E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Shields The Honey Witch
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-69051-068-4
Verlag: VAJOSH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verliebt. Verflucht. Verloren.
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-69051-068-4
Verlag: VAJOSH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Selbst nachdem sie dreizehn Mal Nein gesagt hat, muss Marigold Claude am Ball teilnehmen. An diesem unglücklich heißen Frühlingstag ist sie zwischen ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Aster in einem viel zu engen Kleid und einer viel zu kleinen Kutsche gefangen. Es ist das Kleid ihrer Schwester aus der letzten Saison, denn Marigold weigert sich, zur Modistin zu gehen, um sich ein neues anfertigen zu lassen; ein Nachmittag, an dem gemessen, gezogen und gepikst wird, ist ein absoluter Albtraum. Ihr blondes Haar sitzt in einem so engen Zopf, dass sie ihre Brauen kaum bewegen kann. Es sieht aus, als ob sie ihre Augen vor Überraschung weit aufgerissen hätte. Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Frankie sitzen ihnen gegenüber und erfreuen sich wahrscheinlich über ihre Hosen. Eine Schweißperle rinnt ihr den Nacken hinunter und zwingt sie, ihren Fächer zu öffnen. Je mehr sie sich bewegt, desto pompöser scheint das Kleid zu werden. Mit jeder Bewegung ihres Fächers weiten sich die Rüschen zu einem flauschigen lavendelfarbenen Dunst aus. Sie wird sicher ersticken. Und diesen Tod durch ihre Seide würde sie jederzeit dem bevorstehenden Abend vorziehen.
Dieser Ball ist der erste seit ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Jetzt hat sie einige Monate Zeit, zu heiraten, bevor sie als alte und unerträgliche Hexe gilt. Die Fahrt ist ihrer Meinung nach viel zu kurz – wie jede Fahrt zu einem anderen Anwesen in Bardshire. Die opulente Stadt war ein Geschenk des Prinzregenten selbst. Viele berühmte Künstler aus der ganzen Welt, darunter Künstler wie Marigolds Vater, entstammen ihr. Sir Kentworth, ein bekannter Komponist, ist Gastgeber des heutigen Abends und stellt bei dieser Gelegenheit seine neuesten Werke vor. Eigentlich ist dieser Anlass eher eine Möglichkeit, die Leute mit musikalischer Untermalung festzuhalten und sie zu zwingen, so zu tun, als würden sie ihn genießen.
Die Kutschentür öffnet sich bei ihrer Ankunft, und der Wind sticht Marigold in die Augen. Sie steigt als Letzte aus. Unter anderen Umständen hätte sie ein Unwohlsein vorgetäuscht, um nicht dabei sein zu müssen, aber ihre jüngeren Geschwister sind ein wichtiger Teil dieses Abends, und Frankie braucht ihre Unterstützung, um die Nerven vor seinem Auftritt in den Griff zu bekommen. Er hat wochenlang geübt, aber die Melodien von Sir Kentworths Musik sind so seltsam, dass selbst Frankie – ein begabter Geiger, der spielt, seit seine Hände groß genug sind, um das Instrument zu halten – die Melodie kaum spielen kann. Aster wird Sir Kentworths neueste Arie singen, obwohl die Noten für sie beinahe zu hoch sind. Seit der letzten Probe hat Aster nicht mehr sprechen dürfen und hasste jede Minute davon. Ihre theatralische Körpersprache zeigt ihren Verdruss. Bei dieser Probe hat Marigold zum ersten Mal gesehen, dass die Zwillinge ihre Fähigkeiten nicht problemlos einsetzen konnten, was sie ein wenig darüber hinwegtröstete, dass sie selbst keine hat. Sie hat ihr ganzes Leben darauf gewartet, dass irgendein verborgenes Talent in ihr zum Vorschein kommt.
Bislang hat sich dieses nicht gezeigt. Das bedeutet, dass ihr einziges Talent es ist, eine Ehefrau zu sein, und selbst das scheint ihr von Tag zu Tag weniger gut zu gelingen. Ihr Rücken ist immer noch fest gegen die Kutschenbank gepresst. Wenn sie sich nicht bewegt, vergisst ihre Familie sie vielleicht und sie kann dem Ball entgehen.
Es gibt unzählige Dinge, die sie lieber tun würde. Wenn der blaue Vollmond wie eine Sommerfrucht aussieht, würde sie nichts lieber tun, als in dem Mondwasser zu baden, das jetzt das Flussufer überschwemmt. Sie möchte singen, ohne verurteilt zu werden, und nichts als den Nachthimmel tragen. Und wie in jeder Vollmondnacht würde sie sich über den nächtlichen Besuch freuen.
, denkt sie.
Schnaufend gleitet sie aus der Kutsche und lehnt die angebotene Hand des Dieners an ihrer Seite ab. Mit einem dumpfen Aufprall setzt sie auf dem Boden auf.
»Zeig dich von den Leuten auf diesem Event heute Abend wenigstens etwas angetan«, bittet Lady Claude. »Du wirst nicht jünger, weißt du.«
Sie rückt ihr Mieder so gut es geht zurecht, ohne sich eine Rippe zu brechen, und sagt: »Ich brauche keine andere Gesellschaft als meine eigene. Und ich habe nicht vor, nur einen Moment länger zu bleiben als nötig.«
Ihre Mutter hat lange Zeit erfolglos versucht, Marigold zu einer richtigen Bardshire-Lady zu machen. Die Frau hat sie fast jedem Menschen vorgestellt, der auch nur annähernd so alt ist wie sie, in der Hoffnung, dass jemand sie davon überzeugt, dass Liebe ein edles Ziel ist. Bis jetzt waren es alles Langweiler gewesen. Alle bis auf einen – George Tennyson –, doch Marigold will nicht über ihn sprechen. Er wird heute Abend ganz sicher hier sein, und wie immer werden sie einander meiden wie die Pest. Als er um sie geworben hat, war das alles andere als angenehm gewesen. Aber auch im Liebeskummer liegt eine große Weisheit verborgen. Ob es nun Intuition, Hoffnung oder Wahnvorstellungen sind, aber Marigold weiß, dass sie nicht dazu bestimmt ist, ein Leben wie ihre Mutter zu führen.
Die Dämmerung verspricht Regen.
Er wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt, um zu fallen. In der Ferne ziehen dunkle Wolken auf, die nach der dunkelroten Sonne greifen.
Die drückende Hitze und der schwarz gefärbte Himmel erinnern sie an einen Sommer, der nun fast fünfzehn Jahre zurückliegt. Der Sommer, in dem sie das letzte Mal den einzigen Ort auf der Welt besucht haben, an dem sie sich normal fühlte – das Landhaus ihrer Großmutter.
Als Kind hatte sie die Isle of Innisfree immer gerne besucht. Der Ort sah aus wie von einer Postkarte: Dichte, weiche Kleefelder, durch die man rennen konnte, knorrige Bäume, auf die man klettern konnte, und wilde Honigbienen, die man dabei beobachten konnte, wie sie träge über die Wildblumen hinwegflogen. Und das Beste war ihre Großmutter. Althea war eine seltsame Frau, die in Rätseln und Reimen sprach und Märchen erzählte, die wenig Sinn ergaben. Doch das störte Marigold nicht. Sie brauchte keine klaren Worte, um zu wissen, dass sie und ihre Großmutter sich in allem, was sie ausmachte, glichen. Marigold schließt die Augen und versucht, sich an diesen letzten Sommer zu erinnern. Doch die Erinnerung verschwimmt immer mehr, je älter sie wird.
Dort hatte sie damals einen Freund gefunden; einen Jungen in ihrem Alter, der gefährlich neugierig und wahnsinnig klug war. Er kam morgens mit seiner Mutter, und während die Damen ihren Tee tranken, liefen er und Marigold gemeinsam durch die Wildblumen. Noch heute denkt sie oft an ihn und träumt von ihren ineinander verschlungenen, schlammverschmierten Händen. Allerdings kann sie sich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Und sie weiß nicht, ob er jenen Tag überlebt hat.
Sie erinnert sich an das Fenster des Hauses – es stand immer offen, und die Sonne schien immer herein. Die Welt hinter dem Fenster glich einem Gemälde mit lebendigen Pastellfarben. An jenem Tag sollten sie und ihr Freund das Haus nicht verlassen. Sie naschten Honigwaben und drückten ihre klebrigen Wangen an das Fenster, um nach Gesichtern in den Wolken zu suchen, bis der Sturm den Himmel verschlang und die Welt grau färbte. Ihre Großmutter rannte nach draußen und verschwand im Herzen des Sturms.
Der Junge versuchte, ihre Hand zu ergreifen, bevor er von ihrer Seite verschwand. Sie erinnert sich an die kalten Finger ihrer Mutter, die an ihrem Handgelenk zogen, doch alles andere ist verschwommen und dunkel.
Seit Jahren fragt sie ihre Mutter, was passiert war. Wieso war der Himmel plötzlich grau gewesen? Und was war mit dem Jungen geschehen, der versucht hat, nach ihrer Hand zu greifen? Ihre Fragen sind unbeantwortet geblieben, und sie sind nie in das Haus ihrer Großmutter zurückgekehrt. Sie bezweifelt immer noch, dass irgendeine dieser Erinnerungen real ist. Doch an der Hand ihrer Mutter zeichnet sich eine weiße Narbe ab, die aus dem Spitzenhandschuh hervorschaut. Die Wahrheit ist in dieser alten Wunde vergraben.
Die anderen Teilnehmer strömen in ihren pompösen Kleidern aus ihren Kutschen. Sie stehen aufrecht und steif da, als würden sie von einer unsichtbaren Schnur gehalten werden. Kurz bevor sie hineingehen, zieht ihr Vater sie in eine Umarmung und flüstert ihr ins Ohr: »Komm nach Hause, bevor die Sonne aufgeht, und erzähle keiner Menschenseele, wohin du gehst.«
Er zwinkert ihr zu, und Marigold lächelt ihn an. Ihr Vater hat ihr immer bei ihrer Flucht geholfen, indem er ihre Mutter im richtigen Moment ablenkte.
»Das tue ich nie«, versichert sie ihm. Es ist so schon leicht genug, sich über eine Dame ohne besondere Fähigkeiten lustig zu machen, die in Bardshire festsitzt. Sie und alle anderen wissen, dass sie keine normale Frau ist. Manchmal fragt sie sich, ob sie überhaupt ein Mensch ist. An einigen Tagen mag sie Schlamm, Regen und Wurzeln mehr als alles andere. Jeden Tag tut sie ihr Bestes, um ihre Rolle zu spielen. Die Rolle der liebenden Tochter, die der unterstützenden Schwester, die einer Dame, bereit für die Ehe. Doch in ihrem Herzen ist sie ein Wesen, das sich unter der weichen Haut und den hübschen Bändern versteckt. Und sie weiß, dass ihre Großmutter genau so war. Es sind die ungezähmten Frauen, die barfuß über die Wiese laufen, die den Vögeln neue Lieder beibringen, und die gemeinsam den Mond anheulen. Ungezähmte Frauen sind eine eigene Art von Magie.
Sie steht zwischen ihren Zwillingsgeschwistern, als Aster, gekleidet in ein tiefblaues Kleid, das einen perfekten Kontrast zu ihrer blassen Haut bildet, sofort von gut aussehenden Gentlemen umringt wird. Aster...




