E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Seidenauer Libellen im Winter
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-99027-193-3
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-99027-193-3
Verlag: Jung u. Jung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
1965 in Salzburg geboren, wo sie Deutsch, Kreatives Schreiben und Literatur unterrichtet. Sie veröffentlicht seit 1990 Prosa und Lyrik und erhielt u.a. den Lyrikpreis des Landes Salzburg. Libellen im Winter ist ihr erster Roman bei Jung und Jung.
Autoren/Hrsg.
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1
»Niemand«, sagt sie, »das ist niemand«, und schließt ihre Finger um sein Handgelenk, zerrt an seinem Arm. Ihre Stimme hat diesen gewissen Ton. Er weiß, er sollte jetzt besser still sein, doch er fängt trotzdem an:
»Aber der Mann da unten –«
Der Griff verstärkt sich zu einem Schraubstock. Sie hat kräftige Hände, obwohl sie klein und zart ist. Oft erzählt sie ihm davon, wie sie die Wäsche mit einem Stock im großen Holzzuber schwenkten, vom Brennholzsammeln, von den staubigen Ziegeln im Blechtrog, Tausende Male geschleppte Lasten, zwanzig Schritte hin und zwanzig zurück, zwanzig, genauso alt war sie damals. Zwölf Stück habe sie auf einmal genommen und die anderen höchstens neun. Beim Erzählen wandert ihr Blick so weit fort, dass es ihm Angst macht. Es hilft auch nicht, wenn er sie am Ärmel zieht. Erst wenn sie mit ihrer Geschichte fertig ist, schaut sie ihn wieder an, verwuschelt ihm die Haare, wovon er jedes Mal eine Gänsehaut bekommt, und sagt: »Das kannst du dir alles gar nicht vorstellen«, und er nickt, obwohl das überhaupt nicht stimmt. Er sieht alles vor sich, ohne auch nur die Augen schließen zu müssen: die dünne Eisschicht auf der Waschschüssel am Morgen, den Kalender mit den Alpenblumen im Haus gegenüber, in das man hineinsehen konnte, weil die Fassade von einer Panzerfaust getroffen worden war, die schuttbedeckten Straßen, durch die sie gelaufen ist, eine blasse Prinzessin mit ihm im Bauch. Er riecht die Mischung aus Kohle, Verwesung und Krautsuppe. Er sehnt sich nach dem großen Teddybären, der in dem zerschossenen Haus auf der Kommode lag. Seine Mutter kann nicht nur schwer tragen, sondern auch gut erzählen.
»Mama, der schaut immer noch zu uns herauf! Wer ist das?«
Wieder hat er es getan. Wo er doch genau weiß, ob er etwas fragen darf oder nicht. Er hasst sich dafür. Es wäre ihm sogar recht, wenn sie ihn schlagen würde, trotzdem zieht er den Kopf ein. Aber sie schlägt ihn nicht.
»Robert!« Mehr ist normalerweise nicht nötig. Auch wenn er auf den schmalen Balken, auf denen die Kinder über die Bombentrichter laufen, am wildesten von allen auf und ab wippt und beim Zielspringen vom Mezzanin eines Abbruchhauses immer der Erste ist. Kommt er mit einer Schramme vom Spielen, lacht sie, stößt ihn in die Seite: »Wir zwei, hm? Wir sind keine Weicheier, was?« Weicheier, das ist eines der Wörter, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hat. Es ist nicht so, dass sie ihn auslacht. Sie lacht, weil sie sich ihm nah fühlt, wenn er verletzt ist. So hat das Sich-Wehtun auch sein Gutes. Sie ist anders als all die Mütter, die beim kleinsten Kratzer mit Jodtinktur kommen, endlose Vorträge über die Gefahren da draußen halten und einen zu Hause einsperren. Was wollen die denn? Der Krieg ist vorbei. Die seine ist nicht so, Gott sei Dank. Obwohl er ihr nicht alles erzählt. Zum Beispiel das mit der Handgranate, die einer von ihnen in einem Keller gefunden hat und die sie ohne ein Wort im Kreis herumgereicht haben, immer schneller, bis sie sie einander zugeworfen haben, lachend, keuchend, das blitzende Weiß in den Augen der anderen, und ja nicht blinzeln, der eigene Herzschlag ganz oben im Kopf und Gänsehaut, die schönste, die er je hatte. Als es dunkel wurde, hat er das Ding dann in die Alte Donau geschmissen.
»Das ist niemand!«, sagt sie stur, und umso bestimmter, als es offensichtlich unwahr ist. Denn da steht einer schon ziemlich lange in der Gasse vor dem Haustor gegenüber und sieht zu ihnen herauf, raucht, dreht sich eine neue Zigarette, tut ein paar Schritte auf und ab, ohne ihr Fenster aus den Augen zu lassen. Er schleift den linken Fuß ein wenig nach.
Robert stellt sich auf die Zehenspitzen, um ihn besser zu sehen, erwartet eine zornige Reaktion der Mutter, aber die beachtet ihn gar nicht. Er hört, wie sie den Atem aus der Brust presst. Mit einem Ruck zieht sie den Vorhang zu, sodass die zerschlissene Stelle in der Mitte, wo man immer hingreift, mit einem Ratsch aufreißt. Sie, die sich aufregt, wenn er auch nur ein Eselsohr in ein Buch macht. Der Mann dort unten ist grau und braun wie die meisten Männer. Ist er alt? Erwachsene sind entweder alt oder sehr alt. Der ist nicht sehr alt, Stock und Buckel hat er zumindest nicht. Seine Haare sind unter einer Schiebermütze mit Ohrenklappen versteckt, und er bewegt sich, als wäre die Luft um ihn herum dickflüssig.
Viele machen es so, besonders Männer. Die Frauen mit ihren Taschen und Kindern, die sie hinter sich herzerren, sind viel schneller. Manche der Männer sitzen auf den Parkbänken, die es seit Neuestem gibt, starren in die Luft, rauchen, und die ganz Alten mit den Stöcken ärgern sich, dass die wenigen Plätze besetzt sind. Robert und seine Freunde werfen aus dem Hinterhalt im Gebüsch Kieselsteine nach den Starrern, und nicht selten schnellt so ein Halbtoter, der stundenlang mit grauem Gesicht dagehockt ist, plötzlich hoch, hechtet den Kindern mit rotem Schädel nach, und wenn er eines erwischt, verpasst er ihm eine, die sich gewaschen hat. Einmal ist das Robert auch passiert. Das war an dem Tag, an dem sie das alte Schild fanden, auf dem stand, dass Plündern mit dem Tode bestraft werde. Die Kleineren begannen zu weinen, weil sie Angst vor der Todesstrafe hatten, und er spöttelte, obwohl auch er sich fürchtete. Draußen vergaßen sie es schnell und liefen in den Park, wo sie den Starrer belauerten und schließlich mit einer Schleuder beschossen. Sie nahmen nur die runden Steinchen, nicht die spitzen, die mehr wehtun. Die Ohrfeige war dennoch gewaltig. Ein Zahn fiel ihm aus, zum Glück war es ein Milchzahn.
Ob der da unten auch so einer ist? Der Mann rollt sich schon wieder eine Zigarette, nachdem er die letzte mit spitzen Fingern zu Ende geraucht, an seiner Schuhsohle ausgedämpft und die restlichen Tabakkrümel in ein geknotetes Taschentuch geschüttelt hat. Er hat einen Rucksack, an den eine zusammengerollte Decke geschnallt ist. Es wird kälter, die Mutter bessert seit Wochen den Holzvorrat auf, und gestern in der Früh, als Robert sich auf den Schulweg machte, war der Atem schon eine Nebelwolke vor dem Gesicht.
»Mama, bitte!«
»Sei ruhig!«, zischt sie, ohne den da unten aus den Augen zu lassen, und gräbt ihre Finger an der empfindlichen Stelle zwischen Hals und Schulter unter Roberts Schlüsselbein, sodass ihm einen Moment lang schwarz vor Augen wird. Vielleicht ist es dieser blitzende Schmerz, der ihm ins Hirn fährt, warum er sich losreißt, sich mit seinem ganzen Gewicht gegen das angelehnte Fenster fallen lässt. Die Scheibe knarzt, bricht aber nicht, ein Stück grauen Kitts löst sich aus einer Fuge. Er fegt es von der Fensterbank und brüllt, so laut er kann:
»Niemand ist niemand! Niemand ist niemand!«
Die Mutter fährt herum, endlich, hat aber wieder diesen glasigen Blick, und ohne ein Wort holt sie weit aus. Obwohl nur mit der Linken – rechts wäre ihr das Fenster im Weg –, trifft sie ihn hart an der Schläfe. Seine Knie knicken ein. Er spürt nicht, wie er auf dem Boden aufschlägt. Als er wieder zu sich kommt, ist sie über ihm. Eine Strähne hat sich aus ihrer Frisur gelöst und kitzelt sein Gesicht, darüber ihr Trostgeflüster und der Geruch nach der Seife, die sie immer nur sonntags benutzt. Sein Gesicht ist nass, er weiß nicht, ob von ihren oder seinen Tränen. Heute ist Sonntag, fällt ihm ein, sie wollten ins Naturhistorische Museum, wo sie oft hingehen, wenn es regnet. Er liegt im Straßengewand auf dem braunen Samtsofa, auf dem sonst nur Besuch sitzen darf, und den haben sie nicht oft. Wenn er den Kopf nach links dreht, was weniger wehtut, sieht er, dass die Wohnungstür offen steht. Die Mutter drückt ihm das stumpfe Brotmesser, das sie draußen an der Bassena unters kalte Wasser gehalten hat, mit der Schneidefläche an die Wange.
»Ist er weg?« Jetzt wird sie ihn nicht mehr schlagen. Ihre Augen sind wieder so, wie er sie mag, klar, weich, auf ihn gerichtet. Sie streichelt mit ihrem Handrücken unablässig über seine heile Gesichtshälfte und nickt.
»Schau, ich hab noch ein Stückchen für dich. Das letzte.«
Sie wickelt die Blockschokolade aus dem Stanniolpapier und hält es ihm hin.
»Nein, nimm du es«, sagt er, seine Stimme klingt piepsig. Aber sie schiebt den Würfel an seine Lippen, der Duft ist betörend, es muss Wochen her sein, dass er Schokolade gegessen hat. Weil das Gesicht rechts so schmerzt, widersteht er der Versuchung hineinzubeißen. Er fühlt sich klebrig und feig. Er möchte nachsehen, ob der Fremde wirklich fort ist, aber er traut sich nicht, außerdem ist ihm schwindlig. Sie hat mit der Faust zugeschlagen, das tut sie sonst nie.
Das Hinken ist schlimmer, als es von oben ausgesehen hat, und größer ist er auch, als Robert gedacht hat.
»Mali?«
Die Wohnungstür. Als sie das Messer draußen unter dem...




