E-Book, Deutsch
Reihe: dp Verlag
Seibt Gestohlenes Kind
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98778-168-1
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch
Reihe: dp Verlag
ISBN: 978-3-98778-168-1
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zwei rätselhafte Tode und ein Wettlauf gegen die Zeit …
Der atemberaubend fesselnde Gewinner des GLAUSER 2024
Regel Nummer 1: Sprich mit keinem Fremden.
Regel Nummer 2: Folge niemals einem Fremden.
Regel Nummer 3: Geh nie, unter gar keinen Umständen, in das Auto oder das Haus eines Fremden.
Wenn du diese Regeln befolgst, wird dir nichts passieren.
Das dachte Jakob zumindest, denn schließlich hatte er diese Regeln von seiner Mutter gelernt und ihr fest versprochen, sich daran zu halten. Doch schon bald muss er lernen, dass keine Regel der Welt ihn vor dem Bösen retten kann …
Zwanzig Jahre später verbrennt sich auf offener Straße ein Familienvater bei lebendigem Leib.
Alles deutet auf Selbstmord hin, doch in seinem Portemonnaie wird eine über fünfzehn Jahre alte Visitenkarte von Polizist Theo Weiland gefunden. Auf der Rückseite ist ein einziges Wort notiert: „Hilfe“. Weiland ahnt, dass an dem Fall nichts so offensichtlich ist, wie es scheint. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …
Erste Leser:innenstimmen
„Wer Erbarmen von Jussi Adler-Olsen gelesen hat, muss hier zugreifen.“
„Das war Nervenkitzel pur!“
„Der Krimi war so fesselnd, ich konnte ihn gar nicht mehr aus der Hand legen.“
Caroline Seibt wurde 1993 in Korbach geboren. Schon als Kind entdeckte sie ihre Liebe zum Lesen. Mit etwa neun Jahren begann sie, die ersten eigenen Geschichten aufzuschreiben. Woran sie merkt, dass sie beim Schreiben auf der richtigen Spur ist? Wenn sie nachts vorsichtshalber doch noch einmal kontrolliert, ob alle Türen und Fenster verschlossen sind. Inspiration findet sie vor allem bei längeren Spaziergängen in Wald und Feld mit ihrer Hündin Maya. Gestohlenes Kind ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1985
Die Männer holten Jakob am dritten Tag. Er hatte ihre Stimmen hinter der Tür gehört, gedämpftes Flüstern, das sich immer weiter steigerte, bis sie seinen Namen schrien.
»Mama?« Er kroch die letzten Meter zu ihr über den scherbenbedeckten Boden. Kaltes Glas brannte auf seinen Handinnenflächen. Schnitt durch seine Jeans in die Knie, aber er spürte den Schmerz kaum. Der Gestank nach Blut und Erbrochenem wurde intensiver. Säuerlich und gleichzeitig so beißend süß, dass es ihm den Magen umdrehte. Ihre blonden Haare lagen wie ein Heiligenschein um ihr Gesicht gebreitet. Mit halb geöffnetem Mund starrte sie an die Zimmerdecke, die Augen vollkommen ausdruckslos, als sei sie bloß eine leere Hülle. Ein Speichelfaden rann ihre linke Gesichtshälfte hinab und hinterließ einen feuchten Fleck auf dem vergilbten Teppich. Er berührte sie vorsichtig an der Schulter, so als könne sie unter dem Druck seiner Finger jederzeit zu Staub zerfallen.
»Sie sind wieder da«, flüsterte er. Vor lauter Angst glaubte Jakob, jeden Moment den Verstand zu verlieren.
»Mach die verdammte Tür auf! Wir wissen, dass du dadrin bist!«, brüllten sie, während der Türrahmen unter ihren Schlägen vibrierte. Der erste Riss zeichnete sich als Schatten auf der Maserung des Holzes ab.
»Sie werden uns holen, Mama, du musst aufwachen!«
Ein Tritt, und die Tür würde nachgeben, als sei sie bloß eine Attrappe aus Karton. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Starr und bleich und tot wie eine Wachspuppe.
Zu seinem Geburtstag hatte Jakob sich gewünscht, einmal ins Museum zu gehen, nur einmal, obwohl seine Mama immer schimpfte, dass sie die Preise extra so teuer machten, damit nur die piekfeinen Leute hereinkamen. Alle aus seiner Klasse waren da gewesen: Sie redeten pausenlos darüber, wie sie sich gegruselt hatten und wie lebensecht die Wachsfiguren aussahen. Beinahe so, als würden sie jeden Augenblick die Hände nach den Besuchern ausstrecken. Es war zwar verboten, aber einige seiner Klassenkameraden hatten die Puppen trotzdem angefasst. Bill hatte die Brüste von einer berührt. Sie waren ganz weich und warm und so groß wie zwei Wassermelonen im Hochsommer (so erzählte er zumindest jedem, der danach fragte, und auch allen anderen, ob sie es nun hören wollten oder nicht).
Jakob wusste aus den Erzählungen der anderen, dass Muhammad Ali gleich vorn stand, die Rechte angriffslustig erhoben, bereit, jederzeit einen Treffer zu landen, wenn man nur kurz nicht aufpasste. Wer weiß, vielleicht konnte er seine Mutter sogar überreden, ein Foto von ihnen zu machen, er und der Champ, die Knie leicht angewinkelt und die Fäuste kampfeslustig erhoben. Dann musste er unbedingt zu der Frau mit den Wassermelonenbrüsten, auch wenn er sich ganz bestimmt nicht trauen würde, sie anzufassen. Oder vielleicht doch? Bei dem Gedanken war Jakob ganz heiß und schwindelig geworden.
Am Morgen seines zehnten Geburtstages war er um Punkt sieben Uhr aus dem Bett gesprungen und hatte seinen besten Pullover angezogen (den Pullover, den er auch immer für die dämlichen Schulfotos anziehen musste, obwohl seine Mutter sowieso niemals Abzüge kaufte). Dann hatte er den bereits gepackten Rucksack aufgesetzt und gewartet. Er hatte gewartet, während die Sonne höher und höher stieg, und er hatte gewartet, während sein Magen anfing, sich vor Hunger zu verkrampfen, weil er viel zu aufgeregt war, um etwas zu essen. Irgendwann hielt er es einfach nicht mehr aus: Er hatte an der Schlafzimmertür seiner Mutter geklopft, obwohl sie das gar nicht leiden konnte.
Drinnen blieb es still. Jakob lauschte und hörte die Toilettenspülung der alten Hexe von oben wie einen Wasserfall rauschen. Türen wurden geknallt. Irgendjemand im Haus hatte seinen Fernseher in voller Lautstärke aufgedreht. Langsam drückte er die Klinke hinunter und stieß die Tür ein Stück weit auf. Der Raum war dunkel. Durch den schmalen Spalt fiel ein Lichtstrahl, in dem Staubkörner wie Schneegestöber tanzten. Jakob hatte die rechte Hand in die Dunkelheit gestreckt. Einen kurzen, schrecklichen Augenblick stellte er sich vor, etwas würde ihn jeden Moment in das Zimmer . Lange Finger mit dicken, gelben Nägeln, die sich in seinen Arm bohrten, daran zerrten und zogen. Er nahm all seinen Mut zusammen und tastete die Wand ab. Strich behutsam über die raue Tapete, jederzeit bereit, seine Hand blitzschnell zurückzuziehen, sollte dort irgendetwas Behaartes oder Glitschiges oder sonst etwas Ekliges sein, was dort nicht hingehörte. Und dann ertastete er den Lichtschalter. Mit einem Klacken flackerte das Licht auf. Es war so grell, dass er die Augen einen Moment lang schließen musste. Keine Monster, die hier auf ihn gelauert hatten.
Das Bett war leer. Nur die Decke lag als Knäuel am Fußende der Matratze, wie eine faule, schneeweiße Katze. Blusen und Kleider auf dem Boden verteilt. Vor dem Spiegel eine Reihe duftender Flakons, bunte Tuben und Pinsel mit glitzrigen Puderresten. Jakob war zurück in sein Zimmer gegangen, hatte den Rucksack von den Schultern genommen und seinen besten Pullover wieder ausgezogen.
Seine Mutter war erst nach Hause gekommen, als es bereits wieder dunkel wurde. Die Reste des Puders als glänzende Schatten unter ihren Augen. In der Hand hielt sie ein Trinkpäckchen Eistee, das vermutlich nach Zucker, aber kaum nach sonnengereiften Pfirsichen schmecken würde, wie es die Verpackung anpries. Sie gab ihm einen feuchten Kuss auf die Stirn, drückte ihm das Päckchen in die Hand und legte sich schlafen.
Jakob hatte nie wieder nach dem Museum gefragt. Einige Wochen später hatte Bill Fotos von der Wassermelonenfrau in die Schule mitgebracht. Plötzlich war Jakob eigentlich ganz froh, nicht selbst da gewesen zu sein. Die Wachspuppe sah überhaupt nicht aus wie ein Mensch. Sie wirkte bleich und kalt, irgendwie unheimlich. Wie ein , das verzweifelt versuchte, ein Mensch zu sein. Genauso wie seine Mutter jetzt.
»Mama?« Zaghaft strich Jakob über ihr Wachspuppengesicht.
Der nächste Schlag ließ den gesamten Türrahmen erzittern.
»Mach auf, du Ratte, wir wissen, dass ihr dadrin seid!«
Eine Fliege landete auf ihrem linken Auge. Das Insekt streckte den behaarten Rüssel hervor und tastete das Weiß ihres Augapfels ab, so als suchte es bereits einen Platz, um seine Eier abzulegen. Eier, die sich zu Larven entwickeln würden, die sich an totem Fleisch satt fraßen, bis daraus wieder Fliegen schlüpften und der Kreislauf von Neuem begann.
Wie in Zeitlupe schloss sich ihr Augenlid und verscheuchte die Fliege wieder. Noch nicht. Noch schlug ihr Herz. Träge und unregelmäßig, aber es schlug. Das andere Auge starrte weiter in Richtung der Decke. Jakob begann stumm zu weinen und grub die Fingernägel jetzt so fest in ihre Haut, dass eine Reihe roter Halbmonde darauf zurückblieb. Der Türrahmen splitterte. Ein Geräusch, als brächen menschliche Knochen entzwei.
»Egal, was passiert … Ich werde zurückkommen. Ich lasse dich nicht allein.«
Er wollte heldenhaft klingen, furchtlos, wie Superman im Fernsehen, der jeden Tag Menschen rettete, aber seine Stimme war so dünn und zittrig, dass seine Worte irgendwo zwischen seinem Mund und ihrem Ohr verloren gingen.
Sie reagierte nicht, als ihre geisterhaften Silhouetten im Türrahmen erschienen. Dieses Mal waren sie zu zweit. Die Scherben knackten wie morsche Zweige unter ihren Stiefeln. Der Hagere war der Anführer. Alles an ihm war zu groß geraten, der rechteckige Schädel, die schiefe Nase in seinem Gesicht, die breiten, wulstigen Hände. Er hieß Hagen, das wusste Jakob, weil er schon oft hier gewesen war. Er war der Mann, der das Geld eintrieb, auch wenn es kein Geld gab. Der Mann, den niemand freiwillig zu sich nach Hause ließ, weil Hagen erst wieder ging, wenn er sich geholt hatte, was er wollte. Mit knapp zwei Metern musste er sich unter dem Türrahmen herunterbeugen. Der kleine Dicke folgte ihm wie ein Hund, das breite, fettglänzende Gesicht ähnelte sogar einer Bulldogge.
»Ist sie tot?« Hagen war mitten im Raum stehen geblieben und starrte mit einer Mischung aus Faszination und Ekel auf den seltsam verdrehten, schmutzigen Körper.
Jakob schwieg.
»Bist du taub oder was?!«
Wie auf ein stummes Kommando durchquerte der kleine Dicke den Raum und gab Jakobs Mutter einen Tritt gegen die Rippen. Jakob hatte geglaubt, keinen Funken Energie mehr in sich zu tragen, aber das Adrenalin strömte für einen Moment wie ein Aufputschmittel durch seine Adern. Er sprang auf und holte zum Schlag aus, bereit, die Fäuste in die Fettmassen zu rammen, wieder und wieder, bis das Fett unter seinen Knöcheln vibrierte und seine Hände taub wurden. Da warf sich der Dicke auf ihn. Der wuchtige Körper drückte ihn zu Boden und presste ihm die Luft aus den Lungenflügeln. Jakobs Muskeln erschlafften, als er merkte, dass der Kampf aussichtlos war. Plötzlich wurde er müde. Furchtbar müde.
»Verdammte Scheiße, der hat sich in die Hose gemacht!« Der Dicke begann zu würgen und richtete sich ein wenig auf, um ihn wieder atmen zu lassen. Jakob schnappte nach Luft, konnte sich aber weiterhin keinen Zentimeter bewegen. Seine kräftigen Hände drückten ihn unerbittlich zu Boden.
»Was machen wir mit der Alten und dem Hosenscheißer?«
Hagen kniete sich auf den schmutzigen Teppich und beugte sich nach vorn, bis sein spitzes Gesicht nur noch Millimeter von ihrem Mund entfernt war. Dann wartete er auf den nächsten, rasselnden Atemzug.
»Die macht nicht mehr lange. Bring sie weg, ich will keine Polizei im Haus«, sagte er.
»Weg? Wohin?«
»Überleg dir was, Idiot. Leg sie irgendwo am Straßenrand ab, wo sie so schnell keiner findet. Dann erledigt sich das von...




