E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Shak-Dagsay Mantras, Musik & Magic Moments
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-03951-007-8
Verlag: Cameo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-03951-007-8
Verlag: Cameo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dechen Shak-Dagsay hat tibetische Wurzeln und wuchs in der Schweiz auf. Obwohl die Schweiz zu ihrer zweiten Heimat wurde, hat sie nie ihren Ursprung vergessen. Von ihrem Vater Dagsay Rinpoche, einem tibetischen Lama, erhielt sie die Übertragungen der bedeutungsvollen Mantras, die sie inzwischen weltweit singt. Sie ist mit dem Naturheilarzt Dr. Kalsang Shak verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern. Sie lebt in einem kleinen Dorf oberhalb des Zürichsees.
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Mein allererstes Mantra
«Dechen la, hast du das Weisheits-Mantra auch nicht vergessen?» Die weiche und zugleich wohlwollend mahnende Stimme meiner Großmutter im Ohr, lief ich über die Toggenburger Wiesen nach erfolgtem Aufsagen der sieben Mantra-Silben von Manjushri, dem Buddha der Weisheit, oder Jetsün Jampelyang, wie wir ihn auf Tibetisch nennen, in die Schule und fühlte mich sicher, den kommenden Tag mit all seinen auf mich wartenden Abenteuern gut behütet bewältigen zu können.
Dieses Mantra, das ich mindestens dreimal jeden Tag aufsagen musste, sollte mir laut Mola, wie ich meine Großmutter liebevoll nannte, helfen, während des Unterrichts nicht zu träumen, sondern aufmerksam dem Lehrer zuzuhören. Dabei muss die letzte Silbe während des Ausatmens möglichst viel und schnell rezitiert werden, was auch eine große Zungenfertigkeit erforderte.
In Tibet war und ist es üblich, den Kindern dieses Mantra früh beizubringen, um sie in ihrer Sprachentwicklung zu fördern. Wenn wir manchmal Schweizer Kindern begegneten, die beim Sprechen etwas stotterten, sagte Mola immer, dass man in Tibet den Kindern das Manjushri-Mantra beibringe und das Stottern würde im Nu verschwinden. Heute denke ich, dass dies sehr sinnvoll ist, denn abgesehen davon, dass in Tibet die Leute an die Kraft des Mantras glaubten, war das tausendfache Üben dieser -Silbe aus einer logopädischen Sichtweise sicherlich förderlich für das Kind. Die Zunge wird damit an den oberen Gaumen gleich hinter die Vorderzähne gelegt. Durch das viele Klopfen der Zunge wird sie nicht nur beweglicher, sondern es wird auch eine feine Vibration im ganzen Kopfbereich erzeugt, die das Hirn gut durchblutet.
Für die Kinder ist das eine spielerische und lustige Übung, da sie nur zu gerne mit den Eltern wetteifern, wer nun das wohl schneller und länger rezitieren kann. Selbst seine Heiligkeit der Dalai Lama empfiehlt dieses Mantra den Tausenden von Leuten, die zu seinen Belehrungen strömen. Seither praktiziere ich es auch wie Seine Heiligkeit anhand einer Mala, indem ich zuerst sage, dann einmal tief Luft hole und dann eine ganze Mala-Runde, also 108 Perlen mit dem durchlaufe. Schon damals konnte ich den Manjushri von allen anderen Buddha-Figuren gut unterscheiden, da er der Einzige ist, der in der rechten Hand ein Schwert hält. Dass dieses Schwert dazu dient, die Wurzel der Ursachen von Leid – die Unwissenheit – zu durchschneiden und dadurch Erkenntnis zu erlangen, erfuhr ich allerdings erst, als ich alt genug war, um die Zusammenhänge zu verstehen.
Mein Weg führte mich von unserem Zuhause am Rosenhügel am Hang des Tales ins Dorf von Ebnat-Kappel mit den damals etwa 3’000 Einwohnern über einen schmalen Pfad zur Straße und dann rund 1.5 Kilometer bis zur reformierten Kirche, wo sich die Schweizer Grundschule befand.
Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Alles was ich brauchte, war da. Meine Sorge galt damals nur den etwa 200 Metern Wegstrecke entlang der Wiese, die ich bis zur Hüslibergstrasse gehen musste, um dann auf dieser Straße hinunter ins Tal in die Schule zu gelangen. Im Sommer hatte ich Angst wegen den vielen Kühen, die auf der Wiese weideten und im Winter war ich besorgt, dass der kleine Pfad, den mein Onkel Lobsang la morgens früh, bevor er zur Schule ging, mit der Schaufel gepflügt hatte, wieder vom Neuschnee überdeckt war, wenn ich von der Schule nach Hause kam.
***
Nach der Flucht aus Tibet im Jahre 1959 wurde unsere Familie von der Schweiz aufgenommen, und wir hatten in der Region Toggenburg ein neues Zuhause gefunden. Ich hüpfte jeden Morgen vergnügt in die Schule, denn gut eingehüllt im Klang des Mantras von Manjushri war ich gespannt darauf, was mich auch an diesem Tag Neues erwarten würde. Ich war das einzige Kind in der Klasse, das völlig anders aussah, und obwohl ich keine tibetischen Kleider trug, verriet mein Gesicht in der ersten Sekunde, dass ich ganz sicher kein Schweizer Mädchen vom Lande war.
Meine Mola legte großen Wert darauf, dass ich immer ordentlich gekleidet zur Schule ging. Da meine Eltern schon zur Arbeit gegangen waren wenn ich aufstand, war ich die meiste Zeit des Tages in der Obhut meiner Mola. Jeden Morgen kämmte sie mir meine langen schwarzen Haare und band sie zu einem straff nach hinten gezogenem Pferdeschwanz zusammen. Während dieser Prozedur konnte ich im Spiegel beobachten, wie sich meine schwarzen Augen noch mehr nach oben zogen. Tibetische Kinder werden immer mit einer Portion Strenge erzogen, so nützte mein Widerstand wenig und meine ohnehin schräg gestellten Augen wurden nur noch schmaler. Das war wohl der Grund, weshalb einige Kinder sich darüber wunderten, ob ich überhaupt etwas sehen konnte und fragten: «Dechen, siehst du überhaupt etwas mit deinen Augen?» (Bei den Schweizern war ich die «Dechen», zu Hause die «Dechen la». Das «la» am Ende des Namens wurde früher in Tibet als Zeichen einer höheren Abstammung benutzt.) Aber Mola wollte eben, dass die Haare während des Unterrichts schön ordentlich zusammenhielten, damit ich genauso sauber und korrekt wie die anderen Schweizer Kinder aussah.
Damals – ich war sechs Jahre alt –, in einer Schweiz in den 1960er-Jahren, war es noch Pflicht, dass die Schulmädchen wollene Strumpfhosen, ein Röckchen und eine Schürze trugen, und so tauchte ich jeden Morgen aus meiner tibetischen Welt in die Schweizer Welt ein und von der Schweizer Welt in meine tibetische Welt, wenn ich von der Schule zurückkam. Zwei Welten, die bezüglich der Wertevorstellungen wohl nicht gegensätzlicher sein konnten: die tibetische Welt, in der das Entwickeln von geistiger innerer Reife im Vordergrund steht und Menschen als wahre Helden und Heldinnen gefeiert wurden, die die inneren Errungenschaften erlangt haben, und die westliche Welt, in der die Menschen für äußere Errungenschaften bewundert werden.
Doch eines Tages hatte ich ein Schlüsselerlebnis, bei dem ich das Gefühl hatte, dass beide Welten doch zusammenkommen. Ich war gerade in der zweiten Primarklasse, und wir lernten ein neues Lied. Der Lehrer sang es uns vor. Der Text lautete: «Wenn eine tannigi Hose hät und hagebuechig Strümpf, so chan er tanze wien er will, es git em keini ri ra ri ra ri di ri di ri di ri di ri di ri di rümpf rümpf …» Das war mein Aha-Erlebnis: Die Schweizer hatten auch ein Mantra! Ich liebte dieses Lied, und wenn es dann noch im Kanon gesungen wurde, sehe ich immer noch all die fröhlichen Gesichter der ganzen Klasse vor mir.
Die Geschichte meiner Familie
Meine Großeltern mütterlicherseits und mein jüngerer Onkel Lobsang la lebten, seit ich denken konnte, bei meinen Eltern. In Tibet ist es völlig natürlich, dass mehrere Generationen unter einem Dach leben, und so war es keine Frage, dass wir in einer kleinen Vier-Zimmer-Wohnung in Ebnat-Kappel zusammenlebten.
Ungefähr vier Jahre zuvor war meine liebe Mutter hochschwanger mit mir nach mehreren Monaten ihrer Flucht aus Tibet zu Fuß in Kathmandu angekommen und hatte mich dort zur Welt gebracht.
Von den Gefahren während dieser abenteuerlichen Flucht, nachts über den Himalaya, dem höchsten Gebirgszug der Welt, und ständig in Furcht, von den chinesischen Soldaten aufgespürt zu werden, erfuhren wir Kinder zwar, aber wir realisierten erst viel später, wie traumatisierend all diese Erlebnisse für unsere Eltern gewesen sein mussten. Wir sind ihnen dankbar, dass trotz ihres schweren Schicksals ihre Äußerungen über jene Zeit nicht von Hass gegen die Chinesen als Menschen geprägt waren, obwohl sie wie viele andere geflüchteten Tibeter/innen noch viele Jahre von der gefahrvollen Flucht Alpträume hatten und mitten in der Nacht schweißgebadet aufgewacht sind.
Sie erklärten uns, dass wir Tibeter als Praktizierende der Mahayana-Tradition, das Bodhisattva-Ideal anstreben. Ein ‹Bodhisattva› nennt man auf Tibetisch ‹Chang Chup Sempa›. Es ist ein Erleuchtungswesen, das nicht nur für sich selbst, sondern zum Wohle aller Wesen die Buddhaschaft erlangen möchte und sogar gelobt, nicht eher ins Nirwana einzutreten, bevor nicht alle anderen Wesen auch befreit sind.
Wir lernten, dass es für einen ‹Bodhisattva› nichts Schlimmeres gibt, als seine/ihre altruistische Geisteshaltung zu verlieren und wie ein gewöhnliches Wesen den negativen Kräften von Hass und Gier ausgeliefert zu sein.
Ich verbeuge mich heute noch vor einer so edlen Geisteshaltung und denke, welch unglaublich starke Kraft diese Gebete haben und wie äußerst heilvoll und friedensfördernd eine solche Grundeinstellung für uns Menschen sein kann. Statt Rachegedanken zu hegen, dient das Erlebte als ein enormer Katalysator für ihre...




