E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Seitz Die Geisterlinde - Teil 2
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-9825824-1-2
Verlag: CLEON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Hexenbrunnen
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-9825824-1-2
Verlag: CLEON Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stefan Seitz, geb. 1972 in München, ist Innenarchitekt und war langjähriger Dozent für 3D-Design und Computeranimation an der Technischen Hochschule Rosenheim. Mit seiner Vorliebe für Geheimnisse und rätselhafte Geschichten hat er eine außergewöhnliche Spukwelt erschaffen, die nicht zuletzt durch ihre eindrucksvollen Grafiken begeistert. Er lebt mit seiner Familie im malerischen Voralpenland, das ihn immer wieder aufs Neue für seine Geschichten inspiriert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Wenn die Flut kommt
Zimmer gesucht
Alte Schriften
Plunder an der Garderobe
Stilles Wasser
Der grüne Vogel
Eine Handvoll rostiger Nägel
Im Tintenzimmer
Die Besucher aus Seidenmeer
Puder für Lindis
Erinnerungen
Die Stimme im Halbdunkel
Eine Wolke am Himmel
Wenn die Flut kommt
Ein kaum merkliches Lüftchen schlich durch den Korridor. Gar lautlos fegte der Wind über den Boden und brachte die Staubflocken im Licht der Abendsonne zum Tanzen. Mit einem Glitzern schwebten sie durch die Luft. Einige von ihnen vollzogen Spiralen und Kreise, wirbelten empor bis zur Decke, bevor sie anschließend wieder zurück auf den hell erleuchteten Boden sanken. Wahrlich, inzwischen war es nicht mehr zu verkennen: Der Frühling hatte Einzug gehalten und das mit all seiner Kraft. Schon im Lauf der vergangenen Wochen hatte der Stand der Sonne sichtlich an Höhe gewonnen, während die Tage nach und nach länger geworden waren. Von den Bergen floss das Schmelzwasser zu Tal, der Himmel zeigte sich wolkenlos klar, und die Abende waren lau. So verhielt es sich mittlerweile im ganzen Land, von Klettenheim bis hinab zur Ginsterklause. Der Winter des Jahres 833 schien gänzlich vorüber zu sein.
Aber noch viel deutlicher fiel dieser Jahreszeitenwechsel im fernen Süden aus, in einer versteckten und abgelegenen Region jenseits der Bleiberge. Wie so oft hatte sich die eisige Winterszeit hier schon früher verabschiedet, sodass Bäume und Sträucher bereits in voller Blüte standen. In hellen Bahnen schimmerten dort die Strahlen der untergehenden Sonne zu den Fenstern herein und tauchten den Korridor in ein strahlendes rötliches Licht.
Es war ein ausgesprochen weitläufiger Gang, der hier im Sonnenlicht lag. Er zeigte sich schnurgerade und stieg durch lange flache Stufen zum Ende hin an. Dicke Steinblöcke aus Muschelkalk bildeten seine Wände, die in mehreren Klaftern Höhe mit einer gewölbten Decke aus Sandstein überspannt waren.
Auf den ersten Blick sah dieser Korridor nicht sonderlich viel anders aus als ein Flur in der Bibliothek von Hohenweis, ihres Zeichens die Hauptstadt des Unkrautlandes. Zwar waren die Mauern dort keineswegs so schief, verfallen und brüchig wie hier, aber es bestand durchaus eine gewisse Ähnlichkeit. Es hätte auch ein Gebäudetrakt in der altehrwürdigen Akademie sein können. Ja, selbst das Rathaus besaß vergleichbare Gänge.
Und dennoch, etwas an diesem Gang erschien ungewöhnlich. Etwas, das überhaupt nicht zu den Bauten entlang der Wiesen und Wälder gepasst hätte, und das einen großen Unterschied zu ihnen darstellte. Schnell wurde es klar: In diesem Gang herrschte ein ungewöhnliches Klima. Die Luft war warm und feucht, und zu den Fenstern drang leise das Rauschen von Wellen herein.
Das Geräusch war ausgesprochen beruhigend inmitten der Abendstimmung. Es war so angenehm gleichmäßig, entspannend und fließend. Nur ganz selten ertönte ein kurzes Platschen, oder das Schwappen des Wassers war zu vernehmen. Ansonsten war es still.
Doch mit dieser Ruhe sollte es schon sehr bald vorüber sein. Von der Rückseite der Tür am oberen Ende des Korridors näherten sich Schritte, und ein aufgebrachtes Geplapper wurde hörbar.
Wenig später ging die Tür auf. Mit Schwung drehten sich ihre Flügel zur Seite und gaben den Blick auf einen gewaltigen Saal preis, der dahinter im Schein zahlreicher Öllampen lag. Ein dicker Kobold mit Helm und Lanze kam herausgeschritten und trottete schweigend die flachen Stufen hinunter. Im Gefolge hatte er eine Vogelscheuche, die ihm dicht auf den Fersen war.
Voller Hektik sprang die Vogelscheuche hinter dem Kobold her, während sie ohne Punkt und Komma auf ihn einredete. Die zappelnde Vogelscheuche schien ganz offensichtlich einiges auf dem Herzen zu haben. Händeringend überschüttete sie den Kobold mit Erklärungen, wobei sie in einer fast schon aufdringlichen Manier an ihm dranklebte.
Es war eine durchaus unangenehme Situation, besonders für den Kobold. Denn während ihm die Vogelscheuche allem Anschein nach gerade ihre gesamte Lebensgeschichte erzählte, stupste sie ihn auch noch ständig an und zupfte lästig an seinem Wams. Der Anblick der beiden war mehr als befremdlich. Wenige Augenblicke später ging die Tür wieder zu.
Dem Kobold brummte der Kopf. Knurrend schlurfte er den Gang entlang, wobei er nicht im Geringsten die Miene verzog. So wie es aussah, musste es sich bei ihm wohl um den Hausmeister oder um eine Art Wächter handeln. Die Aufmachung des rundlichen Gesellen deutete jedenfalls ganz darauf hin. Über seinem Wams aus Strickwolle trug er eine Arbeitsschürze und an seinem Gürtel einen Ring voll rostiger Schlüssel. Das Visier seines Helms hing dem Burschen so tief ins Gesicht, dass er kaum noch etwas sehen konnte. Aber das kümmerte ihn nicht. Im Schneckentempo und mit leerem Blick schritt der Kobold voran, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach der Vogelscheuche umzudrehen. Man merkte es ihm deutlich an: Er wartete nur darauf, dass seine Schicht bald vorüber sein würde.
Die Vogelscheuche ruderte mit den Armen. Ihr Name war Chuck, und Chuck war mächtig in Rage … ein Umstand, der sich bei der ohnehin schon so gesprächigen Vogelscheuche wieder einmal in einem hysterischen Redefluss äußerte. So war das immer bei Chuck, und Chuck hatte auch grundsätzlich Probleme.
Aber in diesem Moment waren seine Probleme sage und schreibe so groß, dass er während des Redens kaum noch Luft holen konnte. Denn weder wusste Chuck, wie er hierherkommen war noch was er an diesem rätselhaften Ort zu suchen hatte. Ja, wo er überhaupt sei, löcherte er den Wächter. Das wollte er doch allzu gerne wissen. Bis vor zwei Tagen hatte er schließlich noch im Gemüsegarten von Miss Plim gestanden und sorgsam ihre Beete behütet. Das war eine wichtige Tätigkeit, wie Chuck ständig betonte … sehr, sehr wichtig. Außerdem hatte er zusätzlich seinen Dienst als Wäscheständer vollzogen, was er ebenfalls als äußerst bedeutend befand.
Das und vieles mehr erzählte er dem rundlichen Wächter, der ihm bei seinen Ausführungen überhaupt nicht mehr zuhörte. Zähneknirschend schritt dieser voran und geradewegs auf den Ausgang zu.
Doch Chuck war mit seinen Erklärungen bei Weitem noch nicht fertig, ganz im Gegenteil. Genau genommen gab es da noch viele andere Sachen, die ihm auf der Seele lagen und die er unbedingt einmal loswerden wollte. Jetzt, da er endlich jemanden gefunden hatte, der allem Anschein nach für ihn zuständig war.
Denn die Sache mit dem Wäscheständer war eigentlich nur so eine kleine Nebentätigkeit, erklärte er dem Kobold. Eine unfreiwillige, um genau zu sein. Feuchte Wäsche vertrug er nämlich ganz und gar nicht. Davon bekäme er Pusteln, die ganz furchtbar juckten. Es war eine Art Ausschlag, wie er dem Kobold bis ins Kleinste beschrieb. Außerdem war ihm diese Aufgabe schrecklich unangenehm. Ach was, unangenehm. Peinlich war ein viel besserer Ausdruck. Denn was sollte man nur von jemanden denken, der stundenlang mit nassen Schürzen und Damenstrümpfen über den Armen im Garten steht? Eine Blamage war das, um es treffend zu formulieren. Eben das versuchte er Miss Plim schon seit einer Ewigkeit klarzumachen, aber sie wollte ja nicht auf ihn hören. Es war immer das Gleiche mit ihr, jammerte er. Stets wusste sie alles besser.
In seinem Redefluss streckte Chuck die Hand aus, um erneut am Wams des Wächters zu zupfen, als dieser plötzlich stehenblieb. Schlagartig drehte der Kobold sich um.
»Jetzt reicht es mir«, platzte es aus ihm heraus. »Schluss mit dem Unfug! Wäre es dir genehm, vielleicht ein bisschen mehr Abstand zu halten?!«
Erschrocken wich Chuck zurück.
»Äh, wer? Ich?«
»Na, wer denn sonst?!« Der Kobold warf die Hand über den Kopf. »Außer dir ist doch sonst niemand hier, oder?«
Ein wenig verwirrt blickte Chuck sich um. Aber der Wächter war mit seiner Ansprache noch nicht fertig.
»Und außerdem«, schimpfte er, »die ganze Zeit dieses Anstupsen und An-mir-Herumzupfen. Wo kommen wir denn da hin? Ich bin doch nicht dein Kumpel.« Wütend stampfte er mit dem Fuß. Dann streckte er entschlossen den Finger aus und deutete zurück in den Gang. »Wir machen das jetzt anders«, setzte er an, »pass mal auf: Du bleibst von nun an mindestens einen Schritt von mir weg und behältst deine Hände bei dir, verstanden? Das nennt man Sicherheitsabstand. Sonst ist das ja nicht auszuhalten. Ich komme mir vor wie im Streichelzoo.«
»Oh, wirklich?« Die Vogelscheuche strahlte. »Was für ein Zufall. Also, ob Ihr es glaubt oder nicht. Genau da bin ich vor einiger Zeit gewesen. Als ich nämlich …«
»Das ist mir egal«, rief der Kobold. Er schob das Visier seines Helms zurück und riss die Augen auf. »Und falls du es genau wissen willst, mein Freund, es interessiert mich auch nicht, wie es dort ausgesehen hat oder wie viel Eintritt du gezahlt hast. Oder ob du da vielleicht zu Fuß hingegangen bist.«
»Aber sicher zu Fuß«, nickte Chuck. »Anders kann ich ja gar nicht …«
»Und das ist mir ebenfalls egal«, unterbrach ihn der Kobold. »Mir tun die Ohren weh. Dein Gebrabbel hält jetzt schon seit drei Tagen an, und es nimmt kein Ende. Eine Dauerbeschallung ist das. Obendrein ist es immer die gleiche Leier, die ich mir anhören darf.«
Voller Entrüstung verschränkte Chuck die Arme.
»Jetzt beschwert Euch bloß nicht«, murrte er. »Schließlich werden mir hier auch immer die gleichen Fragen gestellt.« Er schüttelte fassungslos den Kopf. »Genau«, fuhr er fort, »die ganze Zeit wollen alle von mir wissen, ob ich mit Zauberkräutern umgehen kann.«
»Und?«, rief der Kobold. »Kannst du?«
»Tja, das kommt darauf an«, schnurrte Chuck.
»Auf was?«
»Auf das Menü«, kam es wie geschossen. »Ich zaubere nämlich fantastische Gerichte, müsst Ihr wissen.« Er rollte mit seinen Knopfaugen und kräuselte hingebungsvoll die Finger. »So ein bisschen Kopfsalat mit ein paar Stängeln Geisterwurz...




