E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Survivor
Shaw GRAHAMS HOFFNUNG (Survivor 2)
überarbeitete Ausgabe
ISBN: 978-3-95835-433-3
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
postapokalyptischer Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Survivor
ISBN: 978-3-95835-433-3
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
A. R. Shaw, geboren im Süden von Texas, diente von 1987 bis 1991 als Funkerin in der Reserve der United States Air Force. Dort arbeitete sie mit dem Military Auxiliary Radio System (MARS-Station) auf der Kelly Air Force Base, Texas. Ihr erster Roman, The China Pandemic (2013), erreichte im Mai 2014 Platz Eins im Genre Dystopie und Post-Apokalypse. Der Stoff wurde als 'unheimlich plausibel' und die Figuren als 'erstaunlich detailliert' gelobt. Shaw schreibt die fesselnde, post-apokalyptische Geschichte als Romanserie fort. Sie lebt mit ihrer Familie im Osten des U.S.-Bundesstaates Washington, wo jedes Jahr der tiefe Schnee des Winters irgendwann doch den glorreichen Strahlen des Sommers nachgeben muss. Immer wieder zieht es sie in den Nordosten Washingtons, wo sie die Tage damit verbringt, am wunderschönen Skagit River zu schreiben.
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Kapitel 1
Der frühmorgendliche Winterhimmel war in ein lebhaftes Lila getaucht, das auf dem Weg zum Horizont in ein stechendes Blau überging. Es war so kalt, wie die Hölle heiß ist, sofern es einem gelang, sich das Gegenteil zur Hitze der Hölle als Eiseskälte vorzustellen. Graham holte die straff gespannte Schnur ein, Hand über Hand. Mit kreisförmigen Bewegungen wickelte er die Schnur von der Hand über den Ellbogen auf und starrte dabei in das dunkelblaue Eisloch im zugefrorenen See. Sich drehend und windend kam die Forelle auf ihn zu, um ihr Schicksal zu erfüllen.
Sam zog ein letztes Mal kräftig an der Schnur, streckte die Hand aus und packte den gierigen Fisch mitten in der Luft. Er entfernte den Haken aus dem Maul und warf den eiskalten Fisch in einen Eimer, der schon gut gefüllt mit seinen Brüdern und Schwestern war. Sam und Graham legten eher Wert auf Menge statt Größe, wenn sie in den seichten Gewässern unter dem Eis fischten. Dennoch hatten sie heute Morgen länger gebraucht als üblich, um genug für alle in ihrer Gruppe zu fangen.
Innerhalb weniger Minuten war das tiefe Blau, vor dem eben noch der Mond eingebettet in einen feinen Nebel gestanden hatte, vom Himmel verschwunden. Das grelle Tageslicht war so intensiv, dass sie Sonnenbrillen aufsetzen mussten. Trotz der Wärme, die das Sonnenlicht mitbrachte, blieb es kalt, und sie behielten ihre zusätzlichen Pelzschichten an.
Sobald sie genug für das Frühstück gefangen hatten, sammelten sie still ihre Ausrüstung ein und machten sich auf den Weg zurück zum Camp. Wie jedes andere Zweierteam, das immer wieder der gleichen Routine unterworfen war, verrichteten sie ihre Arbeit ohne ein einziges Wort, das sich auf die Aufgabe bezog. »Nimm deine Nase da raus, Sheriff«, warnte Graham sanft den Hund mit seiner rauen, tiefen Stimme, als er ihn dabei erwischte, wie er in den Eimer spähte. »Du wirst schon deinen Anteil bekommen.« Er tätschelte den Hund am Kopf, wuschelte ihm durchs Fell und hob ihren morgendlichen Fang auf. Hinter ihm erschien Sam mit den anderen Schnüren in der Hand, nachdem er die Eislöcher mit Sperrholzplatten abgedeckt hatte, damit sie nicht zu sehr zufroren.
»Bereit?«, fragte Sam.
»Ja.«
Das Eis knirschte unter ihren Stiefeln, als sie über die zuverlässige Kruste liefen, und ihre Schritte hallten in der Weite der Landschaft wider, bis sie auf dem Pfad zwischen den Bäumen waren. Mark war gerade damit fertig geworden, den Weg vom Schnee der letzten Nacht zu befreien.
Als sie die Lichtung heraufkamen, warf Bang, der von Kopf bis Fuß in seiner Schneeausrüstung steckte, gerade den Hühnern Essensreste zu. Begierig umschwirrten sie ihn und stürzten sich auf die mageren Delikatessen. Sheriff rannte voraus, um seinem jungen Freund zu helfen. Graham lachte, amüsiert darüber, dass der Hund nicht verstand, warum sie die Vögel in Käfigen hielten und warum, um alles in der Welt, er sie nicht in ihrem Stall besuchen durfte. Die Hennen legten unhöflicherweise keinerlei Wert auf Sheriffs Gegenwart und eilten immer ans andere Ende ihres Geheges, wenn er sie jeden Morgen begrüßen kam.
Graham rief Bang zu: »Denk dran, dass du ihnen frisches Wasser gibst!«
»Mache ich doch immer«, antwortete Bang, den die unnötige Erinnerung etwas verärgert aussehen ließ. Doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. »Mark hat gemeint, ich soll dir sagen, dass Ennis immer noch schläft.«
»In Ordnung, danke. Ich sehe nach ihm.« Graham und Sam gingen schweigend an der Vorderseite ihrer Blockhütte vorbei. Sam wirkte nachdenklich, was für ihn nicht ungewöhnlich war. Man konnte den ganzen Tag mit ihm verbringen und häufig kam nicht mehr als ein Nicken oder ein gelegentliches Wort aus ihm heraus. Graham vermutete, dass Sam entweder über ihre Zukunft nachdachte oder darüber trauerte, dass er von seiner Tochter Addy getrennt war. Ob er jemals wieder einen anderen Menschen in seine Gedankenwelt hineinlassen würde, war völlig offen. Umso überraschter war Graham, als Sam sich zu Wort meldete.
»Weißt du, Ennis wird keinen weiteren Winter mehr erleben. Du solltest darauf vorbereitet sein, Graham.«
Graham antwortete leise. »Ja, ich weiß. Wir verlieren ihn jeden Tag ein Stückchen. Er redet kaum noch, und wenn er es tut, sind es unverständliche Warnungen. Als ob er versucht, uns so viel wie möglich mitzugeben, bevor er geht.« Graham blieb abrupt stehen und stieß mit der Stiefelspitze gegen das Eis. Ein Wölkchen aus weißen Kristallen stob nach vorn. »Ich bin dankbar, dass wir ihn so lange bei uns hatten.«
Sam klopfte ihm auf den Rücken. Er mochte Ennis auch. Der alte Mann hatte Sam sogar ein paar Tricks gezeigt, wie er die kleinen Holzfiguren besser hinbekam, die er für Addy schnitzte, seine Tochter, die er sehen und hören, aber nie wieder berühren durfte. Wenn ein Mann einem etwas Nützliches fürs Leben beibrachte, gehörte er für Sam zu den Guten. Ein Jammer, dass sie mit ansehen mussten, wie Ennis' Lebenskräfte nachließen, jetzt, wo sie ihn so sehr lieben und schätzen gelernt hatten.
»Pass auf, ich säubere die Forellen und kümmere mich ums Aufräumen. Geh du vor und hilf Tala mit Ennis«, sagte Sam.
»Danke, Sam.« Graham reichte ihm seine Ausrüstung. Dann bemerkte er Sheriff, der in der Hoffnung auf einen oder zwei Fischköpfe hinter Sam hertrottete. Dem Hund fiel es leicht, sich über den Tag immer wieder einer anderen Person anzuschließen, je nachdem, wer die besseren Leckereien hatte. Heute Morgen war Sam der Mann der Stunde, aber bei Einbruch der Dunkelheit würde Sheriffs ganze Loyalität zweifellos wieder Macy gehören.
Graham lief zurück zur Hütte, sprang die Treppe immer zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben und stampfte über den Holzboden der Veranda. Die Tür schwang auf. Tala begrüßte ihn mit einem besorgten Gesichtsausdruck.
»Da bist du ja endlich! Ich brauche deine Hilfe. Es geht ihm gar nicht gut«, sagte sie. Sorgenfalten zeichneten sich auf ihrer Stirn ab, sie kämpfte mit den Tränen. Graham nahm sie in den Arm. »Schon gut, schon gut, ich kümmere mich darum«, sagte er und beruhigte sie, so gut er konnte. Eigentlich war Tala ganz und gar nicht der ängstliche Typ. Sie hatte sich als realistisch und praktisch erwiesen, mehr noch als die meisten Menschen, denen Graham je begegnet war. Und sie alle wussten im Stillen, dass sie Ennis bald verlieren würden. Doch Talas offensichtliche Sorge beunruhigte Graham und ließ ihn befürchten, dass das Ende unmittelbar bevorstand.
»Mark und ich haben versucht, ihm aufzuhelfen, aber er hat gesagt, dass er auf dich warten will. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er uns schon nicht mehr erkennt.«
»Ich werde gleich nach ihm sehen. Hat er schon etwas gegessen oder getrunken?«
»Ich habe ihm vorhin etwas Wasser gebracht. Ich glaube nicht, dass er davon schon etwas getrunken hat.« Dann senkte sie ihre Stimme noch mehr und flüsterte: »Graham, was sollen wir tun? Es wird von Tag zu Tag schlimmer, er trinkt weder Wasser noch irgendetwas anderes, von Essen ganz zu schweigen. Ich glaube, eine Infektion hat ihn erwischt, und er will nicht, dass wir merken, unter welchen Schmerzen er leidet.«
»Wir hatten Glück, ihn für die Zeit bei uns zu haben, die ihm vergönnt war«, sagte Graham und zog sie zu sich. Sie sah blass aus. Er strich ihr mit dem Handrücken über die Wange. Als er ihr in die Augen blickte, sah er Angst aufblitzen und fragte sich, was sie so erschreckt haben mochte. Bevor er sie fragen konnte, zogen Schritte hinter ihm seine Aufmerksamkeit auf sich. Macy kam aus dem Badezimmer und sah, wie sie sich umarmten.
»Könnt ihr das nicht woanders machen?«, fragte sie und stapfte frustriert durch die Tür nach draußen.
Graham und Tala mussten beide lachen. »Armes Mädchen«, sagte Tala und wandte sich wieder dem Gedanken an den kranken alten Mann zu. »Ich denke, Ennis braucht Antibiotika und Phenazopyridinhydrochlorid.«
»Phenazo-was?«, fragte Graham.
»Phenazopyridin. Es betäubt die Harnwege. Frag mich nicht, woher ich das weiß. Die Antibiotika haben wir, das andere aber nicht. Ich hasse es, ihn so leiden zu sehen.«
Graham nickte. Er zog sie fest an sich und küsste sie auf die Stirn. Dann ließ er sie los. »Lass es uns ihm so bequem wie möglich machen, bis wir genauer wissen, was mit ihm los ist.«
Tala schloss die Augen und nickte. Stille Tränen rannen über ihre Wangen.
Graham zog seinen Mantel aus und ging in das Innere der Blockhütte. Ihm voraus auf dem Weg zum Schlafraum ging sein Schatten, der durch den goldenen Schimmer dieses ungeheuer kalten Morgenlichts glitt, das auf den abgewetzten, verwitterten Holzfußboden fiel.
Leise betrat er den Schlafraum und fand Ennis auf die Seite gedreht und tief schlafend. Reglos lag er da, nur sein leises pfeifendes Schnarchen war zu hören, an das Graham sich in den letzten Monaten so gewöhnt hatte. Er richtete ein wenig die Decke und betastete die Stirn des alten Mannes. Als er kein Fieber spürte, ließ er ihn weiterschlafen und hoffte, dass die Ruhe ihm helfen würde. Er schloss die Tür zum Schlafraum hinter sich, um den Lärm der Lebenden abzuwehren, die bald ihren Morgenroutinen nachgehen würden.
»Er schläft tief und fest«, sagte er flüsternd zu Tala, um so lange wie möglich den Frieden zu bewahren, der noch über ihrem Zuhause lag. Am besten blieben sie noch eine Weile so leise wie möglich, bevor die anderen zurückkehrten. »Nach dem Frühstück gehe ich noch einmal zu ihm. Wann bist du das nächste Mal am Funkgerät und sprichst mit Clarisse? Vielleicht kann sie uns ein paar Hinweise geben.«
»Wir sind für...




