E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Siegel / Haas Ein Sommer voller Pferdeträume
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7320-1173-5
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-7320-1173-5
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meike Haas wurde 1970 in Laupheim geboren. Ihre eigene Reiterkarriere fand wegen schlechter Erfahrungen mit einem sehr störrischen Pony nach nur vier Stunden ein frühes Ende. Nach dem Studium in Regensburg, Wien und München arbeitete Meike Haas einige Jahre als Journalistin für verschiedene Zeitungen. Inzwischen lebt sie mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern in München und widmet sich ganz dem Schreiben von Büchern. Hier geht es zur Website von Meike Haas
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Italien
In Italien verteilt das Brautpaar nach der Trauung gezuckerte Mandeln an die Gäste. Sie stehen symbolisch für das Süße und das Bittere im Leben!
Der neue Ausfahrer vom Paketdienst ist eindeutig Italiener. Zumindest stelle ich mir Italiener so vor. Groß, kräftig und schlank. Mit bernsteinfarbenen Augen und gebräunter Haut. Eine lässige Sonnenbrille im Haar und ein Silberkettchen im Ausschnitt seines T-Shirts. Ganz anders als der glatzköpfige Herr Baierle von früher. Der neue Fahrer ahnt noch nichts von seinem Glück: Aber wir beide werden uns ziemlich häufig sehen.
Ich stehe in meinem ausgeleierten Nachthemd vor ihm, die Augen verquollen, die Haare ungekämmt. Ich habe schon vor Jahren aufgehört, mich vor den Leuten vom Paketdienst für irgendwas zu schämen. Wirklich, ständig klingelt jemand an unserer Tür – ich mache auf, wie ich gerade bin, und kenne wenig Mitleid.
Trotzdem versuche ich jetzt doch, meine hellbraunen Haare zu bändigen und binde rasch ein Haargummi darum. Bei Herrn Baierle wäre mir das egal. Aber doch nicht bei einem gut aussehenden Italiener!
„Plant deine Mutter etwa einen Anschlag?“, fragt der Neue mit einem Blick auf seine Lieferung und grinst mich aufmunternd an. Er wuchtet fünf riesige Kartons mit der Aufschrift „Konfettibomben“ über unsere Türschwelle und schiebt sie ächzend in den Flur. Ein Karton Silberkonfetti, ein Karton Goldkonfetti. Und dreimal das Ganze in Rosa – das Konfetti natürlich in Herzform. Etwas anderes käme meiner Mutter niemals ins Haus.
Ich unterschreibe für meine Mama den hellblauen Lieferschein. Tamara Fiedler kritzele ich in die Zeile neben dem Datum. Eigentlich werde ich Tami genannt. Aber auf offiziellen Dokumenten benutze ich meinen richtigen Namen.
„Ist deine Mutter so was wie eine Liebesterroristin?“, bohrt der Neue weiter nach und mustert neugierig die Werbeaufkleber auf den Paketen. In jedem Karton stecken zwanzig Konfettibomben der Größe XXL – macht hundertmal orkanartigen Konfettiregen.
Wenn die Bomben jetzt alle auf einmal losgingen, wäre unser kleines Dorf für die nächsten drei Wochen mit Konfettiherzen eingeschneit.
„Meine Mama ist Hochzeitsplanerin …“, erkläre ich dem Lieferanten und gebe ihm den Lieferschein zurück. „Sie kümmert sich um das komplette Fest. Nur Ja sagen müssen die Brautpaare selbst!“
Das mit dem „Ja sagen müssen die Brautpaare selbst!“ stammt nicht von mir, sondern von einer Werbeagentur. Für den dämlichen Spruch musste Mama zweihundert Euro hinlegen. Deshalb benutze ich den Satz, wann immer es geht. Schließlich muss sich die Investition ja auch lohnen.
„Kannst du ein Päckchen für euren Nachbarn entgegennehmen?“, fragt der Neue und drückt mir, ohne eine Antwort abzuwarten, eine schmale Sendung in die Hand. Seit unser Nachbar Hendrik verlassen wurde, bestellt er zweimal die Woche Schokolade bei einer österreichischen Biokonditorei. Dann setzt er sich mit einem Glas Wein auf die Veranda, hört italienische Opern an und mampft die ganzen Pralinen in fünf Minuten.
„Hast du ein Pferd?“, fragt der Lieferant zum Abschied, als er meinen Sattel am Stuhl neben der Tür entdeckt. Ganz schön neugierig, dieser Italiener!
„Ja!“, sage ich. „Meine Daisy. Ein total niedlicher Schimmel. Kennen Sie sich mit Pferden aus?“
Der Lieferant schüttelt den Kopf. „Ihr habt doch gar keinen Stall auf dem Gelände!“, stellt er richtig fest und lässt seinen Blick über den Garten wandern.
„Ich habe Daisy bei meinem besten Freund untergestellt!“, erkläre ich. „Seinen Eltern gehört der Bauernhof gleich am Ende der Straße.“
„Soso, bester Freund!“, sagt der Neue und grinst mich zweideutig an. Dann verschwindet er pfeifend zu seinem Lieferwagen.
Bester Freund … Der Typ kann sich sein breites Grinsen sparen. Jakob und ich kennen uns schließlich seit unserer Geburt und mehr als Freundschaft ist zwischen uns nie gewesen. Jakob ist für mich fast so was wie ein Bruder.
Und in seinen Bruder verknallt man sich doch bitte schön nicht!
Ganz anders sieht es dagegen mit Kevin aus.
Kevin ist mit seiner Mutter und seinem Goldfisch vor einem Monat in die Kleinstadt gezogen, in der auch meine Schule ist. Kevin und seine Mutter haben vorher in Berlin gewohnt und das konnte man direkt an seinem Aussehen erkennen. Blonde Strähnchen im dunkelbraunen Haar, Lederarmband ums Handgelenk und sogar ein richtiges Tattoo unten am Knöchel! Im Sportunterricht konnte man das genau erkennen und alle haben neugierig hingeguckt. Die ersten paar Tage hielt die ganze Klasse Kevin für einen Angeber – denn neben den Strähnchen sah er auch ansonsten wie ein Typ aus der Jeans-Werbung aus!
Aber ganz schnell hat sich gezeigt, dass Kevin ein richtig guter Kumpel ist. Dass er in Wahrheit gar nicht so cool, sondern sogar ziemlich schüchtern ist. Das lässige Outfit ist pure Fassade!
Auf einmal wollten sämtliche Jungs mit Kevin befreundet sein – und wir Mädels waren alle verknallt in den hübschen Berliner. Ehrlich gesagt habe ich mir keine großen Chancen bei Kevin ausgemalt. Was Liebe betrifft, bin ich ziemlich realistisch. Romantik ist eher was für meine Mutter und die wird schließlich dafür bezahlt.
Außerdem: Es gibt in meiner Klasse jede Menge interessantere Mädchen als mich. Bea, die Saxofon spielt und schon mal bei Jugend musiziert gewonnen hat. Silke, die einen mit ihren witzigen Sprüchen immer zum Lachen bringt – oder Loretta, die aussieht wie Selena Gomez, die Freundin von Justin Bieber. Außerdem ist die schöne Loretta so was wie berühmt: Ihr Papa ist ein bekannter Nachrichtensprecher im Fernsehen.
Ich bin leider absoluter Durchschnitt – in jedem Bereich. Mittelgroß, mittellanges Haar und ein winziger mittelbrauner Leberfleck unter der Nase. Dazu kommt, dass ich wenig Zeit für große Gefühle habe. Schließlich muss ich meiner Mutter immer mal wieder in ihrer Hochzeitsagentur helfen. Und dann gibt es da ja noch Daisy, mein kuschelbedürftiges Pferd.
Pferde und Jungs – das geht überhaupt nicht zusammen. Das habe ich zumindest bis vor einer Woche gedacht!
Ich gehe jeden Nachmittag rüber zum Stall, um mich zusammen mit Jakob um die Pferde zu kümmern. Danach stehen Hausaufgaben an und anschließend brauche ich dringend ein bisschen Ruhe. Ich lese gern oder schaue Tierdokumentationen im Fernsehen an. Wo bitte schön ist da noch Platz für die Liebe?!
Aber dann hatten wir vor sieben Tagen in der Schule eine lange Lesenacht. Und Kevin und ich haben bestimmt zwei Stunden nur über Bücher geredet. Zufällig haben wir beide nämlich das gleiche Lieblingsbuch.
Nachts haben wir alle auf Isomatten im Klassenzimmer gepennt und meine lag in unmittelbarer Nähe von Kevin.
Mein Herz ratterte wie eine Eisenbahn und ich konnte keine Sekunde schlafen. Und Kevin ging es ganz genau so wie mir. Die ganze Zeit lag er hellwach da und starrte sehnsüchtig und verträumt zu mir herüber.
Und am nächsten Morgen ist es dann passiert. Wir standen im Fahrradkeller der Schule und haben unsere Räder losgemacht. Kevin hat plötzlich meinen Lenker umfasst, mir verlegen in die Augen geblickt und herumgedruckst, dass er noch nie so ein tolles Mädchen kennengelernt hat wie mich. Und das ganz ohne Saxofon, ohne witzige Sprüche und ohne auszusehen wie Selena Gomez! Da war ich natürlich hin und weg und hab ihn direkt im Fahrradkeller geküsst.
Eigentlich bin ich ja nicht so selbstbewusst. Aber Kevin ist derart zurückhaltend, da hätte das sonst noch Jahre gedauert! Unser erster Kuss war reinste Poesie: leicht und süß wie Himbeerschaum und dabei so feurig wie Chilischokolade.
Seit einer Woche also sind wir ein Paar. Allerdings mehr oder weniger heimlich. Denn mit meiner Mutter habe ich gewettet, dass ich mich bis Zwanzig garantiert nicht verlieben werde. Und wenn ich verliere, schulde ich ihr zwei Wochen Bügeldienst.
Ich hasse Bügeln, vor allem zerknitterte Blusen. Und meine Mutter hat ungefähr achthundert Stück davon.
Habe ich mich eigentlich schon vorgestellt?
Mein Name ist Tamara, genannt Tami, und ich bin vierzehn Jahre alt.
Ich liebe Pferde, die freie Natur und gute Bücher.
Und ich liebe Kevin, meinen heimlichen Schatz. Wenn ich an ihn denke, könnte ich abheben und schweben.
„Tami? Sind die indianischen Liebespfeile endlich gekommen? Oder hat der Paketdienst doch noch die Luftschlangen-Raketen gebracht?“
Meine Mutter tütet im Nebenzimmer Einladungskarten für eine Verlobungsfeier ein und ich stehe immer noch im Nachthemd im Flur herum und träume vor mich hin.
Bomben, Pfeile und Raketen … so eine Hochzeitsvorbereitung klingt wie ein Krieg. Ein Nervenkrieg ist es auf jeden Fall, aber das bekommen nicht die Braut und der Bräutigam mit, sondern nur Papa und ich.
„Die Konfettibomben sind da!“, rufe ich. Es ist schon nach zehn, ich sollte mich endlich mal duschen.
„Ach!“, meine Mutter klingt nicht begeistert. Vielleicht weil im Keller noch fünf Kartons mit Konfettibomben lagern. Außerdem Kisten voller getrockneter Rosenblätter. Servietten in allen Abstufungen von Rot. Herzen aus Ton, aus Pappe, Glas oder Plastik. Das Highlight ist ein künstlicher Schwan. Immer, wenn jemand das Paket „Hochzeit am See“ bestellt, kommt das Ein-Meter-fünfzig-Viech zum Einsatz.
„Ich hole später noch den Blumenschmuck ab. Willst du mich in die Stadt begleiten?“ Meine Mutter übertönt die Musik, die aus der Stereoanlage plärrt. Kuschelrock 1998.
Ich sage doch: Nervenkrieg – mit musikalischen Waffen.
Ein Ausflug in die Stadt ist immer gut, aber ich habe mit Jakob vereinbart, heute...




