Serpell | Die Furchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Serpell Die Furchen

Roman
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8437-3058-7
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3058-7
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von der New York Times zu einem der fünf besten Romane des Jahres 2022 gewählt  Verloren gehen und verlieren sind zweierlei. Cassandra Williams ist zwölf, ihr kleiner Bruder Wayne sieben. Eines Tages gehen sie an den Strand, um zu schwimmen, doch heim kehrt Cassandra allein. Den Verlust überlebt die Familie nicht. Der Vater beginnt ein neues Leben mit einer anderen Frau, die Mutter klammert sich an die Möglichkeit, dass Wayne wieder auftauchen wird. Denn eine Leiche wird nie gefunden.  Cassandra wird älter, aber ihr Bruder verfolgt sie. In unzählige Therapiesitzungen und bis in ihre Träume hinein. In anderen Männern meint sie ihn wiederzuerkennen. Die Furchen ist ein Roman über die vielen Schichten von Trauer, hinter denen sich Zweifel, Leugnung und Wut verbergen und einem noch größerem Gefühl Bahn brechen: Dem Wunsch, trotz allem, weiterleben zu können.  

Namwali Serpell, in Lusaka geboren, lebt in New York. Ihr Debütroman The Old Drift wurden vielfach ausgezeichnet. Die Furchen ist ihr zweiter Roman. New York Times, New Yorker und Guardian wählten ihn zu den besten Büchern des Jahres. Namwali Serpell  lehrt als Professorin für Anglistik an der Harvard University.
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1


Ich möchte nicht erzählen, was passiert ist. Ich möchte erzählen, wie es sich angefühlt hat. Als ich zwölf war, ertrank mein kleiner Bruder. Er war sieben. Ich war bei ihm. Ich schwamm ihn ans Ufer. Seine Arme waren von hinten um meinen Hals geschlungen. Seine Brust lag auf meinem Rücken. Seine Knie stießen gegen meine Oberschenkel. Anfangs fühlte ich seinen kleinen schweren Kopf auf meiner Schulter, seinen Atem in meinem Ohr, hin und wieder ein Schnauben, wenn Wasser eindrang. Sein Kopf wippte. Meine Schulter schmerzte. Seine verknoteten Hände lagen über meinem Schlüsselbein. Ich hielt sie dort mit meiner eigenen Hand, damit er weder loslassen noch mich erdrosseln würde. Mit meiner anderen Hand drückte ich das Wasser weg.

Wir hatten einen Tagesausflug zum Strand gemacht, nur wir beide allein. Wir durften das. So sahen all unsere Sommer aus. Unsere Familie lebte in Baltimore, genauer gesagt am Stadtrand, einem Ort namens Pikesville. Der Juni befreite uns Kinder von der Schule und unseren Vater von seinem Job als Dozent für Chemieingenieurwesen am Catonsville Community College. Meine Mutter war Künstlerin, sie war immer frei. Wir fuhren die drei Stunden runter nach Delaware, in einen Ort in der Nähe von Bethany Beach. Dort mieteten wir jedes Jahr dasselbe schmale graue Haus mit der schiefen Veranda.

Jeden Morgen nach dem Frühstück und den Zeichentrickfilmen überließen wir unseren Vater seinen Texten, in denen er herumredigierte, und unsere Mutter ihren Bildern, in denen sie herumtupfte. Wayne und ich zogen unsere noch feuchten Badesachen an. Ich packte uns Capri-Sonnen und Snacks aus dem Kühlschrank ein. Wir liefen die Straßen entlang und kürzten den Weg hinunter zum Strand durch eine Lücke zwischen den nobleren Häusern ab. Meine Mutter hatte uns erzählt, dass diese Lücke Niemandsland hieß. Wayne hatte sie falsch verstanden und glaubte, sie gehöre einem Mann namens Niemann. Wir schlichen still durch Niemanns Land, klopften dann mit unseren Flip-Flops über die Promenade auf unsere von Seegrasbüscheln markierte Lieblingsstelle zu.

Wayne war ein nussbaumbraunes, dürres Geschöpf, ein liebes Kind. Er spielte so fleißig, als sei das Spielen sein Beruf. Ich war zu alt zum Spielen, also schaute ich ihm zu und half ihm gelegentlich. An jenem Tag hatte ich ihn spaßeshalber vergraben. Unsere Hände waren wie Schaufeln, mit denen wir eine flache Grube ausbuddelten – wie Hunde, wie Gärtner. Der obere Sand war Rohrzucker, der untere Sand war brauner Zucker. Als die Grube groß genug war, purzelte er hinein. Ich schob den Sand über seinen Körper und klopfte ihn über seinen Händen und seinen knochigen Knien fest. Er lag reglos im gleißenden Licht der Sonne wie die Assistentin eines Zauberers.

Er bat mich, ihm unseren Strohhut aufzusetzen, und ich antwortete: »Nein, du erstickst!« Er zuckte, als wollte er selbst nach ihm greifen, erinnerte sich dann aber daran, dass seine Hand vergraben war. Zu spät: ein Riss im Sandhügel über ihr. Er schaute ihn an, er schaute mich an. Ich klopfte den Sand noch einmal glatt. Nach einer Weile sagte er es wieder, seine Lippen formten: »« Ich legte meinen sandigen Finger auf seine sandige Wange. »Mach die Augen zu, Wayne«, sagte ich und legte den Strohhut über sein zusammengekniffenes Gesicht.

Ich hatte den Hut von einem Obsthändler geklaut, bevor Wayne zur Welt gekommen war, als er sich noch im Bauch befand. Unsere Mutter, schwanger und heißhungrig, kaufte gerade eine Birne an einem Marktstand. Der Hut rollte wie eine Steppenhexe vor den Füßen des Obsthändlers herum. Er lockte mich, also hob ich ihn auf und versteckte ihn hinter meinem Rücken. Als wir uns zum Gehen wandten, zog ich ihn schnell vor zu meiner Brust. Meine Mutter bemerkte ihn erst an der nächsten Straßenkreuzung. Sie kniff mein Ohrläppchen, bis es brannte, und zischte: »Jetzt ist es zu spät, ihn zurückzubringen, du kleiner Trottel!«

Obwohl sich der Hut schon mehrere Jahre im Besitz unserer Familie befand, war er noch immer zu groß für uns Kinder. Wir trugen stattdessen Sachen darin herum, nutzten den ledernen Kinnriemen als Griff. Heute hatten wir unser Mittagessen und ein Handtuch darin transportiert. Jetzt verschluckte er seinen gesamten Kopf.

»Du bist ein toter Mexikaner«, kicherte ich.

»Olé!«, nuschelte er unter dem Hut hervor.

»Ich meinte Cowboy«, sagte ich.

»Ahoi!«

»So macht ein Seemann.«

Nach einer Pause sagte er: »Yeehaw!«.

Ich antwortete nicht. Ich lachte nicht. Ich entfernte mich von seinem vergrabenen Körper, wankte in Richtung der Sandtaschen, hin zum grün schimmernden Meer, gelangweilt, aber ungemein zufrieden, weil er überrascht sein würde, mich nicht mehr zu sehen, wenn er den bescheuerten Hut ablegte. Ausnahmsweise war ich mal dran damit, ihn reinzulegen.

Er bemerkte meine Abwesenheit erst, als meine Zehen bereits nass waren. Er sprang auf, warf den Hut zur Seite und schlakste in meine Richtung. Er rief Unfug, während er an mir vorbeisauste und Hals über Kopf ins Wasser sprang. Ich schaute zu, wie sein bronzener Rücken verschwand, ging dann zurück und setzte mich mit den Armen um die Knie geschlungen neben die leere Grube. Weit und breit kein Mensch. Es war hell und heiß, das Ende des Sommers. Dann zogen die Wolken auf, hingen niedrig. Der Wind erhob sich. Die Wellen erhoben sich.

Lieber Wayne. Du schwammst in die Furchen. Anfangs bemerktest du es nicht, weil du unter der Oberfläche warst und beim Schwimmen nach unten schautest, in die Meeresgruft. Dann fühltest du, wie der Himmel sich über dir verdunkelte, ein Schatten zog vorbei, und als du auftauchtest, um Luft zu holen, warst du plötzlich inmitten der großen Rillen im Wasser, der Furchen. Umgeben von aufgeworfenen Wasserflächen, der Schaum an ihren Kämmen wie sich spitzende Zähne. Umgeben von kauenden Furchen, die sich immer tiefer in das Wasser gruben. Sie verschlangen dich. Du warst allein dort draußen, und die Welt nahm dich wieder auf, forderte dich zurück in ihre endlosen Falten.

Er sah vergnügt aus und schwamm, und dann tat er beides nicht mehr. Ich rannte hinein, schwamm zu ihm. Ich erreichte ihn, und wir rangen kurz miteinander, bis er es schaffte, auf meinen Rücken zu steigen und seine Arme um meinen Hals zu legen. Ich hielt seine Fingerknöchel, kehrte um und schwamm in Richtung Ufer. Er zerrte mich zurück. Auf halber Strecke begann sein kleiner, schwerer Kopf, sich ganz unvernünftig zu bewegen und gegen meine Schulter zu schlagen. Das war das Wort, das mir einfiel: . Ein Wort, das unser Vater benutzen würde. Ich wusste, dass ich die Luft anhalten und durch die Wellen tauchen musste, so wie wir es von unserer Mutter beigebracht bekommen hatten. Aber was war mit Wayne? Hatte er daran gedacht, die Luft anzuhalten? Mein Atem reichte nicht aus, um ihn zu fragen oder ihn daran zu erinnern.

Der Wind peitschte. Mit einer Hand umklammerte ich seine Knöchel wie einen Haufen Knochen, mit der anderen schob ich das Wasser beiseite. Wir schaukelten. Seine Knie stießen mir in den Rücken. Sein Kopf schlug auf diese unvernünftige Weise gegen meine Schulter. Ohne ein Geräusch zu machen, aber später fanden sie blaue Flecken. Ich spürte, wie er schlaffer wurde, und etwas aus ihm strömte in mich hinein –  –, strömte in kleinen Wellen in mein Inneres. Mehr und mehr Wellen, bis es vollbracht und ich ausgefüllt war – sein Körper leer von ihm, meiner zum Bersten voll. So schwamm ich, verdoppelt, einen geleerten Sack auf dem Rücken, meine Finger rau von der Umklammerung.

Ich war allein am Strand, als ich aufwachte. Ich lag auf dem Rücken, prustend, meine Kehle brannte. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und spuckte Wasser. Das Kotzen tat nicht weh; es war eine Wohltat. Das Wasser sog an meinen Füßen, immer wieder, beharrlich. Ich war mir unsicher, wie nackt ich wohl war; mein Badeanzug hatte sich in den Ritzen meines Körpers verheddert. Seetang umschlang meine Arme. Körnig lagen Sand und Salz auf meiner Haut, störten mein Empfinden für ihre Grenzen, wo sie begann und wo sie endete. Erschöpfung überkam mich, vom Scheitel bis hinunter zum Rücken. Schmerz, das Hämmern in meinem Kopf und meiner Schulter zwangen mich hoch, zwangen mich, meinen Oberkörper auf meine Ellbogen aufzustützen und mich umzuschauen. Alles war verschwommen, bis ich meine Augenhöhlen auswischte.

Ich konnte mir nicht zusammenreimen, wo ich mich befand. Das Ufer war von schwarzen Steinen übersät, sie führten in einem Pfad hin zu vertrockneten Grasbüscheln. Knapp dahinter, etwa zwanzig Meter entfernt, sah ich die Umrisse einer dunklen Gestalt, wie auf den Strand geworfen. Sie war gekrümmt, auf perverse Art gekrümmt. Das Meer zerrte an ihr. Ich starrte sie an. War das mein Bruder? Sein Arm? Sein Bein? Alles an ihm? Es hätte ein Ast sein können. Panik überkam mich, um mich, um ihn, um mich, weil wir so weit voneinander entfernt waren. Ich sah zu, wie das gekrümmte Ding ins Wasser gezogen wurde. Ich sah zu, wie es im schäumenden Maul des Meeres verschwand; ich sah, wie es kurz auftauchte, und dann war es weg....



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