Serge Schwarze Wasser
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-85869-638-0
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-85869-638-0
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Victor Serge, geboren 1890 in Brüssel, war russischer Revolutionär und Schriftsteller. Ursprünglich Anarchist, schloss er sich 1919 trotz großer Skepsis den Bolschewiki an und arbeitete später als Journalist, Verleger und Übersetzer für die Komintern. 1933 wurde er wegen seiner Opposition zu Stalin nach Orenburg (Ural) verbannt; 1936 dank einer internationalen Solidaritätskampagne, u. a. Romain Rolland und André Gide, freigelassen. Serge verließ die Sowjetunion und floh 1941 vor den Nazis aus Marseille nach Mexiko, wo er 1947 starb. In seinen letzten zehn Lebensjahren entstanden sieben Romane, die inzwischen international als Klassiker gelten.
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I
Das Chaos
Michail Iwanowitsch Kostrow, in keiner Weise abergläubisch, spürte in seinem Leben die Dinge auf sich zukommen; sie kündigten sich durch kaum wahrnehmbare Zeichen an. Zum Beispiel seine Verhaftung. Da hatte es den eigenartigen Tonfall des Rektors gegeben, als er zu ihm sagte:
»Michail Iwanowitsch, ich habe beschlossen, Ihre Vorlesung vorübergehend auszusetzen … Sie sind gerade beim Direktorium, nicht wahr?« Angst, natürlich, vor den Anspielungen auf die neue politische Wende. »Bereiten Sie mir doch«, fuhr der Rektor fort, »eine ganz kurze Vorlesung über Griechenland vor …«
Eine Zeitverschiebung von etwa zweitausend Jahren. Hier spürte Kostrow, dass er einen Fehler machte, aber er beging ihn fröhlich, um des Vergnügens willen, den Rektor ein wenig zu beunruhigen, diesen fest im Sattel sitzenden Hasenfuß, der immer eine besondere Stimme bekam, wenn er mit dem Sekretariat des Komitees telefonierte.
»Ausgezeichnete Idee«, antwortete er. »Schon seit Langem habe ich eine Reihe von Vorträgen über die Klassenkämpfe in der antiken Polis im Kopf … Da ist Raum für eine ganz neue Theorie der Tyrannei.«
Der Rektor mied seinen Blick, den Kopf über seine Papiere gebeugt. Sein kahler Scheitel glich einer Tonsur.
»Aber nicht allzu viele neue Theorien«, murmelte er zwischen seinen dicken Lippen. »Auf Wiedersehen.«
Und in dem Moment, als Michail Iwanowitsch die Tonsur bemerkte, spürte er, wie er Ereignissen entgegensteuerte …
Er verließ den Raum in der festen Überzeugung: »Jemand hat mich denunziert. Wer?« Dann tauchte in seinem Gedächtnis das Bild einer gedrungenen kleinen Frau mit etwas starkem Busen auf, in ihren Regenmantel aus den Armeeläden gezwängt. Niedrige Stirn, breiter Mund, kalter Blick, im ganzen Gesicht etwas von einem Nagetier – er mochte sie nicht. In ihrer Hand die Aktentasche der Aktivistin, ganz bestimmt bereits mit wichtigen Papieren vollgestopft. Thesen vom Rayonskomitee für die Agitatoren, Liste der Aktivisten und so weiter … »Genosse Professor, was die linken Thermidorianer betrifft, waren Sie nicht sehr klar … oder ich habe Ihren Gedankengang nicht verstanden … , sagten Sie, ich habe es notiert, … Ich begreife den Unterschied nicht ganz, den Sie zwischen guten und schlechten Thermidorianern machen …« Du kleine Kanaille, du überwachst mich, du bist es, die mich denunziert … In diesem Augenblick kam sie aus dem Büro des – des dialektischen Materialismus –, die Aktentasche vor sich hertragend und diesen schauderhaften Busen, während sie sehr laut redete mit ihrer leicht rauen Stimme, die wie geschaffen war für die Tribünen aus schlecht gehobelten Brettern mit den roten Transparenten … Natürlich sprach sie von der Wandzeitung.
»Das ist nicht erlaubt«, sagte sie gebieterisch, »es ist sogar inakzeptabel! Das Redaktionskomitee …« Beim Wort bestand für Kostrow kein Zweifel mehr. Denunziantin. Er ging schneller, um sie nicht grüßen zu müssen, sie aber grüßte ihn beschwingt, und hinter ihr zeigte sich der Lockenkopf von Irina, einer kleinen Syrjanin aus dem Hochland der Kama, die er reizend fand mit ihrem glatten Gesicht, ihren großen Augen, ihren hervortretenden Wangenknochen und ihren schmalen Lippen, wie von einem Miniaturmaler aus dem Zeitalter des Rentiers gezeichnet … »Na«, fragte er sie, »klappt es mit Ihrer Dissertation, Genossin?« Sie nickte mehrmals, ernsthaft und munter: munter nur in der Tiefe ihrer Augen: jene winzigen Goldkörner in der Ferne wie auf dem Grund des Wassers. Sie sprachen einen kurzen Moment, dann wurden sie von einer Flut Studenten getrennt, denn es schlug elf.
Am Abend bei Tisch, Ganna saß gegenüber, zwischen ihnen Tamarotschka hoch auf ihrem Stuhl mit der bemalten Rückenlehne, fragte er:
»Und was würdest du sagen, Ganna, wenn man mich verhaftete?«
Ganna hörte nicht auf, der Kleinen den Teller zu füllen. Eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen, ihre Schildpattbrille schien ein wenig verrutscht zu sein, als sie schlicht sagte:
»Glaubst du wirklich?«
Die Kleine lauschte, eine Maus auf der Lauer. Heutzutage ist es unerlässlich, dass die Kinder verstehen. Dass die Kinder wissen. Sie vorzubereiten, ist besser, als sie endlos zu belügen. Vor vierzehn Tagen erst hat man Wanil Wanilitsch von unten verhaftet, und seine Swetlana, der man gesagt hatte: »Weißt du, Papa ist nach Leningrad gefahren, in die Akademie der Wissenschaften«, hat sich schließlich beklagt, dass sie getäuscht werde. »Aber ich weiß, dass Papa im Gefängnis ist, ich weiß es, ich weiß es! Und ich bin traurig, dass Papa im Gefängnis ist, aber warum lügt ihr alle?« Der Jude aus dem dritten Stock war im Gefängnis. Der Schwager von Marussia ebenfalls. Swetlana, sieben Jahre, sagte zu Tamarotschka, sechs Jahre: »Und ich habe gesehen, wie man einen Mann erschossen hat: er kam immer zu meiner Tante, er hatte eine große Nase, er war hässlich, ich bin froh, dass man ihn erschossen hat.« Ihr Großvater schimpfte mit ihr: »Swetlana, so redet man nicht, man muss an den Schmerz der andern denken.« (Ein alter Schwätzer, dieser Großvater, der insgeheim mit der Sekte der Tschurikowzy sympathisierte). Die schmollende Swetlana blieb dabei, schaute von unten auf seine große gewölbte Stirn: »Und ich, Großvater, ich sage, er ist hässlich, und es geschieht ihm recht, dass man ihn erschossen hat …« Sie hüpfte auf einem Fuß und wiederholte: »Es geschieht ihm recht.« Erst als sie sah, dass Großvaters Augen feucht wurden und seine Lippen leicht zu zittern begannen, merkte sie, dass er sie liebte und dass er schwach war. Tamarotschka beobachtete dieses Treiben, lauschte allem. Wie er sie liebt, der Großvater, und wie sie ihn quält! Wie böse du bist, Swetlana!, dachte sie. Und sie hüpfte zur Seite, klopfte Swetlana auf die Schulter und flüchtete hinter die Bank, damit sie ihr nachlief … Und dann betrachtete Großvater die kerzengerade, sich aus grauem Stein vom bleichen Himmel abhebende ausgemergelte Gestalt eines hageren, strengen Mannes. So gerade. So hart. So schön. Der Inquisitor. Großvater seufzte. Dabei war es nur der Naturforscher Timirjasew, denn die Kinder gingen frische Luft schnappen auf dem Twerskoi-Boulevard an der Kreuzung der Malaja Nikitskaja. Dort, in dieser ruhigen Straße, eine banale weiße Kirche: Hier hatte vor hundert Jahren Puschkin geheiratet:
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Großvater liebte diesen Vers, er, der weder Ruhe noch freien Willen gekannt hatte. Wie Puschkin selbst. Wie fast alle Menschen hienieden. Aber dieser Vers barg eine Harmonie, eine wunderbare Lüge. Nein: eine jenseitige Wahrheit. Wahrer als die Wahrheit, höher. Ruhe und freier Wille existieren nicht; sie beherrschen alles; unerreichbar und erhaben, real und irreal. Niemand kann es verstehen, niemand … Der Kirche gegenüber eine niedrige kleine Villa, umgeben von einem Gitter und einem Bretterzaun gegen die Indiskretion. Hier lebte Maxim Gorki. Der brauchte nichts. Weder Ruhe noch Glück noch freien Willen! Unerbittlich schrieb er süßliche und empörende, fast seelenlose Dinge … Vielleicht litt er darunter, denn man muss doch leiden, wenn man an der Schwelle des Todes so wenig Seele in sich spürt. »Ich würde ja für dich beten, Alexei Maximowitsch«, dachte Großvater, »aber deine Schriften nehmen mir die Lust dazu …« Das ganze Universum, noch sehr viel größer, viel komplizierter, lag in diesem Augenblick in der Seele von Tamarotschka, sechs Jahre, einer kleinen Maus auf der Lauer, die mit weit offenen Augen bei Tisch etwas knabberte. Über ihren Kopf hinweg erforschten der Mann und die Frau ihre Zukunft.
»Glaubst du wirklich?«, wiederholte Ganna.
Kostrow merkte, dass er es wusste. Vorahnung, Vorgefühl sind Wörter von Unwissenden, die genau besagen, was sie sagen. Man addiert eine Fülle unterbewusster Beobachtungen und Berechnungen, und heraus kommt plötzlich eine sicherlich nicht ganz rationale, jedoch völlig zutreffende Gewissheit.
»Natürlich. In den letzten sechs Wochen hatten wir in Moskau immerhin dreihundert Festnahmen, denk daran. Lauter Männer meiner Generation, Aktive des Bürgerkriegs, Oppositionelle von 26–27, die sich alle arrangiert hatten, um Ruhe zu haben …«
Ganna dachte nach, Ganna, die erstaunlicherweise einem fleißigen kleinen Mädchen glich mit ihren rosigen Wangen, einer leichten Stupsnase, straff zurückgekämmtem Haar. Sogar im Bett zur Stunde der Zärtlichkeit wollte er, dass sie ihre Schildpattbrille aufbehielt, weil das ihrem Kindergesicht einen amüsanten Ernst verlieh. Dann...




