Seidel | Licht in der Finsternis | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 625 Seiten

Seidel Licht in der Finsternis

Gruselerzählungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8187-8513-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gruselerzählungen

E-Book, Deutsch, 625 Seiten

ISBN: 978-3-8187-8513-0
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In den Zwanzigerjahren beschäftigte sich Seidel intensiv mit okkultem Gedankengut, demgegenüber er allerdings stets eine gewisse Distanz bewahrte. Daraus entstanden seine Gruselgeschichten, von denen hier exemplarisch einige veröffentlicht werden. So finden sich hier die Erzählungen Alarm im Jenseits und Licht in der Finsternis.

Bereits während des Studiums veröffentlichte Seidel belletristische Werke, in denen sich früh seine Vorliebe für exotische Themen äußerte. Die Unterstützung Anton Kippenbergs ermöglichte ihm eine Reise nach Ägypten, die er in dem Roman Der Sang der Sakîje verarbeitete. Durch diesen Roman wurde man im Berliner Auswärtigen Amt auf ihn aufmerksam. 1914 bereiste Seidel in staatlichem Auftrag den Pazifik mit dem Ziel, Material für literarische Kolonialpropaganda zu sammeln.
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VII

Am nächsten Tag, um halb vier Uhr, ist es in der Wohnung noch totenstill. Ich öffne leise, leise die Tür zum Korridor und lausche an Frau und Fräulein Bibescus Schlaf-, Wohn- und Spintisiergemach. Ich bekenne das einfach; man nenne solch Bekenntnis zynisch nun wohl; der Abscheu meiner Leser wird sich mildern, wenn sie den Zweck erraten. Ich trage lautlose Hausschuhe; ich spioniere. Drinnen höre ich genau, was ich zu hören erwarte.

„Du hörst nichts. Du siehst nichts. Nur mich siehst und hörst du. Tust du das?“

Ein gurgelndes „Ja“.

„Du hast die Tafel in der Hand und Schreibgriffel. Du wirst jetzt schnell schreiben, was ich dir diktiere. Ich werde immer leiser diktieren, ich werde flüstern, ich werde atmen, ich werde denken ... Worte, Worte. Du wirst ohne Unterbrechung weiterschreiben, denn meine Gedanken werden für dich schallen; nach innen wirst du lauschen und wirst sie hören. Hast du verstanden?“

Wieder ein gurgelndes „Ja“.

„Alsdann schreib' auf folgenden Satz: ›Meine Unvergeßliche, die du noch wandelst im Fleisch, aus den Asphodeloswiesen herüber dringt mein Ruf ...‹ Hast es geschrieben? Weis her ...“

Leider werde ich gerade in diesem Moment von meinem Lauscherposten gescheucht durch die simple Tatsache, dass ein schmetterndes Räuspern die Erscheinung des Barons vorausmeldet. Ich habe gerade noch Zeit, mich in mein Zimmer zurückzuretten, da steht er schon hinten auf dem Gang und kommt nun mit langsamen Schlurfschritten auf meine Tür zu. Militärisches Klopfen. Ich rufe:

„Herein!“

 Was nun auf der Schwelle erscheint, ist ein kahlgerupfter Geier, der Albino eines Kondors, wenn man so will, und schon stark bei Jahren. Ein Einzelgänger. Er ist einer jener Immobilienbesitzer, die gleich Phönixen aus dem Autodafé der Inflation hervorgegangen sind, ein Goldmarkrentner, ein seltener Kauz ...

„Bitte, nehmen Sie Platz“, sage ich und schwinge den Sessel so herum, dass er im Licht sitzt. Mit einem kleinen, hellen Räuspern sinkt das Männchen hinein. Gut vier von seinesgleichen hätten auf dem Möbel Platz. Er streichelt die Lehne mit der von Leberflecken gesprenkelten Rechten und spricht versonnen, in leicht ostpreußischem Tonfall, abgehackt, konstatierend: „Jut eingerichtet, die Frau, wie?“

Ich nicke Bestätigung. „Herr Bibescu hatte Geschmack.“

„Sehr richtig. Sie sind heite auch jebeten?“ Er zupft seinen ausgebleichten, hängenden Schnurrbart, und seine Augen, schlehenblau, treten etwas heraus. Er bemüht sich, meinen Ausdruck zu erkennen, doch sitze ich etwas zu beschattet für ihn. Das ist auch gut so.

„Mir janz anjenehm,“ fährt er zögernd fort, „dass ich Sie vorher sprechen kann, Herr Doktor. Ich möchte Ihnen nur zu verstehen jeben, dass jestern noch eine Konferenz Ihretwejen war; man ist vielmehr die Damen sind ein wenig soupçonneux, dass es Ihnen an  fehlen könnte ... Ich meinerseits bin von der Jejenständlichkeit der Manifestation Herrn Bibescus  iberzeicht.“

„Umso besser“, sage ich, „dann ist ja die Atmosphäre günstig. Ich höre, dass der Glaube Berge versetzt; warum soll er nicht auch schöpferisch wirken? Voilà, Herr Bibescu tritt in Erscheinung ...“

„Ihr Wort in Gottes Ohr!“ spricht der Baron und glotzt stärker. „Jewiß wirkt der Glaube  stark ... Denken Sie etwa nur an ein Suggestionsprodukt mit einem gewissen Jrad von Realität? Nein, lieber Freind. Herr Bibescu ist Tatsache,  vorhanden. Der Glaube ist eine Bricke, ein Trapez, auf dem er sich iber die Schwelle hiniberschwingt. Nun, jut, auch ich war skeptisch zunächst; nun aber bin ich . Prifen Sie selbst! Doch mißte da bin ich mir mit den Damen einig ein jewisser Jrad von Wohlwollen, von Neitralität bei Ihnen zujejen sein ...“

Ehe ich ihn über diesen Punkt beruhigen kann, öffnet sich die Tür. Die Dame des Hauses steht darin. Es ist nicht das Hausgewand aus Schillersamt; es ist etwas weit Prächtigeres, was sie heute trägt: ein Kimono ist's, goldene Drachen auf schwarzem Grund, mit fächerhaft gespreizten Krallen, silbern geifernd. Einem Paravent entnommen, Reservestück ihrer Garderobe, aller Exportartikel schwelgerischster ... so trägt sie es kühn, mit zugekniffenem Mund, streng das klassische Gesicht; sie weiß, es wirkt. Vorn baumelt eine lange Mandarinenkette, keine Exportware; scheppernd schlägt Bernstein an Rosenquarz und Chrysolith, und eine lange Seidenquaste verliert sich in mollig-nächtlichen Regionen. Roten Saffian, Schuhnummer 34 (ich bitte!) an den Füßen, die paillettenbestickt den Dom ihres Leibes tragen. Ein Geruch strömt mir entgegen und stimmt mich lau: eine Mischung von Kampfer und Ambra. Und sie, die Sibylle, neigt das Haupt; sie hebt aus rauschendem Ärmel die Hand und kredenzt uns förmlich die Richtung mit den klassischen Worten:

„Darf ich jetzt bitten beide Herr'n!“

Wo habe ich doch schon Ähnliches gehört und gerochen? Ich habe keine Zeit, ich reiße mich zusammen, und wir ziehen unter ihrer Führung, eine Prozession, in jenes von Afra verfemte, von Geheimnissen schwangere Zimmer hinein ...

Das ist der Orient, den ich rieche, spüre und erblicke. Einmal in meinem Leben empfand ich das schon, genauso stark. Ich saß, müde, in der Säulenhalle der Muaijad-Moschee. Aus Flammen geklöppelte Spitzen, vor meinen Knien am Boden, blendeten mich, doch war ich zu benommen, um den Kopf abzuwenden. Das war die Sonne, die durch das arabische Gitterwerk aus Stuck und durch die Rosette drang. Es war kühl hier; von draußen kamen, halb erstickt, wüste Händlerschreie und das brünstige Schluchzen eines Esels. Diese Stimmung, genau dieselbe, fasst mich hier. Ich sehe in ein Dämmerlicht, das allerhand bunte Farbtupfer hervortreten lässt; ein dumpfes Schwären von gesättigten Farben. Vorn steht ein chinesisches Tischchen, auf dem eine Schiefertafel und ein Griffel liegt. Davor, dem Fenster zugewandt, bemerke ich etwas Nilgrünes, mit gelösten schwarzen Flechten: Linda im Hocksitz. Ihr Profil, perlblass, ruht regungslos auf dem Kissenaufbau, der in ihrem Rücken aufgestapelt ist. Genau ihr gegenüber, auch im Hocksitz, thront die Sibylle. Die Ritzen der herabgelassenen Jalousie malen ein geometrisch exaktes Linienmuster auf den Zimmerboden: pinselfeine Striche aus Glut. Hinter der Jalousie quillt verworrener Lärm auf und verebbt rhythmisch, einlullend, in Entfernung gerückt: das Geknatter der leerlaufenden Motoren.

Hoheitsvolle Handbewegungen weisen uns unsere Kissensitze zu: dem Baron links und mir rechts von Linda. Nun sagt die Sibylle mit einer seltsam blechernen, eintönigen Stimme:

„Hörst du mich?“

Das Profil zuckt nach vorn. Der Mund öffnet sich halb; dann gurgelt ein halb ersticktes „Ja“.

„Nimm Schreibtafel und Stift. Dein Vater ist hier. Du siehst ihn. Er sitzt neben mir. Er macht den Mund auf, er spricht langsam. Was sagt er dir? Schreib's nach.“

Die Hand mit dem Griffel tastet nach der Tafel. Die Augen Lindas stehen weit offen, hineinverbohrt und eingeschmolzen in die schwarzen, flüssigen Pupillen der Mutter. Und nun beginnt der Stift zu kratzen. Vage Linien zunächst und Kurven. Dann werden es Buchstaben, Wörter. Ich bemühe mich heiß, festzustellen, ob die Alte die Lippen bewegt oder nicht. Es gelingt mir nicht, da ich fast nur die schwarze Silhouette ihres Kopfes sehe. Der Baron, todernst, höchst andächtig, glotzt mit seinen hervortretenden Augen auf die schlanke, weiße, geschäftige Hand des Fräuleins. Sein Interesse ist zügellos; auch ist er, wie mir scheinen will, ein weniges näher gerückt, anscheinend, um jetzt schon zu versuchen, mitzulesen, was jedoch bei der Beleuchtung kaum möglich ist. Sein Ellenbogen ruht dicht an dem in Trance gelösten, schlanken Schenkel des Mädchens; sein ausgebleichter Schnurrbart zittert. Er ist höchst angeregt und voll brünstiger Überzeugung.

Linda hat verhältnismäßig schnell und ohne abzusetzen die Tafel vollgekritzelt. Die Mutter wendet nun die Augen von ihr ab, und die Lider des Mädchens beginnen zu zittern. Sie fährt noch einmal mit dem Griffel umher, als wolle sie weiterschreiben; doch die weiteren Äußerungen des verewigten Vaters bleiben als stumme Runen in der Luft hängen. Kein Wunder: ist ihm doch auch die Tafel entzogen, die die Mutter an sich gerafft hat. Ihr Profilschattenriss, als sie sich jetzt näher zu den lichtspendenden Jalousieritzen neigt, tritt klassisch in Erscheinung. Sie liest stockend vor, sie liest mit eintönigem Singsang. „Zunächst einmal kommen wieder“ spricht sie, „die üblichen Krähenfüße und Schnörkel. Da tastet er noch, bevor dass er hinüberlangen kann ins Diesseits. Nachher aber bitte die Herren, sich zu überzeugen wird's deutlicher; und dann kommt: ›Meine Unvergessliche, die du noch wandelst im Fleisch, aus ... A ... Asphodelos‹ (eigenartig, was? Das wird ja eine glänzende Manifestierung) ›also Asphodeloswiesen‹ (no, wenn das nicht poetisch ist ...) ›hinüberdringt mein Ruf zu dir und der Jungfrau, die du schützest und behütest. Ich webe und lebe hier, um euch und über euch. Harret, und alles wird gut. Ich sehe einen Freund, einen älteren Freund. Er wird ihn tragen, den Edelstein; er wird es erlangen, das Ziel.‹“

Die Sibylle hat es heruntergebetet wie den Textbeleg zu einer nachfolgenden Predigt. Der Baron indessen ist gänzlich zu Linda hinübergerutscht, und seine welke Hand gleitet leise knisternd über Verlockungen, von denen er sich lediglich durch das nilgrüne Gewand getrennt fühlt. Es ist anscheinend nicht das erste Mal, dass die „Rufe“ Herrn Bibescus so lebhaftes Echo in ihm wecken und Wurzeln schlagen. Der alte Herr fühlt sich sehr behaglich; das...



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