Senn | MEINE FARBIGE SACHE | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Senn MEINE FARBIGE SACHE

Die Geschichte einer Mörderin
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-01751-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Geschichte einer Mörderin

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-01751-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ernst Schurter beweist im Fall Natascha Nowikow seine Ermittlungskünste, denn die Absichten der bildschönen Mörderin sind suspekt. Die Verdächtige ist nicht aufzuspüren und könnte jederzeit wieder zuschlagen.

Marc Senn, geboren am 1. Juni 1984, lebt als Autor in Zürich. Im Jahr 2018 begann er Bücher zu schreiben. Er schreibt gerne in der Gattung Sachbuch und Roman. Sein erster Roman MEINE FARBIGE SACHE erschien im Frühsommer 2021.
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Kapitel 8

Das Angebot

Na klar, die Leinwände! Biagio del Nero erinnerte sich wieder. Nach dem Anblick vom Menschenengel war Biagio gedanklich verwirrt und hin- und hergerissen. So sehr, dass er alles in diesem Augenblick vergaß. Er hatte die Leinwände vor zwei Tagen bei Elenora Sorokin bestellt. Es waren Leinwände von sehr robustem Material und sehr geeignet für die Ölmalerei. Die Leinwände aus St. Petersburg waren bekannt für die Besten aus ganz Europa. Nur die sehr reichen und erfolgreichsten Künstler vermochten diese auch zu leisten. Die hochwertigen Leinwände waren für ein Ölgemälde von hoher Bedeutung. Es war die Grundlage für das Gemälde. Dazu brauchte es für eine Langlebigkeit einen hochwertigen Untergrund aus bestem Material. Daher war der hohe Preis für eine solche Leinwand auch berechtigt. Je höher die Qualität des Gemäldes, desto höher war auch der Wert.

„Treten Sie herein! Seien Sie aber vorsichtig! Sie können die Leinwände neben meinem Arbeitstisch ins Bilderlager stellen“, sagte Biagio sehr galant.

„Jawohl mein Herr!“, sagte Natascha.

Biagio del Nero ließ das wunderschöne Laufmädchen in seinen Führerraum eintreten. Natascha durchquerte die Kabine und legte die Leinwände ins Bilderlager. Dabei bemerkte sie die exorbitante Kabine. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen derartigen luxuriösen Raum gesehen. Es mangelte an nichts, denn die Kapitänskajüte war zugleich Ess-, Schlaf-, und Arbeitszimmer. An den Wänden hingen kostbarste Malereien in vergoldeten Rahmen, wohl die Kunstwerke von Biagio del Nero. Die leichten Gardinen aus roter Baumwolle zierten die Lichtöffnungen. Die handgefertigten Möbel, wie Bett, Schrank, Waschtisch, Regal und Arbeitstisch waren alle aus edelstem Nussbaumholz. Die vielen kostbaren und seltenen Accessoires rundeten die Inneneinrichtung ab. Auf dem Holzboden lag ein Fell eines europäischen Braunbären. Ein Seefahrer Globus auf einem Holzständer für die Anschaulichkeit der Schiffsrouten. Sehr viel kleine und feine kostbare Schmuckstücke aus der ganzen Welt schmückten die Vitrinen und Regale. Die Kabine entsprach dem Lebensgefühl und den Ansprüchen eines aufsteigenden Mannes, der sich dem Handel und Kunst widmete.

Biagio zeigte gerne seinen Reichtum in seiner ganzen Pracht. Natascha war von der eingerichteten Kabine wahnsinnig begeistert. Noch nie hatte sie solch viele schöne und wertvolle Gegenstände gesehen. Sie lief langsam durch die Kabine und sammelte mit ihrem Blick alle Details ein. Es waren so viele, dass das Gehirn von Natascha regelrecht mit Informationen überflutet wurde. Es lief auf Hochtouren und in diesem Augenblick bekam sie einen Schwächeanfall, knallte zu Boden und riss zugleich das gescheiterte Werk mit. Biagio versuchte sie noch aufzufangen, aber ohne Erfolg. Er legte Natascha vorsichtig auf sein Bett, setzte sich daneben, drehte sich zu ihr und erspürte ihre umwerfende Schönheit. Nach einer Weile hob er seine Hand, führte sie sehr leicht über ihre Stirn und legte ihre Haare zur Seite. In diesem Augenblick erwachte Natascha wieder mit einem tiefen Atemzug. Biagio zuckte zusammen und reagierte besorgt.

„Es ist alles in Ordnung? Erholen sie sich erstmals!“

„Uhh!“

„Wie ist Ihr Name?“

„Natascha Nowikow.“

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er und legte seine Hand auf ihre Stirn und merkte eine glühende Hitze, wie bei einer Kranken mit Fieber. „Ich hole besser einen kühlen Lappen und Sie bleiben währenddessen ruhig liegen.“

Er ging zum Waschtisch, nahm den Lappen auf und tränkte diesen in das Wasser im Waschbecken, die üblicherweise zur Hand oder Gesichtswäsche gedacht wäre. Als er den Lappen, über dem Waschbecken wenig auspresste, ging er zurück zu Natascha und legte den wassergekühlten Stofffetzen beidhändig über ihre Stirn.

„Ich habe Kopfschmerzen.“

„Kein Wunder, Sie haben sich auch den Kopf gestoßen. Da müssen Sie an Schmerzen leiden. Geht es Ihnen besser?“

„Vielen Dank. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass sie mir heute Abend behilflich sind, aber ich muss wieder zurück. Ich darf nicht hierbleiben. Wenn ich mich nicht mehr erblicken lasse, dann wird mich meine Herrin Elenora Sorokin suchen. Sie wird mich bestrafen, womöglich im Verlies einsperren! Nein, Nein! Ich muss los! Sie kennen meine Herrin nicht!“

„Wenn Ihnen danach ist, können Sie los. Mein erster Offizier wird Sie begleiten. Ich komme morgen vorbei, um die Leinwände zu bezahlen. Ich werde bei Frau Sorokin ein gutes Wort einlegen, versprochen!“

Vielen Dank mein Herr“, sagte Natascha und stand auf.

Sie wollte gerade los, als sie am Boden das gescheiterte Werk auffand und es wieder aufhob. Sie schaute sich das Werk genau an. Der Rahmen war verbogen und die Leinwand verrissen. Das Bild war noch erkenntlich, aber wertlos. Da es nichts in der Kabine für das Zeichnen fehlte, war Natascha fest dazu entschlossen, ein besseres Werk vorzuzeichnen.

„Es ist wertlos!“, sagte Natascha und deutete auf das Werk.

„Na klar ist es wertlos, mein Werk wurde vorhin von Ihnen zerschmettert! Ich glaube, Sie stehen in meiner Schuld.“

„Nein, mein Herr! Es ist bereits vorher ruiniert.“

„Pah!“ rief Biagio und hob kurz seinen Kopf an die Decke und hielt seine Hand in die Weste und hustete chronisch vor sich hin. „Du kennst mich nicht, oder? Ich, Biagio del Nero, nicht nur ein Händler. Nein! Ich bin Meister in der Malerei! Keiner beherrscht das Handwerk so gut wie ich.“

„Ja, kann sein. Aber die Formen des Schiffes entsprechen nicht dem Original. Ich kann Ihnen ein besseres Werk vorzeichnen, ich kann es! Geben Sie mir nur zehn Minuten! Bitte, mein Herr, nehmen Sie mein Angebot an und Sie werden eine Vorlage für Ihr Kunstwerk erhalten. Versprochen!“

„Gut, ich schenke ihnen zehn Minuten meiner kostbaren Zeit. Aber zerschlagen Sie nicht mehr meine Gegenstände, diese sind nicht mit Gold zu bezahlen. Legen Sie los! Es ist alles in der Kabine vorhanden. Die Zeit läuft!“

Natascha legte sich ins Zeug, sie wusste, sie hatte nur einen kurzen Verlauf, um ihr Talent zu beweisen. Sie suchte in der Kabine ihre Gegenstände zusammen, die sie für die Zeichnung benötigte. Danach riss Sie die Zeichnung der Bella-Bianca für den angeblichen Meister der Malerei auf. Biagio setzte sich während dieser Zeit in den Sessel und genoss erneut ein Glas Wein und schaute vage zu, wie Natascha versuchte sein Segelschiff mit einem Grafitstift auf einer leeren Leinwand vorzuzeichnen. Das ist nicht denkbar, wie soll ein Grünling, wie Natascha, eine nahezu perfekte Abbildung seiner fantastischen Bella-Bianca in nur zehn Minuten hinkriegen. Was für ein törichter Mensch müsste er wohl sein, der sich in lächerlicher Weise täuschen lässt. Natascha zeichnete aus ihrem Gedächtnis, sie hatte das Segelschiff bereits bei ihrer Ankunft genauestens betrachtet und ihr viel es nicht schwer das Segelschiff als Zeichnung wiederzugeben. Biagio trank sein Wein und warf mit einem Auge einige Blicke auf seine Taschenuhr. Es waren noch keine zehn Minuten vorüber, da meldete sich Natascha:

„Hier, mein Herr!“, sagte Natascha. „Sehen Sie sich die gute Vorzeichnung für Ihr Werk an.“

„Nicht jetzt! Später vielleicht. Ich bin sehr müde. Bitte, verschonen Sie mich. Nehmen Sie es mir nicht übel, ich hatte einen anstrengenden Geschäftstag und der Wein macht mich sehr schläfrig. Besser ich leg mich gleich hin. Gehen Sie augenblicklich zu Frau Sorokin. Es ist bereits sehr spät, nicht, dass Sie wegen mir noch ins Verlies gesperrt werden. Ich begleite Sie aufs Deck. Mein erster Offizier bringt Sie sicher zurück“, sagte Biagio, er nahm die Funzel in die Hand und begleitete Natascha hinaus. Draußen auf dem Deck weihte er seinen ersten Offizier in seine Aufgabe ein und verabschiedete sich von Natascha. Biagio ging wieder zurück in seine Kabine und verschloss die Tür.

Jetzt, da er alleine war, riskierte er einen Blick und lief schnurstracks zum Malergestell. Er hielt die Funzel vor das Werk und warf ein Auge darauf. Die Vorzeichnung war eine glanzvolle Leistung. Es war für ihn unerklärbar, wie ein Grünling solch eine Zeichnung in kürzester Zeit erbringen konnte. Die Formen seiner Bella-Bianca waren perfekt dargestellt, wie von Gotteshand gezeichnet. Seine Wahrnehmung glänzte nur noch von diesem schönen Anblick. Mit größtem Vergnügen legte er sich in sein Bett und vergas all seinen Frust und war überglücklich, eine Persönlichkeit gefunden zu haben, die eine übernatürliche Begabung an den Tag legen konnte und zudem das Zeichnen beherrschte. Er wusste, mit Natascha erschienen die Werke in Zukunft noch besser. Seinen Ruhm als Malermeister würde steigen und er kann sich wieder vom Rest der Welt ein Stück abheben. Denn...



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