Seel | Der sonderbare Fall der Rosi Brucker | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Seel Der sonderbare Fall der Rosi Brucker

Kriminalroman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-080-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-98707-080-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Geschichte eines Außenseiters - authentisch rau und mit einer Prise schwarzem Humor. 1975. Der Bäckerlehrling Harald Hasenbach ist ein Außenseiter in seinem südpfälzischen Heimatdorf. Als er die Leiche der Winzertochter Rosi Brucker im Wald findet, versucht er von ihren begüterten Eltern, die sie vermisst glauben, ein Lösegeld zu erpressen. Die Ereignisse nehmen jedoch einen ungeahnten Weg und lassen die Ermittlungen der Polizei in eine völlig falsche Richtung laufen. Jeder Dorfbewohner scheint seine eigenen Geheimnisse zu haben, und die Suche nach der Wahrheit offenbart einen Abgrund voller Lügen und Rätsel.

Tina Seel wurde 1965 in Landau/Pfalz geboren. Zwanzig Jahre war sie kreativer Kopf und Mitinhaberin einer Werbeagentur in Karlsruhe, bis sie 2007 nach Berlin kam. Dort bringt sie mit ihrem Laden »smilla - Dein kreatives Universum« Menschen zum Nähen und hat das Schreiben von Kriminalromanen als neue Leidenschaft entdeckt. www.tinaseel.de
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Donnerstag, 11.September 1975

Die Kirchturmuhr schlug sechs, der Herbst war im Anmarsch. Die Sonne drängelte sich noch einmal zwischen den Wolken durch, aber Mutter Natur ließ bereits die Hosen runter, und der Wind musste die Drecksarbeit machen. Laub wirbelte durch die Gegend, Blätter fielen von den Bäumen und drehten noch ein paar Pirouetten, bevor sie zum Erliegen kamen.

In einem Waldstück unweit des Pfälzer Dorfes Allweiler stand Harald Hasenbach, hörte sich selbst atmen und starrte auf eine weiße Hand, die unter einem Berg von Holzstücken und Ästen herausschaute. Etwas funkelte, es war ein kleiner Ring mit einem blauen Steinchen. Er unterdrückte ein Husten und warf den Zigarettenstummel weg, den er noch immer in der Hand hielt. Sorgfältig trat er ihn aus, dann drehte er sich langsam um. Außer ihm und ein paar Vögeln in den Baumwipfeln war niemand da. Ihn fröstelte, er zog den langen Reißverschluss seines Parkas hoch und horchte in den Wald hinein. Er nahm lautes Gezwitscher wahr und das Rauschen des Windes. Etwas bewegte sich, er zuckte zusammen, aber es war nur ein Eichhörnchen, das einen Baum hinaufrannte. Dann sah er wieder auf die weiße Hand.

Harald Hasenbach, von allen abfällig Hasel gerufen, war fünfzehn Jahre alt und hatte einen Schaden. Der stand ihm mitten im Gesicht. Er war mit einer Hasenscharte auf die Welt gekommen, für die Ewigkeit gezeichnet und zum Sonderling verdammt. Ein gefundenes Fressen für Lästereien im Dorf und Demütigungen aller Art.

Die Schule war nie ein guter Ort für einen wie ihn gewesen, der zudem nicht richtig sprechen konnte. Nicht »nach der Schrift«. In einer Art stillem Übereinkommen hatten ihn seine Lehrer nie aufgerufen, und er hatte sich auch nie gemeldet. Stumm und stoisch hatte er die Hänseleien erduldet und – allein schon, um zu vermeiden, dass er eine Ehrenrunde drehen musste – immer etwas mehr als nötig gelernt, um nicht aufzufallen, nicht sitzen zu bleiben und nicht unterzugehen.

Im Sommer hatte er die Hauptschule beendet und vor wenigen Tagen seine Lehre in der Bäckerei Becker im Ort begonnen. Zu Hause war man froh, ja geradezu erleichtert, als klar war, dass der Becker Adalbert ihn unter seine Fittiche nehmen würde. Hasel hätte viel lieber in der Autowerkstatt an der Tankstelle im Nachbarort gelernt, aber die Stelle hatte sich ein anderer aus seiner Klasse unter den Nagel gerissen.

Um halb fünf in der Früh fing für ihn die Arbeit in der Backstube an, und weil Hasel zu dieser Uhrzeit nun immer allein frühstückte und zum Mittagessen schon Feierabend hatte, konnte er diesem Arbeitsrhythmus durchaus etwas abgewinnen. In der Backstube hatte er sich bislang sehr zurückhaltend gezeigt und lieber abgewartet, was sein Chef ihn zu tun hieß.

Bislang hatte Hasel mit ihm noch kaum einen Satz gewechselt. Bis auf diesen Morgen, als sich der Becker Adalbert in seiner Backstube mit einem lauten Stöhnen den Schweiß von der Stirn wischte und sich dabei mit Mehl verzierte. Da hatte ihm Hasel dann doch einmal eine Frage gestellt. Ob er Bäcker geworden wäre, weil er Becker heiße, wollte er wissen.

Der alte Adalbert hatte ihn daraufhin komisch angeglotzt und musste sich erst einmal setzen. Dann hatte er seine Bäckermütze nach vorne geschoben, den rechten Arm großkotzig auf dem Oberschenkel abgestellt und den Kopf geschüttelt. Ob er ihm mal erklären könne, warum er eigentlich »Hasel« gerufen werde, gab er dann zurück. Und ob nicht vielleicht die reine Tatsache, dass er Hasenbach hieß, der Grund dafür sein könnte, dass er mit einer Hasenscharte auf die Welt gekommen sei. Nur mal rein von der Theorie her, sagte er und schüttelte erneut den Kopf.

Hasel hatte daraufhin die Backstube verlassen und beschlossen, vorerst keinen persönlichen Satz mehr mit dem Bäcker Becker zu wechseln. Adalbert, A wie Arschloch, hatte er noch gedacht.

Die Kirchturmuhr schlug jetzt viertel sieben. Hasel hatte die Hände tief in den Taschen seines Parkas vergraben und schaute abwechselnd auf die weiße Hand vor ihm und zu seinem Bonanzarad hinter ihm. Der Rotz lief ihm langsam und träge aus der Nase, er wischte ihn mit dem Ärmel ab. Als sich, durch eine heftige Windböe, plötzlich ein paar Äste vom Stapel lösten, machte er einen Satz nach hinten, zog sich die Kapuze über den Kopf und fing an zu zittern. Und während er innerlich betete, dass er keine Antwort bekäme, rief er heiser: »Hallo?«

Stille. Wieder sah er sich panisch um. Es war weit und breit niemand da. Hasel strich um den Stapel herum und fixierte erneut die Hand. Die Finger dicklich und weiß. Die Nägel bis zum Anschlag abgefressen. Am kleinen Finger der Ring. Vorsichtig kickte er mit dem Fuß einen Ast zur Seite, zum Vorschein kam eine rosafarbene Blusenmanschette mit einer vergilbten Spitze dran.

Langsam schlug sich die Neugier eine Schneise durch das Angstgestrüpp, und Hasel trat noch näher. Er streckte und duckte sich, um durch die Äste zu schauen, es war nichts zu erkennen. Dann fing er vorsichtig an, am oberen Ende, wo er den Kopf vermutete, Zweige und Holzstücke abzutragen. Der Stapel geriet aus der Balance, rutschte zur Seite und gab die Sicht frei. Hasel riss die Augen auf und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. Vor ihm lag »die dappich Rosi«, die Tochter vom Weinbauern Brucker. Dorfbekannt. Sie starrte mit gebrochenen Augen ins Leere, es war kein Leben mehr in ihr. Hasel schluckte und schaute sie an.

Rosi sah eigentlich aus wie immer. Blass und bekloppt. Selbst in diesem Zustand hatte sie noch einen Silberblick, das eine Auge schaute trotzig in die verkehrte Richtung. Von ihrer Brille mit den dicken Backsteingläsern war nichts zu sehen.

Hasel war seltsam fasziniert. An ihrem Hals sah er dunkle Flecken, ihr Mund stand weit offen, als wollte sie noch etwas sagen. Er fasste sich an die Kehle. Ihm war plötzlich, als würde auch er immer weniger Luft bekommen. Dann wurde er wieder panisch, denn ihm wurde langsam klar, dass die Brucker Rosi sich ja nicht selbst tot unter den Holzhaufen gelegt hatte.

Er beschloss, sich nun doch lieber vom Acker zu machen, und fing hektisch an, die Leiche wieder mit dem Holz zuzudecken. Dann rannte er zu dem kleinen Bach, um sich die Hände zu waschen, warum, wusste er gar nicht, und rutschte mit der Sandale ins Wasser.

Leise fluchend lief er zurück, um sein Bonanzarad zu holen, als er plötzlich auf etwas trat, das knirschte. Es war die Brille von Rosi. Das eine Glas war zugeklebt und das andere jetzt kaputt. Er hob sie auf und steckte sie ein. Dann schwang er sich auf den langen Sattel und raste in Richtung Dorf. Der Fuchsschwanz wedelte im Fahrtwind.

***

Alwine Brucker war beim Friseur gewesen. Waschen, Schneiden, Legen, Tratschen. Es hatte heute länger gedauert. Ihre grauen Haare waren mächtig auftoupiert, ein dünnes Kopftuch und Drei Wetter Taft hielten die Pracht zusammen. Nicht mal der starke Wind konnte der Frisur etwas anhaben. Abgehetzt kam sie in den Hof des Weingutes gelaufen und knöpfte sich den Mantel auf. »Ist die Rosi bei dir?«, rief sie ihrem Mann zu.

Otto Brucker, der gerade über den Hof lief, winkte schroff ab und marschierte weiter. Alwine verschwand im Haus und warf die Haustür hinter sich ins Schloss.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand Hasel mit seinem Bonanzarad und beobachtete aus der Distanz den Vater der behinderten Rosi, der sich am Kopf kratzte und seine Weinkisten zählte. Vor ein paar Wochen hatte Otto Brucker beim Ochsenwirt seinen Sechzigsten gefeiert, mit viel Tamtam, Schlachtplatte und Blaskapelle. Das halbe Dorf war auf den Beinen gewesen, denn der Brucker Otto war eine Instanz. Auch optisch. Er war von gedrungener Statur, trug aber seinen fetten Ranzen so stolz vor sich her, als wäre er mit Goldklumpen gefüllt. Seine wenigen, ewig verschwitzten Haare, die sich wie ein Kranz um die kahle Stelle auf seinem Kopf legten, versteckte er unter einer Schirmmütze, die er, so munkelte man, wahrscheinlich noch nicht mal im Bett ablegte.

Otto Brucker und sein Bruder Georg wussten, wie man aus Trauben Geld machte, da war man sich im Dorf einig. Die Gebrüder Brucker & Brucker waren Weinbauern durch und durch, wie schon ihr Vater und Urgroßvater. Unzählige Hektar Land bewirtschafteten sie, große Weinfelder, über Generationen vererbt. Sie hatten ein Händchen für guten Wein, das musste man ihnen lassen, und sie waren bis weit über die Grenzen der Pfalz hinaus bekannt.

Ein Großkotz vor dem Herrn, sagte Hasels Mutter Elvira immer. Einen »abgewichsten Hund« nannte ihn sein Vater Edmund, der auf dem Finanzamt arbeitete und schon seit zwanzig Jahren vergeblich versuchte, in den Steuererklärungen des Weingutes auf etwas zu stoßen. Etwas, was zumindest so viel Deutungssubstanz bot, dass man den Laden entweder dichtmachen konnte oder sich daraus eine angemessene steuerliche Hinzuschätzung konstruieren ließe. »Es kommt der Tag, da krieg ich ihn …«, drohte Edmund Hasenbach mit gerecktem Zeigefinger und hochgezogenen Augenbrauen, wenn vom Weingut Brucker die Rede war. »Dann hab ich ihn am Wickel. Lang kann’s nicht mehr gehen.«

Otto Brucker fing an, die Weinkisten zu verladen. Hasel schaute ihm aufmerksam zu. Bruckers speckige dunkelblaue Hose hing unter dem Wanst und wurde mehr schlecht als recht von einem Gürtel und zwei Hosenträgern gehalten. Wenn er sich bückte, guckte für einen Moment der halbe Hintern heraus. Kein schöner Anblick, Hasel jedoch war wie gebannt. Hier wusste offensichtlich noch niemand, dass die dappich Rosi heute gar nicht nach Hause kommen würde. Das wunderte ihn, denn es war ja schon drei viertel sieben. Selbst die Mutter von Rosi war unaufgeregt aus dem Haus gekommen und hatte etwas in die...


Seel, Tina
Tina Seel wurde 1965 in Landau/Pfalz geboren. Zwanzig Jahre war sie kreativer Kopf und Mitinhaberin einer Werbeagentur in Karlsruhe, bis sie 2007 nach Berlin kam. Dort bringt sie mit ihrem Laden »smilla – Dein kreatives Universum« Menschen zum Nähen und hat das Schreiben von Kriminalromanen als neue Leidenschaft entdeckt.
www.tinaseel.de

Tina Seel wurde 1965 in Landau/Pfalz geboren. Zwanzig Jahre war sie kreativer Kopf und Mitinhaberin einer Werbeagentur in Karlsruhe, bis sie 2007 nach Berlin kam. Dort bringt sie mit ihrem Laden »smilla – Dein kreatives Universum« Menschen zum Nähen und hat das Schreiben von Kriminalromanen als neue Leidenschaft entdeckt.
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