E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Siegel / Roeper Fasst mich nicht an
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-0500-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wann soll ich den Kindern von meiner Vergangenheit erzählen?
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-7568-0500-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carolin Siegel: Meine wahre Geschichte. Weg mit den Gitterstäben. I Vater I Schwiegermonster I Lebenspartner I Chefin I Wie stolz war ich, als mir der Ausbruch gelang. Doch das Wachpersonal hatte auch etwas gebannt in mir. Aus den Traumata meines Lebens bäumte es sich auf und gewann zunehmend Kontrolle über mich. Fasst mich nicht an.
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Posttraumatisch
„Posttraumatische Belastungsstörung", sagten die Ärzte. „Alles ist noch da." Dachte ich. Lachte kurz zynisch auf beim Gedanken daran, ob ein Leben nach traumatischen Ereignissen mich zumindest vor neuem Horror schütze. Wohl kaum. Auch jetzt nicht, wo ich mich aus jenem Käfig zu befreien verstanden hatte, den mein Vater, mein Partner, das „Schwiegermonster" und meine Chefin um mich geschlossen, sich die Hände gereicht und mir die Luft zum Atmen genommen hatten.
Diesem Käfig war ich entkommen.
Ein anderer Käfig indes stand unverrückbar und wie erstarrt in meinem Kopf. Würde immer da sein. Der eiserne Zwinger, dessen Tür mein Vater nach Betreten unseres neuen, der Erholung dienenden Gartengrundstücks geöffnet und in den er mich hineingetrieben hatte wie ein tollwütiges Tier.
„Ich bin doch deine Tochter", hätte ich rufen sollen. Aber das wusste er natürlich. „Liebte mich", wie gesagt wurde, und meinte, mich für das Leben bändigen und zähmen zu müssen.
Der von den Hunden abgewetzte Zwinger, bald saß ich darin. Weggesperrt und ausgestoßen. 1975 war das. Ich besuchte die zweite Klasse. Wisst ihr, wie klein Mädchen sind, wenn sie die zweite Klasse besuchen?
„Ich will nicht mit."
„Ach, fahr mal mit in die Waldsiedlung."
Damit war alles gesagt. Reichte meine Mutter mir ein paar mitzunehmende Dinge und Lebensmittel für unsere Stunden auf dem Gartengrundstück. Auf dass wir eine schöne Zeit hätten unter den Bäumen, in der Natur, wo alles still und besinnlich sein würde. Wo mein Vater unter den Zweigen stand. Vor der geschlossenen Käfigtür. Ich für einen Moment die Finger um die einst von den Hunden verbissenen Stäbe legte, mir kalt wurde und ich an meine Mutter dachte. Wie sie mich hier herausschickte oder daneben stand, wenn mein Vater den Teppichklopfer, seine Hausschuhe oder den Ledergürtel zur Hand nahm und auf mich, sein einziges Kind, herunterfahren ließ.
„Du kannst", sagte meine Mutter manchmal und leise, „das Kind doch nicht schlagen."
Das Peitschen des Gürtels, all die Gewalt, zerstörten ihre Worte gleich mit. Entzug von Nahrung und Schlaf. Welch qualvoller Dressur entnahm Vater nur seine Mittel?
„Dein Vater liebt dich doch." Unzählige Male habe ich diesen Satz gehört. Welch Brechstange von Entschuldigung. Vater liebte mich. Ja, das habe ich gemerkt. An den Schlägen. Dem Hunger, wenn er mir das Essen entzog. Der Müdigkeit, während Vater mich schüttelte und rief: „Du schläfst nicht. Bleibst wach. Denkst über dich und deine Taten nach."
Ich wusste nicht, was ich getan haben sollte. Ich existierte. Mit meiner ganzen Liebe zu Tieren und dem Wunsch nach einem schönen Leben existierte ich. Doch waren das verwerfliche Gefühle und Wünsche in mir? Sicher würde Vater alle Zukunft aus mir rausprügeln, mich ganz und gar posttraumatisch machen.
„Dein Vater liebt dich doch." Da war es wieder. Und tatsächlich liebte er mich. Auf die widerlichste Art und über viele Jahre. Ließ seine Gier und Lust zu einer meiner ersten Erinnerungen gerinnen.
Die Ferien hatten begonnen. Einige Tage würde ich bei den Großeltern verbringen, freute mich wie eine Prinzessin besonders auf meine liebe Oma Friedel. Diese gute Fee, die leider auch nicht ankam gegen ihren Sohn mit seinen harten Worten, den Schlägen und dem Zwinger. In Einsiedel wollten wir uns treffen. Oma und Opa würden dort auf mich warten. Also stieg ich zu Vater, der mich in die Ferien bringen würde, ins Auto, wir fuhren in den Abend hinein und nahmen meine Großeltern in den Arm.
„Ich fahre erst morgen zurück. Es ist zu spät", ließ mein Vater uns wissen, machte sich am Klappsofa im Wohnzimmer zu schaffen, zog es aus, richtete es her für die Nacht. Schickte mich zuerst unter die Laken. Kroch dazu, nachdem die Großeltern sich zu Bett begeben hatten, und drängelte sich an mich.
Von dem, was geschah, kann ich einen Film in meinem Kopf ablaufen lassen. Jederzeit. Mich hinsetzen. Hinlegen. Mein eigenes Kino starten. Traumafilm. Oft beginnt er ganz von selbst. Hält ewig lebendig, was mein Vater tat und vielfach wiederholen sollte.
Und meine Mutter? Eine Umarmung und ein Festhalten, wie Mütter und Kinder das in aller Selbstverständlichkeit tun, existierten zwischen uns nicht. Nicht einen Begrüßungskuss – schön, dich zu sehen, Carolin – gab meine Mutter mir. War ich einmal krank, bedurfte besonderer Fürsorge, fühlte es sich an, als sei meine Mutter gänzlich überfordert damit, sich mir über das Alltägliche hinaus zuwenden zu müssen. Dabei war Sanftmut und Liebe in ihr. Ich sah das genau. Stand meine Mutter doch in meinem Kinderzimmer vor der Fensterbank und wandte sich –gleichsam jedes Blatt liebkosend –in größtmöglicher Zuneigung ihren Pflanzen zu. Traurig bis ins Tiefste meines Herzens begriff ich, wie liebevoll sie zu sein vermochte.
„Ein Geschwisterchen wäre toll", sagte ich manchmal zu meiner Mutter. „Das wünsche ich mir."
„Ach", hörte ich dann und jede Menge Schweigen folgte. Bis sie es schließlich aussprach: „Du reichst mir schon. Bitte nicht noch eine von deiner Sorte."
Meine Sorte brüllte, war Vater nicht daheim, manchmal in der Wohnung herum. Das stimmte wohl. Meine Mutter war hilflos. Also schrie ich heraus, was mein Vater mir an Aggressionen und Verzweiflung eingeprügelt hatte. Bis ich nicht mehr konnte. Oder Oma Elfriede mit ihrer Handtasche kam, aus der sie eilig ein kleines Fläschchen ans Licht brachte, einige Tropfen daraus mit Wasser verdünnte und mir reichte mit den Worten: „Schluck es herunter, Carolin. Schluck deinen Kummer herunter."
Ich trank. Schluckte den Kummer herunter. Dachte wieder einmal an die Uhr, die zu ticken aufgehört hatte.
Ewig hielt meine Mutter mir diesen Verlust vor. Klagte wieder darüber, dass sie mich als Vorschulkind aus dem Wasser habe ziehen müssen, dort am Strand des Schweriner Sees, wo ich, während mein Vater seinen Bootsführerschein absolvierte, spielte, gänzlich unerwartet in eine Senke geriet und abrutschte.
Meine Mutter rannte herbei und packte mich. Ihre Armbanduhr geriet unter Wasser. Die Zeiger blieben stehen. Bewegten sich nicht mehr seit eben diesem Moment, der mir zur ewigen Anklage wurde.
„Wäre ich ertrunken, einfach im Wasser verschwunden, was wäre mir erspart geblieben?", dachte ich später manchmal. Mamas Uhr tickte womöglich heute noch – tick, tack, tick, tack – und ihre Welt wäre in schönster Ordnung.
Mein kleines Glücklichsein war bei Charlie. Alles vertraute ich ihm an. Erzählte von meines Vaters Wutausbrüchen, den Schlägen, was er sonst so mit mir tat und vom Mobbing in der Schule.
Charlie und ich kuschelten in meinem Bett. Das war verboten. Schnell würde ich also seine Meerschweinchenhaare vom Laken und Kissen streichen müssen, bevor mein Vater sich hineinstahl.
Schon immer hatte ich mir ein Tier gewünscht. 1974, nach unserem Umzug in eine Leipziger Neubauwohnung, wurde er mir dann geschenkt: Charlie, das Meerschweinchen und der Beste aller Freunde. Hör' nur, Charlie, was ich dir alles zu erzählen habe.
Vielleicht ertrug er meine schlimmen Geschichten nicht. Eines Tages nach der Schule fand ich Charlie tot in seinem Käfig auf. Tot. Einfach so. Bis heute weiß ich nicht, was ihn hat sterben lassen.
Mein Vater allerdings wusste es ganz genau. „Du", knallte er mir vor den Kopf. „Du hast Charlie sterben lassen."
Ich sagte nichts. War zehn Jahre alt, mir keiner Schuld bewusst und von nichts erfüllt als Traurigkeit.
„Können wir", fragte ich vorsichtig, „Charlie im Garten beerdigen? Ein kleines Grab anlegen mit einem Kreuz und Blumen darauf?"
„Charlie" wollte ich liebevoll auf das Holzkreuz schreiben und die Buchstaben, sollte der Regen sie ausbleichen, bis in alle Ewigkeit mit meinen Stiften nachziehen
„So ein Quatsch", nahm mein Vater das tote Meerschweinchen aus dem Käfig, drehte mir den Rücken zu und schmiss Charlie in die Mülltonne.
Mach es gut, Charlie! Wie gerne hätte ich das gesagt. Kein Wort aber brachte ich mehr hervor.
„Pass auf, dass sie nicht wieder sterben", wurden mir zwei Zwerghamster gekauft. Klug und wendig wie sie waren, errichtete ich aus Filzstiften Hindernisse vor ihrem Käfig und baute aus Joghurtbechern eine Slalomstrecke für die Tiere auf. Dann begann das Training, und schon bald saß ich mit Oma Friedel vor dem Parcours. Sie war begeistert. Schaute den Zwerghamstern bei ihrem kunstvollen Treiben zu und jubilierte: „Euch schicke ich ins Fernsehen zu Außenseiter-Spitzenreiter."
Eine Spitzenreiterin wurde aus einer Außenseiterin wie mir nicht. Die Hamster aber ließ ich hart trainieren. Schimpfte mit den Tieren, wenn sie Fehler machten. Warfen sie sogar Filzstifte um, schlug ich ihnen auf die Hinterteile. Strafe musste sein. Anders kannte ich es ja nicht.
Am Tage meiner Einschulung brach mein Vater mit seiner sich selbst auferlegten Regel, mich nicht vor...




