E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Shah Die Geschichte der schweigenden Frauen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-946503-95-8
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-946503-95-8
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bina Shah studierte am Wellesley College und der Harvard Graduate School of Education. Heute lebt sie in Karachi, Pakistan, wo sie als Journalistin arbeitet. Regelmäßig erscheinen ihre Artikel über die pakistanische Gesellschaft, Politik und Frauenrechte in der 'International New York Times'. Außerdem schreibt sie Romane in englischer Sprache. Bisher sind vier Romane und zwei Kurzgeschichtenbände erschienen.
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Sabine
Die Stunde, in der ich erschöpft, ängstlich und mittellos vor Lins Tür auftauchte, war auch die Stunde, in der meine Kindheit endete. Ich war aus dem Haus meines Vaters geflohen, voller Angst, dass er die Behörden rufen würde, um mich verfolgen zu lassen und einzuweisen. Durch meine Flucht wurde mein Verbrechen von bloßer Unwilligkeit zu Rebellion. Und es geschah nicht spontan: Ein Mädchen in Green City konnte das Haus ihres Vaters nicht ohne präzise Planung, Manipulation und Täuschung verlassen.
Als ich klein war, gab es in unserer Gegend in Green City nur sehr wenige Mädchen. Die, die es noch gab – vielleicht zehn oder zwölf, sicher nicht mehr als zwanzig – wurden davon abgehalten, miteinander Freundschaft zu schließen. Man wollte nicht, dass wir miteinander redeten, dass wir unsere Rolle im Leben in Frage stellten oder von einem anderen Leben für uns träumten. Wir würden uns dann gegenseitig zumindest in unserer Unwilligkeit, unserem Zögern unterstützen. Trotzdem lasen wir heimlich, im Schutz unserer Häuser, in den Akten der anderen, die die Obrigkeit über jede Bürgerin anlegte: Alle Mädchen und Frauen in Green City mussten ein Profil veröffentlichen, damit die Männer, ehe sie den Antrag auf eine Gattin stellten, dort eine Auswahl treffen konnten.
Manchmal, wenn man mit den Eltern oder dem Vormund draußen war und anderen Mädchen begegnete, tauschten wir Blicke aus. An heißen Tagen spazierten wir oft durch die Galleria mit ihren zahlreichen Läden, in denen sich die Luxuswaren türmten – elegante Kleider aus Kolachi, Tulpenholzmöbel aus Chabahar, kostbarer Schmuck aus Gedrosia. An angenehmeren Tagen besuchten wir den großen offenen Regenwaldpark, um die exotischen Faultiere und Stachelschweine zu sehen, die seltenen Wale und Riesenschildkröten, die man zurückgeklont hatte. Oder wir gingen zur Corniche und spazierten ziellos zwischen den Brunnen und Ständen mit Essen umher. Wir richteten die Blicke auf die blauen Wasser des Golfs und taten so, als würden wir die Kristalldrachen bewundern, wie sie hoch oben in der Brise schwebten, während aufgeregte kleine Jungen sie am Boden mit Fernbedienungen steuerten. Aber in Wirklichkeit suchten wir einander. Dieser Funken des Erkennens, wenn wir einander in die Augen blickten, das verschwiegene Lächeln, wie die Finger zuckten, um zur Begrüßung oder zum Abschied zu winken, würde ein Mädchen als eine Freundin verraten – und als eine Verbündete.
Wir suchten die Verbindung zueinander auf eine Weise, von der unsere Eltern und die Obrigkeit keine Ahnung hatten. Das haben wir uns zumindest immer gegenseitig versichert. Wir konnten die Mobilgeräte, die auf unsere Eltern zugelassen waren, zu Hause nicht benutzen, auch das Netzwerk stand uns nicht zur Verfügung, um einander zu finden, daher beriefen wir uns auf Dinge, die schon fast obsolet geworden waren: gekritzelte Notizen, die man an bestimmten Stellen hinterlegte, die nur Mädchen aufsuchen würden: in Schmuckschatullen in einem bestimmten Laden, unter einem Kleiderstapel in einem anderen oder zwischen einer Reihe von Haarbürsten. Die Chance, dass unsere Zettel von anderen gefunden würden, war gering, denn wir waren ja nur so wenige – und so haben wir es immer wieder versucht.
Optimismus war unsere Währung. Es waren keine Botschaften, die wir auf die Zettel kritzelten, aber wir hinterließen Codewörter für Online-Talk-Bots, wo man Nachrichten deponieren konnte, löschten sie aber, wenn sie nach nur wenigen Minuten noch nicht abgerufen worden waren. Stets hofften wir, dass andere Mädchen unseres Alters sie finden und darauf antworten würden. Wir schickten einander Flaschenpost, obwohl wir alle auf derselben Insel lebten.
»Ich wohne in Sur. Ich mag am liebsten Horrorgeschichten und Schokolade.«
»Ich habe drei Brüder. Ich wohne in Green City Mitte.«
»Ich wohne in einem Dorf in der Wahiba. Meine Lieblingsfarbe ist Lila.«
»Meine Mutter starb, als ich noch ein kleines Mädchen war.«
Unsere Namen verrieten wir einander nicht. Stattdessen benutzten wir Decknamen, nach Blumen etwa, wie Jasmin, Rose und Ginster, oder wie Edelsteine, etwa Rubin oder Opal. Manchmal gaben wir uns auch die Namen von Vögeln – Spatz oder Täubchen. Wir wuchsen zu einer kleinen Gemeinschaft heran, die nirgendwo anders existierte als in unseren Köpfen, wir setzten Teilchen und Bytes zu Mustern zusammen, die unsere Gedanken, unsere Hoffnungen und Träume miteinander verbanden.
Man hätte uns für unsere Unwilligkeit bestrafen können, aber es war einfach unwiderstehlich, dieses Spiel, wie wir miteinander in Verbindung treten konnten, ohne erwischt zu werden. Wie viel Freiraum wir für uns unter den wachsamen Augen unserer strengen Eltern schaffen konnten, aber auch für unsere Zukunft, die auf eine jede von uns nach dem Ende der Kindheit warten würde.
Es war eines dieser Mädchen mit dem unschmeichelhaften Decknamen Hühnchen, das mir von der Panah erzählte. Zuerst lachte ich sie aus, als würde sie ein albernes Gerücht verbreiten. Mit einem solchen Namen – Hühnchen – konnte es wohl kaum etwas anderes sein als die verrückte Phantasie eines übererregbaren jungen Dings. Aber sie bestand darauf, denn ihr Vater sei ein hohes Tier in der Obrigkeit, und irgendwie war sie auf eins seiner Geheimbulletins gestoßen, in dem Gerüchte über eine geheime Untergrundkommune erwähnt wurden, wo rebellische Frauen außerhalb des Systems lebten, Verräterinnen an Green City und an der Großzügigkeit der Obrigkeit.
Hühnchen ignorierte meine Ungläubigkeit und berichtete bald neue Einzelheiten: dass es im DarkNet praktisch Tunnel gebe. Die Obrigkeit versuche, sie zu überwachen und zu schließen, aber sie seien stets so angelegt, dass sie häufig von einem anonymen und unauffindbaren Server zum anderen überwechselten. Mit dem richtigen Code, sagte Hühnchen, könne sie nicht nur diese Frauen kontaktieren, sie könne ihnen auch von sich erzählen und ihr Profil schicken, und vielleicht würden sie ihr erlauben, ihnen beizutreten. Wenn das klappte, konnte ein Mädchen seinem Schicksal entgehen und verschwinden wie eine Wolke am Himmel oder eine Schneewehe, die in der warmen Sonne einfach dahinschmilzt. In diesem Moment noch hier, im nächsten verschwunden. Das war ein sonderbares Gefühl, dieser Gedanke, dass man einfach so »verschwinden« konnte.
Aber war nicht genau das mit all den Mädchen und Frauen in Green City passiert, die eigentlich am Leben sein sollten, es aber nicht waren? Die vermissten Mädchen, ihrer Existenz beraubt, vom Virus getötet, in einer Ehe, die sie nicht wollten, lebendig begraben. Ich gehörte noch zu den Glücklicheren, die die ersten beiden Schicksale überlebt hatten, wusste aber nicht, ob ich das dritte ebenfalls vermeiden konnte.
»Würdest du das wirklich tun?«, schrieb ich Hühnchen, als sie mir etwas schickte, das angeblich der Code für einen dieser DarkNet-Kanäle war.
»Vielleicht versuche ich es«, schrieb sie zurück.
»Hättest du keine Angst, geschnappt zu werden?«
»Ich wäre unglücklicher und hätte mehr Angst, wenn ich es nicht versuchen würde.«
Wir wussten, man würde uns zu mindestens zwei Ehen zwingen, vermutlich aber drei oder vier, sobald wir alt genug dafür waren. Hühnchen selbst war das Produkt von einer solchen Mehrfachehe und hatte traurigerweise nicht die geringste Ahnung, welcher von den vier Gatten ihrer Mutter ihr Vater war. Sie gab an, alle Väter behandelten sie gut, verwöhnten sie und brächten ihr häufig Geschenke. Aber wie ihre Mutter sich fühlte, darüber haben wir nie gesprochen. Dass sie zu diesem Thema schwieg, sagte mehr als alle Worte.
Es galt als Verbrechen, eine Frau zu schlagen oder zu misshandeln: Frauen in Green City waren ein kostbarer Besitz, den man ehren und beschützen musste; als Gegenleistung stellten sie ihren Körper der Aufgabe zur Verfügung, die Bevölkerung zu vermehren. Die Fruchtbarkeitsmedikamente schadeten der Gesundheit der Frauen, und aufgrund der hohen Dosierung kam es häufig zu Drillings- und Vierlingsgeburten. Diese Risikoschwangerschaften brannten sie oft frühzeitig aus. Ganz im Sinne der Obrigkeit bewegten sie sich so kaum noch aus dem Haus, um draußen an der frischen Luft etwas zu unternehmen. Zu arbeiten entsprach nicht ihrem Status, und Angestellte oder Bots verrichteten die meisten Aufgaben im Haushalt.
Die Frauen, die ich in der Stadt sah, waren stets von zwei oder drei ihrer Gatten begleitet. Sie waren gut gekleidet, und die Gatten schenkten ihnen viel Aufmerksamkeit und kauften ihnen zahlreiche Geschenke in den Läden der Galleria. Egal ob eine Frau arm war oder reich, wenn sie zur Gattin wurde, gewann sie an Status, und bei jeder Geburt verdoppelte die Obrigkeit den Familienbonus. Ihre Gebärmutter war das direkte Ticket aus der Armut heraus zu den Annehmlichkeiten der Mittelklasse, für sie wie auch für ihre Gatten. Und dennoch wirkten diese Frauen, die ich sah, gebeugt, irgendwie klein und unterwürfig, völlig ungerührt von der staatlichen Großzügigkeit oder der ihrer Gatten.
Manchmal, wenn unsere Blicke sich trafen, fixierten sie mich mit dem stählernen Blick des Erkennens, als wollten sie zu mir sagen: Ich war auch einmal so jung und sorglos wie du. Mach das Beste aus diesen Tagen, Mädchen, denn es dauert nicht an.
Als ich in die Panah kam, war ich an den Anblick von Frauenkörpern nicht gewöhnt, die nicht durch eine Schwangerschaft aufgequollen und verändert waren. Anfangs erschien mir das nicht richtig, als würde etwas fehlen. Ich habe...




