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Serkalow | Horror Western 07: Die Fährte des Wendigo | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 7, 200 Seiten

Reihe: Horror Western

Serkalow Horror Western 07: Die Fährte des Wendigo


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-287-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 7, 200 Seiten

Reihe: Horror Western

ISBN: 978-3-95719-287-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Witwe Helen Burkfield lebt auf einer kleinen Pferderanch. Als ihre Tochter Crystal verschwindet und die Spur direkt ins Indianergebiet führt, macht sich Helen auf die aussichtslos erscheinende Suche. Sie nimmt die Hilfe von Threefeathers an, einem Krieger, der dem gleichen Stamm angehört, der ihren Mann ermordet haben soll. Gemeinsam folgen die beiden der mysteriösen Fährte. Schon bald muss Helen erkennen, dass Crystal von einem blutrünstigen Dämon entführt wurde.

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Prolog

„Wo ist der Junge? Jep?“

Hiram Jackson blieb stehen und sah sich um. Wo war Jep Billings auf einmal abgeblieben? War der Junge nicht bis eben noch neben ihm durch den hüfthohen Schnee gestapft und hatte sich mit ihm unterhalten? Hiram war sich nicht sicher. War das wirklich eben gewesen? Oder lag diese Unterhaltung bereits Stunden, wenn nicht sogar Tage zurück? Hiram hatte längst jeden Sinn für Raum und Zeit verloren. Wie lange war es her, dass sie die toten und nur halb aufgegessenen Pferde im Schnee zurückgelassen hatten?

Er blickte wieder nach vorn, wo sich die restlichen Soldaten des Trupps durch das ewige Weiß kämpften. Gestalten, die aussahen wie Vogelscheuchen, über die man steif gefrorene Armeemäntel geworfen hatte, deren Gewicht die Gestelle in den Boden zog.

„Hey, Jungs!“, rief Hiram. Doch das, was ihm von den Lippen kam, war nicht mehr als ein Ächzen. Ähnlich dem Geräusch, das die dünnen Äste an den Kiefern unter der Last des Schnees machten. Nein. Wahrscheinlich hatte er sich die Unterhaltung mit Jep Billings nur eingebildet. Quatschen bedeutete Kraft aufbringen. Energie, die sie längst nicht mehr hatten. Seitdem sie sich nur noch von Schnee ernährten und versuchten, das Gefühl der innen an den Magenwänden nagenden Krebse durch das Herumkauen auf abgeschnittenen Stücken ihrer Ledergürtel zu unterdrücken. „Jungs. Wartet mal!“ Diesmal gelang es Hiram, etwas lauter zu rufen. Ein paar der Trooper hielten inne und drehten sich langsam zu ihm herum.

„Was?“

„Wo ist Jep? Der Junge. Jep Billings.“

„Keine Ahnung. War doch die ganze Zeit hinter uns.“

„Ja. Aber da ist er nicht mehr.“

Hiram deutete in die Richtung, aus der sie kamen. Deutlich zeichnete sich die Schneise im Schnee ab, die sie unter Aufbringung ihrer letzten Kräfte erzeugt hatten.

„Wir müssen zurückgehen.“

„Warum?“

„Wir sind nicht mal für die Pferde zurückgegangen. Haben sie einfach liegen lassen und die hätten wir wenigstens weiter essen können.“

„Wolltest du etwa die großen Fleischstücke auch noch schleppen, Hastings?“

Immer mehr der Soldaten hatten von der Unterbrechung mitbekommen und waren stehen geblieben. Das Streitgespräch war nichts weiter als ein Flüstern im Wind. Die Trooper waren selbst dazu zu schwach, die üblichen Frotzeleien durch ihre verfilzten Bärte zu quetschen.

„Der Sergeant ist an allem schuld. Glaubt immer noch, dass wir Rothäute verfolgen und dass die sich hier auskennen. Dass er sie noch erwischt und da, wo die gefiederten Wilden dann sind, da gibts auch Essen.“

„Weil die Injuns sich auskennen, sind sie längst nicht mehr da. Haben uns in die Irre geführt. Die wissen, dass es hier außer Schnee und Eis nichts zwischen den Bäumen gibt. Nicht mal ein mageres Eichhörnchen.“

„Oh, Eichhörnchen. Wisst ihr, wie lecker Eichhörnchen schmecken, wenn man sie über dem Feuer ...“

„Halt die Schnauze, Goldsberry.“

„Pst. Der Sergeant kommt ...“

„Was ist los, Männer? Warum geht es nicht weiter?“ McMullons Stimme, sonst wie ein Fanfarenruf, hatte schon seit Tagen nicht mehr Kraft als ein Todkranker, der um die Sterbesakramente bettelt.

„Also ich geh jetzt zurück“, sagte Hiram mehr zu sich selbst statt einer Antwort und stapfte die Spur entlang. Auch wenn Jep Billings nur ein Weißbrot war, er war ein Junge. Ein verdammter Junge, der direkt von Moms Schoß in die Army gekommen war und das Ganze für ein großes Abenteuer gehalten hatte.

Der Weg gestaltete sich überraschend leicht. Schätze, es ist gar nicht so eine dumme Idee, immer am Ende der Truppe zu laufen und die Weißbrote die Arbeit machen zu lassen, kicherte Hiram im Stillen. Dann erblickte er den Körper von Jep Billings vor sich. Der Junge war wohl im Gehen einfach so zusammengesackt. Hiram unterließ es, nach hinten zu rufen. Er streckte einfach nur den Arm in die Luft und winkte. Dann bückte er sich zu dem Jungen. Billings war von Anfang an nur ein dünnes Kerlchen gewesen, aber nun, wo er da so zu Hirams Füßen im Schnee lag, hätte man ihn, von seinem Fellmantel eingehüllt, für ein abgemagertes Nagetier halten können. Wenn er einer der anderen Trooper gewesen wäre, Hastings zum Beispiel, der auch jetzt noch doppelt so breit war wie alle anderen, dann wäre er so tief in den Schnee eingesunken, dass Hiram wahrscheinlich an ihm vorbeigegangen wäre. Kein Zweifel. Der Junge war tot.

Mehr als er es sah, spürte Hiram, dass der Rest der Truppe herangekommen war und sich jetzt um ihn scharte wie die Trauergäste um ein offenes Grab. Dies löste ein Gefühl von Beklemmung aus, weshalb Hiram sich schleunigst erhob und zwei Schritte beiseitetrat. Nicht, dass die Weißbrote noch auf dumme Gedanken kamen. Oh no, Sir.

Sergeant McMullon nahm den toten Jep Billings nur flüchtig in Augenschein und bestätigte dann das Offensichtliche.

„Tot.“

„Sag ich ja. Dafür hätt’n wir nicht zurückkommen müssen“, meinte Hastings.

„Sieht aus, als ob er nur schläft“, fügte ein anderer hinzu.

„Noch so frisch und rosig.“

„Bisschen mager vielleicht, aber ...“

Keiner der Trooper reagierte auf diesen Satz.

Zunächst nicht.

„Noch warm“, fügte ein Weiterer hinzu.

„Weich. Nicht so wie auf einem Gürtel herumkauen.“

Hiram Jackson revidierte sein Bild von den Trauergästen dahin gehend, dass die Soldaten, die um den Leichnam von Jep Billings standen, eher wie Geier aussahen. Er wollte etwas sagen. Doch sein Hals fühlte sich an, als hätte jemand ihn verknotet. Schwindel erfasste ihn. Das Bild vor seinen Augen verschwamm.

In die Geier kam Bewegung. Einige beugten sich nach vorne. Streckten die Hälse aus. Andere stießen verzerrte Töne aus: „Ich hab mal von einer Truppe Siedler gehört, die in der Sierra Nevada liegen geblieben sind. Im tiefsten Winter ...“

„Soll wie Hühnchen schmecken, wenn man’s brät ... und vielleicht kriegen wir ein Feuer hin ...“

Das könnt ihr nicht!, schrie es in Hiram auf. Er wagte nicht, aufzublicken. Den Geiern in ihr hungriges Antlitz zu schauen. Geschweige denn seinen Protest laut zu äußern. Sein eigener Magen kniff sich bei dem Gedanken an gebratenes Fleisch zusammen. Aber dennoch ... das ... konnte ... doch ... nicht ...

„So hat es wenigstens einen Sinn“, krächzte eine Stimme.

„Damit wir leben können ...“

Einer zog sein Messer und bückte sich.

Hiram glaubte zu spüren, wie ihm eine unsichtbare Kraft das Hirn durch ein Loch im Hinterkopf nach oben aus dem Schädel saugte. Er griff Halt suchend ins Leere ...

Später war Hiram Jackson sich sicher, dass dies der Augenblick gewesen war, wo alles begonnen hatte. Schon nach wenigen Stunden, als die Truppe etwas abseits von Jep Billings, von dem, was von Jep Billings übrig geblieben war, ihr Lager aufgeschlagen hatte und keiner es wagte, dem anderen in die Augen zu schauen. Jeder darauf bedacht zu sein schien, größtmöglichen Abstand zum Nächsten zu halten. Da hatten sie es zum ersten Mal vernommen. Dieses Geräusch. Ein Flüstern im Unterholz.

Die Männer waren in ihrer Mischung aus Scham und Sättigungsgefühl reizbar und ballerten wild in die Dunkelheit. So ging es den nächsten Tag weiter. Aus dem Gefühl, dass da etwas in den Wäldern war, das sie verfolgte, wurde nach und nach Gewissheit. Da war irgendetwas, das immer in ihrer Nähe zu sein schien, auch wenn sie es nie zu Gesicht bekamen. Nur manchmal sah es bei genauem Hinsehen so aus, als würden sich weiße Schatten aus dem Schnee zusammensetzen und mit ungelenken Bewegungen durch die hohen Bäume pirschen. Doch kaum hatten sie es erblickt, lösten sich die Schemen wieder auf.

Selbst am nächsten Morgen, als ein trübes Sonnenlicht die Umgebung etwas erhellte, war dieses Wispern ihr steter Begleiter gewesen. Ein Ton, der sich bald ausnahm, als würde jemand ununterbrochen mit den Zähnen knirschen. Und der Grund, warum Hiram nicht einfach fortging. Auch wenn er es in der Nähe der Truppe nicht mehr aushielt. Es gelang ihm nicht mehr, in denen, die bis vor Kurzem noch seine Kameraden gewesen waren, etwas anderes als Aasfresser zu sehen. So folgte er auch weiterhin den Spuren, die sie im Schnee hinterließen, blieb aber auf Abstand. Versuchte, das Flüstern und die Schemen am Rande seiner Wahrnehmung zu verdrängen. Denn das waren mit Sicherheit keine Crow, und irgendwann konnte selbst Sergeant McMullon diesen Umstand nicht mehr leugnen.

Nicht nur, dass sie sich längst verlaufen hatten, dass sie hungerten und vor Erschöpfung immer wieder zusammenbrachen. Dass sie das Gefühl hatten, aus nichts anderem, als dem ständigen Gefühl des Erfrierens zu bestehen und der Angst, dass Zehen und Finger bei der kleinsten Bewegung wie Glas brechen würden. Oh no, Sir! Dazu kam jetzt noch, dass da draußen irgendetwas in den Wäldern war, das sie verfolgte und dem Kugeln nichts anhaben konnten.

Vielleicht war der Moment, wo Sergeant McMullon es zugeben musste, der, als er der Erste gewesen war, den ES oder SIE, geschnappt hatten. Die Schreie des Offiziers, die noch lange durch die Nacht hallten, waren weithin hörbar gewesen. Laut genug, dass es die Soldaten trotz des Bedürfnisses, einfach im Schnee liegen zu bleiben und für immer zu schlafen, wach gehalten und schließlich sogar weiter durch den Wald getrieben hatte.

Oh yes, Sir. Angefangen hatte es mit Jep Billings.

Und jetzt, am Ende, war nur noch er,...



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