Senger | Lieben ist nichts für Feiglinge | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Senger Lieben ist nichts für Feiglinge

Von Entscheidungskrisen, neuen Chancen und der Furcht vor dem Glück
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-903441-08-8
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Von Entscheidungskrisen, neuen Chancen und der Furcht vor dem Glück

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-903441-08-8
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die »Generation F« und die Liebe Angst vor Nähe, Angst vor Trennung, Angst vor dem Ungewissen - für die »Generation F« (Generation »feig«) gibt es viele Anlässe, feig oder gar nicht zu handeln. Psychotherapeutin Gerti Senger stellt dazu grundlegende Beziehungsfragen: »Wann sind Liebesgefühle gefährdet? Warum kommen sie oft gar nicht erst zustande? Wie gehen wir mit Bindungen um? Was hindert uns daran, miteinander glücklich zu sein?« Ohne zu verurteilen, schildert die Paartherapeutin und beliebte Kolumnistin Geschichten aus ihrer langjährigen Praxis sowie Fallbeispiele, die auch eigene Verhaltensweisen erklären. Einfühlsam und humorvoll weist sie auf mögliche Ursachen vieler Beziehungsprobleme hin und zeigt Wege zu Mut in der Liebe und Ehrlichkeit zu sich selbst. »Ich versuche, Frauen und Männer auf der Suche nach mehr Liebesglück vom Angst-Feigheitsmodus zu einem Handlungsmodus zu motivieren. Dass Handeln vielleicht auch Scheitern bedeuten kann, bestreite ich nicht. Aber wer nicht handelt, ist schon gescheitert.« In diesem Sinne: Nur Mut, alles wird gut!

Gerti Senger, Prof. Dr., studierte Psychologie und Pädagogik. Sie arbeitet als zertifizierte Verhaltenstherapeutin und IMAGO-Paartherapeutin in freier Praxis in Wien. Neben ihrer Vortragstätigkeit an der Universität Wien ist Gerti Senger seit vielen Jahren Kolumnistin der »Kronen Zeitung« (»Lust und Liebe« in der »KRONE bunt«) sowie regelmäßig für Rundfunk und Fernsehen tätig. Gerti Senger ist verheiratet und hat einen Sohn.
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Von Nähe, Distanz und paradoxen Bindungen


Katharina würde gerne aufs Heiraten verzichten, Hauptsache, Christian bekennt sich grundsätzlich zu ihr. In ihrer Beziehung zu ihm gibt es keine Freude, nur Angst. Katharina kämpft mit allen nur erdenklichen Mitteln um Christian. Unfassbar, zu welchen Zugeständnissen sie bereit ist. »Du kannst allein Urlaub machen … Du kannst dich jeden Tag mit deinen Freunden treffen … Du musst nicht sagen, wann du heimkommst … Du kannst mit einer anderen Frau schlafen.«

Im Namen der Liebe wird vieles hingenommen


Wer schon einmal so eine Partnerschaft mitgekriegt hat, vermutet fürs Erste zwei Motive – einen ganz besonderen Sex oder eine ganz besondere Liebe. Weder noch. Die Angst um den Fortbestand der Beziehung gibt vielleicht das eine oder andere Mal dem Sex einen Kick. Aber grundsätzlich dominiert die Verlustangst des Schwächeren. Und die ist mit tiefer Lust inkompatibel.

Was nach außen hin als große Liebe daherkommt, ist in Wahrheit der Kern einer Beziehungssucht. Man sagt, dass jede Sucht eine Sehnsucht ist. Auf die Beziehungssucht trifft das zu. Das süchtige, unstillbare Sehnen nach Beziehung zwingt einen Menschen in einen Zustand des emotionalen Kontrollverlustes und in der Folge dazu, seine Würde aufzugeben. In den meisten Fällen ist der Partner die Anstrengungen, die Beziehung zu halten, gar nicht wert. Aber einem Beziehungssüchtigen ist im Notfall jeder dahergelaufene Typ recht. Es geht ja nicht um einen Menschen mit einem liebenswerten Wertesystem oder um tolle sexuelle Fähigkeiten. Es geht darum, die Sucht nach einer Beziehung zu stillen.

Kleiner Zwischeneinschub: Das Bedürfnis, sich zu binden, ist keine Beziehungssucht. Bindungswünsche sind ein seelisches Grundbedürfnis, das unglücklich machen kann, wenn es ungestillt bleibt. Aber beziehungssüchtig zu sein, bedeutet Bindung um jeden Preis. Die zwanghafte Orientierung auf einen Partner, von dem der Sinn des Lebens ersehnt wird, verhindert, dass der Beziehungssüchtige selbst seinen eigenen Platz in der Welt findet. Er erhofft sich ausschließlich vom Partner Antworten auf alle Lebens- und Wertfragen.

In der Überzeugung, dass eine Partnerschaft ihre einzige Chance ist, taumeln die einen von einer Trennung in die nächste Katastrophenbeziehung, die anderen vegetieren mit einem unmöglichen Partner in einer desolaten Dauerbeziehung. Die innere Sicherheit einer reifen, innigen Liebe erleben Beziehungssüchtige nie. Wenn sie ihre Partnerschaften beschreiben, dominieren die Worte »Angst«, »Schmerz« und »Anspannung«.

Sehnen, Umarmen, Zurückstoßen, Sehnen


Angeblich war der Philosoph Arthur Schopenhauer kein umgänglicher Mensch. Vielleicht diente ihm sein eigener Charakter auch als Motiv dazu, eine Fabel zu schreiben, die in die Psychologie als »Stachelschwein-Dilemma« einging.

Stellen Sie sich erst einmal ein Stachelschwein vor. Es hat 20 bis 24 Kilo, seine Stacheln sind 30 bis 50 cm lang und bis zu sieben Millimeter dick. Wehe, wenn man von diesen Speeren verletzt wird. In Schopenhauers Parabel geht es darum, dass Stachelschweine Kälte nicht vertragen. Aber wenn sie sich zusammendrängen, um sich zu wärmen, verletzen sie sich gegenseitig mit ihren scharfen Stacheln. Also bleibt den armen Schweinen nichts anderes übrig, als wieder auseinander zu rennen.

Allein geht’s nicht, zusammen aber auch nicht. Ganz wie bei den Menschen: Allein friert man, Nähe wird manchmal unerträglich. Klara und Ferdinand ergeht es so. Es gibt Zeiten, da ist das Pärchen unzertrennlich. Wer die beiden sieht, ist überzeugt: Die zwei sind ein Herz und eine Seele. Verliebt, harmonisch und glücklich.

Plötzlich ist alles anders. Ferdinand ist launenhaft, streitsüchtig und verletzend. Er nörgelt an Klara herum, knallt mit den Türen und ist so unfreundlich, als hätte sie etwas verschuldet. In diesen Phasen fragt sich Klara, warum sie sich das antut. Sie ist eine zärtliche und tolerante Partnerin, die in der Beziehung zu Ferdinand ihr Bestes gibt. Aber wenn der Alltag mit Ferdinand unerträglich ist, flüchtet Klara in ihre kleine Garçonnière. Dann vergehen ein paar Tage und Ferdinand feuert ein SMS nach dem anderen ab: »Ich liebe dich.« – »Ich brauche dich.«

Klara erinnert sich dann an Ferdinands gute Seiten, kommt zurück, und es ist wieder wunderschön. Dann geht alles von vorne los. Nähe, Verletzungen und Trennung. Dann wieder: »Ich liebe dich. Du bist alles für mich.« Jetzt wissen Sie, wie es weitergeht: große Liebe. Rückkehr, Nähe. Und wieder – Verletzungen und Qual – das Stachelschwein-Dilemma.

Nur für den Fall, dass Sie auch einmal so ein schreckliches Wechselspiel von Liebe und Verletzung erlebt haben und deswegen ins Sinnieren kommen, sollten Sie wissen: Stachelschwein-Partner können zwar unausstehlich sein, aber sie sehnen sich so sehr nach Wärme, dass sie sich meist in Partner verlieben, die Nähe gut zeigen können. Trotz ihres Nähebedürfnisses können sie damit aber nicht umgehen. Anfangs tut es ihnen unendlich wohl, ihr Bedürfnis erfüllt zu bekommen. Doch dann werden die wohlmeinenden Nähe-Signale als Verletzung der eigenen Grenzen empfunden und die Stacheln in Form von Unhöflichkeit oder gar Gemeinheit ausgefahren. Wer kann, weicht diesen Verletzungen aus. Allerdings treibt das Bedürfnis nach Wärme das Stachelschwein wieder zur Wärmequelle zurück und das Dilemma beginnt von vorne.

Das enervierende Hin und Her eines Stachelschwein-Paares kann eigentlich nur damit beendet werden, dass es die mittlere Entfernung herausfindet, die weder frieren lässt noch durch zu viel Nähe verletzt.

Das Gegenteil vom Stachelschwein-Dilemma ist das Harmonie-Dilemma


Viele Paare gehen derartig vorsichtig und rücksichtsvoll miteinander um, dass keiner mehr weiß, was der andere wirklich will. Anfänglich war Julius von Ninas harmonischem Wesen begeistert. Jetzt leidet er unter ihrem Ringen nach Einheit. »Nie redet sie Klartext. Und wenn ich es tue, kränkt sie sich«, klagt Julius.

Nina erwartet sich von Julius Übereinstimmung in allem. Denkt er einmal anders oder hat er andere Wünsche als sie, sieht Nina darin eine »Disharmonie« und ist verzweifelt. Diesen Kummer will Julius nicht ertragen, also schweigt er. Sogar ihre Körper sitzen stumm und sperrig nebeneinander. Dann herrscht totale Stille, nicht einmal ihre Blicke sprechen. Nach und nach normalisiert sich die Stimmung wieder – sie wird pseudoharmonisch. Was längst ausgesprochen werden müsste, bleibt ungesagt. Konflikte werden nicht gelöst, Differenzen nicht beigelegt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Harmonieblase platzt.

Auch Karl schafft in seiner Ehe immer wieder eine Harmonieblase. Er hatte schon als Single ein starkes Bedürfnis nach Gleichklang. Nachdem er in seiner Firma etliche Kommunikationsseminare mitmachte, lernte er seine Lektion allzu gut: »In einem funktionierenden Team darf es keinen Streit geben.« Karl sieht seine Partnerschaft mit Britta als Team, also nur keinen Streit. Sobald ein klärendes Gespräch fällig wäre, kalmiert er: »Wir werden uns doch nicht streiten.«

Mit ihrer ausgeprägten Harmoniesucht machen Nina und Karl ihren Partnern das Leben schwer. Fehlt die Übereinstimmung, wittern sie sofort Gefahr für die Beziehung. Wenn der Partner anders denkt und fühlt, ist das auch deshalb beängstigend für sie, weil sie die Begegnung mit der Freiheit des anderen mit eigenen Freiheitsmöglichkeiten in Kontakt bringt.

Mir ist schon klar, dass sich Liebende danach sehnen, Unterschiede aufzulösen. Die Vorstellung, immer dieselben Empfindungen zu haben, sichert vielleicht einen friedlichen Alltag. Aber wenn Unterschiede und Konflikte nicht ausgesprochen werden dürfen, entsteht eine gefährliche Harmonieblase, die irgendwann platzt.

Oft bringt ein anderes Paar durch sein Verhalten oder das offene Ansprechen eines heiklen, beschwiegenen Themas die Harmonieblase zum Platzen. Dann quillt das Verdrängte undosiert hoch und ist nur schwer handhabbar. Paare in einer Harmonieblase vermeiden daher oft den Kontakt mit anderen: Sie wollen verhindern, dass ihr Schutzkokon aufgebrochen wird.

Einem zu schnellen Einverständnis folgen ewige Vorwürfe


Partner in einer Harmonieblase treten oft lächelnd von eigenen Wünschen zurück. »Das ist eben Liebe«, heißt es wohlwollend. Bei diesem einverständlichen Glück bleibt es häufig nicht. »Du denkst doch seit jeher nur an dich«, hört Alfons von Sonja immer öfter. Alfons ist sauer: »Wie? Was? Wir waren uns doch immer einig.« Alfons zählt die gemeinsam gefundenen Lösungen auf: »Dass du nach dem zweiten Kind nur mehr halbtags arbeitest, war so ausgemacht.« – »Du warst nicht dagegen, von der Stadt wegzuziehen.« – »Wir haben...


Gerti Senger, Prof. Dr., studierte Psychologie und Pädagogik. Sie arbeitet als zertifizierte Verhaltenstherapeutin und IMAGO-Paartherapeutin in freier Praxis in Wien. Neben ihrer Vortragstätigkeit an der Universität Wien ist Gerti Senger seit vielen Jahren Kolumnistin der »Kronen Zeitung« (»Lust und Liebe« in der »KRONE bunt«) sowie regelmäßig für Rundfunk und Fernsehen tätig. Gerti Senger ist verheiratet und hat einen Sohn.



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