Seeger | Palästinensische Märchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Seeger Palästinensische Märchen

gesammelt, übersetzt und herausgegeben von Ulrich Seeger
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-93574-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

gesammelt, übersetzt und herausgegeben von Ulrich Seeger

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-3-347-93574-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch enthält Märchen von Bauern aus den Dörfern um Ramallah, die der Herausgeber selbst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Tonband gesammelt hat.

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2. Die drei Söhne

Es war einmal — meine ehrwürdigen Hörer, ohne Erwähnung des Propheten wird die Rede nicht gelingen, ihm gilt unser Gebet und unsere Segenswünsche, o Gott, segne unseren Herrn Mu?ammad — es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Dieser König liebte den jüngsten Sohn besonders. Es ist immer so, dass der jüngste Sohn von seinem Vater mehr geliebt wird. Als diese Söhne groß geworden waren, sagten sie zu ihrem kleinen Bruder: „Bruder, sag unserem Vater, dass wir heiraten wollen, er soll uns verheiraten.“ Da sagte der Kleine, während sie miteinander scherzten: „Vater, wir möchten heiraten.“ Er antwortete ihm: „Einverstanden, mein Sohn. Aber das ist ein Einfall von deinen Brüdern, nicht dein eigener Einfall. Wir wollen den Großen ausstatten und ihm sagen: ,Geh in irgendein Land‘, auf dass er sich eine Braut suche und heirate“ — immerhin war er ein Königssohn. Er gab ihm eine Satteltasche voll Gold und ein Pferd mit. Der bestieg das Pferd und sagte: „Gott sei mit mir“, wandte sich gen Osten und machte sich auf den Weg. Er reiste, um sich eine Königstochter zu suchen, er wollte nicht die Tochter von irgendeinem aus dem Volke. Er reiste, sagen wir einmal, in den Osten von Jordanien, kam dort in eine Herberge, stellte das Pferd unter, verwahrte das Gold in der Herberge und machte sich auf in die Stadt. Wie er so auf dem Weg war, sagte er: „Wahrlich, ich will mir die Haare schneiden lassen.“ Er wandte sich zu einem Friseur und ließ sich die Haare schneiden. Der Friseur hatte seinen Laden gegenüber von einem Schloss, dem Königsschloss.

Wie er da auf dem Frisierstuhl saß, schaute er auf das Schloss und entdeckte Köpfe, Köpfe von Menschen, die außen an der Brüstung aufgehängt waren, er fragte den Friseur: „Bruder, was hat es mit diesen aufgehängten Köpfen für eine Bewandtnis?“ Der antwortete ihm: „Mann, verschone uns mit diesem Thema, diese Köpfe bringen uns vielleicht in Schwierigkeiten. Zu diesem Königsschloss kommen Männer, die um die Hand der Tochter anhalten, der Königstochter. Der König sagt zu ihnen: ,Wenn sie mit dir spricht, wirst du sie heiraten, wenn sie nicht mit dir spricht, wird man am Morgen deinen Kopf abschneiden und ihn aufhängen.‘“ Er antwortete: „Bei Gott! Mein Kopf ist nicht mehr wert als diese Köpfe, wahrhaftig, ich muss um ihre Hand anhalten.“

„Mann, sag das nicht, du bist fremd hier.“ „Nein, wahrhaftig, ich muss um ihre Hand anhalten.“ Nachdem der Friseur ihm die Haare geschnitten, ihn herausgeputzt und mit Parfüm besprüht hatte, machte sich dieser Mann auf zum Schloss. Die Wächter entdeckten ihn: „Guter Mann, lass ab von deinem Tun!“ Er antwortete ihnen: „Mein Kopf ist nicht mehr wert als diese Köpfe.“ Sie brachten ihn zum König, einer sagte zu ihm: „König, der hier ist gekommen, um die Hand deiner Tochter zu erbitten.“ Er, der König, sagte zu ihm: „Unsere Forderung ist die, mein Freund, wenn sie sich mit dir unterhält, kannst du sie haben, wenn sie sich nicht mit dir unterhält, wirst du am Morgen geköpft.“ Er antwortete ihm: „Einverstanden.“ Sie gingen zu ihr. Wie er mit dem Mädchen alleine war, sprach er sie an, scherzte mit ihr, da ein Wort und dort ein Wort, damit sie endlich antwortet, sie sprach kein Wort. Am Morgen — möge euer Morgen schön sein! — nahmen sie ihn und brachten ihn zum Scharfrichter: „Schneid dem da den Kopf ab! Das Mädchen hat sich nicht mit ihm unterhalten.“

Der Scharfrichter fragte ihn: „Woher kommst du?“ Er antwortete: „Ich bin der Sohn des Königs Soundso.“ Der Scharfrichter dachte bei sich: „Großer Gott, unser König und der sind in Freundschaft verbunden, wenn sie morgen nach seinem Sohn forschen, wird er ihn von unserem König zurückfordern, dann wird er kommen und mich fragen: ,Wo ist der Junge?‘ Wahrhaftig, ich muss ihn sicher unterbringen.“ Er versteckte ihn und hängte an seiner Stelle einen anderen Kopf auf und sagte zu seinem König: „Wir haben seinen Kopf abgeschnitten.“ Der Scharfrichter teilte sein Essen mit dem Königssohn. Er ernährte ihn ein ganzes Jahr lang.

Der älteste Sohn blieb ein Jahr fort, kehrte nicht in die Heimat zu seiner Familie zurück. Nun kam der zweite an die Reihe, der zweitälteste Sohn, sein Vater sagte zu ihm: „Mein Söhnchen, ich denke mir, dein Bruder hat geheiratet, es hat ihm dort gefallen und er ist bei seinen Schwiegerleuten geblieben. Gott sei mit dir, entweder du machst es wie dein Bruder oder du kommst zu uns zurück.“ „So Gott will, Vater, kehre ich zu dir zurück.“ Er gab auch diesem zweiten ein Pferd und eine Satteltasche Gold, und der machte sich auf den Weg. Sein Weg führte ihn auf den Weg seines Bruders, auch er stellte das Pferd in die Herberge, er schaute sich prüfend um und sah das Pferd seines Bruders, sagte: „Bei Gott, mein Bruder ist in dieser Gegend.“ Er ging aus der Herbergspforte hinaus auf die Straße, sein Weg führte ihn zum Friseur, auch der zweite sagte: „Wahrhaftig, ich will mir die Haare schneiden lassen, will mir Kopf und Bart scheren lassen und mich ein wenig bei diesem Friseur ausruhen. Ich werde ihn nach den Verhältnissen im Land befragen und dann weitergehen.“ Nun, nachdem er sich die Haare hatte schneiden lassen und alles zum Besten bestellt war, schaute er sich um, sein Blick fiel auf die Köpfe, er fragte den Friseur: „Bruder, ich habe eine Frage zu diesen aufgehängten Köpfen, was hat es damit für eine Bewandtnis?“ Er antwortete ihm: „Guter Mann, wahrhaftig, vor einem Jahr kam einer, der sah dir ähnlich, ich habe ihm gesagt, er soll nicht zum Schloss des Königs gehen, denn jeder, der dessen Tochter nicht zum Sprechen bringt, wird geköpft. Er ging trotzdem — und du bist jetzt der zweite, ich gebe dir den guten Rat: Geh nicht! Wenn du zu ihr gehst und sie nicht mit dir spricht, schneiden sie dir am nächsten Morgen den Kopf ab. Such dir eine Ministertochter oder eine Generalstochter, lass die Finger von dieser Königstochter.“ Er antwortete: „Nein, bei Gott, ich muss zu ihr gehen, ich bin nicht besser als mein Bruder und diese aufgehängten Köpfe.“ Er machte sich auf den Weg und ging hin, auch diesem zweiten geschah, was seinem Bruder geschehen war, sie sprach nicht mit ihm. Sie brachten ihn zum Scharfrichter, als ihn der Scharfrichter sah, befragte er ihn, und es stellte sich heraus, dass er tatsächlich der Bruder von jenem war, Sohn desselben Königs. „Bei Gott, das ist der Bruder, was soll ich nun mit ihm machen? Ich will sie getrennt voneinander verbergen, sie getrennt halten.“ Er brachte diesen in einem Zimmer unter und jenen in einem anderen, schnitt ihm nicht den Kopf ab.

Ein Jahr verging, da ging der König zum Jüngsten, sagte zu ihm: „Mein Lieber, du bist jetzt an der Reihe, entweder gehst du und kommst wieder zurück oder du gehst und kommst nicht zurück, wie deine Brüder, offensichtlich haben sie sich verheiratet und die Gegend lieb gewonnen.“ Er antwortete ihm: „Bei Gott, mein Vater, auch wenn ich irgendwo hinter den sieben Weltmeeren ankomme, so werde ich doch, so Gott will, zu dir zurückkommen, ob ich heirate oder nicht, ich kehre auf jeden Fall zu dir zurück.“ „Gott ebne dir den Weg, mögest du heil ankommen.“ Er lud ihm Satteltaschen mit Gold auf ein Pferd, und der machte sich auf und ging den Weg seiner Brüder. Er kam in dieselbe Stadt, stellte das Pferd unter und ging zum Friseur. Nachdem ihn der Friseur unterrichtet hatte, machte er sich wie seine Brüder auf und wollte zum Königsschloss gehen. Auf dem Weg traf er mit einem Mann zusammen, der hatte eine Kiste dabei und sprach ihn an: „Mein Bruder, ich bin ein Mann völlig ohne Einkommen und möchte dir diese Kiste für zehn Lira verkaufen, ich brauche zehn Lira.“ „Guter Mann, ich will dir diese zehn Lira gerne geben, aber ich will die Kiste nicht, nimm, hier sind sogar zwanzig, aber lass mich mit der Kiste in Ruhe. Ich bin unterwegs zu einem König, soll ich da mit einer Kiste auf den Schultern ankommen?“ Der Mann jedoch bestand darauf: „Bei Gott, ich nehme die zehn Lira nur, wenn du die Kiste nimmst, wenn nicht, nehme ich sie nicht.“ Da er dem Mann helfen wollte, gab er nach: „Gib die Kiste her.“ Er ging mit der Kiste von dannen. Nachdem er außer Sichtweite war, dachte er bei sich: „Warum soll ich diese verfluchte Kiste herumtragen?“ Er warf sie zu Boden, die Kiste zerbrach und ein Vogel flog aus ihr hervor, der sprach zu ihm: „Zu deinen Diensten, ich bin dein Diener, dein Werkzeug, was du auch willst, ich stehe zu Diensten.“ Er fragte ihn: „Weißt du, was ich will? Ich will die Königstochter!“ Der Vogel antwortete ihm: „Wenn ihr euch beide hinlegt, lass mich unter dem Bett frei, und ich werde sie zum Sprechen bringen, ob sie will oder...



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