E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Seewald Die Entdeckung der Ewigkeit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-84038-8
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vom Leben auf Erden und dem Himmel darüber
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-451-84038-8
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Seewald, Jahrgang 1954, lebt als Publizist und Schriftsteller in München. Viele seiner Titel eroberten die ersten Plätze der Bestsellerliste. Seine Interviewbücher mit Joseph Ratzinger wurden (mit Übersetzungen in 30 Sprachen) internationale Longseller. Zuletzt erschienen von ihm 'Welt auf der Kippe' und die Biografie Benedikt XVI. Ein Leben. Sein neues Buch schließt an Seewalds 'Die Schule der Mönche' an, die seit zwanzig Jahren immer wieder neu aufgelegt wird.
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1
Der Flieger nach Krakau war nicht gerade überbucht. In der Reihe vor mir genoss es ein gut genährter Mann, drei Plätze für sich alleine zu haben, und während die Stewardessen Kaffee servierten, segelte die Maschine so sanft über den Wolken, als läge man auf einem fliegenden Teppich.
Es gab zwei Gründe für meine Reise. Der erste war ein Gelübde. Ich hatte gelobt, in der Kirche der Jasna Góra in Tschenstochau eine Kerze anzuzünden, falls bei der Geburt meines zweiten Enkels alles glattliefe. Inzwischen war der Junge zwei Jahre alt, und ich wollte nicht warten, bis er volljährig ist. Der zweite Grund war, mir eine kleine Auszeit zu gönnen. In Krakau warteten das Galicia Jewish Museum und andere Sehenswürdigkeiten, und abends konnte ich im Hotel Polonia erstklassigen Slivovitz trinken.
Als wir unsere Flughöhe erreicht hatten, nahm ich meine Reiselektüre zur Hand, eine abgegriffene Taschenbuchausgabe von Ein Blick ins Nichts. Der niederländische Krimiautor Janwillem van de Wetering hatte darin seine Erfahrungen in einem amerikanischen Zen-Kloster beschrieben. Er suchte »die Erklärung des Lebens« und wollte über »die Bedeutung des Nichtwissens« den Schlüssel zum »Mysterium« finden. Eine der Stellen im Buch ging so:
Schüler: »Kannst du mir das Wesen der Liebe erklären?«
Meister: »Keine Lust.«
Im Kloster lernte Janwillem verschiedene Atemtechniken, fühlte beim Meditieren im Lotussitz höllischen Schmerz in den Beinen und versuchte, mit seinem Koan, einem bestimmten Ausspruch, den ihm der Meister auftrug, eins zu werden. Vielleicht waren es der samtene Sound des Textes und das Ausgreifen nach dem ganz Anderen, den geheimnisvollen Räumen jenseits des Alltags, die mich am »Blick ins Nichts« faszinierten. Vielleicht auch, mich auf Dinge einzulassen, etwa »auf ein Meer illusorischer Zeit«, über die ich bisher kaum nachgedacht hatte.
Ich war 70 Jahre alt. Verheiratet. Zwei Kinder. Zwei Enkel. In meiner Brieftasche steckte ein Rentnerausweis, und in meinem Elektronischen Postfach landete Werbung für Potenzmittel und Sterbeversicherungen. Ich war weit davon entfernt, in einem Lokal nach dem Seniorenteller zu fragen, aber wenn ich für meine Frau und mich von unserem indischen Restaurant Chicken Tikka Masala holte, genügte uns eine einzige Portion, um satt zu werden. Seltsam: Obwohl wir nur noch halb so viel aßen wie früher, nehmen wir doppelt so schnell zu.
Für die Jüngeren ist man mit 70 ein Grufti, für die Älteren ein Teenager. Solange man sich seine Hosen im Stehen anziehen kann und kein Rollator vor der Tür steht, meinen die Älteren herablassend, zählt man zur Jugend. Ich selbst fand mich zu jung, um mich alt zu fühlen, und gleichzeitig zu alt, um mich jung zu fühlen. Anti-Aging war eher nicht mein Ding, sondern Aging. Um darin zu wachsen. Alt und würdig und weise und milde zu werden. »Das Alter ist für mich kein Kerker«, so drückte es die Dichterin Marie Luise Kaschnitz aus, »sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.« Doch ohne es anfangs bemerkt zu haben, hatte ich angefangen, mehr und mehr weniger zu werden.
Während Begleiterscheinungen wie Arthritis und nächtlicher Harndrang zunahmen, verlor ich täglich an Körpergröße. Die Hände wurden runzeliger, das Gedächtnis bekam Löcher, und wenn ich mit meinem Freund Christian telefonierte, klang das immer häufiger wie eine Neuauflage der beiden Alten aus der Muppet Show:
»Boris Becker hat doch diesen serbischen Tennisspieler trainiert. Wie hieß der noch mal?«
»Novosibirsk?«
»Nee. Irgendwas mit ... fällt mir grad nicht ein. Aber wie hieß doch gerade der Franzose, der Winnetou gespielt hat.«
»Jean-Paul Belmondo, oder?«
»Altern heißt, sich über sich selbst klar zu werden«, schrieb Simone de Beauvoir. Aber wie soll das gehen, wenn alles um einen herum mehr und mehr von einem Schleier der Vergesslichkeit überzogen ist? In unserem Eisfach barsten Prosecco-Flaschen, die ich mal kurz kaltstellen wollte, weil die Erinnerung an sie wie durch Zauberkraft aus meinem Gedächtnis verschwunden war. Im Supermarkt verließ ich den Getränkeautomaten, ohne darauf zu achten, die Pfandtaste zu drücken. Meine Lesefehler bei der Zeitungslektüre machten aus Rom, der »Hauptstadt der Krippen«, eine »Hauptstadt der Kippen«, aus »vier Tore in 22 Minuten« umgehend »vier Tote in 22 Minuten«. Der Klassiker: Wo ist die Brille, die Brieftasche, der Zahnstocher … Es kostete eine halbe Ewigkeit, etwas zu suchen, das man 30 Sekunden zuvor irgendwo abgelegt hatte. Goethe nannte es das »stufenweise Zurücktreten aus der Erscheinung«.
Angeblich altert man im vierten, siebten und achten Lebensjahrzehnt am allerschnellsten. Auch Angst macht alt, sagt die Wissenschaft, und Einsamkeit sowieso. Hoher Alkoholkonsum, hieß es in einer Studie, könne bei Männern die Lebenszeit um 3,1 Jahre verkürzen. Seltsamerweise bei Frauen nur um 1,0 Jahre. Und wer als Mann ab einem Alter von 40 täglich mehr als 10 Zigaretten qualmt, verliert 9,4 Lebensjahre, bei einer Frau sind es 7,3. Fiese Typen wiederum sind laut eines Forscherteams aus Neuseeland fünf Jahre schneller am Exit-Point als nette. Typisch für alte Leute, hatte ich irgendwo gelesen, seien im Übrigen Schwerhörigkeit, Sehschwäche, Schlafstörungen und der Missbrauch von Alkohol und Medikamenten. Wahnhafte Störungen kämen hingegen eher selten vor.
Auch das Vergessen kostet Lebenszeit. Andererseits ist Vergesslichkeit nach ärztlicher Erkenntnis für ein funktionierendes Gehirn sogar existentiell. Schließlich müsse in all dem Müll und Geschwätz von gestern wieder Platz für Neues geschaffen werden. »Oh ja. Ich singe plötzlich längst vergessene Kinderlieder«, berichtete die Künstlerin Mary Baumeister, als sie 86 geworden war. »Dieses Rückwärtsgehen im Kopf, das ist eine Gnade.«
In der Summe sind es 30 bis 40 Prozesse, die uns alt und gebrechlich machen. Schon ab 25 Jahren nimmt die Fruchtbarkeit der Frau ab. Beim Mann sinkt der Testosteronspiegel. Zwischen 30 und 40 beginnt der Knochenabbau den -aufbau zu überwiegen. Mit 65 sind in Europa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung dement. In der Altersgruppe 80 bis 85 sind es laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO rund 14 Prozent. Ein junger Körper verfügt über rund 100 Billionen Zellen. Um alle zu zählen, bräuchte man mehr als 3 Millionen Jahre, rechnet der Krebsforscher Oliver Müller vor. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird das Zählen leichter, weil es dann eine Million Zellen weniger gibt. Pro Sekunde. Sie werden nicht mehr repariert oder ersetzt, und der Zug, in dem die restlichen Zellen sitzen, rast unweigerlich Richtung Finsternis.
Tag für Tag sterben weltweit etwa 170.000 Menschen, rund 62 Millionen pro Jahr. Das entspricht der Bevölkerung von Schweden, Norwegen, Belgien, Österreich und Australien zusammen. Viele davon durch Unfälle, Gewalt, Krieg, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und irgendeiner Form von Demenz. Häufigste Todesursache nach wie vor: Abtreibung. Ihr fallen nach Schätzungen der WHO jedes Jahr 73 Millionen Ungeborene zum Opfer. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben nimmt ab dem 20. Lebensjahr langsam ab, ab dem 35. Lebensjahr aber leider wieder zu. Wer es jedoch schafft, 70 zu werden, hat viele der Gefahren überlebt, die seinen Zeitgenossen zum Verhängnis wurden. Anders gesagt: Je älter ich werde, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch älter werde.
Der uneinholbare Rekordmeister, der für immer älteste Mensch der Welt also, war biblischen Aufzeichnungen zufolge Methusalem. Er starb mit 969 Jahren. Wie viele Kinder und Frauen er hatte, ist nicht überliefert. Stammvater Abraham schaffte noch 175 Jahre. Danach ging es steil bergab. Während das langlebigste Wirbeltier des Planeten, der Grönlandhai, es auf eine Lebenszeit von 500 Jahren bringt (die heute lebenden Exemplare waren also bereits auf der Welt, als Michelangelo seine Statue »David« präsentierte und Christoph Columbus auf seiner letzten Expedition auf Jamaika strandete), kam der Mensch des Mittelalters noch auf einen Schnitt von 35, und nur wenige Menschen wurden über 70 Jahre alt. Dabei blieb es erst mal. Bis sich innerhalb eines einzigen Jahrhunderts, von 1870 bis 1970, die durchschnittliche Lebenszeit auf rund 70 Jahre verdoppelte. Heute liegt sie in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bei Männern bei 78,2, bei Frauen bei 83,0 Jahren.
Der amtlich bezeugte älteste Mensch unserer Zeit ist Jeanne Louise Calment aus der Provence. Sie starb 1997 mit 122 Jahren. Jeanne Louise hatte nie auch nur einen Tag gearbeitet. Niemals verzichtete sie auf den Genuss ihrer Zigaretten. Sie aß jede Woche ein Kilo Schokolade, trank jeden Tag nach dem Mittagessen ein Glas Portwein – und erfreute sich bis zum Schluss einer robusten Gesundheit. »Ich hatte nie mehr als eine Falte«, kokettierte sie noch als Hundertjährige, »und auf der sitze ich.«
Madame Calment verhalf ihr hohes Alter im Übrigen zu einem vortrefflichen Geschäft. Als sie 1965 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, übernahm ein Anwalt ihre Wohnung auf Leibrente. Kein schlechter Deal, dachte sich der Jurist. Die alte Dame war immerhin schon 90. Am Ende starb der Anwalt vor ihr, und zwar 30 Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags. Er hatte 900.000 Francs für eine Wohnung bezahlt, die er nie beziehen konnte.
Bisher zweitältester Mensch ist die Klosterschwester André aus Südfrankreich. Sie wurde 118 Jahre alt. Als ein Reporter sie nach...




