Seidel | Der neue Daniel | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 226 Seiten

Seidel Der neue Daniel


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3605-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 226 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3605-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Eine sehr kritische Schilderung des Amerika-Aufenthaltes, den der Autor gezwungenermaßen während des Ersten Weltkriegs verbringen musste.

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Amulette



Erwin saß, Kissen hinter den Rücken gestopft, halb aufrecht im Bett und folgte mit müden Blicken den Bewegungen Mildreds, die sich um ihn bemühte. Es war schon hoher Vormittag und der Doktor wurde in Bälde erwartet.

Das Fieber hatte ein wenig nachgelassen. Es ging in einer gleichmäßigen Abwärts-Kurve von der Nacht in den Morgen hinein, um am Abend wiederum zu schwellen.

Nachdem ihm Mildred etwas Tee und Zwieback verabreicht, ging sie, von einer qualvoll drängenden Unruhe getrieben, in das Erdgeschoß hinunter. Halb ohne es zu wissen, las sie die Kopfinschriften der »Times«. Siehe da, statt der üblichen Schützengraben-Fanfare, gewahrte sie, in schreienden Lettern, das Wort »Infantile Paralysis«.

Sie vertiefte sich unmutig in das Nähere und erkannte, daß die Seuche, die schon seit einer Woche in den versteckteren Spalten der Zeitung gespukt, sich nunmehr einen Hauptplatz auf der Titelseite erobert. Es ward hier natürlich keine Gelegenheit verabsäumt, um das Unglück auszuschlachten, ihm breiteste, mit Reporter-Wollust gewürzte Öffentlichkeit zu gewähren. Vielleicht war es nötig, in irgend einer Weise zu warnen; aber wieviele hysterische Mütter, wieviele abgehetzte Väter hatten diesen Brandalarm in hochgetürmter Druckerschwärze heute verschlungen! Welche Axtschläge waren das am Asyl stumpfen Bürgerglücks! – Und die Sensations-Hausierer setzten die doppelte Auflage ab. Hatte man nicht etwas erbeutet, womit man Wesens treiben konnte?! – Kinder starben wie die Fliegen. Manche fieberten, zuckten ein wenig und lagen mit Schaum vor dem Mund. Und die davonkamen, humpelten halb gelähmt durchs Leben ... Steinreiche Eltern versteckten ihre Augenweide in luxuriösen Landhäusern. Es half nichts; die Bazillen krochen aus allen Ecken und erbeuteten sich junge Leiber ohne Respekt vor den Wällen aus Mammon, die man zitternd zusammentrug...

Die Seuche war in diesem heißen Sommer launisch wie ein Tornado. Wie ein kreiselförmiger Wirbelwind über Landschaften hüpft und wo er den Boden berührt, alles aussaugt, so daß Häuser, Bäume und Menschen wahllos emporspritzen, so grassierte die Seuche im Ostviertel, übersprang dann Dutzende von Straßen, in denen kein einziges Kind erkrankte, nistete sich wiederum in der Nähe des Broadway ein, schlug sich eine Bresche durchs Millionenviertel und gleichsam, wie um zu zeigen, was sie könne, riß sie sich zuweilen auch erwachsene Kinder heraus. Ohne Übergang dann tummelte sie sich in entlegenen ländlichen Distrikten und verschmähte auch die sandige Gegend von New Jersey nicht, um ihre ahnungslosen Opfer anzufallen.

Man zergrübelte sich, hieß es, in Fachkreisen den Kopf, woher die Übertragung stamme. Insekten konnten kaum schuld sein, da man von so sporadischen Wanderungen der Keimträger nie gehört. Der Tod, so schlossen die Berichterstatter, feiere in diesem Sommer privatim sein kleines Fest. Es scheine dies eine Angelegenheit ganz für sein persönlichstes Vergnügen. Es sei als wäre in Europa eine erzwungene Atempause für ihn eingetreten, damit er sich zwischendurch hier ein wenig schadlos halten könne.

Aufatmend legte Mildred das Blatt weg. Sie hatte kein Kind zu verlieren und Erwin war zu alt.

Der Arzt, der jetzt erschien, war seiner Aussage nach überbürdet. Er hatte jedoch das Attest über den Blutbefund Erwins dabei und erklärte ohne Rücksicht, daß seine Diagnose ihn nicht getäuscht habe; es sei ein leichter Fall von Typhus. Er sagte das so nebenhin, halb mit sich selbst zufrieden; doch ein Herzschlag Mildreds setzte aus, so daß ihr Gesicht für Sekunden schneeweiß wurde und sie sich an die Stuhllehne klammerte. Der Doktor bemerkte dies Taumeln nicht, da sie im selben Moment ihre Haltung zurückfand. Wie ein Damokles-Schwert endlich herniedersaust auf Schultern, die halb bereit waren, sich ihm entgegenzustemmen und nun doch von der Wucht schmerzhaft zusammenzucken, so fiel diese Eröffnung auf Mildred herab.

Doch nun das Gewicht auf ihr lag, konnte sie ihre Muskeln einstellen, sie langsam zurechtrückend zu sprödem Widerstand gegen die Zukunft ...

Von den bunten Pillen sah der Doktor diesmal ab. Er förderte sogar eine schattenhafte Sachlichkeit zu Tage, die mit seinem sonstigen schnellfertigen Wesen in erfrischendem Gegensatze stand. Daß er unbedingtes Vertrauen in Mildred erweckte, davon war natürlich keine Rede, aber er gab sich Mühe, das sah sie, und so verzieh sie ihm den ersten Eindruck. Er stellte ein festes Programm auf: kaltes Bad um sechs Uhr, um das Fieber herabzudrücken, flüssige Nahrung in bescheidenen Quantitäten und keine Bewegung. Das war doch wenigstens etwas, woran man sich halten konnte. Das Herz Erwins sei nicht schlecht, meinte er, Hauptsache sei: Vermeiden jeder Überanstrengung. Drei Wochen lang dauere die Hauptattacke; eine halbe Woche sei herum, also bis in kurzem werde man ja schon wissen, wie er durchkomme. Mehr zu tun sei unmöglich, unter den Umständen auch nicht angebracht.

Mildred hörte die knarrende Stimme wie aus weiter Ferne. Kaum war er aus dem Hause, als Madleen zum Vorschein kam, ihm nachspähte und erst, als sein Motor hinter der Ecke verschwand, den Mund auftat.

Sie redete mit leiser bedeutungsschwangerer Stimme.

»Der Mann dort,« sagte sie, »ist sehr verdächtig; man sollte ihn nicht zu Rate ziehen; er wird Mr. Notacker unfehlbar umbringen. Besonders mit seinen Pillen hat er schon große Verwüstung angerichtet!«

»Diese Pillen seien des Teufels,« fuhr sie leise fort; »ein sehr böser Zauber stecke darin. Man habe ihr erzählt, daß neulich ein Knabe in einen Graben gefallen sei und sich das Sitzbein verstaucht habe. Er sei ganz gesund und munter gewesen, dieser Knabe; doch dann sei der Doktor mit seinen Pillen gekommen; habe behauptet, es sei ein Fall von Infantile Paralysis und habe ihm mit den Pillen in einer Viertelstunde den Garaus gemacht. Es seien grüne gewesen; sie warne Mildred schwer davor, Erwin mit grünen Pillen traktieren zu lassen. Ob die blauen oder roten so schlimm seien, könne sie nicht sagen; aber die grünen seien das schnell wirkendste Gift, das man je erlebt habe.«

Mildred, trotz ihrer trostlosen Lage, wurde auf diese Erzählung hin von unverhältnismäßiger Heiterkeit gepackt; von seltsam gewaltsamem Humor, der sich an der Grenzscheide klaren Denkens hielt und bald in kurzes Schluchzen überkippte. »Wie hätten wir dies doch genossen,« dachte sie dabei, »wenn Erwin gesund wäre.« Allein die Idee dieses Pillen-Doktors und seiner Pferdekuren ist Goldes wert heutzutage.

Madleen bemerkte sofort, daß ihre Erzählung eine seltsame Wirkung hatte. Sie blickte ratlos auf die junge Frau; rollte ihre Augen dann hilfesuchend umher, daß man das Weiße sah, schüttelte den Kopf mit blitzartiger Drehbewegung des feisten Halses und ging, sich mehrmals nach Mildred umsehend (als bereite diese eine Attacke auf ihren Rücken vor) – aus dem Zimmer heraus.– Daß man lachen konnte, wo solche Dinge im Schwang seien, ging gänzlich über ihr Begriffsvermögen. Was da aus Mildred lachte, war ein böser Geist, vor dem man sich am besten verriegelte.

In der Türe besann sie sich und kam zurück. Mildred merkte an dieser Wiederkehr – die mit gewisser Wucht und Bedeutsamkeit in Szene gesetzt ward – daß Madleen etwas zu sagen hatte; einen Trumpf darauf zu setzen habe, der ihr kleines einsames Gelächter zerquetschen sollte wie die Maus unter dem Ziegelstein.

»Sie lachen, junge Frau,« sagte Madleen, und ihre Augen blickten starr und kugelrund geradeaus. »Da gibt es nichts zu lachen. Aber ich weiß, der Böse lacht aus Ihnen. So ist es auch meinem Bruder gegangen, als er nach dem Osten kam. Schon in New Orleans war er als Trambahnführer gefürchtet, weil er die Kurven zu schnell nahm. Man verpflanzte ihn und er bekam als Kellner Stellung. Da fiel es schon auf, daß er mit Tellern um sich warf, wenn ihn was ärgerte. Seinen Boß, den griff er mit dem Messer an, als der ihm einen Dollar vom Lohn abzog, und er mußte in Sing-Sing Holz spalten und Hobelarbeit machen. Dort bekam er es nun zum erstenmal mit Instrumenten zu tun, und kaum war er draußen, wurde er Messerschmeißer und starb an einem epileptischen Anfall. – Ja, junge Frau, das ist der böse Geist, der in Ihnen sitzt. Meinen Bruder hat er unter die Erde gebracht. Sie wird er auch noch unter die Erde bringen. Sie und Ihren Mann, klaftertief. Es ist nicht gut, daß Menschen im Walde leben ganz für sich. Das habe ich mir gleich gedacht, wie ich herkam!« –

Sie stand da, die Fäuste unter die ungeheuren Brüste gestemmt; und ihr pockennarbiges, schwammiges, dunkles Gesicht glich in diesem Moment einer Maske, so als habe jemand alle dicken Wülste herausgeplättet; all die Wülste, die sich sonst auf ihrer Stirn bildeten und ihr etwas Kindliches gaben. Nur oben unter dem verfilzten Kräuselhaar zuckte eine Hautpartie wie bei einem Pferd, das eine hartnäckige Bremse abschütteln will...

Doch die Bremse, die an Madleens armem Kopf saß, war unverscheuchbar. Sie stach und sog den Rest an Logik, die sich noch in dem konfusen Negerhirn finden mochte, heraus. Wie lange wird es dauern, bis dies Geschöpf des Schlußvermögens gänzlich verlustig geht? – Bis es sich kreischender Triebhaftigkeit unter dem Einfluß der Kinder- und Negerdämonen überläßt? –

...



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