Seidel | Gesammelte Werke | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 551 Seiten

Seidel Gesammelte Werke


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3604-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 551 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3604-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Willy Seidel war ein deutscher Schriftsteller, der sich in seinen Anfangsjahren dem Exotismus widmete und dann der fantastischen Literatur zuwandte. Dieser Band enthält folgende Werke: Der Tod des Achilleus Das älteste Ding der Welt Das siebenköpfige Tier Alarm im Jenseits Der Weg zum Chef Der Garten des Schuchân Die Nacht der Würde Der neue Gott Utku Vom kleinen Albert Der Weg zum Chef Die Himmel der Farbigen Inselwälder Altägyptisches Alltagsmosaik Die vier Augen Waldfräulein Hechta

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Der Zauber des Zazel


Es war in einer kühlen Maiennacht.

Die Hunde im Garten trotteten lautlos auf eine große, schwarze Figur zu, die aus dem Hause trat.

Auf ein leises Zischen hin wandten sie die schillernden Augen wieder ab und verloren sich im Garten.

Dr. Sze stellte sich auf die Estrade und zog ein Fernrohr hervor, mit dem er scharf den wolkenlosen Himmel betrachtete.

Dann tauchte er wieder in die Dunkelheit des Hauses zurück, dessen Messingtür sich leise öffnete und schloß.

Er trat in den Innenhof.

Grelles Tageslicht, das der unzähligen Birnen, schlug ihm entgegen. Er drehte es aus, und mit einem Male sprang die groteske Silhouette des schwarz dort oben hockenden Götzen, abgezeichnet gegen schwaches Sternenlicht, erstaunlich und befremdend hervor.

Dr. Sze hantierte eine Weile an der Wand, dann ging er ins Laboratorium und kam mit einem Instrument zurück, dessen Gebrauch er so gut zu kennen schien, daß ihm bloßes Betasten genügte. Ein leiser, klirrender Ton entstand oben in der Glasdecke. Er hatte soeben eine Hebelvorrichtung in Bewegung gesetzt, die eine einzige Platte nach innen klappen ließ, so daß der nackte Sternenhimmel dort oben hereinsah.

Langsam klomm er den Hügel herauf. Vor dem Meteoriten angelangt, zögerte er ein wenig. Dann betastete er ihn mit der Hand. Offenbar beruhigt von solcher Prüfung, stieg er mit unendlicher Vorsicht auf den Kopf, wobei er die Füße tastend in die Löcher setzte. Ganz oben richtete er sich im Hocksitz ein, so gut es eben bei der gefährlichen Beschaffenheit des Metalls angehen wollte, und stellte das dreieckige Instrument auf, was geraume Zeit kostete, da er der Stützpunkte nicht sicher war.

Leise murmelnd verglich er jetzt beim Schein einer winzigen elektrischen Birne gewisse Tabellen, die er mitgebracht; dann fügte er in das Gestell eine schiefe Röhre ein. Hierauf erhob er sich ganz und entfaltete ein trichterförmig geordnetes, schwarzes Tuch, das er dicht unterhalb der Luke an der Röhre befestigte. Dies getan, löschte er sein Lämpchen und versenkte sich in den winzigen Hohlspiegel, den er innerhalb der Augengrube des Götzen angebracht. Ein unfaßbar zarter, rötlichsilbern blinkender Punkt schwebte darin. Er verstellte den Hohlspiegel durch ein geöltes Schräubchen, bis das Strählchen genau im Brennpunkt saß, soweit er es beurteilen konnte.

Dann entfernte er den Spiegel und ließ nur die Linse zurück und den leichten Aufbau mit der Röhre.

Langsam schritt er wieder über den Hügel herunter und setzte sich unten am Fuße hin, wie um zu warten.

Leises Ticken ertönte. Der Apparat drehte sich in kaum meßbaren Evolutionen, um dem Saturn zu folgen und dessen gesammeltes Licht an derselben Stelle festzuhalten. Der Chinese verharrte lautlos und spähte scharf und unbeweglich hinauf. Mit einem Male ward er unruhig, atmete schneller und erhob sich aus seiner hockenden Stellung.

Er tat ein paar zögernde Schritte wieder den Hügel hinan, dann ballte er die Fäuste, so daß ihm die spitzen Nägel schier in die entfleischten Handhöhlen drangen, und murmelte: »Er ist erwacht. – Also doch!«

Er beugte sich nieder und krampfte seine Hände um die hervorspringenden Kanten der Steine; trotzdem fühlte er den starken Zug nach oben, als sei er ein Eisenfeilspänchen, von einem ungeheuren Magneten angezogen.

Er wehrte sich mit leisem Keuchen.

Er bot Willenskräfte auf, und wiewohl er es vermeiden wollte, schien es, als würden seine Lider von einer fremden Gewalt aufgerissen, so daß er unentwegt hinaufstarren mußte. Täuschte er sich? Glaubte er nicht zu bemerken, daß die schwarze Silhouette dort ihre Form leicht verändert!

Erde rieselte herab. Rätselhaftes Knistern entstand und auf einmal eine Folge von Geräuschen, die dem Zersplittern von Porzellan auf einem Blechdach glichen.

Das Metall dort oben schien in Bewegung geraten. Worin diese Bewegung bestand, konnte er nicht enträtseln. Dann klang es wieder wie das dumpfe Kollern von Erdmassen, wie vulkanisches Nachbeben einer terrestrischen Störung, als sei irgendwo das ruhende Gleichgewicht alter Gesteinsmassen erschüttert, und als wehre es sich, dumpf murmelnd mit metallenen Zungen. Der Drang in die Höhe; die Versuchung, dem Götzen wiederum nahe zu kommen, wuchs ungeheuerlich. Der große Mann wand sich, ja bäumte sich dagegen auf; doch ruckweise, gegen seinen Willen, schien er emporgezerrt zu werden. Er riß ein spitzes Messerchen hervor, stach es sich tief in den Arm, und indem er den Ärmel zurückriß, schleuderte er den hervorquellenden Tropfen gegen das dunkle Ungetüm.

Da flauten die rätselhaften Klänge ab und erstarben wie Nachhall fernen Gewitters, meilentief. Die Spannung, die entsetzliche, ließ nach.

Er torkelte den Hügel herab und tastete nach dem Hebel der Klappvorrichtung. Er riß ihn herum, die Platte schloß sich. Das elektrische Licht flammte wieder auf, und schwer atmend, gegen die Wand gelehnt, starrte er hinauf.

Zunächst konnte er nichts Ungewohntes an dem Götzen entdecken; alles verharrte dort in toter Ruhe. Da entfuhr ihm ein schwacher Aufschrei: – die nach dem Maule zu gekrümmten Tatzen ragten jetzt um etwa ein Viertelmeter verschoben von diesem ab. Sie schienen breiter geöffnet, und die gekrümmten, klauenähnlichen Gebilde hatten sich gestreckt.

Der Chinese betrachtete seine Arme, die Wunde blutete noch. Er stieg mit großen, stelzenden Schritten den Hügel hinauf, und ohne einen Moment zu zögern, bestrich er die Ränder des entsetzlichen Maules mit dem Rest des hervorgesickerten Lebenssaftes. »Diese Bindung ist keine dauernde«, murmelte er dabei. – »Es wird Zeit, daß etwas geschieht.«

Er ging ins Haus zurück und weckte Harald mit leichter Berührung an der Schulter. »Ich brauche dich«, flüsterte der Chinese. Harald folgte ihm, und Dr. Sze führte ihn in den Innenhof. Haralds Augen blickten klar hinauf, »Bemerkst du etwas?« fragte Dr. Sze. Harald schüttelte langsam den Kopf. Ein rätselhaftes, dünnlippiges Lächeln wie das eines Bedauerns entstand an dem Mund des andern.

***

»Die Akkader ahnten ihn; – doch, tief versponnen in verschollene Symbole, wie tote Puppenform und Mumie einer Seidenraupe, lag vergraben in unseren Schriften. Von seinem Dasein kam Kunde den Kabbalisten; sie nannten ihn Zazel, den Dämon des Saturn; sein Ort war ihnen fremd, doch seine Herkunft ward gedeutet; so lausche:

Der Saturn wird umflossen von einem Gürtel halbzertrümmerter Welten mit einer Schnelligkeit, die das Denken übersteigt. Er stieß dies Element ab aus seinem Körper. Es durchwanderte die Hülle des Rings, brach aus und hub seinen Irrgang an. Seine ovalen Bahnen wuchsen ins Maßlose. Es war ein fremdes Prinzip, vom Mutterkörper ausgespien. Es verneinte die immer rege Anziehung kosmischen Urleibes; am Ende gelang es ihm, die Spirale zu durchbrechen und in steiler Bahn durchs Weltall zu tauchen.

Stelle dir vor«, so ertönte die psalmodierende Stille (und doch bildeten sich aus mattem Tonfall ungeheure Bilder):

». . . die Erde ist lieblich, pflanzenhaft. Ein Kreislauf schneidet nicht in den andern hinein, sondern allen Wesens Bestimmung rundet sich ab in heiterer Selbstvollendung.

Die Farbe des Blutes ist unbekannt.

Nichts und niemand will dir übel, und wo das Organische sich breitmacht, da weicht das einzelne einander aus und gibt Spielraum.

Auf einmal erstrahlt ein rotes Licht in der Höhe der fernsten Luftschicht tiefer im Azur als jede erforschte Meerestiefe.

Das Licht erscheint nachts, wandelt sich in bengalische Weißglut, und dann geschieht ein Getöse, das noch nie gehört ward. Zersetzungswirbel durchfurchen die Atmosphäre; Springfluten kochen über an allen Gestaden; Grauen der Verwüstung durchpflügt die Stille der Schöpfung.

Das ist die Ankunft dieses Brockens von Eisen, dieses Stückes vom Saturn.

Die Erde erbebt; es stößt in ihren Leib. Ein Fremdkörper, sitzt es seither darin und schwärt. Das Gift, das es erzeugt, wirkt seit Anbeginn. Es ist das älteste Ding der Welt.

Ja, es ist um Jahrmillionen älter als diese Erde, und seine Eigenschaften sind darum auch nicht irdisch. Warum es diese Form anahm? Weil Zazel, der Ausgestoßene von droben, darin saß und seine Form sich abschlug in der Erstarrung des Flüssigen, so wie Blei sich gebärdet, das du siedend ins Wasser träufst; und nicht nur seine Form schlug er ab, es lebt seine Intelligenz in diesem Ding, die außerirdisch ist und grauenhafte Begriffsverwirrung erzeugt... Alle Kriege seit Menschengedenken bis zu dem kleinsten Mord, der unter Tieren sich ereignet, jeder noch so kleine Tropfen verspritzten Blutes nimmt seinen Ursprung von dem Ding. Blut kennzeichnet sein Gedächtnis von Anbeginn, und durch Blut ist es dir gelungen, wie man untrüglichen Wegweisern folgt, ihm auf die Spur zu kommen. Deshalb muß es vernichtet werden, und seine Vernichtung ist nicht leicht.

Gibt man ihm Blut (und sei es auch wenig), so hat Zazel zu verdauen; und...



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