E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Short Sommerhimmel über der Toskana
24001. Auflage 2024
ISBN: 978-3-377-90019-7
Verlag: Piper Gefühlvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Frauenroman über einen Neuanfang in Italien für den Urlaub
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-377-90019-7
Verlag: Piper Gefühlvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Short wurde 1985 in Heidelberg geboren. Zum Studieren zog sie zwanzig Jahre später nach Freiburg im Breisgau, wo sie noch heute mit ihrem Mann, ihren beiden Söhnen und zwei Kaninchen lebt. Neben dem Schreiben und ihrer Arbeit als Lehrerin verbringt sie gerne Zeit mit ihren vielen Büchern oder in der Natur; mal mit, mal ohne Pferd. In ihren Geschichten entführt sie in fantastische Welten direkt vor der Haustür oder zeigt unter anderem Heidelberg von seiner romantischen Seite.
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1
Halb erleichtert, halb am Boden zerstört schließe ich die Tür des Studierendensekretariats hinter mir. In der Hand halte ich den Zettel, der mein Scheitern beweist.
Ich bin exmatrikuliert. Zwei Mal bin ich durch eine Abschlussklausur gefallen und habe damit über drei Jahre meines Lebens verschwendet.
Meine Eltern sagten es von Anfang an; Schuster bleib bei deinen Leisten, meinten sie immer. Und ich hasse es, dass sie recht behalten haben. Hektisch blinzle ich die Tränen weg, die in meinen Augen brennen, schlucke gegen den Kloß in meinem Hals an.
Meine Füße tragen mich ins nächste Gebäude des weitläufigen Campus, zum Büro meines Mannes. Doktor Bruno Farisetti, mit dem das Unheil seinen Lauf nahm. Nur wegen ihm hatte ich mich überhaupt für ein BWL-Studium eingeschrieben, für das ich dank meiner kaufmännischen Ausbildung zugelassen wurde.
Keine Ahnung, wie er darauf kam, dass ich ein Studium schaffen könnte. Meine Noten waren schon zu Beginn nicht überragend gewesen, ganz gleich, wie viel ich paukte, wie viele Tutorien ich besuchte. Langsam kriecht die Scham in mir empor. Meinen Eltern gegenüberzutreten und meine Niederlage einzugestehen ist eines, Bruno, dem aufstrebenden Archäologen, etwas ganz anderes. Meine Kehle ist ganz eng, als ich an seine Tür klopfe.
Er öffnet mir mit dem Telefon am Ohr. Abgelenkt von seinem Gespräch begreift er meine Stimmung nicht und weist mit der Hand auf einen der Stühle vor seinem ausladenden Eichenschreibtisch. Durch das hohe Fenster scheint die Junisonne herein und lässt Staubteilchen auf ihren Strahlen tanzen. Das vollgestopfte Büro unterscheidet sich kaum von dem Arbeitszimmer in unserer gemeinsamen Wohnung im Münchner Glockenbachviertel. Alles ist voller Bücher, Ordner und Steine, voller Tonscherben in Schaukästen und Papierstapel. Nach dem PVC-Geruch des Uniflurs riecht es hier nach vergilbtem Papier und Holz. Zusammen mit Brunos unaufdringlichem Aftershave beruhigt es mich sofort etwas.
Heute fühle ich mich so fehl am Platz wie damals vor vier Jahren, als ich mit meinen zwei Koffern bei Bruno einzog. Übrigens auch eine Entscheidung, die meine Eltern nicht gutheißen. Eigentlich akzeptieren sie Bruno bis heute nicht. Mein Vater bezeichnet uns als »ehrlich arbeitende Menschen«. Er selbst ist Schreiner, meine Mutter Einzelhandelskauffrau wie ich. Und dann komme ich eines Tages mit einem italienischen Doktoranden an. Als ich einundzwanzig wurde, heirateten wir. Ihm zuliebe habe ich neben der Arbeit einigermaßen Italienisch gelernt, begleitete ihn auch nach meiner Schicht im Baumarkt zu irgendwelchen Univeranstaltungen und tat die ganze Zeit so, als würde ich dazugehören. Tat ich nie. Sosehr ich versuche, mich anzupassen, ihm nachzueifern, Bruno lebt noch immer in einer anderen Welt als ich. Ich verstehe bis heute nicht, was er in mir sieht, warum er mich liebt. Wir sind so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können. Und ich weigere mich, ihn als Prinzen zu sehen und mich als Aschenputtel. Ich hatte nie vor, nach oben zu heiraten, durch einen Mann einen höheren Status zu erlangen. Ich wollte es selbst schaffen, nachdem Bruno mir einen Weg gezeigt hatte. Es hat nicht funktioniert.
Meine Hände drücken die Exmatrikulationsbescheinigung so fest zusammen, dass das Papier knistert. Dabei muss ich sie für meine einmal magere Rente ordentlich abheften und darf sie nicht zerknüllen.
Endlich legt er auf, kommt um den Schreibtisch herum und nimmt mir das Papier aus der Hand.
»Es tut mir so leid, Mia. Ich weiß, dass du viel gelernt hast.«
Und schon wieder fühle ich mich wie eine seiner Studentinnen. Das freundliche Zureden kann er sich bei mir echt sparen. Doch ich weiß, dass ich nur wütend auf mich selbst bin. Weil ich dachte, ich könnte so sein wie er. Intelligent, erfolgreich, zu Höherem bestimmt. Ich hatte mir die ganze Zeit etwas vorgemacht. Ich gehöre hinter eine Kasse, nicht in einen Hörsaal. Wut und Traurigkeit ballen sich in meinem Innern zusammen.
Mein Seufzen verwandelt sich in ein leises Schluchzen. Da erkennt Bruno, dass ich seine Aufmerksamkeit dringender brauche als der Wisch vom Sekretariat. Mein Mann ist ein lieber Mensch, aber viel zu oft unbeholfen und begriffsstutzig, sobald es um Gefühle und überhaupt andere Menschen geht. Sein Kopf ist brillant und sein Herz das Einzige an ihm, dem ich etwas beibringen konnte. Vielleicht der einzige Grund, weshalb er mich nicht längst gegen eine Juniorprofessorin oder eine Doktorandin ausgetauscht hat.
»Du bist traurig«, stellt er das Offensichtliche fest. Ich verkneife mir einen sarkastischen Kommentar und kämpfe gegen die Tränen an. Weil er so hilflos neben dem Schreibtisch steht, gehe ich auf ihn zu und nehme ihn in den Arm. Ich brauche jetzt Zuwendung. Seine langen, für einen Bücherwurm erstaunlich starken Arme umschließen meinen schmalen Körper warm und sicher. Seine Nähe tut gut und tröstet mich ein kleines bisschen. Gegen die Scham, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, hilft sie leider kaum. Bruno ist für einen Italiener recht hochgewachsen, jedenfalls größer als ich mit meinen ein Meter siebzig. In seine funkelnden dunklen Augen und seine dichten, schwarzen Haare habe ich mich mit meinen damals unbedarften achtzehn Jahren genauso verliebt wie in sein einnehmendes Lächeln. Gerade ist aber keinem von uns nach Lächeln zumute. Schweren Herzens gestehe ich mir ein, dass ich mit fünfundzwanzig in einer Sackgasse gelandet bin. Kein Uniabschluss, kein Job. Nicht einmal Kinder, was ich mir seit ein paar Jahren wünsche, wegen des Studiums und Brunos Weg in die Professur aber nach hinten geschoben habe.
Trotz der sommerlichen Temperaturen Ende Juni trägt Bruno ein hellbraunes Jackett über seinem marineblauen Hemd. Mein fröhliches, gelbes Sommerkleid, das so toll zu meinen kastanienbraunen Haaren passt, wirkt zu leichtherzig, zu jugendlich neben Brunos seriösem Outfit. Heute sehe ich wieder einmal überdeutlich, dass er neun Jahre älter ist als ich.
Vorsichtig streichelt er meinen angespannten Rücken. Ich lockere meinen Griff um ihn ein wenig. Er soll nicht denken, dass ich ihn als Rettungsanker benutze. Aber gerade fühle ich mich ermüdet. Ermüdet vom Kampf, Bruno und mir selbst etwas beweisen zu wollen. Wir sind nicht ebenbürtig. Und wir werden es niemals sein. Wo werde ich stehen, wenn er erst Professor ist? Ich bin mir sicher, dass er das schafft.
»Ich glaube, dir würde eine Pause guttun, etwas Abstand zu allem. Was meinst du, Mia?«, spricht er in meine finsteren Gedanken hinein, als hätte er sie gelesen.
»Das würde mir wirklich guttun«, gebe ich zu. »Aber ich muss mir so schnell wie möglich Arbeit suchen. Ich habe lange genug auf deine Kosten gelebt und studiert.«
Für die zum Glück niedrigen Semestergebühren habe ich einen Kredit aufgenommen, den ich auch bald abbezahlen muss. Ich wollte weder Bruno noch meine Eltern damit belasten. So viele Haushaltspflichten kann ich gar nicht übernehmen, um kein schlechtes Gewissen zu haben. Bruno versteht das nicht, er denkt, was das angeht, sehr traditionell. Aber ich bin kein italienisches Hausmütterchen und habe auch nicht vor, eines zu werden. Ob ich nun zu blöd zum Studieren bin oder nicht.
»Begleite mich nach Pisa«, schlägt er vor. »Gerade habe ich die Zusage bekommen, für meine Habilitation an der Scuola Normale Superiore zu lehren. Wir bekommen eine kleine Wohnung in der Nähe des Campus. Niemand fände es seltsam, wenn ich meine Frau mitnehme. Was sagt du?«
Er klingt so froh, so begeistert. Sein italienischer Akzent ist etwas stärker als sonst. Ich will nicht Nein sagen. Ich will ihn unterstützen. Es ist gerade das Letzte, was mir geblieben ist. Wenigstens einer von uns soll etwas erreichen.
Also nicke ich. »Ich komme gerne mit. Dann verschiebe ich die Jobsuche eben.«
Geradezu stürmisch küsst er mich auf den Mund. Innerlich lächle ich. Sonst ist er eher der reservierte Typ. Gar nicht so italienisch. Der Rest seiner Familie ist laut und offenherzig und im Pulk wirklich anstrengend. Auch wenn ich seine Eltern, seine Nonna und seine drei Schwestern mit ihren Familien alle mag. Sicher freut er sich darauf, sie etwas öfter zu besuchen, denn seine Eltern leben in einem Dorf irgendwo hinter Rom.
»Wann fahren wir?«, erkundige ich mich. Tatsächlich geht es mir besser. Meinen Mist hier kann ich erst einmal...




