E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Seidl Tatort Bayerischer Wald
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7472-0444-3
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
10 Kurzkrimis
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-7472-0444-3
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
10 Kurzkrimis mit Schauplätzen u. a. in Passau, Deggendorf, Cham, Zwiesel, Straubing, Neuschönau, in Tschechien und am Großen Arbersee
Dass im Bayerischen Wald nicht nur die Bäume qualvoll sterben, beweisen nicht zuletzt die zehn in diesem Band versammelten Kurzkrimis.
Die Geschichten von Tanja Kinkel, Leonhard F. Seidl, Tessa Korber, Roland Spranger, Friederike Schmöe, Elmar Tannert, Tommie Goerz, Andi Thamm, Leonhard M. Seidl und Martin von Arndt vereinen dabei regionalen Charme, Humor und natürlich jede Menge Spannung aufs Vergnüglichste – ein packender Band für alle Einheimischen, Zugereisten und Urlauber.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
PASSAU
Martin von Arndt
Wir sehen uns wieder
.
1.
Du bist wieder in Passau. Zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt. Gekräuseltes Wasser, auf dem Sonnenfunken gleißen. Du sitzt auf derselben Bank an der Ortsspitze wie damals mit Thea. Schaust auf den Zusammenfluss von Donau und Inn, die sich hier zum breiten Strom vereinigen. Jetzt, im Mai, wirkt alles friedlich, Enten ziehen ihre Bahnen, die Rufe spielender Kinder.
Alles ist anders als beim letzten Mal. Erinnere dich, Anne. Nimm dein Tagebuch zur Hand, lies und erinnere dich.
.
Lass dich nicht wegtragen von den Erinnerungen, von deinem Schmerz. Bleib fokussiert, Anne! Wie spät ist es?
Zeit, ins Hotel zurückzukehren.
Du gehst am Schaiblingsturm vorbei, über Schwabgäßchen und Schustergasse Richtung Dom. Du liebst die engen Pfade und unerwarteten Durchlässe, die sich zwischen den Häusern auftun. Mit Thea warst du damals stundenlang durch die Altstadt spaziert und hattest jeden Winkel erkundet. Passau, hattest du ihr erzählt, war die Stadt, aus der ihre Oma stammte, und wenn ihr nur genau hinhörtet, gäbe es Geschichten zu erlauschen von der Frau, die zu früh gestorben war.
Zu früh, um für dich und Thea da zu sein.
Du gehst durch die immer dunkle Innbrückgasse und den Innbrückbogen, dann überquerst du auf der Marienbrücke den Fluss. Du gehst schneller, dein Hotel ist noch eine Viertelstunde entfernt.
Erinnere dich, Anne: Du warst unmittelbar nach Abschluss deines Pharmaziestudiums schwanger geworden. Du wolltest das Kind behalten, auch wenn Tom, der sich für Ärzte ohne Grenzen beworben hatte, dir klarzumachen versuchte, dass es mit einem Kleinkind schwierig würde, nach Afrika zu gehen. Ihr habt euch mehr als einmal darüber gestritten, wart euch uneins bis zu dieser Nacht im November. Der Nacht, in der Tom auf dem Heimweg von einem Konzert, das er mit Freunden besucht hatte, die Streckenverhältnisse falsch eingeschätzt, das Lenkrad verrissen hatte und mit seinem Auto gegen einen entgegenkommenden Wagen geknallt war. Nun war es keine Frage mehr, ob du Thea behalten würdest. Sie war das Einzige, was dir von Tom geblieben war. Du musstest sie allein großziehen, deine Eltern waren lange tot, und von Toms Eltern war nichts zu erwarten – schließlich wart ihr nicht einmal verheiratet gewesen.
Du bist zurück in deinem Hotel in der Innstadt. Ein Hotel, das größtmögliche Anonymität verspricht. Du hast unter falschem Namen eingecheckt, dein Auto steht auf einem öffentlichen Parkplatz. Du gehst ins Bad, in dem eine schwache Neonröhre funzelt, und nimmst die blonde Perücke ab, die falschen Augenbrauen und die angeklebten Wimpern. Während du dich abschminkst, blickst du in den Spiegel und siehst eine fremde Frau: kahlköpfig, mit abgemagertem Gesicht und eingefallenen Wangen. Wer bist du?, fragst du dich. Und gibst dir selbst zur Antwort: Ich bin die Frau, die heute Nacht drei Menschen töten wird.
2.
Als Thea sechs Jahre alt war, hatten die Ängste begonnen. Die Albträume, die sie und dich nicht mehr als zwei Stunden am Stück schlafen ließen. Du dachtest, dass es mit der Schule zusammenhing, dass es vorübergehen würde, wenn sie erst einmal Freundinnen gefunden hätte. Doch dann nässte sie ein, und du gingst mit ihr zu einem Kinderpsychologen. Er diagnostizierte eine Angststörung und Sozialphobie in ungewöhnlicher Ausprägung für dieses Alter. Mit kurzen Unterbrechungen blieb Thea bis zu ihrem Abitur in Therapie. Immer, wenn du dachtest, ihre psychische Situation hätte sich gebessert, geschah wieder etwas, das sie zurückwarf und euch nach neuen Therapiemethoden suchen ließ. Erst, als sie sich mit Frida aus der Nachbarklasse angefreundet hatte und die beiden jede freie Minute miteinander verbrachten, wurde es besser. So warst du nicht überrascht, als dir die zwei eröffneten, zum Studium in eine entfernte Universitätsstadt gehen und miteinander wohnen zu wollen. »Bist du dir sicher, dass du das packst?«, hattest du Thea gefragt, und sie hatte gestrahlt und geantwortet: »So sicher, wie ich mir nur sein kann, Mom.«
Du hattest Frida immer gemocht. Sie war freundlich, aufmerksam, empathisch, wäre für Thea durchs Feuer gegangen. Du warst dir sicher, dass sie auf dein Mädchen achtgeben würde.
Ein Semester lang schien das auch der Fall zu sein. Dann kam Thea in den Weihnachtsferien nach Hause, und du nahmst sofort wahr, dass sich etwas verändert hatte. Sie war abweisend und schroff, zog sich sofort in ihr Zimmer zurück und kam nur daraus hervor, wenn sie auf der Jagd nach Essen war. Als du sie darauf ansprachst, blieb sie einsilbig. Also gingst du zu Frida, die erzählte, dass sie sich neu erfinden wollten. Sie hatten sich endlich einem Freundeskreis angeschlossen, besuchten Mittelaltermärkte und trafen sich zu Rollenspielabenden. Auch wenn dir diese Szene fremd war: Wenn es Theas Weg wäre, würdest du ihn respektieren.
Dann blieben ihre Anrufe ganz aus. Zu Beginn ihres Studiums hattet ihr verabredet, jeden zweiten Abend miteinander zu telefonieren. Daraus war ein wöchentlicher, schließlich ein monatlicher Anruf geworden, der von Mal zu Mal kürzer ausfiel. Dir fehlte der Kontakt, du wolltest die Stimme deines Mädchens hören – aber gut, auch das solltest du akzeptieren. Vielleicht hatten deine Freundinnen recht, wenn sie sagten: »Du bist overprotective, Anne. Lass dem Mädchen seinen Freiraum. Dafür ist so ein Studium ja da!«
Es kam der Tag, an dem du diese eigenartige Nachricht von Thea auf deiner Mailbox fandest. Sie hatte sie nachts um drei Uhr aufgesprochen, mit nüchterner, aber doch irgendwie entrückter Stimme:
.
Du versuchtest den ganzen Tag, sie zu erreichen, aber du hörtest immer nur die metallisch klingende Ansage: . Auch Frida war nicht zu erreichen. Als du beschlossen hattest, die Apotheke zu schließen, um nach Thea zu sehen, als du gepackt hattest und endlich reisebereit warst, klingelten die beiden Kripoleute bei dir.
Der Körper deines kleinen Mädchens war nicht freigegeben. Thea und Frida hatten sich in der Nacht vergiftet.
3.
Du warst wie unter Wasser gezogen. Die Worte der anderen drangen nicht zu dir durch, klangen gedämpft, du hattest Mühe, ihren Sinn zu erfassen. Sie sagten: .
Du wolltest die Beerdigung nicht organisieren. Wolltest nicht nach dir selbst sehen. Nicht lernen, damit zu leben.
Die Stimmen sagten, das sei völlig normal, eine normale Trauerreaktion. Dass es nicht besser, aber anders werde, und dass dies schon eine Erleichterung sei. Dass du dir aber, wenn es auch nicht anders werde, Hilfe holen müsstest.
Erinnere dich, Anne: Du wolltest verstehen, was geschehen war. Du bist zu den beiden Kripoleuten gegangen, die dir die Todesnachricht überbracht hatten. Der eine wies dich ab, doch der andere hatte selbst eine Tochter in Theas Alter, und er traf...




