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E-Book

E-Book, Deutsch, 366 Seiten

Reihe: Baumhaus

Shorts Zeitenlos

Der Anfang
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1643-5
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Anfang

E-Book, Deutsch, 366 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-8387-1643-5
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sophie ist gerade mit ihrer Mutter nach Kalifornien gezogen und eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Doch dann rammt sie beim Ausparken das Auto eines Jungen, der unglaublich charmant und gut aussehend ist. Sophie kann nicht aufhören, an ihn zu denken, aber als sie Weston wiedersieht, merkt sie schnell, dass er etwas vor ihr verbirgt. Warum lebt er allein in einem riesigen Haus? Woher hat er all seinen Reichtum? Und was sind das für Forschungen, die er in seinem Labor durchführt? Die Wahrheit ist so unfassbar, dass Sophie sie zuerst gar nicht glauben kann ...

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Kapitel 1


Der Unfall


Gewöhnlich zog mit dem Ende des Sommers eine große Wolke Trübsal auf. Aber nicht in diesem Jahr. Zum ersten Mal kam der September mit dem beruhigenden Wissen näher, dass ich im Schlafanzug zur Schule gehen konnte.

Okay, gehen ist übertrieben. Um ehrlich zu sein, musste ich, was die Schule betraf, nirgendwohin. Ich wälzte mich buchstäblich aus dem Bett, warf den Laptop an, putzte mir die Zähne und loggte mich dann in meinen Stundenplan ein. Es gab keine schlechten Tage mehr, zumindest keine, an denen mich jemand zu Gesicht bekam. Und es gab auch keine Tage mehr, an denen ich nicht wusste, was ich anziehen sollte, keine Berge von Klamotten mehr auf dem Bett, die mir nicht gefielen. Es war alles so einfach. Allein der Gedanke daran nahm meinem letzten Schuljahr viel von seinem Schrecken.

Doch der Weg dahin war nicht leicht gewesen, denn mein scheinbares Glück hatte seinen Preis gehabt. Ich hatte drei Umzüge in drei verschiedene Bundesstaaten über mich ergehen lassen müssen, ehe meine Mutter endlich einsah, dass ich nicht schon wieder als »die Neue« in der Klasse von vorn anfangen konnte. Sie selbst war kontaktfreudig, jeder Umzug war für sie eine Chance, »zu sehen, was da draußen so los ist«. Ich aber hatte nach dem dritten Umzug genug gesehen, und das wusste sie. Deshalb ist mir ihr besorgter Gesichtsausdruck auch noch gut in Erinnerung, als sie das Thema ansprach. »Sophie«, sagte sie, als ich vier Monate der elften Klasse hinter mir hatte. »Ich möchte zurück nach Kalifornien.«

Es ist schon seltsam, dass ich bei diesen Worten nicht ausgerastet bin. Wobei, genau genommen gefiel mir die Idee sogar. Dort war ich zur Welt gekommen, dort lebte meine Oma. Meine einzige Sorge war der Umzug mitten im Schuljahr – doch dann rückte meine Mutter mit der Sprache heraus: Oma war krank. Weil wir sie nicht sich selbst überlassen konnten, zogen wir also um. Meine beste Freundin Kerry und die schneereichen Winter von Virginia tauschten wir gegen die weit entfernte, aber vertraute Sonne Kaliforniens ein.

Der Gedanke, schon wieder von vorne anfangen zu müssen, hatte mich zunächst fast in Selbstmitleid versinken lassen, aber dann entdeckte meine Mutter, dass es in Kalifornien eine Online-Highschool gab. Das bedeutete, dass ich nicht schon wieder das neue Mädchen der Klasse sein würde. Ich vergeudete keine Zeit und schrieb mich ein. Und kaum war das erledigt, ergab sich alles andere fast von selbst.

Meine Mutter fand einen Job in einer der Kliniken auf dem Campus der Universität von Berkeley und kaufte uns ein gelbes Haus mit zwei Schlafzimmern vor den Toren San Franciscos. Es war ein kleines altes Haus, aber sie sagte, es habe »gute Knochen«. Ich hoffte nur, dass die avocadogrünen Elektrogeräte nicht Teil des Skeletts waren.

Das Schönste an dem Haus war die Aufteilung. Ein Schlafzimmer befand sich im ersten Stock, das andere unten; beide hatten Zugang zu der doppelstöckigen Veranda mit ihrem unglaublichen Blick über die hügelige Landschaft. Ich hätte mich in jedem der beiden Zimmer wohlgefühlt, aber meine Mutter bestand darauf, dass ich das obere nahm, weil ich dort mehr Platz hätte, um mir einen Arbeitsplatz einzurichten.

Außerdem hatte ich oben viel Privatsphäre; wie sich zeigen sollte, würde ich mehr davon brauchen, als wir beide erwartet hatten.

Nach wenigen Wochen meinte Mama jedoch, dass ich dort oben zu viel Zeit alleine verbrächte und mehr Kontakt zu anderen Jugendlichen bräuchte. Sie begann mich zu nerven, dass ich an schulischen Veranstaltungen teilnehmen und öfter unter Leute gehen sollte. Mama hatte gut reden; sie unterhält sich sogar mit Fremden im Fahrstuhl. Die Vorstellung von mir auf Rollschuhen, Schlange stehend für ein Eis oder auf irgendeinem Schulausflug fand ich absolut nicht erbaulich. Außerdem würde damit der Zweck der Übung verfehlt, mir die peinlichen Versuche zu ersparen, neue Freunde zu finden. Ich suchte so lange nach Ausflüchten, bis sie mir schließlich ein Ultimatum stellte.

Die Alternative war, einmal in der Woche mit ihr auf dem Campus von Berkeley zu Mittag zu essen. Ich brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass dieser Vorschlag gar nicht so schlecht war. Immerhin ermöglichte Mama mir, die Onlineschule zu besuchen, sodass ich das Haus ansonsten nicht verlassen musste. Der einzige visuelle Kontakt, den ich zu Jugendlichen meines Alters hatte, war der grüne Punkt neben ihren Namen, wenn wir gleichzeitig online waren. Wenn sie also wollte, dass ich mich mit ihr zum Lunch treffe und dieser Abstecher zum Campus für sie als Kontakt mit anderen Kids durchging, würde ich mich ganz bestimmt nicht beschweren. Tatsächlich freute ich mich sogar darauf.

Ich merkte schnell, wie groß der Unterschied zwischen Campus und Highschool war. Wenn mir danach war, konnte ich auf dem Campus in Jogginghosen und einem nicht dazu passenden T-Shirt aufkreuzen, und nur meiner Mutter würde das auffallen. Das machte es mir leicht, meinen Teil der Abmachung zu erfüllen. Also traf ich sie jeden Donnerstag, und sie war im Gegenzug damit einverstanden, dass ich weiterhin in meinem Zimmer zur Schule ging.

Es war ein guter Deal, der so schnell zur Gewohnheit wurde, dass wir unsere wöchentliche Verabredung fast den ganzen Sommer hindurch einhielten. Die einzige Ausnahme waren die letzten drei Ferienwochen, als ich Kerry in Virginia besuchte. Weil Mama und ich noch nie so lange getrennt gewesen waren, benahm sie sich, als würde es sich um eine Ewigkeit handeln.

Und kaum war ich wieder da, vergeudete sie keine Zeit, unsere Tradition wieder aufleben zu lassen. »Los, mach schon, Sophie«, drängte sie. »Komm am Donnerstag. Ohne dich schmeckt es nicht richtig.«

Sie hätte gar nicht so dick auftragen müssen. Ich wäre auch so gekommen. Das Essen war nämlich viel besser als die Sandwiches mit Erdnussbutter und Marmelade, die ich zu Hause meistens aß; und dass ich mein Abschlussjahr online absolvieren konnte, war es mehr als wert, mich eine Stunde lang von ihr ausfragen zu lassen. Daher war ich in der letzten Augustwoche auf dem Weg nach Berkeley, um unser gewohntes Treffen bereitwillig wieder aufzunehmen.

Als ich ankam, herrschte auf dem Campus Hochbetrieb. Das Semester hatte bereits begonnen, und ich rechnete damit, dass es angesichts der vielen herumkreisenden Autos voller Studenten, die nicht zu spät kommen wollten, fast unmöglich sein würde, einen Parkplatz zu finden. Da ich es nicht eilig hatte, fuhr ich die Reihen meist geduldig ab, bis ich eine freie Lücke fand. Diesmal hatte ich Glück. Ich fand so schnell einen Parkplatz, dass ich tatsächlich noch vor Mama bei unserem bevorzugten Sandwichladen eintraf.

Ich ging hinein und fand einen Tisch an einem der großen Glasfenster, die den Blick auf den Garten freigaben. Das Ambiente wirkte so gar nicht schulmäßig, doch dann bemerkte ich, dass die meisten Gäste unter einundzwanzig waren und wie Schüler Rucksäcke mit sich herumschleppten. Einige saßen lachend mit ihren Freunden zusammen. Andere aßen allein und lauschten ihrem iPod. Während ich wartete, versuchte ich, niemanden allzu offensichtlich anzustarren, aber ein Mädchen in der Ecke fiel mir auf. Ich beobachtete, wie sie einen Stapel Bücher aus ihrer Umhängetasche zog und darin blätterte. Ich überlegte, welche Kurse sie wohl belegt hatte, und dachte an meinen eigenen Stundenplan.

Auf dem Lehrplan standen dieses Jahr Englische Literatur, Staats- und Wirtschaftswissenschaften, Algebra II, Naturwissenschaften, Physik und Fotografie. Ziemlich normal also, es hätte schlimmer kommen können. Ich mochte Englisch und Naturwissenschaften und war wegen des Fotokurses schon ganz aufgeregt. Staatswissenschaft würde auf der Liste meiner Lieblingsfächer ganz hinten stehen. Beim Gedanken an dieses Fach rümpfte ich die Nase. In dem Moment beugte sich meine Mutter zu mir herunter und küsste mich auf die Wange.

»Hallo, Liebling, woran denkst du?«

»Nur an meinen Stundenplan«, antwortete ich vage.

Sie setzte sich mir gegenüber. »Aha. Bist du nervös?«

»Wegen was?«

»Na, wegen deines Abschlussjahres. Das letzte Jahr, bevor du endgültig erwachsen bist.«

»Bitte, Mama. Fang bloß nicht jetzt schon damit an, dass du mich vermissen wirst.« In Erwartung des unvermeidlichen Gesprächs über meine Zukunft ließ ich die Schultern hängen. Ich wusste noch nicht so richtig, was ich machen wollte.

»Ich sage doch gar nichts. Nur, dass es ein wichtiges Jahr für dich wird.«

»Ich weiß.«

Sie hielt kurz inne und beugte sich dann vor, als wollte sie mir ein Geheimnis verraten. »Ich bin kurz vor dem Verhungern und werde heute nichts mit dir teilen. Ich glaub, ich nehme diesen riesigen Geflügelsalat.«

Ich war erleichtert, dass sie nicht darauf bestand, das Gespräch über meine etwas diffuse Zukunft weiterzuführen. »Klingt gut«, sagte ich und stand schnell auf, um unsere Bestellung aufzugeben. Normalerweise war das Anstehen in der Essensschlange ziemlich unspektakulär, aber diesmal schien ich einen Schatten zu haben. Als ich mich umdrehte, sah ich einen älteren Mann in einem Tweedjackett. Er sagte zunächst nichts, stand aber so dicht hinter mir, dass ich ihn unmöglich ignorieren konnte. Ich versuchte den Abstand zu vergrößern, und er versuchte mir wieder auf die Pelle zu rücken. Schließlich tippte mir eine faltige Hand auf die Schulter.

»Verzeihung«, sagte der Mann höflich. Ich drehte mich um und zog fragend die Augenbrauen hoch. Er sah mich so konzentriert an als sei ich ein Gemälde. »Sie kommen mir so bekannt vor.« Ich warf ihm einen prüfenden Blick zu und war sicher, ihn...



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