathisch.
»Ja. Worum geht es denn?« Jasmin konnte den Namen »von Ammersbach« nicht zuordnen, obgleich das »von« im Nachnamen eine adlige Herkunft vermuten ließ.
»Sie haben sich auf unsere Stellenanzeige als Haushälterin beworben.«
»Auf Schloss Wulfenberg?« Davon war doch gewiss die Rede.
»Richtig.«
Sofort schoss Jasmins Adrenalinspiegel in die Höhe, und das Herz klopfte ihr bis...




