E-Book, Deutsch, 218 Seiten
Reihe: Classics To Go
Sienkiewicz Ohne Dogma
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-551-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 218 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-551-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ohne Dogma ist ein Manierenroman von Henryk Sienkiewicz, einem polnischen Literaturnobelpreisträger, der 1891 veröffentlicht wurde. Seine Erzählung konzentriert sich auf die Erfahrungen von Leon P?oszowski, einem Mann aus einer wohlhabenden aristokratischen Familie, der Schwierigkeiten hat, den Sinn des Lebens in zu finden Welt ohne Moral, indem er versucht, seine Gefühle gegenüber den angetroffenen Frauen selbst zu analysieren.Der Roman wurde mit dekadenter Bewegung in Verbindung gebracht, ohne eindeutige Verurteilung unmoralischer Handlungen angegriffen und als Versuch erhalten, sich die Generation des Fin de Siècle vorzustellen.Der Roman wurde in der ersten Person geschrieben und ist das einzige Werk von Sienkiewicz, das dem Tagebuchformat folgt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erster Teil
Rom, am 9. Januar. Es ist noch nicht lange her, da habe ich mich mit meinem Freunde Sniatynski, der sich nach Beendigung seiner Studien der Schriftstellerei zuwandte und bereits einen recht guten Namen besitzt, über Literatur unterhalten. Er schwärmte für das Tagebuch und meinte, ein solches gebe, sofern es die Wahrheit enthalte, nicht bloß ein getreues Zeitbild, sondern auch ein unbedingt verläßliches Zeugnis menschlichen Lebens; wer ein Tagebuch schreibe, erwerbe sich, behauptete er, ein unmittelbares Verdienst um die Menschheit, und nur eine Erzählungsform habe Anwartschaft auf wirkliche Unvergänglichkeit, nämlich die Denkwürdigkeiten. Ich bin nun 35 Jahre alt und habe für meine Mitmenschen noch nicht das geringste geleistet, will es drum einmal probieren, ob ich in dieser Weise etwas für sie vollbringen kann. Den Grund dafür, daß ich noch solche Null darstelle, erblicke ich mit in dem Umstande, daß ich nach Vollendung meiner Universitätsstudien mich immer im Auslande herumgetrieben habe. Man nehme diese Worte nicht als Humor, höchstens als eine Art Galgenhumor, und betrachte auch in solchem Lichte meinen Entschluß, ein Tagebuch zu schreiben, ungeachtet der skeptischen Lebensauffassung, mit der ich mich vollgesogen habe wie ein Schwamm mit Wasser?.?.?. Jedes Wort, das ich schreibe, soll wahr sein, und wenn sich meines Freundes Ansicht, der Mensch finde, wenn er sich erst einmal daran gewöhnt habe, seine Gedanken in solcher Form niederzuschreiben, seine Freude daran, bei mir nicht bewahrheiten sollte, dann Gnade der Himmel meinem Tagebuche! es möchte reißen wie eine zu straff gespannte Saite, denn wenn ich schließlich auch ganz gern bereit bin, für die Menschheit etwas zu vollbringen, so wird es mir nun und nimmer einfallen, mich für sie zu »ennuyieren«. Anderseits sollen mich Schwierigkeiten nicht abschrecken; ich denke vielmehr, daß es mir gelingen wird, mich an die Arbeit zu gewöhnen und auch Gefallen an ihr zu finden?.?.?. Mein Freund schärfte mir ein, ja nicht zu schreiben nach Literatenweise?.?.?. er mag ja recht haben, wenn er sagt, man schreibe um so besser, je ungesuchter man schreibe; aber ich bin ja doch nur Dilettant, und wenn es mir wirklich an allen Eigenschaften zur Erfüllung der gestellten Aufgabe fehlen sollte, so doch vielleicht nicht an einer gewissen Dosis Geschmack?.?.?. drum denke ich, ich trete ohne weitere Erwägungen an sie heran und erzähle zunächst einiges über meine Vergangenheit. Mein Name ist Leon Ploshowski, mein Alter, wie schon bemerkt, 35 Jahre; ich bin der Sohn reicher Eltern und im Besitz eines recht stattlichen Familiengutes. Mein Sinn steht nicht danach, es zu mehren; es wird mir aber auch nicht einfallen, es zu verwirtschaften. Ich bin nicht darauf angewiesen, mir eine Stellung im Leben zu erringen, ich weiß nichts von kostspieligen Liebhabereien, sondern stehe dem Leben und seinen Genüssen und Freuden mit arger Skepsis gegenüber, halte nicht viel von seinem Werte, sondern bilde mir ein, daß es überhaupt nicht viel wert ist?.?.?. Acht Tage nach meiner Geburt hat meine Mutter das Zeitliche gesegnet, während mein Vater, der sie über alles in der Welt geliebt hat, in Trübsinn verfallen ist?.?.?. Wiener Aerzten gelang es, ihn zu heilen, aber die Heimat war ihm verleidet, er überließ der einzigen Schwester die Bewirtschaftung seines Gutes Ploshow und zog nach Rom. Dorthin ließ er auch die Asche meiner Mutter bringen, und 30 Jahre lang hat er aus der ewigen Stadt den Fuß nicht gesetzt. Auf der Via Babuino ließ er sich ein Landhaus bauen, das er nach unserem Geschlechtswappen Casa Osoria taufte, und dessen Inneres er zu einer Art Museum gestaltete von allerhand Kunstwerken aus der Zeit des Urchristentums und dessen weiteren Ausbau ich mir zur Lebensaufgabe gemacht habe. Mein Vater war in seinen jüngeren Jahren das Muster männlicher Schönheit, ragte auch hervor durch glänzende Gaben des Geistes, und da ihm Name und Vermögen alle Pforten erschlossen, wurde ihm von aller Welt eine große Zukunft geweissagt. In Berlin hatte er Philosophie studiert, und die dortigen gelehrten Kreise erwarteten viel von ihm; aber der außerordentliche Erfolg, den er in der Damenwelt hatte, lenkte ihn von dem Studium ab; in den Salons hieß er nicht anders als »der Unbezwingliche«, und wenn er auch der Wissenschaft darüber nicht völlig untreu wurde, so sollten sich doch auch die Hoffnungen, die man an seine Fähigkeiten knüpfte, nicht erfüllen. Aber er war auch in seinen späteren Jahren noch immer ein so schöner Mann, daß mehr als ein berühmter Maler gesagt hat, sein Kopf sei einer der edelsten Patriziertypen, die man sehen könne. In wissenschaftlicher Richtung war und blieb er Dilettant, und Dilettantismus scheint mir in unserer Familie erblich zu sein. Als er von seinem Trübsinn geheilt war, warf er sich der Religion in die Arme und lebte eine Zeitlang im Zustande richtiger Ekstase, verbrachte Tag und Nacht im Gebet, kniete vor allen Kirchen, stand bei den einen im Ruf eines Heiligen, bei anderen im Ruf eines geistig Gestörten. Allmählich jedoch fand er die Ruhe wieder und kehrte zu seiner früheren Lebensweise zurück. All seine Liebe wandte er nun auf mich, während er Beschäftigung für seinen Geist in seinem Museum, in der Sammlung von Altertümern aus der Urchristenzeit suchte. Ein Pater Calvi, der mir den ersten Unterricht gab, war ein tüchtiger Archäologe und in jedem Winkel des alten Rom zu Hause. Er und der berühmte de Rossi weckten in meinem Vater die Liebe zu der ewigen Stadt und waren tagelang mit ihm unterwegs, in den Katakomben u. s. w. Mein Vater setzte die beiden gelehrten Herren oft durch sein Wissen in Verwunderung. Hin und wieder versuchte mein Vater wohl auch, etwas zu Papier zu bringen, es blieb aber immer bei den Anfängen, wahrscheinlich weil er seine Studien über ein zu großes Gebiet ausdehnte. Es währte nämlich nicht lange, so ging er von der Zeit des Urchristentums zum Mittelalter über, beschäftigte sich mit den Geschlechtern der Colonna und Orsini, wandte sich vom Mittelalter zum Zeitalter der Renaissance; Bildhauerei, Malerei und die anderen Künste gewannen ihm die gleiche Begeisterung ab, und wenn auch sein ausgedehntes Studium seinen Sammlungen vorzüglich zu statten kam, so nahm es ihm doch soviel Zeit, daß die Abfassung eines großen Werkes über die drei römischen Epochen in polnischer Sprache immer nur Idee blieb und niemals Wirklichkeit wurde. Mein Vater trägt sich mit dem Gedanken, seine Sammlungen als ein »Museum Osoryjow-Ploshowskich« bei seinem Ableben der Stadt Rom zu vermachen mit dem einzigen Vorbehalt, daß die ewige Stadt sich verpflichtet, einen besonderen Saal hierfür herzugeben. Das wird die Stadt natürlich tun; ich aber vermag nicht einzusehen, wie seine Schätze der Menschheit besser zu gute kommen sollen, wenn er sie statt dem Vaterlande der ewigen Stadt vermacht. Ich kann mich seiner Meinung nicht anschließen, daß sie in Polen vermodern würden, während sie in Rom Aussicht hätten, durch die vielen Fremden, die dorthin strömten, zum Gemeingut aller Völker zu werden. Ich vermute, es wohnt dem lieben Vater ein bißchen völkische Eitelkeit inne, ein gewisser Kitzel, unseren polnischen Namen in Marmor gegraben in der ewigen Stadt verewigt zu sehen; will den Fall indessen nicht weiter untersuchen, da es mir im Grunde genommen völlig gleichgültig ist, wo die Sammlungen schließlich einmal bleiben. Meine Tante in Warschau dagegen, die ich übrigens in nächster Zeit einmal heimsuchen muß, kann sich mit solcher Absicht ihres Bruders ganz und gar nicht befreunden und gibt ihrem Verdrusse über solche Vaterlandslosigkeit in jedem Briefe unverhohlenen Ausdruck; als sie vor einigen Jahren einmal eine Zeitlang in Rom bei meinem Vater zu Besuch war, brachte sie dieses Thema tagtäglich aufs Tapet, und wenig fehlte, so wäre es darüber zwischen Bruder und Schwester zum Bruche gekommen. Meine Tante ist ein absonderliches Frauenzimmer, und es ist notwendig, mich eine Weile mit ihr zu befassen. Sie ist ein paar Jahre älter als mein Vater, hat nach dem Tode meiner Mutter das Familiengut übernommen, meinen Vater mit Geld abgefunden und verwaltet nun seit 30 Jahren das Gut aufs musterhafteste; als sie zwanzig Jahre alt war, trug sie sich mit Heiratsgedanken; ihr Bräutigam starb jedoch im Auslande, und die Todesnachricht erreichte sie in dem Augenblicke, als sie zur Reise zu ihm alle Vorbereitungen traf. Da faßte sie den Entschluß, ledig zu bleiben, und hat sich auch durch keinen Bewerber, an denen es ihr nicht fehlte, davon abbringen lassen. Nach dem Ableben meiner Mutter begleitete sie den Vater nach Wien und dann nach Rom, widmete ihm die zärtlichste Fürsorge und schloß später mich mit gleicher Liebe in ihr Herz. Sie ist die vornehme Dame im eigentlichen Sinne, herrisch und hochfahrend, rücksichtslos und derb: Eigenschaften, die sich gern bei Leuten einfinden, die sich im Besitz eines großen Vermögens wissen und in der Gesellschaft eine erste Rolle spielen; dabei ist meine Tante aber eine kreuzbrave Person und von höchster Respektabilität. Unter der Schale sitzt ein goldener Kern: sie beschränkt ihre Liebe und Anhänglichkeit auf ihren Bruder und Neffen, und erstreckt sie, wenn nicht auf die ganze Menschheit, so doch auf alle, die zum Hause Ploshow gehören. Ihre Wohltätigkeit ist in aller Munde, und während sie die Bettler grob anläßt wie ein Polizist, versorgt und pflegt sie sie wie ein zweiter Vincenz von Paula. Sie ist wahrhaft fromm, lebt nach strengen Grundsätzen und ist infolgedessen nie im Zweifel, wie sie ihr Verhalten einzurichten, was sie zu tun und zu lassen hat, und wird in ihrem Seelenfrieden niemals gestört. In...




