Seidenauer | Hausroman | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Seidenauer Hausroman


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7017-4342-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7017-4342-1
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was ein Haus erzählt: vom Leben unter einem Dach, zwischen Wänden und Türen. Und mit den Menschen geht auch die Liebe ein und aus. Da ist zum Beispiel Konrad, er ist Architekt: Als er mit Dora einzog, war sie schwanger, elf Jahre später verließ sie ihn, mit der gemeinsamen Tochter Katharina. Mit sechzehn zieht sie wieder zu ihm, er füllt den Kühlschrank auf. Und er holt das Modell der idealen Wohnanlage hervor, an dem er in den Jahren der Einsamkeit gebaut hat. Konrad sieht nicht, wie seine Tochter vor seinen Augen verschwindet, weil sie nichts isst. Er sieht aber auch Marie nicht, die Ärztin aus dem Mezzanin, die sich in ihn verliebt und Katharina nach ihrem Zusammenbruch findet. So wie diese Geschichte öffnen sich auch alle anderen Geschichten, die dieses Haus erzählt, von zwei Seiten, wie Türen, die von einem Raum zum anderen führen. Gudrun Seidenauer öffnet die Türen in einen Kosmos auf kleinem Raum, in dem Vergangenes und Gegenwart einander durchdringen. Stilistisch brillant, mit feinem psychologischem Gespür erzählt sie, was ein Haus vom Leben erzählen würde, wenn es nicht dessen stummer Zeuge wäre.

Gudrun Seidenauer, geboren 1965 in Salzburg, Studium der Germanistik und Romanistik, Lehrerin für Deutsch, Literatur und kreatives Schreiben, lebt in Adnet bei Salzburg. Im Residenz Verlag erschienen ihre Romane 'Der Kunstmann' (2005), 'Aufgetrennte Tage' (2009) und 'Hausroman' (2012).
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2
NICHT JETZT

Er scheint sie nicht zu sehen. Das sieht nicht nach einem Anfang aus, doch es ist einer. Und sein Blick, ständig rutscht er weg, irgendwohin, durch die Wand, über die Stufen, auf der Suche nach irgendetwas, das nicht hier, nicht jetzt ist.

Manchmal, nach der Vormittagsordination oder in einer unerwarteten Pause, verlässt Marie die Praxis, um im Stiegenhaus verstohlen eine Zigarette zu rauchen und danach ein Pfefferminzbonbon zu lutschen. Sie liebt die kühle Weitläufigkeit des Raums, die kleine Illusion von etwas weit nach oben und ins Freie hinaus Führendem, wenn der Blick der sich verjüngenden Spiralform des Geländers folgt. Für ein paar Minuten keine aufgesperrten Mundhöhlen, krummen Rücken, Herztöne. Ein paar Minuten lang niemandem zuhören müssen.

Sie sieht ihn des Öfteren die Treppe herunterkommen, seltener hinaufgehen. Er trägt irgendeine Plastiktüte, die Henkel verdreht um das Handgelenk geschlungen, so dass sie eigentlich einschneiden müssen, oder eine unter den Arm geklemmte Mappe. Sehr aufrecht hält er sich, schon ein wenig steif. Wahrscheinlich ein sich ankündigendes Problem in der Halswirbelsäule zwischen C4 und C6. Eilig hat er es nie, bis auf dieses eine Mal eben. Vermutlich Freiberufler. Da eine eingerissene Jackentasche, dort ein fehlender Knopf, oder die Schuhe passen nicht recht zur Hose, insgesamt etwas dezent Abgetragenes, fast wie ein bewusst gesetzter Akzent. Aber keine billigen Sachen, das sieht Marie. Da ist die angenehme Spur Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber, findet sie. Zudem hat er das, was sie ein gutes Gesicht nennen würde: kein herausragendes Detail, vielmehr das Zusammenspiel des Ganzen. Die Augen, ja, sicher: Seit dem Medizinstudium hat sie eine nüchternere Auffassung von den Sehorganen. Sie stellen keinen Spiegel der Seele mehr dar oder derlei. Um des Überlebens willen liest man dennoch fortwährend in Gesichtern, reimt sich Geschichten zusammen. Man hat nichts Besseres. So jedenfalls sieht es Marie und lässt die Augen aus dem Spiel. Nein, natürlich stimmt das nicht. So vertritt sie es nur, wenn ihr wieder einmal die Schwärmerei einer ihrer Freundinnen auf die Nerven fällt. Und da ist ja Fabian, ihr bald fünfjähriger Sohn: Mein Gott, die ersten Tage und Wochen waren ein einziges Fest der Augen und Blicke.

Später wird Marie mehrere Versuche unternehmen, die Sache mit Konrad durchzudenken. Dazu notiert sie Stationen ihrer Geschichte in ein Heft. Es hilft nicht, egal wie detailliert sie sich erinnert. Sie starrt auf ihre ordentlichen Sätze mit den Ruf- und Fragezeichen. Konrad rutscht immerzu zwischen den Zeilen durch.

Bei ihren noch wortlosen Begegnungen im Stiegenhaus sieht Marie ihn immer allein, und etwas an ihm verdoppelt die Einsamkeit geradezu. Sie grübelt nach, was es sein könnte. Nein, eben nicht Perfektion, die hätte etwas Isoliertes und Totes, egal ob an einem Mann oder einer Frau. Trotzdem, die Farben, der flüchtende Blick oder was immer es ist, vielleicht selbstgewählt, vielleicht nicht. Ihre Unfähigkeit, es zu benennen, ärgert Marie. Sie macht jetzt öfter eine Zigarettenpause.

Menschen in Schuss zu halten ist doch eine ehrenwerte Sisyphosarbeit. Es ist dieser Satz aus dem Gespräch mit einer Kollegin, der Marie nach drei Wochen Urlaub einen angenehmen Hauch Ironie ermöglicht. Immer noch erschrickt sie vor der Zumutung des Wartezimmers voller grau- und gelbgesichtiger Menschen so früh am Morgen, wenn sie nach längerer Abwesenheit zurückkommt. Sie sperrt die Doppeltür der im Mezzanin gelegenen Praxis auf, und die Angst kribbelt in der Kehle. Als wäre es ganz und gar unmöglich, hierherzukommen. Als wäre sie ein Scharlatan, der nur durch glücklichen Zufall noch nicht aufgedeckt wurde. Aber dieses Gefühl dauert nie lange an. Es vertreibt immerhin die Schläfrigkeit, die von der U-Bahn-Station bis hierher wie ein unangenehmes Gewicht an ihr zerrte. Stethoskop und weißer Mantel, das sind die Zauberutensilien, die wiederum das Angstgespenst verjagen. Der Erste, der sie »Frau Doktor« nennt, verwendet damit die passende Zauberformel. Nur die Zumutung hilft gegen die Zumutung.

Klar, dass es Marie sein musste, keine andere. Sie war meine Möglichkeit, zu Konrad auf Distanz zu gehen und zugleich mit ihm verbunden zu bleiben. Eine andere Perspektive gab es nicht, wollte ich nicht zwischen ihm und Katharina hin- und hergerissen verharren, gebeutelt von unwürdiger Sehnsucht. Zudem liebte mich Marie auf den ersten Blick. Wo sie herkommt, sind die Häuser eng, die Räume niedrig und hellhörig. Man hört das Gras wachsen beim Nachbarn und hält alles kurz, was wächst. Seit sie zwölf war, wollte Marie in die Stadt, in ein Haus mit hohen, verschwiegenen Fenstern, einer schweren, zweiflügeligen Haustür und so vielen Namen an den Klingelschildern, dass man sich unmöglich alle merken könnte. Als sie vor der Übernahme die Praxis besichtigte, meinte sie, bei einem Schulausflug genau hier an der Schwelle gestanden zu sein und sich hineingewünscht zu haben. Marie glaubt sogar, sich an das Türkis des Stiegenhauses zu erinnern, das sie durch die Milchglasscheibe der Haustür schimmern gesehen haben will, an den kühlen, dunklen Messingknauf mit dem kleinen Löwenkopf, der aussieht, als lächle er etwas schief, aber beides trügt.

Eine große Erzählerin ist Marie nicht, sie versteht sich weder auf dekorative Wortgirlanden noch auf sublimes Flirten und schwebendes Andeuten. Konrad würde von ihrer Geradlinigkeit beeindruckt sein. Trotz einer gewissen Zurückhaltung kein Geheimnis aus sich zu machen, war ihm das Geheimnisvollste und Fremdeste überhaupt. Gerne stünde ich ihr bei. Vielleicht lernt sie ja, dass ein scharfer Blick keineswegs ein Impfstoff ist. Und dass keiner so genau weiß, wer Konrad ist.

Immerhin hat sie mich überrascht, wofür ich dankbar bin. Marie war von Konrad – wie soll ich sagen? Berührt? Fasziniert? Nichts davon trifft es. War sie in ihn verliebt? Aber was heißt das schon. Äußerst eingenommen, das bezeichnet es am besten.

Auch nach diesem Urlaub läuft es natürlich wieder klaglos. Die Patienten kommen in gerade angenehmer Dichte. Heute zwischen neun und elf eine Combustio mit heißem Kaffee, Grad eins bis zwei, Angina mit gestippten Tonsillen, einige Fälle der gerade grassierenden Gastroenteritis, drei Mal Blutbild, ein Lumbago, Überweisungen an diverse Fachkollegen, das Übliche. Ein junger Inder mit leichten Abschürfungen, einer hartnäckigen Sinusitis und unklarer Kranken-versicherung, was sie einige Zeit kostet. Zwei etwas mühsame Multimorbide über achtzig. Mit ihm redet Marie über seinen Hund, dessen möglicher Tod ihm die größte Sorge bereitet. Die Nebengeräusche seines Atmens alarmieren, etwas rhythmisch Klirrendes ist darin, was Aufmerksamkeit verlangt. Beim Abschied drückt der kleine, magere Mann ihre Hand, bis es wehtut. Wie immer gibt es zumindest einen Patienten, der zu lange sitzen bleibt, heute ist es eine aus der Form gequollene Frau, die die Henkel ihrer senffarbenen Handtasche knetet wie Teig, während sie in verschlungenen Satzkaskaden ihre an sich harmlosen Beschwerden vorbringt und dabei etwas ziellos Flehentliches in ihre Stimme legt. Ihre Probleme scheinen mit dem erheblich jüngeren, kompakt-kantigen Mann zu tun zu haben, der stets auf den Boden starrend im Wartezimmer sitzt, dann seine aus dem Behandlungszimmer kommende Frau wortlos am Ellenbogen fasst und wie eine Schwerkranke aus dem Raum schiebt. Marie schaut den beiden nach. Sie wüsste zu gern. Hinter ihr surrt die Zentrifuge des Blutlaborgeräts. Das Telefon, die Assistentin, der Drucker, Unterschriften. So schnell ist ein kleines bisschen Neugier zerrieben.

Sie lässt das Lächeln in den Mundwinkeln stehen, sieht ihren Händen zu, die ohne gestische Umwege das Richtige tun, effizient, aber nicht unsanft. Es läuft klaglos. Es läuft und läuft, es läuft ohne sie. Marie nickt der Sprechstundenhilfe zu, flieht für zwei Minuten auf die Toilette, hält sich selbst, drückt ihre Oberarme, massiert die Halsbeuge. Sie betrachtet ihre Hände wie die von jemand anderem. Das Kind fällt ihr ein. Undankbar ist sie. Kalte Haut, wie anästhesiert. Wenn das Kind an den zwei Nachmittagen, die es hier verbringt, im Wartezimmer und den beiden Behandlungsräumen herumwandert und eine Spur von Spielsachen und Malzeug auslegt, ist es gleich besser. Dann weiß sie wieder, wofür das Ganze. So einfach ist es. Und so reibungslos auch.

Als sie und Konrad nach einer Phase, in der sie einander stumm registrieren und grüßen, endlich ins Gespräch kommen, fühlt sie sich einen Moment lang ertappt und ist froh, dass es im Haus etwas düster ist. Sie traut ihm zu, dass er ihre Blicke schon ein paar Mal gespürt hat, ohne sich auch nur zu einem halben Lächeln gedrängt zu fühlen. Er könnte einer sein, der auf Zeit spielt, einer, der erst gründlich beobachtet, abwartet, bis die Blicke einladend genug sind. Sie findet, er passt gut in das Haus: eine Menge Vergangenheit, diffus, unentzifferbar, aber spürbar vorhanden, was im Gesamtbild eine gewisse schäbige Eleganz ergibt. Der frische Ton und die Stille des Stiegenhauses tun gut an diesen heißen Tagen, obwohl es heute nach feuchtem Papier und irgendeinem fettigen Kohloder Krautgericht riecht,...


Gudrun Seidenauer, geboren 1965 in Salzburg, Studium der Germanistik und Romanistik, Lehrerin für Deutsch, Literatur und kreatives Schreiben, lebt in Adnet bei Salzburg. Im Residenz Verlag erschienen ihre Romane "Der Kunstmann" (2005), "Aufgetrennte Tage" (2009) und "Hausroman" (2012).



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