E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Seligmann Der Milchmann
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7844-8433-4
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8433-4
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jakob Weinberg wohnt in München. Er ist siebzig Jahre alt, hat Auschwitz überlebt und genießt hohes Ansehen bei seinen Freunden. Sie nennen ihn "Milchmann", weil er damals im Lager eine Kiste mit Trockenmilch fand und zum Retter seiner Mithäftlinge wurde. So die sorgfältig gepflegte Legende. Weinberg kann nicht klagen: Er ist wohlhabend und hat eine junge Geliebte. Ende Oktober 1995 passiert es: Eine Gewebeprobe verheißt Unheil, sieben Tage Ungewissheit. Es geht um sein Erbe. Seine Kinder, die Geliebte und seine Freunde setzen Weinberg unter Druck. Samstag, 4. November, ein neuer Schock: Yitzhak Rabin, den Weinberg verehrt, wird ermordet. Er ist verzweifelt. Ein Jude hat einen anderen erschlagen. Auschwitz kehrt drohend in sein Bewusstsein zurück. Nun versucht der "Milchmann" Ordnung in sein Leben zu bringen. Als er schließlich die Diagnose erfährt, handelt er entschlossen.
"Eine fiktive Gegenwartshandlung und auf Tatsachen beruhende KZ-Berichte verbinden sich ... zum ersten deutschsprachigen Roman, der die seelischen Spätfolgen des grausamen Lageralltags für die Überlebenden der Schoah schildert." (Süddeutsche Zeitung)
Autoren/Hrsg.
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Milch
Der Himmel war wolkenlos. Die Nachmittagssonne schien. Doch der Wind war bereits kühl. Er drang durch Weinbergs Kleidung, kribbelte auf seiner verschwitzten Haut, verschloß ihre Poren. Der Herbst setzte ein.
Die Schienen zerschnitten die weite Ebene. Sie reichte bis zum Horizont, ohne daß der Blick an einer Anhöhe oder an einem Dorf Halt fand. Nur Wiesen und Felder, in der Feme schimmerte ein kleiner Wald.
Die Stille wurde von Hammerschlägen zerhackt. Gelegentlich waren Wortfetzen und Hundegebell zu hören. Zu sehen war niemand. Die Geräusche stammten vom Bautrupp. Die Kolonne arbeitete jenseits des Bahndamms.
Jaakov Weinberg war zum Aufstapeln der Gleisschwellen eingeteilt. Als einziger durfte er auf der Ostseite arbeiten, denn er besaß das Vertrauen von Hersch Schwarz.
Plötzlich war ein Sirren zu hören. Es schwoll rasch an, zerfiel in Stampfen und Rattern. Ein Zug dampfte von Westen heran. Jaakov beobachtete die Bahn, während er mechanisch die hölzernen Schwellen übereinanderstapelte. Ein Güterzug.
Weinberg sah, wie sich eine Kiste von ihrem Stapel auf einem offenen Waggon löste und vermeintlich lautlos zu Boden fiel. Der Aufschlag wurde vom Lärm der Lokomotive und dem Rattern der Räder übertönt. Was war in der Kiste? Konnte es ihm helfen? Oder riskierte er umsonst seinen Kopf? Weinberg blickte sich um. Der Bautrupp und die Bewacher waren nicht zu sehen.
Bis zur Kiste mochten es hundert Meter sein, höchstens hundertfünfzig. Wie lange brauchte er, um hinzulaufen? Renne, statt zu denken! Jaakov lief los. Seine Füße rieben sich an den Holzpantinen. Er spürte die Kraft seiner Beinmuskeln, fühlte, daß seine Lungen genug Atem besaßen. Er war noch stark.
Weinberg rutschte vom Schotter des Bahndamms zur Kiste. Vom Aufprall waren ihre Latten seitlich aufgerissen. Er griff hinein, tastete, riß eine weiße Blechdose mit blauer Schrift heraus. Mühsam buchstabierte er: Milchpulver. Jaakov verstand das deutsche Wort nicht. Deitsch ist wie Jiddisch! Er buchstabierte das Wort erneut: Milchpulver. Was bedeutete das? Keine Zeit! Weinberg schob seinen Daumennagel unter den Deckel und riß ihn mit einem Ruck hoch. Dabei bemerkte er, daß die Finger seiner rechten Hand bluteten. Wahrscheinlich hatte er sie sich an den Latten aufgerissen, als er die Konserve aus der Kiste fischte. Unwichtig! Jaakov besah das weißgelbe Pulver in der Dose, er schnupperte daran. Der Geruch war ihm vertraut, doch er konnte sich nicht darauf besinnen, was es war. Weiter! Er steckte die Zunge in die Dose. Das Pulver war staubig, es schmeckte süßlich, seifig, säuerlich … nein, milchig. Milch! Jaakov starrte auf die Dose, buchstabierte erneut den Schriftzug. Milchpulver!
Deutsch Milch, jiddisch Milech und Pulver ist Pulver, bei den deutschen Mördern und bei uns Jidn. Sein Herz trommelte gegen die Rippen. Er hatte eine ganze Kiste voller Milchpulver gefunden! Deutsches Milchpulver. Was sollte er damit tun? Auf keinen Fall durfte er hier bleiben. Jaakov hatte keine Zeit. Die Sonne wurde schwächer. Bald würden sie ihn einsammeln. Er würde mit der Kolonne ins Lager marschieren. Die Kiste mußte versteckt werden. Unsinn! Er hatte keine Ahnung, ob er morgen hierherkäme. Dann würde ein anderer die Milch finden. Oder die Deutschen. Ersticken sollen sie daran! Jaakov mußte die Milch haben! Die ganze Kiste! Wenn ihn die Deutschen faßten, würden sie ihn aufhängen. Egal, ob mit einer Dose oder mit dem ganzen Kasten. Aber wenn er allein die Milch trank, würde er stark bleiben und überleben.
Jeden Moment konnte der Kapo auftauchen oder ein SS-Mann. Er mußte etwas tun, egal was. Jaakov packte die Kiste, schleppte sie zu seinem Arbeitsplatz. Er lud den Kasten am Fuß der Gleisböschung ab, warf ein paar Äste darauf und kletterte mit rutschenden Pantinen den Bahndamm hoch, warf sich zu Boden, spähte zur Kolonne. Die Männer schufteten im gewohnten Trott, die SSler unterhielten sich rauchend. Einer der Hunde hob den Kopf. Sogleich kroch Jaakov bäuchlings zurück, ließ sich vom Bahndamm gleiten. Er eilte zu den Schwellen und fuhr fort, die Holzbohlen aufeinanderzustapeln. Jaakov schwitzte, seine Hände zitterten.
Bei Einbruch der Dämmerung kündeten Hundegebell und Befehlsgebrüll vom Aufbruch des Arbeitstrupps. Jaakov zwang sich zur Ruhe. Er wartete bis zum letzten Moment. Erst als die Kolonne auf seiner Höhe war, warf er eine letzte Schwelle auf den Haufen, sprang zum Bahndamm, packte die Kiste und quetschte sich in seine Marschreihe.
»Wus schleppste?« raunzte ihn sein Nachbar Jossl Lerner an.
»Halt n’ Pisk!« zischte Jaakov.
»Maul halten!« echote sogleich ein SS-Soldat, sein Wachhund schlug an. Die Männer marschierten eine Weile schweigend in der zunehmenden Dunkelheit. Weinberg begann das Gewicht der Kiste zu spüren. Jossl drückte ihr Geheimnis. Der Kasten war offenbar gestohlen. Wenn die SSler oder Hersch Schwarz dahinterkamen, würde man auch ihn töten und Naphtali Fischel, den dritten Mann in ihrer Reihe, ebenfalls. Jossl stieß Naphtali den Ellbogen in die Rippen und deutete auf Jaakov, der über seiner Kiste hing.
Fischel hatte Weinbergs Last bereits bemerkt.
»Nu?« flüsterte er.
Weinberg nutzte die Verwirrung beider Männer, um sich zwischen sie zu schieben.
»Wus is im Kastn?«
Weinberg antwortete Fischel nicht.
»Wus?!«
»Milech!«
Weinberg spürte die Verblüffung der Kumpane mehr, als daß er sie in der Dämmerung sah.
»Mischiggenerl Sie werd’n uns derhargenen!« Die Angst drohte Jossl Lerners erzwungenes Flüstern zu sprengen.
»Ich wer dich derhargenen, as di wirst nicht haltn dein Pisk!« Weinberg war kräftiger als der schon abgemagerte Mithäftling. Lerner fürchtete ihn. Weinberg stieß die Kiste gegen Lerners Seite. »Schlepp!« befahl er. Jossl reagierte nicht. Weinberg roch seine Angst. Er rammte Lerner nochmals die Kiste in den Leib. Jossl taumelte, stieß gegen seinen Hintermann. Der fing ihn auf. Lerner bemühte sich, wieder Schritt zu halten. Derweil packte Naphtali Fischel Weinberg am Arm. »Genig!« raunte er.
Fischel teilte schon seit Monaten mit Lerner die Pritsche. Er gebärdete sich als dessen Beschützer. Weinberg durfte sich Naphtali nicht zum Feind machen. Er fühlte, daß seine Kraft nicht ausreichte, die Kiste allein ins Lager zu tragen. Jossl Lerner war zu schwach, um ihm dabei zu helfen. Jaakov brauchte Naphtali. »Ich gejb dir Milech …« Naphtali packte Jaakov am Oberarm. »Er brocht Milech!« Fischel wies auf Jossl Lerner.
»Ich wer’ ihm Milech gejbn.« In diesem Moment traf Weinberg ein Schlag in den Rücken. »Mir wirste ojchet Milech gejbn!« zischte ihm sein Hintermann David Jakubovicz zu. Weinberg reagierte nicht. Jakubovicz versetzte ihm einen kräftigeren Hieb. Weinberg stolperte vorwärts. Jakubovicz holte ihn sogleich ein.
»Git!« keuchte Weinberg.
»Mir wirst di ojchet Milech gejbn«, rief Marek Birnbaum, Jakubovicz’ Nebenmann und packte Weinberg so hart an der Schulter, daß dieser erneut ins Stolpern kam.
»Kisch mech im Joches«, keuchte der und ließ die Kiste fallen.
»Maul halten, sonst greife ich durch!« brüllte ein Wachsoldat. Naphtali Fischel ließ sich durch sein Geschrei nicht beirren. Unvermittelt packte er die Kiste, riß sie ohne sichtbare Anstrengung hoch und marschierte weiter.
Weinberg hatte die Kiste gefunden. Er brauchte die Milch für sich. Doch Fischel war kräftiger und einen halben Kopf größer als er. Jaakov mußte abwarten.
Nach wenigen Minuten begann auch Fischel das Gewicht des Kastens zu spüren. Er packte die Kiste seitlich, hielt Weinberg das freie Ende hin. »Nimm!« befahl er. Jaakov zögerte. »Schlepp! Sonst hack ich dir den Kopp ab!« Weinberg packte die Kiste am freien Ende. Zu zweit war sie leichter. Sie marschierten stumm nebeneinander her. Nach einer Weile wurde die Last Weinberg erneut zu schwer. Naphtali marschierte ungerührt weiter. Die Luft brannte in Jaakovs Lungen. Er zwang sich, Schritt zu halten. Doch seine Brust schnürte sich zusammen. »Ich kunn nicht mehr.«
»Gejh!«
Jaakov trieb sich an. Doch sein Schritt wurde schleppend. Naphtali packte die Kiste mit der linken Hand, die rechte legte er um Jaakovs Schulter und schob ihn vorwärts. Das half. Weinberg konnte leichter gehen. Bald wurde ihm die Last wieder zu viel. Seine Arme wurden schwer, sein Atem rasselte. »Ich fall aweg«, stöhnte er.
»Schlepp!« befahl Naphtali. Aber er sah, daß Jaakov nicht mehr konnte. Wenn er fiel, kam die ganze Kolonne aus dem Tritt. Dann hatten sie die Wachen mit ihren Hunden auf dem Hals. Fischel packte die Kiste wieder mit beiden Händen und wandte seinen Kopf zu David Jakubovicz. »Kimm aher, schlepp!«
Der Hintermann antwortete nicht. »Kimm aher!« wiederholte Naphtali drohend. Derweil versuchte Jaakov Weinberg verzweifelt, das Marschtempo zu halten.
Fischel wandte sich mit einem Schwung um und stieß den Kasten gegen Jakubovicz’...




