E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Seidenauer Der Kunstmann
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7017-4428-2
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4428-2
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gudrun Seidenauer, geboren 1965 in Salzburg, Studium der Germanistik und Romanistik, Lehrerin für Deutsch, Literatur und kreatives Schreiben, lebt in Adnet bei Salzburg. Im Residenz Verlag erschienen ihre Romane 'Der Kunstmann' (2005), 'Aufgetrennte Tage' (2009) und 'Hausroman' (2012).
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1
Kleiner sah er aus in dem voluminösen Ohrensessel. Als ihm etwas Kuchen vom Teller rutschte, war es mir peinlich, als wäre es mir passiert. Er trank den Tee in kleinen Schlucken, schob den Kopf echsenhaft langsam an die Tasse heran, wobei seine Anzugjacke breite Querfalten im Nacken schlug. In den Gesprächspausen flatterte sein Blick weg. Dieses Haus macht ihn alt, dachte ich, als ich ihm nun auf dem messingfarbenen Sofa mit den genau einen Ton dunkleren Samtkissen gegenübersaß. Ein hoher Raum, karg möbliert, vollgestellte Regale, die bis zur Decke reichten. Bücher hatten ihn sonst immer größer gemacht, wenn er über sie sprach. Oft schien es, als führte er Dialoge mit ihnen wie mit lebendigen Gesprächspartnern. Jetzt halfen die Bücher nicht, waren stummes Dekor eines sehr bürgerlichen Wohnzimmers, dessen Perfektion mich unruhig machte. Eisners Konturen verschwammen in den weichen Gelb- und Orangetönen des Zimmers. Ein Stich frischer Farbe lag im Kaffee- und Kuchengeruch.
»Schön hier draußen, durchaus«, sagte Eisner. »Und jede Menge Natur rundherum, süddeutscher Nadelwald fast bis ins Wohnzimmer.« Er lachte auf, wieder fiel ihm Kuchen aufs Fauteuil, den er einfach auf den Teppich fegte.
»Sie wissen ja, was mir Natur bedeutet. Nichts, rein gar nichts. Der Blick der Menschen hat sie mir verdorben. Schade, nicht?«
»Nicht unbedingt«, antwortete ich. »Naturliebhaber und -schützer gibt es doch ohnehin genug.«
»Jetzt erkenne ich Sie wieder, Herr Klement.« Eisner grinste und zeigte mit der Gabel auf mich.
Als ob ich es wäre, der sich verändert hatte. Dabei war es Eisner, der nun erst allmählich wiedererkennbar wurde: Die Stimme, die mühelos große Räume gefüllt hatte. Die knappen Sätze mit der Stille dazwischen, die ich liebte.
Vor beinah einem Jahr hatte er einen Vortrag am Germanistischen Institut der Universität gehalten, an der er zuletzt Gastprofessor gewesen war und ich Assistent mit halber Stelle. Er wolle jetzt endlich seine in den USA lebende Tochter besuchen, hatte er mir erzählt. Ich hatte darauf gewartet, dass er mir seine Adresse gäbe. Oder etwas anderes, ein Versprechen oder nur eine Andeutung, irgendetwas, das das Besondere zwischen uns bestätigte. Dann sein Anruf, schon nicht mehr erwartet.
Ich hatte Frau Eisner nicht kommen hören. Klirrend schlug mein Kaffeelöffel an die Tasse. Frau Eisner trug ihr Standardlächeln, das immer eine Spur zu lang im Gesicht hängen blieb. Deshalb hatte ich sie anfangs auch nicht gemocht. Ich machte ihr ein Kompliment für den Kuchen, und sie lächelte, so wie sie immer gelächelt hatte, wenn sie mit dem alten schwarzen BMW vor dem Institut vorgefahren war, um Eisner abzuholen, der keinen Führerschein besaß. Zumeist zehn, fünfzehn Minuten vor Vorlesungsschluss war sie in die letzte Reihe des Hörsaals geglitten. Eisner und sie waren stets Arm in Arm die zwei Stockwerke hinuntergegangen, sehr aufrecht alle beide und schmal, die Blicke auf die Treppen geheftet, stets bemüht, sich die Konzentration, die das rasche Gehen erforderte, nicht anmerken zu lassen. Frau Eisner war Sportlehrerin gewesen, und ihre energischen, etwas eckigen Bewegungen hätten immer noch gut in einen Turnsaal gepasst, zur Spannung im Körper bei einem Radschlag oder einem eleganten Felgaufschwung.
Eisners Blick verlor sich schon wieder in den lachsfarbenen Vorhängen, die sich in üppigen Rüschen um die Fenster bauschten. Beinah synchron hoben wir alle drei die Kaffeetassen.
An der gegenüberliegenden Wand hingen Handstudien Albrecht Dürers in schmalen Goldrahmen, scharfe und doch weiche Striche mit viel Weiß rundherum, die aus der Ferne wie vereinzelte, in der Bewegung erstarrte Flügel aussahen. Die gespreizten Finger einer kräftigen, bäuerlichen Hand, kurze Kinderfinger, die einen Stoffzipfel hielten, und eine locker geöffnete, beringte Frauenhand mit spitz gefeilten Nägeln, eine Hand mit wie vor Anstrengung hervortretenden Fingerknöcheln, die eine Art Griffel umklammert. An Buchrücken lehnten Fotos: Eisner und seine Frau im Gespräch mit verschiedenen Schriftstellern. Die junge H. auf einem Schwarzweißbild, daneben Eisner, höchstens fünfzig, in der Linken ein Glas in gefährlicher Schräglage. Da am Foto war der vertraute, wachsame Blick, der langsam aus dieser pastellfarbenen Idylle wieder zurückkehrte. Er lag auf dem breiten Lachmund der Dichterin. Für mich war es immer schwierig gewesen, aus Eisners Blick wieder herauszufinden.
Ich kehrte zu Dürers Handskizzen zurück. Wie sie sich bei richtigem Licht zu bewegen begännen. Am Parkettboden tanzten Sonnenkringel. Frau Eisner schwärmte vom Seeblick, erzählte von der Tochter in Amerika und wie sie das Haus gefunden hätten, in dem sie nun seit drei Monaten wohnten.
Vor dem hohen Fenster der See, eine silbriggrüne erstarrte Fläche. Keine Bewegung, nirgendwo. Ich griff mir an den Hals, lockerte den Kragen. Eisner folgte meinem Blick, schlug vor, spazieren zu gehen. Wohin war das Leichte, Fließende, oft Sprühende unserer Gespräche von früher verschwunden, das verlässliche und doch oft überraschende Weiterspinnen eines Gedankens, den der andere begonnen hatte? Sie schienen auf den vertrauten 60er-Jahre-Plattenbau des Instituts angewiesen zu sein, auf die winzigen, mit Büchern und Aktenordnern vollgestopften Büros, auf die kahlen, neonbeleuchteten Gänge, wo wir uns nicht zu verabreden brauchten, wo man nur den Finger auf eine Seite legen, das Buch unter den Arm nehmen und vier Türen weiter anzuklopfen brauchte, wo man sich den dünnen, süßlichen Kaffee vom Automaten holte, den Becher am Fensterbrett abstellte und ihn manchmal vergaß, bis er kalt war. Und jetzt? Ich war schon lange nicht mehr Eisners Student, auch nicht mehr der »junge Kollege«, wie er mich seit meiner Dissertation vorzustellen pflegte, was mich meist mit angenehmer Verlegenheit erfüllt hatte. War ich sein Freund? Er war dreiundvierzig Jahre älter als ich. Vielleicht hatte es deshalb nie die Entspanntheit gegeben, die für eine Freundschaft nötig ist, auch wegen seines uneinholbaren Vorsprungs an Lektüre und Wissen.
Das Seeufer lag vielleicht hundert Meter entfernt. Ich erinnere mich an den breiten Silberrand um die Eisfläche und an die taubenblauen Streifen aus Schilf und gestutzten Weiden. Die Kälte biss sich in Armen und Beinen fest. Am gegenüberliegenden Ufer kroch eine Kette aus glitzernden Fahrzeugen den Berg hinauf. Ich erinnere mich an den Rauch, der uns in dünnen Fäden vom Land her nachtrieb, und an Eisners Gesicht im Profil mit den tiefen Kerben zwischen Nase und Mundwinkel. Er trug das Haar nun länger, es klebte in dicken weißen Strähnen am Schal. Hier draußen war die Stille zwischen uns leichter. Wir würden den See überqueren und am gegenüberliegenden Ufer ein Glas Wein trinken. Ich dachte an den Blick über den Fluss bei unseren Institutsgesprächen, dessen Farben sich mit Wetter, Jahreszeit und Tageslicht veränderten und die ich allmählich genau kennen gelernt hatte, während ich viele Male mit Eisner redend am Gang zwischen unseren Büros gestanden war. Motoren und Henry Moore, Tänze, Südengland, Orte und Züge, Flüsse und Kino, Maler, vor allem aber Bücher. Nichts eigentlich Privates, niemals. Und niemals ein Wort über einen Kollegen. Diese so genannten persönlichen Gespräche seien in Wahrheit doch das Unpersönlichste, das es gäbe, nichts als heimliche Versicherungen, dass man denselben Konventionen huldige, hatte Eisner einmal gemeint, und ich hatte ihm zugestimmt. Und beinah immer war er es, der unsere halb arrangierten, halb zufälligen Begegnungen beendete. Ich versuchte nie, das zu ändern. Hin und wieder hatte ich in meinem Fach einen Zettel vorgefunden, die unbeschriebene Rückseite einer alten Skriptumseite: , so schrieb er es stets, mit Datum und Uhrzeit versehen, reines Kokettieren mit seinem Alter, hatte er einmal achselzuckend gesagt, als ich ihn auf die antiquierte Schreibweise ansprach.
Nachts hatte es aufs Eis geschneit, und der Schnee war wieder gefroren, sodass die Oberfläche des Sees körnig war. Eisner ging ziemlich schnell, holte mit den Armen aus, streifte mich mehrmals, ohne es zu bemerken. Ein Schwarm Möwen stürzte quer ins Blickfeld, einzelne Vögel traktierten einander mit Schnabelhieben und durchstießen immer wieder eine moorbraun glänzende Öffnung im Eis. Ich erinnere mich an die kahlen Pappeln und die wenigen Spaziergänger, die wie bewegliche Buchstaben im bläulich leuchtenden Schnee aussahen. Wie ein unmerklich in Bewegung geratenes Bild von Breughel, das von zwei Figuren durchquert wird, ein langer, schweigsamer Gang übers Eis. Aber nein: Da sind Eisners Mundbewegungen und seine ausladenden, von der Winterkleidung etwas gebremsten Gesten. Ich habe vergessen, worüber wir uns unterhielten, während alles Sichtbare in der Erinnerung überdeutlich gespeichert ist. Wir liefen über die breiten,...




