E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Serre Einer reist mit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-911327-13-8
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-911327-13-8
Verlag: Berenberg Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Serre, geboren 1960 in Bordeaux, hat seit ihrem Romandebüt 1992 sechzehn Romane und Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Für »Im Herzen eines goldenen Sommers«, ihre erste Veröffentlichung auf Deutsch, erhielt sie 2020 den Prix Goncourt de la Nouvelle. Zuletzt erschien auf Deutsch bei Berenberg der Roman »Die Gouvernanten« (2023).
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Die Leute, die im Gleis herumgelaufen waren, hatten es wohl endlich verlassen, denn nach mehr als anderthalb Stunden Stillstand setzte sich der Zug ganz vorsichtig wieder in Bewegung. Paris hatte ich inzwischen vergessen. Ich befand mich auf dem Teil der Reise, auf dem man bereits auf die andere Seite gekippt ist, auf die Seite des Zielorts. Mir gegenüber saß eine bildhübsche junge Frau, etwa Mitte zwanzig, die praktisch seit unserer Abfahrt schlief. Sie hatte einen dicken Schal eingerollt, der ihr als Kissen diente, und ich konnte in aller Ruhe ihr Gesicht mit der allzu üppigen Make-up-Schicht und den Kranz ihrer langen, allzu schwarzen Wimpern betrachten. Es gibt solche Fahrgäste, die einschlafen, sobald der Zug den Bahnhof verlässt, und die erst unmittelbar vor der Ankunft aufwachen. Selbst im Reisebus kommt das vor. Ich erinnerte mich an einen Kurztrip in den Libanon, wo mehrere Autoren, die man in Beirut untergebracht hatte, zu einer Besichtigung des berühmten Baalbek eingeladen wurden, des einstigen römischen Heliopolis. Man kommt ja nicht alle Tage nach Baalbek, doch kaum saßen wir im Reisebus vor unserem Hotel, das von zwei im Krieg halb zerstörten Gebäuden eingerahmt wurde, war einer aus der Gruppe eingeschlafen und verbrachte die gesamte Fahrt, die uns durch die Bekaa-Ebene führte, in tiefem Schlummer. Für die Besichtigungstour war er aufgewacht und schlief erneut, sobald wir wieder im Bus saßen, bis zu unserer Ankunft am Hotel. Möglicherweise fürchten manche Reisende das Reisen so sehr, dass sie sich davor in den Schlaf flüchten.
Im Roman von Inès war mir eines besonders aufgefallen, dachte ich, während ich mein schlafendes Gegenüber betrachtete und versuchte, mich doch noch an die Arbeit zu machen, nämlich die Schilderung eines Vaters, der Fragen immer nur »daneben« beantwortete. Ich hätte mir gewünscht, dass sie diesen Vater näher ergründet und daraus einen ganzen Roman macht, aber vielleicht würde sie es ein nächstes Mal in einem nächsten Buch tun. Ich dachte, wenn dieser Vater auch nur ein wenig der Wirklichkeit entsprach, war es kein Wunder, dass Inès sich für die Schriftstellerei entschieden hatte, und zwar, um Fragen nicht daneben, sondern gezielt zu beantworten. Das wiederum erinnerte mich an diesen Vater, den Vila-Matas in einem seiner Romane auftreten lässt, eine offenbar ziemlich verrückte Figur, die sich nämlich die Zeit damit vertrieb, Stimmen aus dem Untergrund zu lauschen. Ich erinnerte mich auch an den Vater von Modiano in einem seiner Romane, einen Vater, der seinen Sohn hatte umbringen wollen, indem er ihn hinterrücks vor die einfahrende Metro schubste. Was mich bei Modiano und Vila-Matas besonders ergriffen hatte, war die ängstliche und unselige Liebe, mit der sie den Vater erstehen ließen. In seinem Roman versuchte der junge Modiano weiterhin, diesen Vater zu retten, der ihn kaltblütig hatte ermorden wollen, und der junge Vila-Matas, der sich über den Wahn seines Vaters völlig im Klaren war, lauschte ihm zuliebe dennoch selbst den Stimmen aus dem Untergrund. Das erinnerte mich auch an Mandelstams Definition der Poesie, von der Mark mir einmal erzählt hatte: »Ein Kind, das mit seinem Vater spielt.« Und wieder einmal staunte ich darüber, dass Proust die Figur des Vaters aus seinem Leben und seinem Werk gestrichen hatte. Dabei war mir zudem aufgefallen, dass er vielleicht der einzige Schriftsteller von Rang ist, der einen Romanzyklus verfasst hat, ohne darin ein einziges Mal den Wahnsinn zu thematisieren. Und auch darüber staunte ich. Wie kann man einen Romanzyklus verfassen, ohne früher oder später darauf zu sprechen zu kommen? Das blieb das Geheimnis von Proust, dem genau das gelungen war.
Die junge Frau mir gegenüber schlief weiterhin, und mir kam dieser Schlaf verdächtig vor, zumal unsere Verspätung stetig größer und die Fahrt entsprechend länger wurde. Schlief sie wirklich oder tat sie nur so? Aber warum sollte sie Schlaf vortäuschen? Ob sie sich einfach nur ausruhte, mit geschlossenen Lidern, aber dahinter hellwach war? Vielleicht zogen ihre Gedanken genauso inhaltsschwer dahin wie meine? Vielleicht dachte sie an die Liebe, an die Liebesgeschichte, die sie gerade durchlebte, oder an ihre Familie, an ihre Mutter, zu der sie eine schwierige Beziehung hatte, denn junge Frauen haben oft eine schwierige Beziehung zur Mutter. Oder sie hatte vielleicht ein Beruhigungsmittel eingenommen. Nein, Gesicht und Körper strahlten eine heitere Zufriedenheit aus. Sie war brünett und zierlich, schlief mit nackten, goldbraunen Armen in diesem nicht eben warmen Abteil, und während der sieben Stunden währenden Fahrt sollte ich kein einziges Mal ihren geöffneten Augen begegnen.
Hin und wieder habe ich mich gefragt, dachte ich, während ich mir den Abend in Montauban ausmalte, ob ich mir beim Schreiben nicht zu viel abverlangte. Sollte mein Text jemals Kafka unter die Augen kommen, was ja jederzeit passieren konnte, wollte ich ihn auf keinen Fall enttäuschen. Zu meiner Überraschung hatte ich jedoch bei vielen Anlässen festgestellt, dass die Leser es keineswegs »nicht so genau nehmen«, sondern oft von einem Detail, einem Abschnitt oder Aspekt des Werks bewegt und beschäftigt werden, bei dem ich kein so starkes Echo erwartet hätte. Vila-Matas verlangte sich selbst ungeheuer viel ab, aber er sprühte derart vor Einfällen, wie sicher auch W. G. Sebald, dass er sich viele Freiheiten herausnehmen konnte. Nicht alles, was er hervorbrachte, verwandelte sich in Gold; nur neunzig Prozent von dem, was er hervorbrachte, verwandelte sich in Gold, aber was die verbliebenen zehn Prozent anging, konnte er auf sich und auf den Leser vertrauen, denn der Rest würde auf diese zehn Prozent abstrahlen. Und ich dachte mir, eigentlich war es gar nicht so verkehrt, an Vila-Matas zu denken, während ich meinen abendlichen Auftritt hätte vorbereiten sollen, denn im Grunde war mein Buch, das Buch, das ich würde vorstellen müssen, im Wesentlichen ein Buch, das von der Tätigkeit des Schreibens handelte, und so würden sich leicht Brücken schlagen und Übergänge finden lassen.
Dennoch vertraute ich mir nur halb, im Bewusstsein, dass ich Jahre gebraucht hatte, um zu begreifen (inzwischen war ich so weit), dass ein Auftritt gut vorbereitet sein muss, wenn man weder sich noch seine Zuhörer langweilen will. Jahrelang war ich mit meinen ersten Büchern zu solchen Veranstaltungen gefahren, ohne das Geringste vorzubereiten. Ich glaubte, es würde mir leichtfallen, spontan auf die Fragen zu antworten, da sie mich ja selbst betreffen würden. Dabei hatte ich zum einen festgestellt, dass die Fragen nie so waren wie erwartet, und zum anderen, dass ich darauf keine Antwort wusste, und wenn sie noch so simpel schienen. Und dann war ich so abwesend, als stumme Zuschauerin meines eigenen Auftritts auf dem Podium, ob ich nun allein oder zusammen mit anderen Autoren dort saß, dass ich eines Tages, und zwar auf den Rat einer meiner Verlegerinnen hin, den Entschluss fasste, mir ein paar Gedanken darüber zu machen, was ich über mein Buch sagen wollte, wobei ich stets im Hinterkopf behalten sollte, dass ich keine Spukgestalt war, kein Geist, sondern eine Autorin, die den Anschein von Verkörperung erwecken musste, damit Literaturbegeisterte sich für sie interessierten und mit ihren Büchern »ein Gesicht in Verbindung« brachten.
Das stimmte dann mit der Wirklichkeit natürlich kein bisschen überein, aber das war allen bekannt, vielleicht mit Ausnahme von einigen Naivlingen. Der Autor, der seine Bücher schreibt, ist nicht die Person, die man vor Augen hat. Nie. Diese Person hat Liebesbeziehungen, ein Familienleben, einen Morgenmantel, mag kein Porridge, raucht zu viel, geht jede Woche zur Krankengymnastik, hat sich gerade einen neuen Mantel gekauft, wird ihren nächsten Urlaub in Savoyen verbringen. Aber sie ist ganz gewiss nicht die Person, die ein Buch schreibt. Die Person, die ein Buch schreibt, ist körperlos, man kann sie nicht anfassen, sie ist sogar unsichtbar. Genau das war mir widerfahren, als ich Vila-Matas in Paris im Lateinamerika-Haus erlebt hatte. Da war ein spanischer Herr, der sich bemühte, so zu wirken wie Vila-Matas, eine Zeitlang Vila-Matas vorzugaukeln, während er vermutlich dachte, dass er lieber sein blaues anstelle seines grauen Jacketts hätte anziehen sollen, das nicht warm genug war, oder sich seine Rückkehr nach Barcelona am nächsten Tag ausmalte, aber er war nicht einmal ansatzweise der Autor von Risiken & Nebenwirkungen oder von Die merkwürdigen Zufälle des Lebens. Und wenn man ihn auf Risiken & Nebenwirkungen oder Die merkwürdigen Zufälle des Lebens ansprach, war ihm deutlich anzumerken, dass er sich kaum an diese Romane erinnern konnte, dass er sich geradezu wie ein Akrobat verrenken musste, um als Leser einer seiner Romane und erst recht als Vila-Matas durchzugehen. Aber vielleicht gefällt den Menschen, die solche Lesungen besuchen, ja genau das, dachte ich, während der TGV Paris–Montauban immer noch vor sich hin schlich, als würde das Gleis ständig von Leuten gestürmt werden, die es nicht wieder verlassen wollten. Vielleicht gefällt ihnen, dass ein Autor demjenigen, der das Buch geschrieben hat, kein bisschen ähnelt, dachte ich, und genau das wollen sie mit eigenen Augen sehen. Denn das ist mal ein wirklich spannendes Mysterium. In keiner Jahrmarktsbude wird ein solches Monstrum vorgeführt: jemand, der ein Buch verfasst hat und doch nicht dessen Verfasser ist.
Wie ein Rätsel der Sphinx, sagte Brigitta, die auf ihrem Weg den Gang entlang kurz bei mir stehen geblieben war und der ich diese Gedanken mitteilte. Sie setzte sich quer auf meine Armlehne und wir redeten ganz leise, um die junge Frau...




