Shelton | Der 13. Stuhl | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Shelton Der 13. Stuhl


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-646-92923-2
Verlag: Königskinder
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-646-92923-2
Verlag: Königskinder
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



*** Dämonische Katzen und manische Schriftsteller - 13 Geschichten von klassisch bis modern *** Sie erwarten ihn schon. In einem verlassenen Haus, in einem großen, leeren Zimmer stehen 13 Stühle. Nur einer ist noch nicht besetzt. 12 merkwürdige Gestalten warten dort, jeder vor einer brennenden Kerze. Sie streiten, sie lachen und dann erzählen sie, einer nach dem anderen, ihre Geschichte: von Tod und Verderben, von Mord und Rache. Bis nur noch Jack übrig ist, nur noch eine Kerze, allein im Dunkeln. Und er endlich begreift, welche Geschichte er erzählen muss ...

Dave Shelton ist in Leicester geboren und aufgewachsen und lebte heute mit Pam, Mila und einer Katze in Cambridge, England. Er findet, man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit frühstücken oder ein Bad nehmen. Er liebt Comics, Kricket und Kreuzworträtsel. Für sein erstes Buch „Bär im Boot“ gewann er den Luchs-Preis.

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JACK STEHT IM DUNKELN auf dem Flur des alten Hauses und schaut auf seine Füße. Er steht vor der letzten von drei Türen, unter der ein flackernder Lichtspalt zu sehen ist. Er rührt sich nicht. Er starrt auf die beiden Lichthalbmonde, die auf seinen Schuhspitzen glänzen. Auf das schmale Schimmern an den Kanten der nackten Bodendielen, auf die Maserung des Holzes in der bleichen Lichtpfütze, die unter der Tür hervorsickert. Er steht schon minutenlang hier, die Hand auf dem Türknauf, und ringt mit sich, ob er hineingehen soll oder nicht. Die Vernunft sagt ihm, auf keinen Fall, denn er kann nicht wissen, was ihn drinnen erwartet. Doch die Neugier besteht auf dem Gegenteil, aus genau dem gleichen Grund. Und Jack ist ein neugieriger Junge. Also hält er mit zusammengepressten Lippen den Atem an, dreht den Knauf und geht hinein. Und da sind sie: Zwölf sitzen um einen großen kreisrunden Holztisch und sehen ihn an, als die Tür laut knarrend seine Ankunft verkündet. Er braucht einen Augenblick, bis er sie richtig sehen kann – das Zimmer wird nur schwach von Kerzen erleuchtet, aber nach der Dunkelheit draußen wirkt es richtig hell, und seine Augen müssen sich erst daran gewöhnen. Als die undeutlichen Gestalten schließlich scharf werden, nimmt Jack zuerst den bleichen Mann wahr, der am weitesten von ihm entfernt ist. Er ist klein und zurückhaltend gekleidet, sein schwarzer Anzug ist sauber gearbeitet und sorgsam zugeknöpft; er trägt ein gestärktes weißes Hemd mit Vatermörder und eine schlichte dunkle Krawatte. Sein Haar ist kurz und anständig. Seine Haltung ist hervorragend. Er ist sauber, ordentlich und ruhig. Abgesehen von seiner etwas altmodischen Kleidung hat er nichts Außergewöhnliches an sich, und doch strahlt er eine stille Autorität aus, die Jacks Blick anzieht. Sein Gesicht wird durch die Kerze vor ihm auf dem Tisch von unten beleuchtet, was leicht gruselig wirkt, wie eine unters Kinn gehaltene Taschenlampe, doch sein verhaltenes Lächeln ist beruhigend. »Du bist zu spät«, sagt jemand anders, eine der Frauen auf der rechten Seite, mit kratziger und gereizter Stimme. »Für uns ist alles zu spät«, sagt eine andere. Jack versteht nicht, was sie damit meint, aber er ist dankbar, dass sie freundlich klingt. Und auch so aussieht, merkt er, als er sich zu ihr wendet. Ihr Lächeln ist anziehend, und nach den Lachfalten in ihrem Gesicht zu urteilen muss sie es oft eingesetzt haben. Sie betrachtet Jack mit ironischer Belustigung, ihre dunklen Augen glitzern im Kerzenschein, ihr kurzes, silbergraues Haar glänzt. »Dann komm herein«, sagt sie, hebt den Arm und winkt ihn mit langen Fingern heran, als würde sie die Luft kitzeln. »Nicht im Dunkeln herumschleichen. Hierher, wo wir dich sehen können.« Ihre Stimme ist etwas Weiches und Wunderbares, rund und warm mit einem Anflug von neckendem Lachen darin. Jack tut, wie ihm geheißen, und macht drei schlafwandlerische Schritte in den Raum hinein, während die Tür sich knarrend hinter ihm schließt. Es ist ein großes Zimmer mit einer hohen Decke, nackten Holzdielen und leeren Wänden. Einzige Lichtquelle sind die Kerzen auf dem Tisch, eine für jeden, die hoch aufragende, schwankende Schatten auf den bröckelnden Wandputz werfen. Zu Jacks Linken ist ein großes Fenster, dessen lange, blasse Vorhänge nicht ganz zugezogen sind. Jack erinnert sich, wie er vor wenigen Minuten draußen auf dem Kies der Einfahrt gestanden und zu dem dünnen vertikalen Lichtstreifen hinaufgesehen hat und wie ihn die ängstliche Spannung dabei hat erschaudern lassen. »Du wirst dich zu uns setzen«, sagt der bleiche Mann, und es klingt zwar nicht wie eine Frage, aber Jack antwortet trotzdem. »Ja.« »Wir werden noch einen Stuhl brauchen«, sagt der bleiche Mann mit sanfter, ruhiger Stimme. »Lee, wärst du so nett?« Auf den Stühlen, die ihm am nächsten sind, sitzen zwei Kinder: ein Junge, ein paar Jahre älter als Jack, und ein Mädchen, etwas jünger. Der Junge steht auf. Er ist groß, wäre noch größer, wenn er sich aufrichtete, was er aber nicht tut. Er geht gebeugt, als wäre ihm seine Körpergröße peinlich, und neigt scheu den Kopf, so dass die Stirnlocke seine Augen verdeckt. »Klar«, murmelt er. »Ich gehe eben und, ähm …« Er zieht seinen eigenen Stuhl vom Tisch und deutet mit verwischter Geste darauf. »Hier, nimm meinen, dann nehme ich …« »Danke«, sagt Jack und setzt sich, fast ohne nachzudenken. Hinter sich hört er noch einmal die Tür auf- und wieder zuknarren. »Willkommen«, sagt der bleiche Mann. »Du bist willkommen.« Er sitzt Jack mehr oder weniger genau gegenüber, und der starrt ihn mit einem Grinsen an, das bestimmt völlig lächerlich ist – so angespannt sind seine Mundwinkel, dass es ihm fast die Zähne sprengt. Der bleiche Mann ist einen ganzen Kopf kleiner als seine beiden Nachbarn, dennoch ist seine Ausstrahlung stärker. Schwer zu sagen, wie alt er ist. Er könnte dreißig sein, aber auch sechzig. Es gibt keine offensichtlichen Hinweise auf fortgeschrittenes Alter: kein Haarausfall, kein Ergrauen, sehr wenige Falten oder Runzeln. Doch er hat etwas an sich, vielleicht in den Augen, das auf mehr Lebensjahre hindeutet, auf mehr Erfahrung, mehr Traurigkeit. Jack müht sich immer noch sehr, entspannt zu wirken, als er wieder die Tür hört. Er dreht sich um und sieht Lee, den gebeugten Jungen, einen Stuhl hereintragen. »Entschuldige … kann ich mal …?« Jack schiebt seinen Stuhl ein Stück nach rechts, die drei bärtigen Männer, die jenseits von Lee sitzen, rücken alle ein wenig nach links, Lee schiebt entschuldigend den dreizehnten Stuhl an seinen Platz und setzt sich gekrümmt darauf. »Ach ja, und …« Er stellt eine Kerze vor Jack auf den Tisch, und das Mädchen steckt sie an ihrer eigenen an; das Licht der Flamme hebt ihr Grinsen hervor, ihre Augen sind vor Aufregung weit aufgerissen. »Vielen Dank, Lee«, sagt der bleiche Mann. »Vielen Dank, Amelia.« Dann wendet er sich wieder Jack zu. »Und du bist …?« »Oh! Ach ja. Tut mir leid. Jack.« »Jack. Gut. Willkommen.« Seine Augen sind still und dunkel, an der Oberfläche jeder Pupille windet sich wie ein Lichtwurm die gespiegelte Kerzenflamme. »Wenn ich vorstellen darf.« Er hebt eine Hand ganz wenig von der anderen, dreht die schmalen Finger kaum merklich und deutet so auf den gebeugten Jungen zu Jacks Linken. »Lee«, sagt der bleiche Mann, und Lee neigt den gesenkten Kopf noch tiefer. »Mr Blackmore«, sagt der bleiche Mann und fährt im Uhrzeigersinn um den Tisch herum fort. »Pjotr, Mr Harlow.« Das sind drei bärtige Männer hintereinander, aber Jack nimmt eigentlich nur Pjotr in der Mitte richtig wahr. Er ist riesig. Er sieht aus, als wäre er aus einem Berg herausgehauen worden. Sein prachtvoller rostrot-aschgrauer Vollbart teilt sich zu einem breiten, herzlichen Grinsen mit schiefen Zähnen. »Ha! Jack! Ist sehr gut, dich kennenlernen! Ja!« Er hebt die beiden riesigen Hände zu einem Willkommensgruß und schlägt dabei um ein Haar seinen beiden Nachbarn ins Gesicht. »Mr Fowler«, sagt der bleiche Mann, und der Mann zu seiner Rechten senkt den Kopf bedächtig und tief. Wenn Pjotr aus Stein gehauen ist, dann sind die Züge dieses Mannes aus Holz geschnitzt. Er hat ein knochiges, eckiges Gesicht, verwittert wie alte Balken: salzig und windzerfurcht, zerklüftet und abgewetzt. Er sieht aus, als hätte er mehr als genug Sorgen gehabt, dennoch lächelt er mit Mund und Augen, als er den Kopf neigt. »Mr Randolph«, sagt der bleiche Mann und hebt nun die Finger der linken Hand, worauf der Mann neben ihm steif nickt. »Miss Crane«, sagt der bleiche Mann. »Frances«, sagt Miss Crane, die freundliche Frau mit den kurzen grauen Haaren und den Lachfalten. »Hallo, Jack.« Wieder zeigt sie ihr warmes Lächeln. »Professor Cleary, Mrs Trent, Miss Mulligan.« »Ich bin Ms Mulligan, kein Fräulein«, sagt Letztere, eine elegant gekleidete junge Frau mit entschlossener Frisur. Frances lächelt und murmelt: »Nur keine falsche Zurückhaltung, Katy.« »Und Amelia.« Der bleiche Mann ignoriert sie beide. Der neugierige Blick des kleinen Mädchens rechts von Jack wäre auch dann verstörend intensiv, wenn ihre Augen nicht von den dicken Brillengläsern enorm vergrößert würden. »Sehr erfreut, dich kennenzulernen, Jack. Vielen herzlichen Dank«, sagt sie rasch und tonlos, so als würde sie einen Text rezitieren, ohne ein Wort zu verstehen. »Hallo«, sagt Jack und lehnt sich zurück, weg von ihrem anhaltenden starren Blick. Dann wendet er sich wieder dem bleichen Mann zu, weil er damit rechnet, dass er nun endlich sich selbst vorstellt. Doch das tut er nicht. Er erwidert Jacks Blick ruhig, und wieder richtet sich Jacks Aufmerksamkeit ganz und gar auf ihn, als wäre der Rest des Raumes irgendwie blasser geworden. »Sehr schön«, sagt der bleiche Mann mit der leisesten Andeutung eines Nickens und legt die Hände wieder aufeinander. »Wollen wir anfangen?« Anfangen? Womit?, fragt sich Jack. Aber es gefällt ihm, dass er es nicht weiß. Er hat schon immer gern nicht gewusst, was als Nächstes passiert. Eigentlich sollte er aus allen möglichen Gründen gar nicht hier sein. Er hat keine Ahnung, wer all diese Leute sind, und natürlich hat er die Gerüchte gehört: von den Sachen, die hier geschehen sollen. Ein Junge hat ihm vor ewigen Zeiten davon erzählt. Er glaubt natürlich keine Sekunde daran, aber trotzdem hat er ein kleines bisschen Angst. Immerhin sitzt...



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