Shelley / Weber | Frankenstein oder, Der moderne Prometheus. Überarbeitete Fassung von 1831 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 404 Seiten

Shelley / Weber Frankenstein oder, Der moderne Prometheus. Überarbeitete Fassung von 1831

Neuübersetzung von Maria Weber
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1563-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Neuübersetzung von Maria Weber

E-Book, Deutsch, 404 Seiten

ISBN: 978-3-7534-1563-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ungekürzte Neuübersetzung der Ausgabe von 1831 mit umfangreichem Kommentarteil und Zusatzmaterial. "Der Roman 'Frankenstein oder der moderne Prometheus' ist als eine bloße Erzählung zweifellos eines der originellsten und vollständigsten Werke unserer Zeit. Wir fragen uns beim Lesen verwundert, welche besonderen Erlebnisse die Gedankengänge hervorgerufen haben könnten - woraus die besonderen Erlebnisse bestanden, die sie erweckt haben - , die in den Gedanken des Autors zu den erstaunlichen Kombinationen von Motiven und Ereignissen und der verblüffenden Katastrophe geführt haben, aus denen sich diese Geschichte zusammensetzt. (...) Wir werden atemlos vor Spannung und Mitgefühl, der Abfolge von Vorfall auf Vorfall, und dem berauschten Werk der Leidenschaft davongetragen. Wir schreien 'Halt, halt! genug!' - aber es folgt noch etwas; und wie das Opfer, dessen Geschichte es erzählt, glauben wir, es nicht mehr ertragen zu können, und doch ist noch mehr zu ertragen. (...) Wir erklimmen Alpe um Alpe, bis der Horizont leer, inhalts- und grenzenlos erscheint; bis uns der Kopf schwindelt und der Boden unter unseren Füßen nachzugeben scheint." - Percy Bysshe Shelley in einer Rezension zur Erstausgabe.

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Einleitung.


DIE Verleger der haben, als sie „Frankenstein“ für eine ihrer Reihen auswählten, den Wunsch geäußert, ich möge ihnen etwas über die Entstehung der Geschichte erzählen. Dem komme ich um so lieber nach, als ich bei dieser Gelegenheit eine umfassende Antwort auf die mir so oft gestellte Frage geben kann, wie ich, damals ein junges Mädchen2, auf den Gedanken verfallen konnte, eine so abscheuliche Idee zu entwickeln und auszuarbeiten? Zwar bin ich sehr abgeneigt, in gedruckter Form über mich selbst zu sprechen3; aber da meine Erklärung nur als ein Anhang zu einem früheren Erzeugnis erscheinen wird, und da sie sich nur auf solche Gegenstände beschränken wird, die mit meiner Autorschaft zu tun haben, kann ich mich kaum persönlicher Aufdringlichkeit bezichtigen.

Es ist nichts Außergewöhnliches, daß ich als Tochter zweier bedeutender literarischer Persönlichkeiten4 schon sehr früh im Leben auf den Gedanken kam zu schreiben. Als Kind kritzelte ich; und mein liebster Zeitvertreib in meinen freien Stunden war es, „Geschichten zu schreiben“. Doch hatte ich noch ein teureres Vergnügen als dieses, nämlich das Bauen von Luftschlössern – das Schwelgen in Wachträumen – das Verfolgen von Gedankengängen, die das Ausformen einer Abfolge von erfundenen Ereignissen zum Gegenstand hatten. Meine Träume waren zugleich phantastischer als auch gefälliger als mein Geschriebenes. In letzteren war ich eine rechte Nachahmerin – ich tat eher, was andere getan hatten, als daß ich den Anregungen meines eigenen Geistes gefolgt wäre. Was ich schrieb, war für wenigstens ein anderes Auge bestimmt – für die Gefährtin und Freundin meiner Kindheit5; meine Träume aber gehörten mir allein; ich legte niemandem gegenüber Rechenschaft über sie ab; sie waren meine Zuflucht, wenn ich verdrossen war – mein teuerstes Vergnügen, wenn ich unbeschäftigt war.

Als Mädchen lebte ich hauptsächlich auf dem Land6 und verbrachte eine beträchtliche Zeit in Schottland. Ich besuchte gelegentlich die malerischeren Gegenden, aber mein gewöhnlicher Aufenthalt war am öden und trostlosen Nordufer des Tay, in der Nähe von Dundee. Öde und trostlos nenne ich es im Rückblick; für mich war es das damals nicht. Es war der Adlerhorst der Freiheit und die angenehme Region, in der ich ungestört mit den Geschöpfen meiner Phantasie kommunizieren konnte. Ich schrieb damals – aber in einem sehr gewöhnlichen Stil. Es war unter den Bäumen des Grundstücks, das zu unserem Haus gehörte, oder an den kahlen Hängen der unbewaldeten Berge in der Nähe, wo meine wahren Kompositionen, die Höhenflüge meiner Phantasie, geboren und gehegt wurden. Ich machte mich selbst nicht zur Heldin meiner Erzählungen. Das Leben schien mir eine zu alltägliche Angelegenheit zu sein, was mich selbst betraf. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß romantische Leiden oder wunderbare Ereignisse je mein Los sein würden; aber ich war nicht auf meine eigene Person beschränkt, und ich konnte die Stunden mit Schöpfungen bevölkern, die mir in diesem Alter weitaus interessanter schienen als meine eigenen Empfindungen.

Danach wurde mein Leben ereignisreicher, und die Wirklichkeit trat an die Stelle der Dichtung. Mein Mann war jedoch von Anfang an sehr darauf bedacht, daß ich mich meiner Abstammung würdig erweisen und mich auf der Seite des Ruhmes einschreiben würde. Er spornte mich immer wieder dazu an, literarisches Ansehen zu erlangen, was mir zu diesem Zeitpunkt selbst wichtig war, obschon es mir inzwischen unendlich gleichgültig geworden ist. Zu dieser Zeit wünschte er, daß ich schreiben sollte, nicht so sehr aus der Vorstellung heraus, daß ich irgend etwas Bemerkenswertes hervorbringen könnte, sondern damit er selbst beurteilen könnte, inwieweit ich in der Zukunft Besseres verhieße. Dennoch tat ich nichts. Reisen und die alltäglichen Sorgen einer Familie nahmen meine Zeit in Anspruch, und das Studium in Form von Lektüre oder der Verbesserung meiner Ideen im Austausch mit seinem weitaus kultivierteren Geist war alles an literarischer Beschäftigung, was meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Im Sommer 1816 besuchten wir die Schweiz und wurden Nachbarn Lord Byrons7. Zunächst verbrachten wir unsere Mußestunden auf dem See oder wanderten an seinen Ufern entlang; und Lord Byron, der gerade den dritten Gesang von „Childe Harold“8 schrieb, war der einzige unter uns, der seine Gedanken zu Papier brachte. Diese, wie er sie uns nach und nach enthüllte, gekleidet in alles Licht und alle Harmonie der Poesie, schienen die Herrlichkeiten des Himmels und der Erde, deren Einflüsse wir gemeinsam erlebten, als göttlich zu prägen.

Aber der Sommer erwies sich als naß und ungemütlich9, und unablässiger Regen hielt uns oft tagelang im Haus gefangen. Einige Bände mit Gespenstergeschichten, aus dem Deutschen ins Französische übersetzt10, fielen uns in die Hände. Da war die Geschichte des treulosen Liebhabers, der, als er die Braut, der er sein Gelübde gegeben hatte, umarmen wollte, sich in den Armen des bleichen Gespenstes derjenigen wiederfand, die er verlassen hatte. Da war die Geschichte des sündigen Ahnherren seines Geschlechts, dessen elendes Schicksal es war, allen jüngeren Söhnen seines unglückseligen Hauses den Kuß des Todes zu geben, gerade als sie das Mannesalter erreichten. Seine riesenhafte, schemenhafte Gestalt, gekleidet wie der Geist in , in vollständiger Rüstung, aber mit offenem Visier11, wurde um Mitternacht in den unbeständigen Strahlen des Mondes gesehen, wie sie langsam die düstere Gasse entlangschritt. Die Gestalt verlor sich im Schatten der Burgmauern; bald aber schwang ein Tor auf, ein Schritt war zu hören, die Tür des Gemachs öffnete sich, und er schritt zur Bettstatt der blühenden Jünglinge, die in gesunden Schlaf gewiegt dalagen. Unendlicher Kummer lag auf seinem Gesicht, als er sich herabbeugte und die Stirn der Knaben küßte, die von dieser Stunde an dahinwelkten wie Blumen, deren Stiel geknickt war. Ich habe diese Geschichten seither nicht wieder zu Gesicht bekommen; aber ihre Geschehnisse sind mir so frisch im Gedächtnis, als hätte ich sie erst gestern gelesen.

„Wir wollen alle eine Gespenstergeschichte schreiben“, sagte Lord Byron; und sein Vorschlag wurde angenommen. Wir waren unserer vier. Der edle Dichter begann eine Erzählung, von welcher er ein Fragment am Ende seines Gedichts abdruckte. Shelley, der eher dazu neigte, Gedanken und Gefühle im Glanz prachtvoller Bilder und mit der Musik der harmonischsten Verse, die unsere Sprache zieren, Gestalt zu verleihen, begann eine, die auf den Erlebnissen seiner Jugend beruhte. Der arme Polidori12 hatte eine schreckliche Idee über eine totenschädelige Dame13, die auf jene Weise bestraft wurde, weil sie etwas durch ein Schlüsselloch erspähen wollte – was, habe ich vergessen – zweifellos etwas sehr Schockierendes und Anstößiges; aber als sie einmal in einen schlimmeren Zustand als der berüchtigte Tom von Coventry14 versetzt worden war, wußte er nicht, was er mit ihr tun sollte, und war gezwungen, sie in die Gruft der Capulets15 zu schicken, den einzigen Ort, für den sie geeignet war. Auch die gefeierten Dichter16, verdrossen über der Flachheit der Prosa, gaben die unangenehme Aufgabe rasch wieder auf.

Ich bemühte mich sehr, , – eine Geschichte, die denen, die uns zu dieser Aufgabe angeregt hatten, mindestens ebenbürtig sein sollte. Eine, die die geheimnisvollen Ängste unserer Natur ansprechen und fesselndes Grauen erzeugen würde – eine, die dem Leser Angst davor einflößen würde, sich umzusehen, die das Blut stocken und den Puls schneller schlagen lassen würde. Wenn ich diese Dinge nicht erzielen würde, wäre meine Gespenstergeschichte ihres Namens nicht würdig. Ich sann und grübelte – vergebens. Ich fühlte jenen völligen Mangel an Erfindungsgeist, der das größte Elend des Schriftstellers ist17, wenn das dumpfe Nichts auf unsere flehentlichen Beschwörungen antwortet. wurde ich jeden Morgen gefragt, und jeden Morgen war ich gezwungen, mit einer demütigenden Verneinung zu antworten.

Jedes Ding muß einen Anfang haben, um es mit den Worten Sancho Pansas18 auszudrücken; und dieser Anfang muß mit etwas verbunden sein, das davor geschehen ist. Die Hindus geben der Welt einen Elefanten, um sie zu stützen, aber sie lassen den Elefanten auf einer Schildkröte stehen.19 Erfindungsgeist, das muß man demütig zugeben, besteht nicht darin, etwas aus der Leere zu schaffen, sondern aus dem Chaos; es müssen zuerst die Materialien bereitgestellt werden: sie können dunklen, formlosen...



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