E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Siegel / Haas Sommerträume auf vier Hufen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7320-0883-4
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7320-0883-4
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kathrin Siegel wurde 1980 in München geboren. Nach ihrer Schulzeit machte sie eine Ausbildung zur Tierpflegerin und arbeitete mehrere Jahre in einem Tierheim. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin, drei Katzen und einem Hund wanderte sie 2008 nach Spanien aus, wo sie sich den Traum eines eigenen Pferdehofs erfüllte. Hier begann sie auch mit dem Bücherschreiben. Wenn sich Kathrin Siegel gerade keine Geschichten ausdenkt, galoppiert sie auf ihrem Lieblingspferd Luna durch die Gegend - oder erteilt Kindern und Jugendlichen Reitunterricht! Meike Haas wurde 1970 in Laupheim geboren. Ihre eigene Reiterkarriere fand wegen schlechter Erfahrungen mit einem sehr störrischen Pony nach nur vier Stunden ein frühes Ende. Nach dem Studium in Regensburg, Wien und München arbeitete Meike Haas einige Jahre als Journalistin für verschiedene Zeitungen. Inzwischen lebt sie mit ihrem Freund und ihren zwei Kindern in München und widmet sich ganz dem Schreiben von Büchern.
Autoren/Hrsg.
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Punktkleid und Schleifenschuhe
Manchmal habe ich diese verrückte Idee mit der Fee. Klar, ich weiß, dass es Feen nicht gibt, aber man darf ja wohl ab und zu träumen! Ich stelle mir also vor, dass diese blonde Fee ganz plötzlich vom Schicksal in mein Zimmer gewirbelt wird. Sie steht da, mit verschrecktem Gesicht und zerzaustem Haar, und weiß selbst nicht, wie sie ausgerechnet bei mir landen konnte.
Ich verbessere: Sie schwebt natürlich. Feen sind barfuß, haben hübsch lackierte Zehennägel und stehen nicht komisch in der Gegend herum.
Sie schwebt also vor mir, sieht mich aus riesigen Pokémon-Augen an und haucht: „Laura! Du hast drei Wünsche frei!“
Ich starre sie ungläubig an. Starre in ihre funkelnden schwarzen Pupillen. Ihr Augenaufschlag ist der eines Stars. Vermutlich trägt sie eine Doppelreihe falscher Wimpern.
„Laura!“, fordert sie mich sanft auf. „Laura …“
„L-A-U-R-A? L-A-A-A-U-R-A-A-A!“
Mist. Das war keine Fee, sondern meine Mutter. Sie kann es nicht leiden, wenn ich unpünktlich bin. Meine Mutter ist die Meisterin im Organisieren. Sie ist Ärztin in einem Krankenhaus. Das Krankenhaus ist das größte hier in Berlin, und hinter vorgehaltener Hand nennen die Mitarbeiter es „Fabrikanlage“. In so einer Fabrikanlage zu arbeiten ist echt kein Spaß, und nach einem Arbeitstag ist Mama jedes Mal ziemlich fertig. Vielleicht ist das der Grund, warum sie immer alles perfekt organisiert. Um sechs kommt sie von der Arbeit heim. Dann telefoniert sie erst mal eine Runde. Von halb sieben bis sieben macht sie im Schlafzimmer Yoga. Um sieben steht dann das Essen auf dem Tisch. Bei uns zu Hause kocht mein Vater. Er ist erfolgloser Kinderbuchautor und arbeitet daheim. Nebenberuflich macht er für Mama und mich den Haushalt.
„Prinzessin!“
Genau. Das ist er. Mein Papa. Er mag es auch nicht, wenn ich unpünktlich bin.
Ich springe aus dem Bett, als mein Handy vibriert. Nele, eine aus meiner Mädelsclique, hat geschrieben.
Das heißt, sie hat ein Bild geschickt. Von einem total niedlichen Kleid von H&M. Mit blauen Punkten und Schleifengürtel. Sieht total stylisch aus, ich wünschte, ich hätte das Teil ergattert! Nele ist viel zu groß und schlaksig für so ein Kleid. Das würde perfekt zu meiner zierlichen Statur und meinen hellbraunen Locken passen. Außerdem habe ich die passenden Ballerinas dazu! Im gleichen Blau und ebenfalls mit einer Schleife.
Nele hat einfach immer Glück. Sie wohnt direkt neben H&M, und wenn was neu geliefert wird, ist sie immer die Erste.
Sauer klicke ich das Bild wieder weg und mein Blick wandert nachdenklich durch mein Zimmer. Die Wände habe ich mit meinen Freundinnen pink angemalt. Ein richtig schönes krachendes Rosa. Über dem Bett hängt ein romantisches Poster mit schneeweißem Pferd vor dem Himalaja. Und daneben kleben jede Menge Bilder von Gisele Bündchen. Was, du weißt nicht, wer Gisele Bündchen ist? Das erfolgreichste Model dieses Planeten!
Sie ist so schön, dass man sie für ihre bloße Anwesenheit bezahlt. Man gibt ihr haufenweise Geld, nur damit sie ein bisschen atmet! Und wo wurde dieser Glückspilz mit dem wertvollen Atem entdeckt? Halt dich fest – ausgerechnet bei McDonald’s!
Natürlich gibt es in meinem Zimmer auch ein paar Möbel. Zum Beispiel das weiß lackierte Himmelbett, das Geschenk meiner Eltern zum zwölften Geburtstag. Ein Schreiner hat es extra für mich gemacht. Wenn man den blickdichten Seidenvorhang zuzieht, ist die ganze ungerechte Welt da draußen verschwunden! Auf dem Boden liegt ein total kuscheliger vanillefarbener Sitzsack – der perfekte Ort, um zu lesen oder zu träumen. Ein Bücherregal gibt es auch. Es sind ein paar Liebesromane darin und alle Bände von „Peggy-Sue im Ponyglück“. Das ist so eine Pferdebuchreihe, auf die ich wirklich stehe. Blöderweise gibt es seit Ewigkeiten keine neuen Folgen.
Auf der Kommode befindet sich meine Sammlung mit Pferdeskulpturen aus aller Welt. Sie sind aus Porzellan, aus Ton oder aus Zinn. Ich liebe Pferde über alles!
Dann habe ich natürlich auch noch den Kleiderschrank, der ist bis auf den letzten Zentimeter vollgestopft.
Ich gebe fast mein komplettes Taschengeld für Klamotten aus. Es macht einfach Spaß, zusammen mit Freundinnen zu shoppen.
Mein Papa schiebt die Türe auf. „Prinzessin? Wo bleibst du denn?“, fragt er und hält sich die Augen zu. „Gnade!“, ruft er verzweifelt. „Ich bin zu jung, um so grausam zu erblinden!“
Das macht er ständig, seit die Wände pink angemalt sind. Er behauptet allen Ernstes, Rosa zerstöre seine Netzhaut.
„Ich komm ja schon!“, murmle ich und halte ihm das Handy hin. „Guck mal!“, fordere ich meinen Papa auf und öffne nun doch noch mal das Foto mit dem niedlichen Punktkleid.
„Nett!“, gibt Papa ehrlich zu. „Hast du nicht Ballerinas genau in der Farbe?“
Er kneift mir liebevoll in die Wange.
„Ja!“, sage ich. „Ist doch voll fies, dass Nele es mir weggeschnappt hat. Dieses Kleid gehört zu mir! Das muss sie doch checken!“
Papa hält den Kopf schief. „Echt ärgerlich“, gibt er zu. „Aber es gibt im Leben andere Probleme, oder?“ Dann folgt er pfeifend dem Essensgeruch und verschwindet um die Ecke.
Andere Probleme. Das stimmt.
Ich drehe mich noch mal um und starre das Foto von Gisele Bündchen an.
Wunsch eins: ein eigenes Pferd.
Wunsch zwei: eine Verabredung mit Sven aus der Oberstufe.
Wunsch drei: auf der Fahrt zur Schule in der U-Bahn von Heidi Klum entdeckt werden.
Das Problem ist: Wir wohnen in einer Wohnung im dritten Stock. So ein Pferd würde niemals in unseren Aufzug passen. Sven aus der Oberstufe geht mit Belinda, die letztes Jahr Schulkönigin war. Und Heidi Klum fährt bestimmt nicht U-Bahn, sondern Taxi.
Ich schlurfe endlich ins Esszimmer mit Blick auf den Fernsehturm und schnappe mir lustlos meine Gabel.
„Auch Hallo!“, sagt Mama genervt. „Du hast überhaupt keinen Anstand, Laura.“
„Lass sie“, wirft Papa ein liebes Wort für mich ein. „Laura hat heute eine Krise. Wegen einem gepunkteten Kleid von H&M.“
Wir fangen schweigend mit dem Essen an. Eine Krise ist übertrieben.
Aber ein bisschen hat Papa recht. Es geht mir gut, klar, das weiß ich selbst. Und trotzdem bleiben all meine echten Wünsche unerfüllbar. Was nützt mir ein Handy, wenn Sven mir keine Nachricht darauf schickt? Was nützt mir mein cooles Mädchenzimmer im Zentrum von Berlin, wenn kein Platz für ein Pferd darin ist? Und was nützt mir das tolle Essen, wenn Heidi Klum mir nicht zufällig gegenübersitzt?
Man wird bei McDonald’s entdeckt, nicht im Esszimmer der Eltern.
„Irgendwann nehme ich dich mal zur Arbeit mit!“, seufzt Mama. „Dann weißt du dein Glück wieder mehr zu schätzen.“
Mama arbeitet in einer Abteilung mit Menschen, die psychische Probleme haben. Menschen, die so schrecklich traurig sind, dass sie nicht mehr leben möchten. Menschen, die so große Angst haben, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus trauen. Oder Menschen, die so schlimme Dinge erlebt haben, dass sie einfach von heute auf morgen verstummen.
Klar, dagegen sind meine Sorgen lächerlich.
Und trotzdem – so ein Auftritt bei Heidi Klum wäre ehrlich der Wahnsinn. Und Sven und ein Pferd …
Ach. Mit dreizehn soll man eben träumen dürfen!
Nach dem Essen kommt Mama noch mal in mein Zimmer. Das macht sie eigentlich jeden Abend. Weil sie so viel Zeit in der Arbeit verbringt, ist es ihr wichtig, dass wir zwei uns zumindest nach Dienstschluss ausgiebig unterhalten. Sie lässt sich gähnend in den vanillefarbenen Sitzsack fallen und sieht das Poster mit dem Pferdefoto an. Anders als sonst fragt sie heute nicht nach der Schule. Auch meine Mädelsclique interessiert sie nicht.
„Toll, so ein Pferd. Oder?“, fragt sie stattdessen und reibt sich die Augen.
Ich werde stutzig. „Klar …“, murmle ich. „Du weißt doch, dass ich Pferde mag.“
Mama lächelt erleichtert. Dann kaut sie etwas unschlüssig auf ihrer Lippe herum. „Wie fändest du es denn, wenn wir so einen Pferdehof ganz in der Nähe hätten?“, platzt es endlich aus ihr heraus, und sie zwinkert mir so aufmunternd zu, als gäbe es etwas zu feiern.
Ich runzle die Stirn. Seit Jahren schon flehe ich meine Eltern an, endlich mal Urlaub auf einem Pferdehof zu machen. Aber Mama ist immer so kaputt, dass sie weit weg in den Süden will. Sonne und Meer. Ein Swimmingpool und gutes Essen. Urlaub auf dem Reiterhof ist das Letzte, was sie möchte.
„Sprichst du etwa von den Sommerferien?“, frage ich hoffnungsvoll.
Wenn sie jetzt Ja sagt, glaube ich tatsächlich an Feen. Dann schicke ich Sven noch heute eine SMS und morgen gehe ich direkt nach der Schule zu McDonald’s.
Aber Mama schüttelt den Kopf. Auf einmal sieht sie nachdenklich aus. Sie räuspert sich umständlich und schiebt sich eine braune Locke aus dem Gesicht.
„Laura, du bist doch schon ziemlich groß!“, sagt sie. „Fast erwachsen.“
Ich nicke. Es gibt Models, die mit dreizehn entdeckt werden. Klar brauchen die die Unterschrift der Eltern dafür. Aber auf den Fotos sehen sie plötzlich aus wie achtzehn.
„Und du bekommst ja mit, wie hart ich arbeite und wie wenig Zeit für dich und Papa bleibt.“
Ich nicke wieder.
„Ich habe heute einen Anruf erhalten aus Nest am Berg. Das ist ein kleiner Kurort in Brandenburg. Dort gibt es eine sehr angesehene Rehaklinik. Die suchen ganz dringend eine neue Oberärztin.“
Ich verstehe nur Nest. Begriffsstutzig sehe ich meine Mama an.
„Wir könnten von meinem Vorgänger das Haus übernehmen. Er hat mir schon Fotos auf den...




