E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Seidenauer Aufgetrennte Tage
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7017-4426-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4426-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gudrun Seidenauer, geboren 1965 in Salzburg, Studium der Germanistik und Romanistik, Lehrerin für Deutsch, Literatur und kreatives Schreiben, lebt in Adnet bei Salzburg. Im Residenz Verlag erschienen ihre Romane 'Der Kunstmann' (2005), 'Aufgetrennte Tage' (2009) und 'Hausroman' (2012).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1 Was wissen die
Die Maschen fallen von den Nadeln, eine nach der anderen. Noch wissen die Hände, wie man sie wieder auffängt, der Wollfaden gleitet zweimal um den Zeigefinger der Linken wie zehntausende Male zuvor und strafft sich, so fest, dass eine spiralige rote Spur auf der Haut zurückbleibt. Halbpatentmuster, ihr Leben lang kennt sie es, sie mag das leicht Füllige daran und die klaren Linien. Ihr Leben lang strickt sie schon, abends, Westen, Schals, Pullover. Lieber für andere als für sich selbst. Sie bevorzugt feinere, maschingestrickte Gewebe. Handgestricktes trägt auf, sie sieht darin dicker aus, findet sie. Sie streicht über ihre Hüften, die in der Miederhose stecken, und seufzt. Ein weichlicher Fleischring über dem Bund war da immer, seit sie denken kann. Jetzt ist er weg, aber sie kann ihn noch fühlen. Es ist einerlei, jetzt. Neulich war sie einkaufen, und als sie nach Hause kommt, bemerkt sie, dass sie nur die Strumpfhose unter dem Wintermantel trägt. Sie hat dann lange gebraucht zum Anziehen und das Mittagessen vergessen, egal. Seit er weg ist, braucht ja sie nicht mehr zu kochen. Noch einmal gleiten die Hände über die Hüften, auf und ab, aber sie bemerkt es nicht. Sie strickt schön, nicht zu locker, nicht zu fest. Die Finger prüfen die fertigen zwei Handbreit. Ein Schal, lilagrau meliert. Für ein Mädchen, eine Frau. Ein Schal für wen? Der Kopf sticht. Wieder die tiefen Röhren, die direkt aus dem Blick zu wachsen scheinen. Enger. Es ist dunkel und flimmert an den Rändern. Vom Zimmer bleiben münzgroße Lichtpunkte, die sie fixiert, als käme es darauf an, diesen Rest an Helligkeit festzuhalten. Die Finger krampfen, der Schmerz schießt von beiden Händen heiß in die Schultergelenke, verknotet sich im Nacken. Die Augen irren umher. Atmen. Ein, aus, ein. Die Lichtscheiben werden wieder größer. Da das Foto der Tochter auf dem Beistelltischchen. Für die Tochter, freilich! Für die Kleine. Das Fotolächeln wird den Schmerz auflösen, nicht gleich, aber sie spürt es schon. Sie steht nicht auf, lässt das Strickzeug nicht los. Ein Blick genügt. Jetzt sind wieder alle Maschen auf den Nadeln. Es ist noch früh heute, erst zwei, und sie wundert sich plötzlich, warum sie um diese Zeit schon strickt. Abends, sie hat doch immer abends gestrickt. Nur in den Jahren nach dem Krieg, als sie mit der Mama in der kleinen Wohnung am Hauptplatz in Kaltern gewohnt hat, wurde auch tagsüber gestrickt, für den Kurzwaren-Morandell. In grauen Kartons, die sich im Vorzimmer, unter der Schlafcouch, unter dem Küchentisch stapelten, lagen die Wollknäuel und wurden nicht weniger. Wo man ging und stand, stieß man mit den Füßen dagegen. Auch die Wolle war grau, dunkelblau, tannengrün oder braun, manchmal schwarz, die schwarze nahm dann immer sie, weil sie die besseren Augen hatte, die brannten aber trotzdem nach den langen Samstagnachmittagen und verregneten Sonntagen. Die Finger wurden steif vom Stricken und die Schultern taten weh. Aber anders weh als jetzt, das weiß sie, ohne den Unterschied benennen zu können. Wenigstens war es neue Wolle, nicht die aufgetrennte aus den Kriegsjahren, die sich immer so kräuselte und nie ein wirklich gleichmäßiges Gewebe ergab, egal, wie schön man strickte. Socken, Socken, Socken. In Zopfmuster. Helle Kniestrümpfe. Sie kramt einen Zettel aus der Kitteltasche, schreibt, faltet ihn sorgfältig zusammen. Und sie hat schön gestrickt, ja. Wie maschingestrickt, Fräulein Mariann, sagte der alte Morandell, wenn er mit seinen breiten gichtigen Händen über die Socken fuhr und mit der Zunge in den Mundwinkel, sie angrinste und ihr einen Schritt zu nah kam, sodass sie die Kante der Küchenkredenz im Kreuz spürte. Er roch säuerlich, nach Weinkeller und Pfeife, und die Kartons mit der Wolle rochen genauso. Sie meinte, auch an der Wolle selber hafte dieses Dumpfe, Gierige, und sie wusch sich immer die Hände nach dem Stricken, ließ das kalte Wasser minutenlang rinnen und schrubbte, bis die Mutter kopfschüttelnd den Hahn zudrehte.
Sie riecht am Strickzeug. Da ist es wieder: sauer, schwer, gierig, süß. Sie erschrickt, sieht auf die Uhr. Drei. Die Hände bewegen sich, fassen aber keine Maschen auf. Die Nadeln kleben. Die Hände bewegen sich weiter. Für Capellini hat sie lieber gestrickt. Die feine Mohair- und Merinowolle, die sie aus Florenz kommen ließen. Die Farben. Sie schließt die Augen. Farben vergisst man nicht. Es durften keine Fehler in den cremefarbenen, senfgelben oder bordeauxroten Bolerojäckchen sein. Die taubenblauen Dreieckstücher mit den Lochmustern. Wolle-Seide-Gemisch. Die machte sie am liebsten. Wann war das? Die Mutter hat ihr geholfen, die Brille ist ihr immer heruntergerutscht, und sie hat sie ihr an der Schürze geputzt, drei, vier Mal am Abend. Die Krägen an den Jäckchen waren schwierig, aber sie hat nie einen Fehler gemacht. Die Capellinis mochten sie, vielleicht, weil sie so gut italienisch sprach. . Das hat sie ein wenig gekränkt, trotzdem. Sie sieht ihren Händen zu wie fremden Tieren, die in ihrem Schoß spielen. Den Faden vor die linke Nadel, dahinter, davor, dahinter. Wie große, bleiche Spinnen bewegen sie sich. Ekel steigt in ihr hoch. Schöne, schmale Hände mit langen Fingern hatte sie. Jetzt hat die Tochter ihre Hände. Sie reißt am Faden, mit dem Herzschlag steigt ihr Zorn in den Kopf. Das ist nicht gut, das weiß sie. Den Faden, der davorliegt, mit abheben, glatt. Verkehrt. Was macht die rechte Nadel? Wieder fällt eine Masche. Davor oder dahinter? Der Herzschlag im Kopf. Sie kann es nicht mehr. Ihr Leben lang strickt sie Halbpatent, Westen, Schals, Pullover. Patent, Halbpatent, falsches Patent, Netzpatent. Lochmuster, Zopfmuster. Die feinen Strickdeckchen mit fünf Nadeln, die die Signora Capellini immer so gelobt hat. Das silbergerahmte Foto des Sohnes in der schwarzen Uniform am Kamin der Capellinis. Ein schöner Mann. Hohe Stirn, Augen wie Rudolfo Valentino. Ob er ihr gefalle, hat die Signora einmal gefragt, als sie bei ihr im Wohnzimmer saß. Neben dem Foto des Sohnes, Lorenzo hieß er und er war in Rom stationiert, stand das eines vielleicht achtzehnjährigen Mädchens. Das Mädchen trug eine Perlenkette und war hübsch. Ein wenig rund um die Wangen vielleicht. Sie hielt den Kopf ein bisschen schräg und schaute wissend. . Sonst sagte die Signora nichts, und sie hätte nicht zu fragen gewagt. Das hätte die Signora nicht gewollt, Marianne konnte es hören. Sie war immer gut im Hören. Sie wusste, was die Leute meinten, auch wenn sie es nicht sagten. Deswegen mochten sie sie auch in den Geschäften, in denen sie arbeitete. Marianne dachte damals oft an Chiara, auch daran erinnert sie sich. Weil sie auf dem Foto so schaute, als wisse sie, dass sie nicht alt werden würde. Dumme Gedanken waren das. Aber sie konnte nicht aufhören, an Chiara zu denken, vor allem, wenn sie strickte. Wie sie wohl geredet und gelacht hatte? Ob sie auch so geschickt war wie Marianne? Vielleicht war sie bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben. Je öfter Marianne das dachte, desto mehr glaubte sie es. An Lorenzo dachte sie auch. Ob er ihr gefalle! Was der Signora einfiel. Nicht auszudenken. Ein Italiener. An Lorenzo und Chiara dachte sie immer in Italienisch. Das war sicherer. Wie dumm sie damals war. Die eckige, schrumpfende, vergessliche Marianne mit dem verhedderten Strickzeug auf den Knien lacht die junge, geschickte, plumpe Marianne aus. Die dickliche, junge Marianne mit ihren fünf dünnen Klappernadeln im Schoß. Die junge, kirschäugige Marianne, die keine Kinder wollte, nie, aber immer sagte, wenn jemand fragte. Wie blöd sie immer fragten. Wann sie heiraten wolle, und Kinder, wie viele. Die junge, lebende Marianne, die einer toten, jungen Frau erzählt, wie blöd die sind mit ihren blöden Fragen. Was es da zu denken gab. An eine Tote und an einen Italiener, der in Rom stationiert war, in Rom, von wo die sich ausbreiteten, herauf in ihre Häuser zogen, ihren Dörfern idiotische neue Namen erfanden und sich sogar auf ihren Friedhöfen breitmachten mit ihren lächerlichen steinernen Schubladen. Die ihnen die Sprache wegnahmen und alles andere auch. Die in die hässlichen, eilig herausgestampften Mietskasernen am nördlichen Stadtrand zogen, ihren Wein soffen und manchmal Hühner in der Badewanne hielten, wie man erzählte. Die waren nicht wie die Capellinis, die meisten nicht.
Auch die Capellinis sprachen kein Deutsch. Aber Marianne störte das nicht. Das Italienischreden war leicht. Die Signora trank nachmittags gern ein Gläschen Likör zum Espresso. Wenn Marianne die fertigen Stücke ins Geschäft brachte, nahm die Signora sie meistens am Ellbogen, schob sie vor sich her in den ersten Stock, hinauf in die Wohnung, und nötigte sie, mit ihr Kaffee zu trinken. Sie erinnert sich an die enge, immer gut gewachste dunkle Holzstiege, an die plötzliche wohltuende Kühle im Treppenhaus, an den Geruch der Signora, Lavendel und Wäschestärke, an ihren sanft murmelnden Redeschwall:
Sie erinnert sich, dass sie sich immer...




