E-Book, Deutsch, 372 Seiten
Shelley / Weber Frankenstein oder, Der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1574-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neuübersetzung von Maria Weber
E-Book, Deutsch, 372 Seiten
ISBN: 978-3-7534-1574-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Urfassung des Frankenstein in neuer Übersetzung und mit umfangreichem Kommentarteil. "Der Roman 'Frankenstein oder der moderne Prometheus' ist als eine bloße Erzählung zweifellos eines der originellsten und vollständigsten Werke unserer Zeit. Wir fragen uns beim Lesen verwundert, welche besonderen Erlebnisse die Gedankengänge hervorgerufen haben könnten - woraus die besonderen Erlebnisse bestanden, die sie erweckt haben - , die in den Gedanken des Autors zu den erstaunlichen Kombinationen von Motiven und Ereignissen und der verblüffenden Katastrophe geführt haben, aus denen sich diese Geschichte zusammensetzt. (...) Wir werden atemlos vor Spannung und Mitgefühl, der Abfolge von Vorfall auf Vorfall, und dem berauschten Werk der Leidenschaft davongetragen. Wir schreien 'Halt, halt! genug!' - aber es folgt noch etwas; und wie das Opfer, dessen Geschichte es erzählt, glauben wir, es nicht mehr ertragen zu können, und doch ist noch mehr zu ertragen. (...) Wir erklimmen Alpe um Alpe, bis der Horizont leer, inhalts- und grenzenlos erscheint; bis uns der Kopf schwindelt und der Boden unter unseren Füßen nachzugeben scheint." - Percy Bysshe Shelley in einer Rezension zur Erstausgabe.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Frankenstein oder, Der moderne Prometheus 2. Band. 1. Kapitel. NICHTS ist schmerzlicher für das menschliche Gemüt, als wenn, nachdem die Gefühle durch eine schnelle Folge von Ereignissen aufgewühlt worden sind, die dumpfe Ruhe der Untätigkeit und Gewißheit folgt und die Seele sowohl der Hoffnung als auch der Furcht beraubt. Justine starb; sie ruhte; und ich war am Leben. Das Blut floß ungehindert in meinen Adern, doch auf meinem Herzen lastete ein Gewicht von Verzweiflung und Reue, das nichts von ihm heben konnte. Der Schlaf floh meine Augen; ich irrte umher wie ein böser Geist, denn ich hatte unbeschreiblich schreckliche Untaten begangen, und mehr, weit mehr (so redete ich mir ein), stand mir noch bevor. Doch mein Herz quoll über vor Güte und der Liebe zur Tugend. Ich hatte das Leben mit den besten Absichten begonnen und mich nach dem Moment gesehnt, in dem ich sie in die Tat umsetzen und mich meinen Mitmenschen als nützlich erweisen würde. Nun war alles dahin: statt jene heitere Gemütsruhe zu genießen, die es mir erlaubte, mit Selbstzufriedenheit auf die Vergangenheit zurückzublicken und daraus neue Hoffnungen zu schöpfen, wurde ich von Reue und Schuldgefühlen heimgesucht, die mich in eine Hölle äußerster Qualen stürzten, wie keine Sprache sie beschreiben kann. Dieser Gemütszustand zehrte an meiner Gesundheit, die sich vollständig von dem ersten Schlag erholt hatte, den sie erlitten hatte. Ich scheute das Antlitz der Menschen; jeder Laut der Freude oder des Wohlgefallens verursachte mir Pein; Einsamkeit war mein einziger Trost – tiefe, dunkle, totengleiche Einsamkeit. Mein Vater beobachtete bekümmert die Veränderung, die in meinem Wesen und meinen Gewohnheiten wahrnehmbar war, und bemühte sich, mir begreiflich zu machen, wie töricht es sei, sich unmäßigem Kummer zu ergeben. „Glaubst du, Victor“, sagte er, „daß ich nicht ebenso leide? Niemand könnte ein Kind mehr lieben, als ich deinen Bruder geliebt habe“ (Tränen traten ihm in die Augen, als er sprach); „aber ist es nicht eine Pflicht gegenüber den Überlebenden, daß wir es unterlassen, ihr Unglück durch die Zurschaustellung unmäßiger Trauer zu vergrößern? Es ist auch eine Pflicht, die man sich selbst schuldet; denn übermäßiger Kummer verhindert Linderung oder Frohmut oder sogar die Ausübung der täglichen Aufgaben, ohne die kein Mensch ein nützliches Glied der Gesellschaft sein kann.“ Dieser Rat war zwar gut gemeint, aber in meinem Fall völlig unwirksam; ich wäre der erste gewesen, der seinen Kummer verborgen und seine Freunde getröstet haben würde, wenn nicht die Reue ihre Bitterkeit mit meinen anderen Empfindungen vermischt hätte. Jetzt konnte ich meinem Vater nur mit einem verzweiflungsvollen Blick antworten und mich bemühen, mich vor seinen Augen zu verbergen. Um diese Zeit zogen wir uns in unser Haus in Bellerive zurück. Diese Veränderung war für mich durchaus angenehm. Das regelmäßige Schließen der Tore um zehn Uhr und die Unmöglichkeit, nach dieser Stunde auf dem See zu bleiben, hatten unseren Aufenthalt innerhalb der Genfer Stadtmauern für mich sehr verdrießlich gemacht. Nun war ich frei. Oft, nachdem der Rest der Familie sich für die Nacht zurückgezogen hatte, nahm ich das Boot und verbrachte viele Stunden auf dem Wasser. Mal ließ ich mich mit gehißten Segeln vom Wind tragen, und mal, nachdem ich in die Mitte des Sees gerudert war, überließ ich das Boot seinem eigenen Kurs und gab mich meinen trübseligen Gedanken hin. Oft war ich versucht, wenn alles um mich herum friedlich, und ich das einzige unruhige Ding war, das in einer so schönen und himmlischen Szene ruhelos umherstreifte – wenn ich von einer Fledermaus oder den Fröschen absehe, deren harsches und unterbrochenes Quaken nur dann zu hören war, wenn ich mich dem Ufer näherte – oft, sage ich, war ich versucht, mich in den stillen See zu stürzen, damit das Wasser sich für immer über mir und meinem Unglück schließen würde. Aber ich wurde zurückgehalten, wenn ich an die tapfere und leidende Elizabeth dachte, die ich zärtlich liebte und deren Leben mit dem meinen verbunden war. Ich dachte auch an meinen Vater und meinen überlebenden Bruder: sollte ich sie durch meine feige Flucht der Bosheit des Unholds, den ich auf sie losgelassen hatte, schutzlos ausliefern? In solchen Augenblicken weinte ich bitterlich und betete, daß der Friede in mein Gemüt zurückkehren möge, nur damit ich ihnen Trost und Glück spenden könnte. Aber das konnte nicht sein. Die Reue erstickte jede Hoffnung. Ich war der Urheber eines untilgbaren Unheils gewesen, und ich lebte in beständiger Angst, daß das Ungeheuer, das ich erschaffen hatte, eine neue Untat begehen würde. Ich hatte ein vages Gefühl, daß noch nicht alles vorbei sei, und daß er noch ein weiteres großes Verbrechen begehen würde, das durch seine Ungeheuerlichkeit alle bisherigen in den Schatten stellen sollte. Es würde immer Ursache zur Sorge vorhanden sein, solange noch etwas, das ich liebte, zurückblieb. Meine Abscheu vor diesem Unhold war unbeschreiblich. Sooft ich an ihn dachte, knirschte ich mit den Zähnen, meine Augen flammten, und ich wünschte inbrünstig, das Leben auszulöschen, das ich so unbesonnen erschaffen hatte. Wenn ich über seine Verbrechen und seine Bosheit nachdachte, sprengten mein Haß und mein Rachedurst alle Grenzen der Mäßigung. Ich hätte eine Pilgerfahrt zum höchsten Gipfel der Anden unternommen, wenn ich ihn von dort hätte bis zu ihrem Fuß hinabstürzen können. Ich wünschte ihn wiederzusehen, um ihm meinen Zorn entgegenzuschleudern und die Tode von William und Justine an ihm zu rächen. Unser Haus war ein wahres Trauerhaus. Die Gesundheit meines Vaters war durch den Schrecken der jüngsten Ereignisse tief erschüttert. Elizabeth war traurig und verzagt; sie hatte keine Freude mehr an ihren gewöhnlichen Beschäftigungen; alles Vergnügen schien ihr ein Frevel gegenüber den Toten zu sein; damals dachte sie, daß ewiges Wehklagen und Tränen der gerechte Tribut seien, den sie der so zerstörten Unschuld zollen sollte. Sie war nicht mehr jenes glückliche Geschöpf, das in früherer Jugend mit mir die Ufer des Sees durchstreift und mit Verzückung von unseren zukünftigen Aussichten gesprochen hatte. Sie war ernst geworden und sprach oft von der Unbeständigkeit des Glücks und der Unsicherheit des menschlichen Lebens. „Wenn ich, lieber Cousin“, sagte sie, „an den elenden Tod von Justine Moritz denke, so sehe ich die Welt und ihre Werke nicht mehr so, wie sie mir zuvor erschienen. Früher sah ich die Berichte über Laster und Ungerechtigkeit, über die ich in Büchern las oder von anderen hörte, als Erzählungen aus alten Tagen oder erfundene Greuel an; wenigstens waren sie weit entfernt und der Vernunft vertrauter als der Einbildung; jetzt aber hat das Elend Einzug in unser Heim gehalten, und die Menschen erscheinen mir als Ungeheuer, die einander nach dem Blut dürsten. Doch ich bin gewiß ungerecht. Jeder glaubte, das arme Mädchen sei schuldig; und wenn sie das Verbrechen, für das sie gelitten hat, hätte begehen können, so wäre sie zweifellos die verkommenste aller menschlichen Kreaturen gewesen. Um eines geringen Kleinods willen den Sohn ihres Wohltäters und Freundes ermordet zu haben, ein Kind, das sie von seiner Geburt an gehegt hatte und das sie zu lieben schien, als wäre es ihr eigenes gewesen! Ich könnte dem Tod keines Menschen zustimmen; aber gewiß hätte ich ein solches Geschöpf für ungeeignet gehalten, in der menschlichen Gesellschaft zu bleiben. Doch sie war unschuldig. Ich weiß es, ich fühle, daß sie unschuldig war; du bist der gleichen Meinung, und das bestätigt mich. Ach! Victor, wenn die Falschheit so sehr wie die Wahrheit scheinen kann, wer kann sich da eines gewissen Glücks versichern? Mir ist, als wandelte ich am Rande eines Abgrunds, und als drängten Tausende auf mich ein und versuchten, mich hinabzustürzen. William und Justine wurden ermordet, und der Mörder entkommt; er geht frei und vielleicht geachtet in der Welt umher. Aber selbst wenn ich der gleichen Verbrechen halber das Schafott besteigen müßte, möchte ich nicht mit einem solchen Schurken den Platz tauschen.“ Ich lauschte dieser Rede mit der äußersten Seelenpein. War doch ich der wahre Mörder, wenn auch nicht mit eigener Hand, so doch zumindest ursächlich. Elizabeth sah die Qualen in meiner Miene und sagte, indem sie freundlich meine Hand nahm: „Liebster Cousin, du mußt dich fassen. Diese Ereignisse haben mich, Gott weiß wie tief, getroffen; aber ich bin nicht so elend wie du. Es liegt ein Ausdruck von Verzweiflung und manchmal auch von Rachedurst in deinem Antlitz, der mich erzittern macht. Fasse dich, mein lieber Victor; ich würde mein Leben für deinen Frieden opfern. Wir werden gewiß glücklich sein: ruhig in der Heimat, und nicht unter die...




