E-Book, Deutsch, 121 Seiten
Reihe: Classics To Go
Seume Mein Leben
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-524-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 121 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-524-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In seiner Autobiographie »Mein Leben« erzählt der berühmte Reiseschriftsteller Johann Gottfried Seume von seiner abenteuerlichen Jugend Ende des 18. Jahrhunderts: aufgewachsen als Bauernsohn, studierte er zunächst in Leipzig Theologie, bis er sich 1781 heimlich auf den Weg nach Frankreich machte.
Autoren/Hrsg.
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Fortsetzung von Seumes Leben, mitgeteilt von C.A.H. Clodius
»Und nun« – das sind die letzten Worte, welche Seume geschrieben hat; das Folgende ist leider nur Erzählung aus den Erinnerungen einiger Freunde des Verewigten. Ihnen, welche ihn genau gekannt und innig geliebt haben, ist das Bild, welches er selbst gezeichnet hat, ein Vermächtnis, in welchem er bei ihnen fortlebt. Sie glauben ihn noch vor sich zu sehen und reden zu hören, weil sein Leben sich ebenso anspruchslos und wahr, ebenso heiter und gleichmütig in Worten und Handlungen darstellte, als er es, während einer schmerzhaften Krankheit, beschrieben hat. Seine Selbstbiographie zeigt uns seine Jugend, seine übrigen Schriften zeigen den Mann, und folgende Züge von einer Hand, welche mit Treue zeichnet, werden die Schilderung seines edlen und liebenswürdigen Charakters vollenden. Große Sorgfalt für sein Inneres, wenig für sein Äußeres; ernstes Denken, ruhiges Erwägen und Tiefe des Gemüts; Mangel an Nachgiebigkeit und Reichtum an Nachsicht; Bewußtsein seines Wertes und Bescheidenheit eines gebildeten Menschen; Freundlichkeit und Liebe im Herzen, oft finster um Stirn und Auge; empfänglich für das Schöne und Erhabene; flammender Eifer für die Gerechtigkeit und eine gesetzmäßige Freiheit; selbständig ohne Furcht; bitter gegen schlechte Menschen aus Liebe zur Menschheit – so war Seume. Wieland nannte Seume, wegen seiner Tugenden und wenigen Bedürfnisse, den edlen Zyniker, einen Menschen von großem Wert. Dieses Lob des berühmten und liebenswürdigen Mannes hat ihn sehr glücklich gemacht und wird ihn ehren bei allen, welche den Beifall der Besten unter den Menschen für den höchsten Ruhm halten, den ein Sterblicher gewinnen kann. Einer seiner Freunde, der allen seinen entfernten Geliebten ein Sternbild widmete, wobei er ihrer in stillen Nächten gedachte, wurde von Seume gefragt: wohin er denn ihn einmal künftig einquartieren würde? und als er darauf im scherzenden Ton antwortete: »Sie haben schon lange Ihren Platz in dem hellen, nicht untergehenden Gestirn des großen Bären«, sagte Seume mit Lächeln: »So, so! Meinetwegen!« – Die Begebenheiten, welche hier angeknüpft werden, sind Beweise zu dem Lobe, welches eine unparteiische Freundschaft ausgesprochen hat, und können als Belege dienen, daß ein widriges Schicksal der Hebel edler Naturen wird. * Das gutmütige Volk der guten Stadt Bremen drängte sich als eine Schutzwehr um Seume herum und schob gewissermaßen den Fremdling hilfreich zum nächsten Tore hinaus. Seume, ein trefflicher Läufer, flog wie ein Pfeil. Demungeachtet waren seine Verfolger, die hessischen Jäger, ihm immer ganz nahe und trieben ihn endlich in den Sack zwischen den beiden Flüssen der Hunte und der Weser. Hier glaubten sie, könnte er ihnen nicht entspringen, und er hielt sich verloren; denn wollte er sich ins Wasser stürzen, so tötete ihn, den durch und durch Erhitzten, der Schlag; blieb er stehen, so war er das Opfer seiner Flucht. Zum Glück sah er in einem Weidenbusche am Ufer der Hunte einen Fischerkahn und sprang hinein. Der mitleidige Fischer, welcher der Menschenjagd zugesehen hatte, hieß ihn sich gleich auf den Boden niederlegen und stieß augenblicklich vom Lande ab. Nun kamen auch die Jäger und schossen; aber die Kugeln flogen über das Schiff, und der gleichmütige Schiffer arbeitete ruhig durch die Gefahr, bis er glücklich das jenseitige Ufer erreichte. »Hier, Freund«, sagte der Mann, »seid Ihr frei und auf oldenburgischem Grund und Boden. Gott helf' Euch weiter!« Das Leben war gerettet, die Kette zerbrochen, und der Landgraf litt einen Verlust von einer Handvoll Taler, die er aus Seumes Verkauf zum zweiten Male hätte lösen können. Den folgenden Tag kamen hessische Offiziere mit freundlichen Worten, brachten Pardon, boten Geld, versprachen Beförderung; aber Seume ließ sich nicht verleiten, empfahl sich höflich und ging aus ihrer Gesellschaft weg nach der Stadt Oldenburg. Der damalige, jetzt noch in Rußland lebende Herzog dieses Landes, ein gebildeter, edler Fürst, unterstützte den einnehmenden, interessanten jungen Deserteur und tat Vorschläge zu künftigen Lebensplänen; als aber Seume die Sehnsucht nach der geliebten Mutter und dem Vaterlande äußerte, entließ er ihn mit einem ansehnlichen Geschenk. Durch diese Großmut konnte der so lange Geplagte und Verkaufte nun bequem, frei und froh die Rückkehr zur lieben Heimat antreten, und der gerettete Sohn konnte wieder in die Arme der Mutter eilen. Schon hatte er wohlgemut die oldenburgische Grenze überschritten, als das unglückliche Vergessen, die hessische Uniform mit einem Zivilrock zu vertauschen, ihn gerade in den verhaßten Dienst brachte, dem er durch seine Flucht hatte entgehen wollen, und ihm in einem Augenblick wieder Freiheit, Hoffnung und kaum genossenes Glück raubte. Preußische Werber hielten ihn an und schleppten ihn als Deserteur ohne Umstände nach Emden, wo er gemeiner Soldat werden mußte. Den Käfig, in welchen man ihn, wie alle unfreiwillig genommenen Soldaten, eingesperrt hatte, zu zerbrechen, dem ehemals strengen preußischen Dienst und der verächtlichen Behandlung der Soldaten wieder zu entgehen, das war die einzige tröstliche Aussicht, welche ihm hier in der Garnison übrigblieb und die ihn reizte, sobald als möglich zu entfliehen. Einst in einer sternenhellen Nacht führte er seinen Entschluß wirklich aus. Er mochte ungefähr eine Stunde gelaufen sein, als die Lärmkanone seine Flucht ankündigte und die ganze Gegend zum Verfolgen aufrief. Seume ließ sich dadurch nicht schrecken; aber ein dicker Nebel verhüllte ihm den Weg, machte ihn irre und führte ihn wieder gerade nach Emden in die Hände derer, welchen er zu entgehen glaubte. In seinem Arrest schrieb er mit Kreide einen lateinischen Vers an die Türe der Wachtstube, welcher die traurige Stimmung seiner Seele ausdrückte. Der wachthabende Offizier fragte, wer den Vers geschrieben habe? »Vermutlich der kleine schwarze Arrestant«, antwortete die Wache. Das Kriegsverhör begann mit der Untersuchung über den Hexameter, und ein Kapitän behauptete: er sei nicht richtig. Seume bewies aus der Prosodie, daß er vollkommen schön sei, und lehrte die Richter, was zu einem guten Hexameter erfordert werde. Als aber demungeachtet der Kapitän seine Kritik noch zu behaupten suchte, brachte Seume einen Beweis vor, der entscheiden mußte: er zog seinen Virgil aus der Tasche und zeigte, daß jener Vers aus dem größten Künstler der lateinischen Poesie genommen war. Die Untersuchung über eine Stelle aus dem Virgil führte zu der Frage, wie er in den Dienst gekommen sei? und als Seume hierauf finster antwortete: »Durch Gewalt von den Preußen wie von den Hessen«, ließ man Gnade für Recht ergehen und befreite ihn von dem Arrest. Der brave General Courbière, welchen die Preußen nach der Schlacht bei Jena mit Achtung öffentlich genannt haben, nahm sich seiner an, erleichterte ihm den Dienst, trug ihm auf, seine Kinder zu unterrichten, und empfahl ihn mehreren Familien. Jetzt hatte Seume keine Not. Aber weil er nicht hoffen durfte, wieder loszukommen, und keine Aussicht hatte, befördert zu werden bei der Einrichtung Friedrichs II., nach welcher nur die Adeligen Offizierstellen erhalten konnten, dachte er an einen neuen Versuch, zu entfliehen, ungeachtet der erste so wenig gelungen war. Es war Winter; die grundlosen Wege und Felder in Ostfriesland mochten eben hart und die weiten, tiefen Gräben eben zugefroren sein, als Seume seinen Posten verließ und, in Dunkelheit der Nacht, das Weite suchte. Noch in ebender Nacht fing es an zu tauen; der Regen strömte vom Himmel und machte die Felder, worauf Seume seinen Weg in der Entfernung von der Landstraße und den Dörfern suchen mußte, zu tiefen Morästen. Länger als vierundzwanzig Stunden war er, durchnäßt und erhitzt, fortgewatet, durch das Eis in tiefe Gräben gesunken und hatte mit fast übermenschlicher Anstrengung sich bis nahe an die Grenze gearbeitet, als er sich erschöpft fühlte und der Ohnmacht nahe in ein Dorf ging. Die Leute halfen ihm; aus seinen Stiefeln floß das Blut; man legte ihn in ein Bett. Der freundliche Amtmann des Orts besuchte ihn, gab ihm Erquickungen und sandte ihn den anderen Tag auf einem Wagen sorgfältig in Stroh gepackt, unter einer handfesten Bedeckung, wieder nach Emden in die Ketten zurück. Wer vermochte jetzt den Unglücklichen, welchen jedermann schon froh in Sicherheit glaubte, den seine Offiziere selbst mit Jammer wieder eingeliefert sahen, zu retten? Zum Unglück war der General, sein Gönner, mit dem Obersten des Regiments gespannt; keiner traute dem andern, um etwas für den Arrestanten gegen die fürchterlichen Kriegsgesetze zu wagen. Die angesehensten Männer in Emden verwandten sich für Seume mit allen Kräften, doch ohne glücklichen Erfolg; vergeblich bat fast die ganze Stadt. Endlich kam die Jugend, an ihrer Spitze die eigenen Kinder des Generals, und baten mit Tränen und Händeringen für ihren geliebten Lehrer um Gnade. »Kinder«, sagte der General, konnte aber vor Wehmut kaum sprechen, »Kinder, ich kann nicht, so gern ich wollte.« – Man nahm Seume die Ketten ab und stellte ihn vor das Kriegsgericht, welches ihn zu zwölfmal Spießruten verurteilte. Finster und schweigend trat er ab, als der Oberst »Halt!« rief. Seume trat wieder vor. Der Oberst sprach weiter: »In Rücksicht des sonstigen guten Betragens des Arrestanten, seines moralischen Lebenswandels und des guten Gebrauchs, welchen er von seinen Talenten macht, auch wegen der Art und Weise, wie er in den Dienst gekommen ist, verwandelt das Kriegsgericht die bestimmte Strafe in sechswöchiges Gefängnis bei Wasser und Brot.« – Der General setzte halblaut hinzu: »Arrestant wird es wohl auch nicht übelnehmen, wenn ihm die Bürger zuweilen ein Stück Braten...




