Seidel | Ben Dover | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Seidel Ben Dover

Codename: Puppeteer
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945934-13-5
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Codename: Puppeteer

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-945934-13-5
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vor den Augen seiner Mutter wird der telepathisch begabte Ben entführt, um von einer staatlichen Geheimorganisation zum perfekten Söldner ausgebildet zu werden. In dem unmenschlichen System findet er in dem Telekineten Vincent einen Vertrauten und Freund. Als Vincent entlassen wird, verwandelt sich die Ausbildung für Ben in seine ganz persönliche Hölle - und es dauert lange, bis Vincent sein Versprechen einlöst und sie sich wiedersehen.

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2.


„Mama, gehen wir auf den Spielplatz?“

Die junge Frau zögerte, doch dem bittenden Blick ihres Sohnes konnte sie nicht widerstehen.

„In Ordnung. Dann hopp, zieh dich an.“

Jamie jubelte. Er rannte los, um in seine gelben Gummistiefel zu schlüpfen und zu versuchen, seine Jacke von dem Garderobenhaken zu angeln. Das tiefe Seufzen seiner Mutter erreichte ihn, ohne dass er es wirklich gehört hätte. Solche Sachen passierten ihm öfter, es gab auch Stimmen in seinem Kopf, wenn alle Menschen in seiner Umgebung schwiegen. Anfangs hatte er sich vor den Stimmen gefürchtet, und als er seiner Mutter davon erzählt hatte, war sie erschrocken gewesen.

„Ich glaube dir das“, hatte sie in verschwörerischem Ton gesagt. „Aber erzähl sonst niemandem davon, hörst du? Es ist ... besser für dich, wenn das unser Geheimnis bleibt. Versprichst du mir das?“

Jamie hatte eifrig genickt und mit großem Ernst versprochen: „Ich schwöre, dass ich keinem was sage!“ Mama hatte ihm daraufhin durch die Haare gewuschelt und „Guter Junge!“ gemurmelt.

Im Laufe der Zeit hatte er sich an die Stimmen gewöhnt; sie waren eben da, aber das war auch schon alles.

Er lachte voller Vorfreude. Es hatte geregnet, der Sandkasten auf dem Spielplatz würde eine herrliche Matschgrube sein. Später würde ihn Mama in ein warmes Bad stecken und dabei schimpfen, was für ein Dreckspatz er doch sei.

„Ich bin fertig!“, rief er und rannte los, um seine Mutter an der Hand aus dem Wohnzimmer zu zerren. Sie lächelte und ließ sich bereitwillig mitziehen.

Es dauerte nicht lange, bis sie auf dem nahe gelegenen Spielplatz angekommen waren. Wie erwartet, war der sonst weiße Sand eine dunkle, matschige Masse. Herrlich! Mit beiden Beinen gleichzeitig sprang er in den Sandkasten, der nasse Schlamm spritzte höher, als er groß war. Beiläufig warf er einen Blick zu seiner Mutter, die auf der Bank am Rande des Platzes saß. Alles in Ordnung, sie lächelte ihm zu. Aus den Augenwinkeln sah er einen dunklen Wagen am Straßenrand parken. Zwei sonnenbebrillte Männer in schwarzen Anzügen stiegen aus und kamen zielstrebig über den Grünstreifen, der den Platz von der Straße trennte.

Der Schock seiner Mutter fraß sich in seinen Kopf und ließ Jamie erstarren.

„Ganz ruhig!“, befahl einer der Männer leise. „Es passiert euch nichts, wenn ihr still bleibt!“

Der Mann baute sich vor seiner Mama auf und verdeckte sie. Der andere Mann stellte sich vor Jamie und zeigte dabei ein zähnefletschendes Grinsen. Aber nicht die viel zu vielen Zähne waren das Erschreckende an dem Kerl, sondern dass Jamie wie vor eine Wand lief, als er seine Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Sonst war es ihm immer möglich gewesen, zumindest eine leise, wispernde Stimme zu empfangen, wenn er sich konzentrierte. Aber hier: Nichts. Leere, schwarzes, beängstigendes Nichts.

Jamie begann zu rennen. Seine Gummistiefel patschten durch den Matsch, er hatte Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren. Wie eine Stahlklammer schlossen sich die Arme des Mannes um seinen Oberkörper und hoben ihn in die Höhe. Jamie schrie und strampelte. Alles, was ihm das brachte, war eine schallende Ohrfeige, die seinen Kopf auf die Seite schleuderte. Sein sonst so wacher Geist erlahmte, und mit ihm sein Körper. Schlapp hing er im Griff des Unbekannten, unfähig, sich zu wehren oder gar zu entkommen. Er wollte in Gedanken nach seiner Mutter schreien, sie zu Hilfe rufen – warum tat sie denn nichts? Warum holte sie ihn nicht und verscheuchte den schwarzen Mann? Ein Stich in den Hals löste ein brennendes Gefühl aus, alle Gedanken verblassten und verschwanden schließlich aus seinem Kopf. Die Lider wurden schwer und fielen zu, die Geräusche um ihn herum drangen wie durch Watte an seine Ohren. Das Letzte, was er hörte, war der panische Aufschrei seiner Mutter, und selbst der klang jämmerlich leise. Dann – Stille, Dunkelheit, Schlaf.

*

Das Rumpeln eines Autos, er wurde auf dem Rücksitz hin und her gewiegt.

Leises Murmeln, bruchstückhaft.

Musik aus einem Radio, der Moderator sprach einen fremden, fast unverständlichen Dialekt.

Klappen von Wagentüren, das Aufbrummen des Motors, hin und wieder eine Kurve.

Und dazwischen: Alles verschlingender Schlaf.

Als der Wagen hielt und Jamie endgültig aufwachte, verabschiedete sich die Sonne soeben in flammenden Farben am Horizont. Er setzte sich kerzengerade hin und starrte angsterfüllt aus dem Seitenfenster, wusste zuerst gar nicht, was überhaupt passiert war. Der Blick nach vorn zu den beiden Männern in den schwarzen Anzügen beschwor die Ereignisse des Morgens wieder herauf.

„Ich will zu meiner Mama!“ Jamie gab sich keine Mühe, seine Panik oder auch die Tränen, die ihm über das Gesicht zu laufen begannen, verstecken zu wollen. In so was war er einfach nicht gut.

„Du darfst bald wieder zu deiner Mami“, erwiderte einer der Männer ohne sich die Mühe zu machen, sich zu ihm umzudrehen. „Aber erst musst du ein bisschen hier bleiben und mit jemandem sprechen.“

Damit öffneten die beiden Kerle die Türen und stiegen aus. Nur Sekunden später wurde auch die hintere Tür aufgemacht und Jamie fand sich im null Komma nichts auf einem starken Arm wieder. Obwohl er ein weiteres Mal nach Leibeskräften strampelte und schrie, wurde er auf ein riesiges, düster aussehendes Haus zu getragen, das sich schwarz und unheimlich gegen die helle Sonne abhob. Wie von Geisterhand schwang das schwere Eingangsportal auf. Es ging drei Stufen hinauf, Kälte und Stille schlugen Jamie entgegen und ängstigten ihn noch mehr, er kniff die Augen zu, um nicht mit ansehen zu müssen, wie das Gebäude ihn verschlang.

Bevor er wusste, wie ihm geschah, setzte der Mann ihn ab. Vorsichtig öffnete er die Lider. Er hockte auf einem Stuhl in einem Zimmer, das aussah wie das der Leiterin des Kindergartens, in den er seit einiger Zeit ging. Vor ihm baute sich ein gigantischer Schreibtisch auf und dahinter saß ein weiterer Mann, der ihn über den Rand seiner Brille hinweg musterte.

„Hallo, Jamie!“, sagte der Mann hinter dem Schreibtisch.

Jamies Angst nahm überhand, er drückte sich so weit wie möglich nach hinten an den Stuhl, nur weg von diesem Monster auf der anderen Seite des Tisches. Heiße Tränen rollten über seine Wangen und tropften von seinem Kinn auf den Rollkragen seines Pullovers, der mittlerweile unangenehm nass war.

„Ich will nach Hause! Ich will zu meiner Mama!“

Der Mann lachte belustigt. „Du hast deine Mama lieb, nicht?“

Zaghaftes Nicken, mehr brachte Jamie nicht zustande.

„Gut“, fuhr der Mann fort. „Dann willst du bestimmt auch nicht, dass ihr etwas Schlimmes passiert, oder?“

Jamie hatte das merkwürdige Gefühl, als würde sich eine eiskalte Hand in seine Brust bohren und nach seinem Herzen greifen. Seine Unterlippe begann zu zittern.

„Nein“, fiepte er kläglich.

„Das freut mich. Du bist ein braver Junge. Und wenn du schön hier bleibst und tust, was wir dir sagen, wird deiner Mama auch nichts geschehen. Du wirst eine Weile hier bei uns leben. Hier gibt es noch mehr Kinder und alle sind wie du: Etwas ganz Besonderes. Mein Name ist Dr. Dumont.“

Dr. Dumont erhob sich von seinem Sessel, kam um den Schreibtisch herum und stellte sich neben ihn. Eine große Hand wuschelte durch seine Haare.

„Jetzt komm mit, Jamie, ich zeige dir das Haus und dein Zimmer. Du wirst hier bald eine Menge Freunde haben.“

Jamie sah zu, wie Dr. Dumont an ihm vorbeiging, doch er hatte nicht die Kraft, von dem Stuhl zu rutschen und der Anweisung zu folgen. Er zitterte am ganzen Körper, noch immer schüttelte ihn wildes Schluchzen.

„Ich glaube, du hast deine Mama doch nicht so lieb, wie du sagst. Sie wird böse Sachen erleben, wenn du nicht artig bist.“

Obwohl die Angst in Jamie bei diesen Worten weiter anwuchs, schaffte er es, sich zu bewegen. Aus einem Reflex heraus suchte er nach Dr. Dumonts Stimme – der anderen Stimme. Alles, was er fand, war eine kalte, glatte Mauer, an der er abprallte.

„Lass das! Du bist zu schwach für solche Versuche.“

Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter und schob ihn erbarmungslos vorwärts aus der Tür in ein verwirrendes Labyrinth aus grauen Gängen und Treppen, die sich allesamt glichen wie ein Ei dem anderen. Was Jamie mit Sicherheit sagen konnte, war, dass es stetig nach unten ging. Sie kamen an unzähligen Türen vorbei, einige aus Holz, andere aus Stahl, die wenigsten besaßen Glasscheiben, durch die er einen Blick in das Innere der Räume erhaschen konnte. Leuchtstoffröhren warfen ein kaltes Licht, es gab keine Ecke, die nicht ausgeleuchtet gewesen wäre. Es herrschte gespenstische Stille, sowohl akustisch als auch in Jamies Kopf.

Endlich stieß Dr. Dumont eine der Türen auf und bugsierte ihn in das dahinterliegende Zimmer.

Das Erste, das Jamie erblickte, war eine Handvoll Kinder, etwa in seinem Alter. Sie starrten ihn mit großen Augen an.

„Das hier wird deine Klasse sein.“

„Ich gehe aber noch in den Kindergarten.“ Jamie hickste vor Angst, Aufregung und Weinen, seine Stimme zitterte.

„Jetzt nicht mehr. Du hast so viel zu lernen, je eher du damit anfängst, desto besser.“

Ein Mädchen stand auf, stellte sich vor Jamie und lächelte ihn schwach an. Er blinzelte den Tränenschleier aus seinen Wimpern, damit er sie klarer sehen konnte. Sie war einen halben Kopf größer als er und trug einen roten Overall.

„Ich bin...



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