Seliger | Das Geschäft mit der Musik | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Seliger Das Geschäft mit der Musik

Ein Insiderbericht
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86287-102-5
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Insiderbericht

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-86287-102-5
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Jeder hört Musik, doch kaum einer weiß wirklich, wie sie zum 'Produkt' gemacht wird. Dieses Buch ist eine instruktive Einführung in fast alle Facetten des Geschäfts mit der Musik. Es wird erklärt, wie das Tourneegeschäft, die Plattenfirmen, das Copyright, Sponsoring oder die Gema funktionieren, und der Autor diskutiert die aktuellen Geschäftsmodelle und befasst sich mit der Rolle der Künstler und Kulturarbeiter, aber auch zum Beispiel mit ihrer miserablen sozialen Situation. Doch dieses Buch ist auch eine Streitschrift für eine andere Kultur. Fast alle Bereiche des Geschäfts mit der Musik werden heute von Großkonzernen dominiert - die Vielfalt der Kultur ist längst in Gefahr. Gleichzeitig erleben wir den Quotenterror - es zählt nur noch, was 'verkauft'. Die Verhältnisse werden von Monopolen und der Politik, die den 'Staatspop' fördert, bestimmt.

Berthold Seliger ist Autor und lebt in Berlin. Er betreibt seit 25 Jahren eine eigene Konzertagentur und ist Europaagent u.a. für Calexico, Lambchop, Pere Ubu, The Residents und The Walkabouts. Als deutscher Tourneeveranstalter arbeitet er mit Bonnie 'Prince' Billy, Bratsch, Daniel Kahn, Lou Reed, Patti Smith, Lucinda Williams und anderen zusammen. Seliger schreibt über musik- und kulturpolitische Themen u.a. in der Berliner Zeitung, im Freitag und in Konkret
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Live-Industrie

Veranstalter, Agenten, Tickets und »Big Data«

Einer der vielen Gründe, warum es lohnt, Keith Richards Autobiographie Life zu lesen, ist die Erzählung, wie die Rolling Stones als Band entstanden, wie sie sich ihren Ruhm erkämpften, wie die ökonomischen Bedingungen damals waren. Bei einem ihrer ersten Auftritte mit zwei halbstündigen Sets im Londoner Marquee Club bekam die Band laut »Keefs« Aufzeichnungen £2. Zwei Pfund, für die ganze Band! Aber sie tingelt durch die Clubs und die kleinen Läden, manchmal sogar für Null Gage.

Doch es gibt auch bessere Tage, mitunter sind die kleinen, stickigen Clubs gut gefüllt, wenn diese neue Band namens Rolling Stones spielt. Aber irgendwann gibt es das Angebot, jeden Sonntag im Richmond Station Hotel zu spielen. »Glücksfall« kommentiert Keith Richards in seinem Tagebuch, und Jahrzehnte später schreibt er: »Dort hat alles angefangen.« Irgendwann gibt es dann Leute, die der Band »einfach überallhin folgen«, echte Follower also, ganz ohne Facebook und Gezwitscher.

Und an dieser Stelle erwähnt Keith Richards in seiner Autobiographie Giorgio Gomelsky, der »die Organisation übernommen« und »Auftritte an Land gezogen« hat – ein Booker also, würde man heute sagen. »Ohne ihn hätte die ganze Sache nicht funktioniert. (...) Giorgio tat alles für uns. Er brachte uns unter, er organisierte Gigs.« Doch, auch so etwas kommt einem bekannt vor: Als Brian Jones größere Erfolge wittert, sägt er den Booker ab. »Wahnsinn, wie Brian die Fäden gezogen hat, wie er über all das die Kontrolle haben wollte.«15

Dann kommt der erste Plattenvertrag, die Gigs werden etwas größer. Mal spielen die Rolling Stones auf einem Debütantenball in den St. Clements Caves bei Hastings, mal treten sie in der Corn Exchange von Wisbech auf, einer altertümlichen Getreidebörse in Cambridgeshire, und machen Krawall. Doch dann kommt die erste richtige Tournee, sechs Wochen. Die Rolling Stones werden als Opener gebucht für ein »Wahnsinns-Line-up: die Everly Brothers, Bo Diddley, Little Richard, Mickie Most«, eben eine Zusammenstellung mehrerer Bands, wie das zu der Zeit üblich war und das an die phantastischen Tournee-Line-ups früher Lippmann+Rau-Tourneen hierzulande erinnert. Keith Richards und die Rolling Stones machen große Augen: »In den Kinos hingen wir immer von den Deckenbalken, um Little Richard, Bo Diddley und die Everlys auf der Bühne zu beobachten. (...) Große Gigs, kleine Gigs. Was für ein Erlebnis – wow, ich in einer Garderobe mit Little Richard!«16 Die Stones schauen sich einiges von ihren Idolen ab, doch sie spielen nicht lange die Rolle des Openers. Bald dürfen sie als Letzte vor der Pause ran, dann als Erste nach der Pause, und am Ende der Tour meinen die Everly Brothers, die Rolling Stones sollten als Headliner auftreten – »wir reisten durchs Land, und es tat sich was. Plötzlich kreischten die Mädchen, wir wurden zu Teenie-Idolen.«17 Sechs Wochen, die nicht nur die Welt der Rolling Stones veränderten. Sechs Wochen harter Arbeit. Jeden Tag einen Gig. Gab es mal einen freien Tag, dann nur, weil die zwischen den beiden Tourneeorten zu fahrende Strecke zu weit war. »Als wir unsere ersten Erfolge feierten, nahm uns das Touren voll in Anspruch ...«

Schnitt: Wir schreiben das Jahr 2012. Die Eurosonic in Groningen, die laut eigener Aussage »führende europäische Musikkonferenz und das wichtigste Showcase-Festival« der Musikbranche, präsentiert 280 Bands, ausschließlich aus europäischen Ländern, viele naturgemäß aus Holland. Die Bands werden in aller Regel von nationalen Exportbüros präsentiert und/oder finanziert. Als Teilnehmer der Konferenz erhält man Einladungen wie: »Swiss Music Export is proud to announce 6 Swiss artists at this year’s Eurosonic Festival«, oder: »Don’t miss the fresh Icelandic talent at Eurosonic 2011. Iceland Music Export«, oder: »After a successful first edition of Dutch Impact at Eurosonic Noorderslag 2011, Music Centre The Netherlands and Buma Cultuur continued promoting Dutch bands abroad«. Das »Bureau Export« Frankreichs läßt in Groningen ebenso Bands spielen wie die staatliche deutsche »Initiative Musik«, die drei Bands mit bis zu 400 Euro pro Bandmitglied gefördert hat. Die Band »Boy«, ein deutsch-schweizer Frauenduo, wird gleich doppelt gefördert: Die Musikerinnen haben nicht nur Mittel aus der deutschen »Kurztourförderung« erhalten, sondern befinden sich auch auf der Empfehlungsliste des Schweizer Exportbüros.

Die Eurosonic ist kein Einzelfall. Bei der weltweit größten und wichtigsten Musikmesse, der »South by Southwest« (SXSW) in Austin, Texas, kann man den ganzen Tag mit kostenlosen Drinks und Essen auf Veranstaltungen staatlicher Musikexportbüros verbringen, sei es beim »Canadian Blast«, in der »British Embassy«, beim Mittagessen der »Initiative Musik«, bei den Einladungen des »Bureau Export« oder bei »Sounds From Spain«. Lassen wir einmal den Aspekt des »Staatspop« sowie des Stadtmarketings und des »Nation Branding« an dieser Stelle beiseite und beleuchten wir ausschließlich, unter welchen Bedingungen heutzutage junge Bands ihre Karriere starten – dann läßt sich eines auf jeden Fall feststellen: Neue Bands müssen sich mittlerweile in aller Regel weder Gedanken machen, wie sie ihre Instrumente und Verstärker abstottern, noch, wie sie ihr Leben und ihre ersten Auftritte finanzieren. Es gibt staatliche Förderprogramme, Tourneesubventionen, und selbst unbekannte Support-Acts erhalten kleine Auftrittsgagen, meistens zwischen 50 und 150 Euro pro Show – nicht üppig, aber doch etwas anderes als die null oder zwei Pfund für die ganze Band, die die Rolling Stones in den sechziger Jahren als Opening Act erhalten haben. Gehen deutsche Bands auf Tour, können sie bei der »Volkswagen Sound Foundation« einen gesponserten Tourbus beantragen. Sollte eine Band bereits einen Plattenvertrag haben, wird in aller Regel ihr Label eine Support-Tour co-finanzieren und der Band damit Auftritte vor einem größeren Publikum ermöglichen.

Doch nicht nur die finanzielle Situation junger Bands hat sich geändert, auch die Strukturen des Konzertmarkts sind völlig andere. Bands wie die Rolling Stones mußten sich regelrecht »hochspielen«, mit zahllosen kleinen Gigs an zum Teil dubiosen Orten, in mehrwöchigen Tourneen mit einem oder nicht selten sogar zwei Auftritten pro Tag. So etwas würde sich heutzutage in Europa kaum mehr eine Band zumuten. Die meisten Newcomer-Acts speziell hierzulande sind längst verwöhnt, im Gegensatz zu den meisten ihrer US-amerikanischen Kollegen. Dort gilt noch das alte Spiel: touren, touren, touren. Im Van quer durch die Staaten. Kleine Clubs ohne Bezahlung. Man verbringt die Nacht im Wagen oder in einem billigen Motel. Vom Veranstalter bekommt man vielleicht eine Anzahl von Tickets für den eigenen Auftritt am Abend »geschenkt«. Wenn man diese Tickets im Lauf des Tages in Bars oder Einkaufszentren verkaufen kann, ist das die Einnahme, denn unbekannte Bands spielen in den USA grundsätzlich »for the doors«, also ohne Festgage, es gibt lediglich eine prozentuale Beteiligung an den Ticketverkäufen. Es liegt also im eigenen Interesse, wenn die Band tagsüber die Tour durch die örtlichen Radiostationen unternimmt und Werbung für den Auftritt und die neue CD macht. Ob man dieses Modell nun befürwortet oder nicht – das viele Touren hat einen unbestreitbaren Vorteil: Es ist eine extrem wichtige Schule. Es ist ein Unterschied, ob eine Band bereits fünfzig oder hundert kleine oder mittelgroße Shows gespielt hat, bevor sie das erste Mal auf Tour ins Ausland geht, oder ob eine Band bislang vor allem in der eigenen Stadt, an der eigenen Schule oder im örtlichen Club aufgetreten ist. Routine, Können, das Wissen, wie man auf einer Bühne steht und besteht – all das lernt man nur durch viele Auftritte vor möglichst unterschiedlichem Publikum. In den Sechzigern eine Selbstverständlichkeit.18 Heute allerdings werden viele junge Bands aus dem Nichts in irrsinniger Schnelle hochgepusht. Ich denke etwa an die Arctic Monkeys, die ich vor einigen Jahren auf dem Festival in Bourges gesehen habe. Sie galten aufgrund des gehypten Erstlings bereits als »hottest shit« und spielten auf der größten Bühne, vor vielleicht zehntausend Menschen. Aber sie wären besser vorher ein paar Wochen durch die englische Provinz getourt. Drummer und Bassist brauchten ewig, bis sie sich auf den gleichen Takt einigen konnten.

Doch die strukturellen Veränderungen des Konzertmarkts lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Organisierte sich eine neue Band wie die Rolling Stones in ihrer Anfangsphase die Gigs selber, so findet man auf den Showcase-Festivals unserer Tage kaum mehr eine Band, die nicht mindestens einen Manager hat, und nicht selten auch einen ganzen Troß von sonstigem Personal, von Tourmanager bis Agent. Fand in den sechziger Jahre immer mal wieder ein musikverrückter Nerd zu einer Band, wie der erwähnte Giorgio Gomelsky (der, nachdem er von Brian Jones gefeuert worden war, die Yardbirds mit Eric Clapton managte), so gibt es heute ein ganzes Heer von Agenten, die bei den Showcase-Festivals und Musikmessen Bands vom Fleck weg engagieren und die Karrieren planen. Die meisten neuen Manager sind jedoch wenig kompetent und vor allem aus Profitgründen im Geschäft. Diese Manager pflegen oft ihr Ego mehr als die Strategien zum Aufbau ihrer Bands.

Wie also funktioniert das genau mit den Konzerten, wer macht was?

* * *

Ein Agent (englisch: »booking agent«) hat Künstler oder Bands unter Vertrag, die er in aller Regel exklusiv vertritt, meistens kontinental beschränkt. Wir haben es also meistens mit Europa-Agenten zu tun, Agenturen, die bestimmte Künstler...



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