Seidel | Der Buschhahn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 326 Seiten

Seidel Der Buschhahn


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3607-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 326 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3607-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Ein Roman aus Deutsch-Samoa. Die Serie 'Meisterwerke der Literatur' beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.

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Das Huhn



Er erreichte den Weg, der den Strand entlang führt, und schritt behende gen Apia. Sein Gang hatte etwas Aufgeräumtes; denn sobald er sich außerhalb der häuslichen Sphäre, mithin auch aus der Klangweite von Tais Stimme wußte, war eine allumfassende herzliche Leutseligkeit an ihm bemerkbar, die ihm ein ganz anderes Gepräge gab. Das blühende Sonnenlicht ließ seine Kleidung von ferne adretter erscheinen als sie war, sogar noch in Grußdistanz; trat man freilich näher an ihn heran, so bemerkte man, daß sein forscher Schritt eigentlich mehr Wirkung der Schwerkraft war als etwa Muskelarbeit an strammen Schenkeln. Auch sah man, daß der dürre Mensch seine Geschwindigkeit der Maßlosigkeit der Knochen und dem Schwund aller Fettsubstanz verdankte, so daß er von der morgendlichen Brise gleichsam vorwärts geweht ward.

Immerhin, er ging gut in seinen Stiefeln, von denen der Glanz längst abgebröckelt war, und unterschied sich in nichts von einem Mitteleuropäer, der andere Mitteleuropäer soeben aufsuchen will, vermutlich in profitlichen Geschäften, die man munter anpacken muß. Als er den Kricketplatz vor der katholischen Kirche überschritt, schob sich der englische Konsul auf seine Gartentür zu.

Dieser dauerhafte kleine Mann trug einen schwarzen breitkrempigen Filzhut und sah aus wie ein Pilz. Er hatte drei Regierungswechsel erlebt und war demnach verschlossen und stumm wie eine vergrabene Kassette. Er war einer der Ältesten am Platz, ging immer zu Fuß, und die wenig schwankende Temperatur der Inseln sowie ein fußlanger Mantel, den er selten abtat, befähigten ihn ohne Zweifel, drei weitere Regierungswechsel zu überleben.

Grothusen, wiewohl schon fast zwanzig Jahre hier, war demnach immer noch ein Neuling für den englischen Konsul. Versuche, mit ihm in Beziehung zu treten, waren an der unveränderlichen Verschlossenheit des kleinen Greises gescheitert. Grothusen grüßte ehrerbietig und machte trotz des geräumigen Weges einen halbkreisförmigen Schritt auf die Seite. Für diesen Augenblick war er Clerk.

Der Konsul deutete schwach nach der Pilzhaube; in seinen engstehenden erloschenen Augen regte sich nichts. Daß er die Absicht hatte, einen hörbaren Laut von sich zu geben, ließ sich höchstens daraus vermuten, daß der Unterkiefer in eine mahlende Bewegung geriet.

Grothusen grüßte gern; er grüßte lärmend, wohlwollend; oder er grüßte offiziell, mit gedämpfter Hast. Heute grüßte er, wen er traf; der festliche Tag schwellte sein Gemüt. Heute würde man ihn, so war er sich klar, zweifellos verwöhnen; ach, er wollte einmal vergessen, daß es eine Tai, eine samoanische Häuslichkeit und Kanaker auf der Welt gab, die Ansprüche stellten, ihn aussogen und ihm Nadelstiche versetzten!

Der Tag war, wie fast jeder andere, prangend und bunt. Doch schien es Grothusen, als bemerke er irgendwie eine besondere Note in der Umgebung: etwas weniger Träges, etwas weniger Sattes, Anheimstellendes, als sonst; als erschienen die Stimmen der spielenden Kinder nicht mehr kreischend, sondern lieblich wie Gezwitscher; und als sei das »Talofa!« der ihm begegnenden Leute von einer schmelzenden, geradezu vertrackten Freundschaftlichkeit.

»Das sind meine ›Kinder‹!« dachte Grothusen, wenn die Leute ihm zeremoniell entgegenpilgerten und er die strammen bebenden Waden sah mit ihrem goldigen Braun. Der Häuptling von Solosolo, in einem Schwarm von jungen »Bullen«, war soeben an ihm vorübergewallt. Er hatte breit und schier sinnig gelächelt, während er den Blick auf die auffallende weiße Narbe am Bauche, dicht oberhalb der Schamtätowierung, senkte. Diese Narbe hatte eine Geschichte, die Grothusen erheiternd durch den Kopf ging. Er lächelte verschmitzt-mitwisserhaft und sah nach der Gruppe zurück; er sah das weich und wuchtig gleitende Spiel der nackten Rücken und Gesäßmuskeln, die ruckweise unter den Hüfttüchern auf und nieder stiegen, bis das alles hinter der nächsten Wegbiegung verschwand.

Eine einzelne Stimme, in zitternder Fistel und rapid herabsinkend, intonierte ein Lied, und die »Bullen« fielen, nach fünf Takten, inbrünstig mit einem sonoren Refrain ein. Orgelhafte Akkorde erklangen, immer traumhafter, immer gedämpfter, bis nur mehr das Gedächtnis an ihren Rhythmus im Lauscher lebendig blieb.

Der englische Konsul trat aus Grothusens Hirn zurück wie ein unlauterer Zwerg, der ihm irgend einmal am Rand des Weges gedroht hatte; ein Mann, der eigentlich nur Wert besaß durch den Schabernack, den man bisweilen mit ihm trieb . . .

Grothusen preßte die Lippen zusammen und knöpfte die Jacke zu. Munter schritt er weiter, an dem Kohlenschuppen vorüber, und sah mit seinen kurzsichtigen Augen vor sich hin auf den Weg. Über dem großen Hügel von nachlässig aufgeschütteten Kohlen, unter dem Schatten breiter Mangobäume hervor gleißte es stumpf wie schmelzendes Metall, schaukelten die verankerten Dampfer und Zweimaster wie zarte Schatten, die gleichwohl zum Greifen deutlich ihre vom Spinnweb der Taue umstrahlten Maste und ihre kelchartig gespaltenen Löschkräne in die flimmernde Luft hoben. Die Bucht öffnete sich bis Mulinuu, bekränzt vom Weiß der Häuser, das in einen Gürtel wimmelnder Palmen hineinkroch, und hinter dem allem, mächtig und unbezwungen, dunkelte der Urwald.

An Grothusens Hirn, wie immer, prallte der Farbenreiz dieses Panoramas ab, sein Sinn war auf Faßbares eingestellt, auf Naheliegendes. Mit zugekniffenen Augen gelangte er an die Vaisigano-Brücke, und hier war es, wo er Petina traf. Er traf nicht Aug' in Auge mit ihm zusammen, denn der Sohn machte, als er den Vater auftauchen sah, ein paar scheinbar indolente und sonnentrunkene Schritte auf die Seite und hing sich mit geknicktem Leib über das Geländer, am Stengel einer Puablüte kauend. Er kehrte dem kurzsichtigen Vater die mit einem blauen Lavalava bekleidete Rückseite zu; gleichwohl aber erkannte Grothusen sein eigen Fleisch und Blut. Er blieb stehen und schrie wie ein Sklavenhalter: »Ferdinand!«

Petina schob das schmalwangige Gesicht mit der baumelnden roten Blüte darin über die spitz emporgehobene Schulter. Seine langen schwarzen Augenritzen drückten keinerlei Interesse aus. – – Dann, als er die Stellung und den Blick des Vaters wahrnahm, kam ein schwacher Grad von Straffheit in seine aufgelösten Glieder; er fingerte an der Blüte, und seine Augen wurden scheu.

Grothusen stand spreizbeinig vor ihm und stemmte den Schirm vor sich hin. Petina wußte, daß etwas Halbverständliches, aber immerhin Bedrohliches im Anzug war. Er sollte Rechenschaft ablegen, und das war etwas, wofür die Landessprache nicht einmal ein Wort besaß. Der Vater pflegte, wenn er zornig war, korrektes Deutsch zu sprechen und dabei allerlei neue befremdliche Begriffe in die Unterhaltung einzuflechten.

»Spuck das Ding aus, wenn dein Vater mit dir spricht!«

Die Blüte fiel herab.

»Stell dich anständig hin! Himmel, was ist das überhaupt für eine Haltung!«

Der Junge löste sich vom Geländer. Sein schmales Gesicht wurde dumm und leer. Er blinzelte die lichtumflossene steifleinene Figur an, die, mächtig vor ihm aufgepflanzt, sein Geschick bestimmte – wenigstens immer dann, wenn er allein mit ihr war.

In solchem Falle glich Petina einer Saite, die wohl schwirrte, wenn man sie anstieß, aber nie einen Ton zurückgab. Wenn Grothusen sich in kampflustiger Laune befand, so war ihm dieser Mangel an Resonanz peinlich. Er wußte genau, daß Petina sich in Tais Nähe heftige Erwiderungen erlaubte; daß die Mutter stets bereit war, den Knaben in Schutz zu nehmen. Faßte er aber seinen Sohn allein ab, war eine Situation gegeben, wo er ihn prügeln konnte, ohne daß das halbe Dorf gegen ihn Partei nahm – so gab ihm Petina einfach keinen Anlaß dazu, indem er schwieg. Grothusen hatte eine dumpfe Vorstellung davon, daß seine Pflicht als Vater dieses Menschen es ihm auferlege, Erziehung zu üben, und unter Erziehung verstand er immer etwas Aggressives.

Mit hervorquellenden Augen, die roten Brauen leidend zusammengezwängt, schrie er:

»Wo warst du wieder heute nacht?«

»Bei Samusamu,« kam nach einer Weile ein Atemzug zurück.

»Schämst du dich denn nicht? Bei dieser Familie hast du wieder geschlafen? Weißt du denn nicht, daß sie unter deiner Mutter steht? Donnerwetter, wie oft muß ich dir sagen, daß du das nicht nötig hast!«

Petina schwieg und schluckte.

»Und deinen Vater vernachlässigst du! Nie bist du da, wenn man dich braucht! Von heute ab schläfst du wieder zu Hause! Hast du mich verstanden?«

»I,« hauchte es zurück. Und dann, sehr...



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