Shree | Unsere Stadt in jenem Jahr | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Shree Unsere Stadt in jenem Jahr

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30879-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-293-30879-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In einer fiktiven indischen Stadt nehmen die Spannungen zwischen Hindus und Muslimen immer weiter zu. Ideologisches Zentrum der Hindu-Fundamentalisten ist ein bedeutendes Kloster der Stadt. Es kommt zu Hasstiraden und Aufmärschen, zu religiös motivierten Morden und Anschlägen. Es entwickelt sich ein Konflikt, in den jeder hineingezogen wird - vom Straßenhändler bis zum Universitätsprofessor. Geetanjali Shree widmet sich in ihrem Roman einem hochbrisanten Thema: Wie ist es möglich, dass ein jahrhundertelanges friedvolles Zusammenleben in einen erbitterten und blutigen Glaubenskampf umschlägt?

Geetanjali Shree (eigentlich Geetanjali Pandey), geboren 1957 in Mainpuri, Indien, studierte neuere indische Geschichte. Zunächst begann sie eine akademische Karriere als Historikerin und Sozialwissenschaftlerin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihr Autorenname Geetanjali Shree, unter dem sie ihre auf Hindi verfassten literarischen Texte publiziert, setzt sich aus ihrem eigenen Vornamen und dem Vornamen ihrer Mutter zusammen. 2022 wurde sie mit dem Booker International Prize ausgezeichnet. Sie lebt in Neu-Delhi.
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Selbst auf die älteste und bedeutendste Moschee der Stadt hat man mit Spitzhacken eingeschlagen. In der Nacht, auf der Rückseite des Gebäudes. Die Anwohner haben die Polizei informiert. Inzwischen wird die Moschee bewacht.

Als Sharad sie betritt, stellt sich ihm ein Derwisch mit langem Bart in den Weg: »Sind Sie Muslim?« Er hat riesige Augen.

»Natürlich«, entgegnet Sharad. Da er jedoch befürchtet, er könne beim Beten einen Fehler machen und dabei ertappt werden, stottert er ängstlich. Er überspielt es mit einem Lächeln und stiehlt sich vorsichtig an dem Derwisch vorbei.

Hanif amüsiert sich über ihn: »Dir stellen sich ja die Fanatiker beider Seiten in den Weg.«

»Wie lange wollen wir uns diese Arroganz noch gefallen lassen? Habt ihr es nicht auch satt?« Als Sharad seine Frage stellt, schaut ihn Shruti ungläubig an.

»Ich schlage vor, wir teilen uns. Ich gehe auf diese Seite, ihr auf die andere. Wenn ihr für euch behaltet, weshalb wir hier sind, erfahrt ihr bestimmt, was sie im Schilde führen.« Da sie auf seinen Vorschlag nicht eingehen, fährt er klagend fort: »Sie sind rückständig und fühlen sich bedroht, wir auch!«

»Wir?« Shruti blickt ihn fragend an.

»Wen meinst du damit?«, möchte Hanif wissen.

»Niemanden«, antwortet Sharad enttäuscht. Als er fortfährt, fuchtelt er mit den Händen: »Aber die Hindus würden mir sicher zustimmen.«

»Du bezeichnest dich also als Hindu?«, fragt Hanif plötzlich.

»Ich?« Sharad ist völlig perplex. »So habe ich das nicht gemeint. Wann soll ich das gesagt haben?«, fragt er verärgert. »Was ihr für Ideen habt!«

»Warum sind Sie heute nicht im Unterricht gewesen?«, rügt Joshi eine Studentin. Allerdings bin ich nicht hier, um ihr aus der Patsche zu helfen, sondern um zu notieren, was Hanif und Sharad von sich geben.

Aber von ihnen ist nichts zu hören!

Auf dem Vordach sitzt ein Streifenhörnchen. Es wedelt mit dem Schwanz und hat vermutlich ein Stück Holz im Maul. Man könnte meinen, sein Kinn sei angeschwollen.

Die beiden würden mir bestimmt vorwerfen, ich hätte nur noch Streifenhörnchen im Kopf. Aber hätte ich alles mitschreiben sollen, was Joshi von sich gibt? Er redet noch immer auf die Studentin ein: »Wenn wir Ihre Nachlässigkeit nicht unterbinden, sorgen Sie auch draußen für Chaos …«

»Was ist das?« Shruti dreht sich zum Balkon um.

»Ein brüllendes Kind«, antwortet Hanif geistesabwesend.

»Nein, das ist kein Kind. Ich habe es schon ein paar Mal gehört. Es stammt von einem roten Maruti. Entweder ist es die Hupe oder es kommt von einer Kassette.«

»Wirklich?!« Sharad läuft auf den Balkon und blickt hinunter. Aber wenn es ein Auto gewesen ist, dann ist es schon vorbeigefahren.

Hanif nimmt den Brief von Professor Nandans Schreibtisch. Er stammt von einer Studentin. Sie bittet den Direktor, an den Prüfungen teilnehmen zu dürfen, obwohl sie selten in den Unterricht kommt, da sie ihren Vater seit Längerem pflegen muss.

Als sie das Zimmer betritt, sind Urmila und Herr Nandan bereits anwesend.

Hanif wendet sich an die Studentin: »Und woher wissen Sie, was wir im Unterricht durchnehmen?«

»Von meinen Mitstudenten. Die Bücher lese ich natürlich.«

»Der Brief wäre nicht nötig gewesen. Nur weil jemand nicht in den Unterricht kommt, schließe ich ihn noch lange nicht von den Prüfungen aus. Wie geht es Ihrem Vater denn? Sie wissen also, was wir gerade behandeln? Gut. Sollten Sie irgendwelche Fragen haben, können Sie gerne zu mir kommen.« Er wendet sich an Professor Nandan und zeigt auf den Brief: »Ist die Sache damit erledigt? Dann kann der ja in den Müll.« Er zerreißt das Schreiben und drückt es der Studentin in die Hand. Sie lächelt verlegen.

»Denkst du nicht …?«, ist Shruti zu hören.

»Nein, ich denke nicht …« Daddu hat noch mehr von sich gegeben. Shruti konnte es jedoch nicht verstehen.

»Ich weiß, dass er …«, fährt sie fort.

»Aber wird man ihn dann nicht …?«

Als sie ihn wieder nicht verstehen kann, steht sie auf und schließt die Tür.

Sie murmelt: »Der Jasmin riecht wunderbar. Aber diese religiösen Gesänge sind einfach zu laut.«

»Sie rufen mich!«, prahlt Daddu.

»Dann geh doch zu ihnen. Unsere Kletterpflanze interessiert dich ja ohnehin nicht. Auf ihr sitzt ein Vogel und singt …«

Shruti schreibt: »Ist man denn um so mehr ein Hindu oder ein Muslim, je lauter man betet? Würde man untersuchen, wie sehr sich jemand seinem Glauben widmet, wären dann die Fanatiker die ›Überzeugten‹ und diejenigen, die friedlich zusammenleben, die ›Zweifler‹?«

Im Institut herrscht schlechte Stimmung. Alle hatten sich an dem Artikel beteiligt. Joshi blickt mürrisch in die Runde.

»Ihr wart doch dagegen, dass er veröffentlicht wird. Ihr hattet Angst, er könnte mit dem Institut in Verbindung gebracht werden«, erinnert sie Sharad.

»Gibt es denn selbst dafür ein Copyright?«, fragt Hanif lächelnd.

»Sie wollten sich als Urheber …«, beginnt Urmila ihren Satz.

»So ein Unsinn«, platzt es aus Hanif heraus. »Mein einziges Anliegen besteht darin, den Artikel möglichst vielen Lesern zugänglich zu machen. Wir müssen ihn in zahlreichen Zeitungen veröffentlichen und in mehrere Sprachen übersetzen …«

»Sie sind hier nicht der Einzige, der etwas unternehmen möchte.« ›Ratsch‹. In aller Ruhe meldet sich Professor Nandan zu Wort.

»Ich muss in den Unterricht«, entfernt sich Hanif protestierend.

»Seien Sie nicht so überheblich«, ruft ihm Professor Nandan verärgert nach.

Von zahlreichen Musikern begleitet zieht eine Hochzeitsprozession durch die Straße.

»Ich dachte schon, es ist wieder das Kloster«, räumt Urmila ein.

»Würden die etwa Filmmusik spielen?«, fragt Joshi schmunzelnd.

»Warum denn nicht?«, entgegnet sie lachend. »Ich habe einmal einen Hinduasketen singen hören: ›Heute bin ich neu geboren. Mein Herz ist voller Rosen!‹«

Die Studenten und Lehrkräfte lachen laut auf.

»Die Menschen wollen ihre Töchter noch schnell vor dem Festtag der Devi und der nächsten Ausgangssperre unter die Haube bringen und es gebührend feiern«, erklärt Sharad.

Herr Nandan meldet sich zu Wort: »Es gibt noch eine andere Heiratswillige. Sie ist weder Hindu noch Muslimin. Seit Jahren versteckt sie sich zu Hause und verbirgt ihr Gesicht hinter einem Sari. Sie heißt ›Säkularismus‹!«

Wieder ist das Lachen zu hören.

»Die Arme wird vom Pech verfolgt. Sie findet einfach keinen Mann, mit dem sie eine Familie gründen …«

Hanif unterbricht ihn mit einer zweifelhaften Anspielung: »Und wir lassen nicht zu, dass sie den Ruf der indischen Frau ruiniert. Auf der Straße würde sie ihre Ehre verlieren und mit den Fanatikern durchbrennen, was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wie viele sie lüstern anblicken, ihre Oberschenkel liebkosen und mit ihr ins Bett steigen würden! So ist es nun einmal bei uns …«

Sharad setzt die Geschichte fort: »Selbst zu Hause darf man sie nur ansehen, wenn sie verschleiert ist! Freundlich grüßt man ihr Spiegelbild in einer Wasserschale!«

»Hoffentlich verliert die zarte Dame nicht ihren Reiz«, fügt ein Student hinzu.

Professor Nandan meldet sich wieder zu Wort: »Während wir hoffen, sie möge ihr Gesicht entschleiern und sich den Fanatikern in den Weg stellen, lachen sie uns aus und fragen sich, ob wir noch bei Trost sind.«

Dieses Mal nehmen Sharad und Hanif gemeinsam an einer Tagung teil. Sie trägt den Namen ›Kultur und Gesellschaft‹.

»Sie werden dieselben Themen diskutieren«, wendet sich Shruti an Daddu.

»Sie vergeuden Unmengen Papier«, spottet er, »schieben sich Gelder zu, trinken Alkohol und notieren, was sie ausgegeben haben, um für die nächste Tagung einen erfolgversprechenden Antrag einreichen zu können. Die Aufsätze werden in Windeseile veröffentlicht, die Autoren werden berühmt und prahlen mit …«

»Du bist einfach unglaublich! Wie kannst du nur so zynisch sein? Hast du denn jeglichen Glauben verloren?«, unterbricht ihn Shruti.

»Ich bin nicht zynisch«, entgegnet er lachend. »Ihr seid es doch, die an nichts mehr glauben. Für euch gibt es keinen Gott, keinen Guru, keinen Weg und keinen Ort, an den ihr euch zurückziehen könnt. Ich dagegen glaube an unzählige Götter und verehre sie alle. Das ganze Universum ist für mich eine Schöpfung Gottes. In allem begegnet er mir. Jeder von ihnen hat ein eigenes Reittier und irgendwo seine Spuren hinterlassen. Berge, Ameisen, was du willst – alles ist für mich Gott!«

»Auch die Kaaba …?«

»Einfach alles. Vor den jüdischen Propheten und den christlichen Märtyrern verneige ich mich wie vor unseren Heiligen! Selbst die islamischen Grabstätten …«

»Was du wieder von dir gibst«, unterbricht sie ihn vergnügt.

»Nehme ich den Mund etwa zu voll oder tun es nicht diese beiden Schlawiner? Sie kennen weder unsere Gesellschaft noch unsere Kultur, aber halten stundenlang...


Penz, André
André Penz, geboren 1978, studierte Ethnologie, Indologie sowie Erziehungs- und Religionswissenschaft in Tübingen. Er arbeitet als Übersetzer aus dem Hindi.

Shree, Geetanjali
Geetanjali Shree (eigentlich Geetanjali Pandey), geboren 1957 in Mainpuri, Indien, studierte neuere indische Geschichte. Zunächst begann sie eine akademische Karriere als Historikerin und Sozialwissenschaftlerin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihr Autorenname Geetanjali Shree, unter dem sie ihre auf Hindi verfassten literarischen Texte publiziert, setzt sich aus ihrem eigenen Vornamen und dem Vornamen ihrer Mutter zusammen. 2022 wurde sie mit dem Booker International Prize ausgezeichnet. Sie lebt in Neu-Delhi.



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