E-Book, Deutsch, 640 Seiten
Sienkiewicz Quo vadis? (Roman)
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7306-9158-8
Verlag: Anaconda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 640 Seiten
ISBN: 978-3-7306-9158-8
Verlag: Anaconda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Henryk Sienkiewicz (1846-1916), Sohn eines verarmten Landbesitzers, wuchs in Warschau auf, arbeitete als Journalist und berichtete von seinen langen Aufenthalten in Nordamerika, Afrika und zahlreichen europäischen Ländern. Berühmt wurde er für seine Prosa, in der er vor dem Hintergrund der polnischen Geschichte oft nationale Positionen bezog. 1904 erhielt er den Literaturnobelpreis.
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1
ERSTES KAPITEL
Petronius erhob sich erst gegen Mittag vom Lager, abgemattet wie gewöhnlich. War er doch den Tag zuvor Teilnehmer an einem Gastmahl Neros gewesen, das erst spät in der Nacht sein Ende fand. Seit längerer Zeit war sein Befinden nicht das allerbeste; er klagte, jeden Morgen beim Erwachen wie betäubt zu sein, kaum fähig, die Gedanken zu sammeln. Aber das Morgenbad und das sorgsame Kneten seines Körpers durch geschickte Sklaven brachten sein träges Blut bald in schnelleren Lauf. Verjüngt und neubelebt ging er aus dem Eläothesium, der letzten Nummer der langen Prozedur, hervor. Tadellos stand er wieder da, das Auge sprühend von Geist, der Körper ein Abbild blühenden Lebens, sodass selbst Otho sich nicht mit ihm vergleichen durfte und er in Wahrheit seinen Ehrentitel verdiente: arbiter elegantiarum, oberster Richter in Sachen des feinen Geschmackes.
Petronius pflegte die öffentlichen Bäder nur selten zu besuchen; er tat es nur dann, wenn etwa ein berühmter Rhetor dort auftrat oder bei Anlass einer Mündigkeitserklärung junger Römer ungewöhnlich spannende Wettkämpfe zu erwarten standen. Er besaß auf seiner »insula« eigene Bäder, welche Celer, der berühmte Zeitgenosse des Severus, für ihn neu errichtet und mit so vollendetem Geschmack ausgestattet hatte, dass Nero selbst sie den kaiserlichen vorzog, obschon letztere bedeutend ausgedehnter und unvergleichlich luxuriöser waren.
Nach jenem Gastmahl hatte er mit Nero, Lucan und Seneca darüber disputiert, ob das Weib eine Seele besitze. Kaum aufgestanden, begab er sich ins Bad, wo zwei hünenhafte Badediener ihn auf einen Tisch aus Zypressenholz trugen, der ganz mit schneeweißem Byssus aus Ägypten bedeckt war. Nun tauchten sie die Hände in wohlriechendes Olivenöl und begannen den schöngeformten Leib zu reiben. Mit geschlossenen Augen erwartete Petronius die Wirkung des Schwitzbades und der Reibung; die Wärme durchdrang zusehends den Körper und vertrieb alle Mattigkeit daraus.
Nun schlug er die Augen auf und erkundigte sich erst über das Wetter, dann über die Edelsteine, die der Juwelier Idomeneus ihm zur Auswahl zu senden versprochen hatte. Er erfuhr, das Wetter sei prächtig, ein sanfter Wind wehe von den Albaner Bergen her, und die Steine seien noch nicht eingetroffen. Er schloss abermals die Augen und befahl eben ins Tepidarium1 gebracht zu werden, als der Kopf des meldenden Sklaven im Vorhang erschien und den Besuch des jungen Marcus Vinicius, der soeben aus Kleinasien zurückgekehrt war, anmeldete.
Petronius gab Befehl, den Gast ins Tepidarium zu führen, wohin er sich nun selbst auch tragen ließ. Vinicius war der Sohn seiner ältesten Schwester, die vor langen Jahren mit Marcus Vinicius sich vermählt hatte, einem Konsul aus der Zeit des Tiberius. Der Jüngling diente unter Corbulo gegen die Parther und war nach Beendigung des Krieges nach Rom zurückgekehrt. Petronius fühlte etwas wie Zuneigung zu ihm; denn Marcus war schön und kräftig, ein Mann, der in seinen Ausschweifungen ein gewisses ästhetisches Maß zu halten verstand, und Letzteres war es, was Petronius über alles schätzte.
»Gruß dir, Petronius«, sagte der junge Krieger, als er mit elastischem Schritt das Tepidarium betrat. »Mögen die Götter alle dir Erfolg gewähren, besonders Asklepios und Kypris, deren Schützling nie ein Unheil trifft.«
»Willkommen in Rom, und mögest du süße Ruhe finden nach dem Krieg«, erwiderte Petronius, indem er seine Hand aus der weichen Musselinumhüllung herausstreckte. »Was Neues in Armenien, oder bist du während deines Aufenthaltes in Asien nicht auch in Bithynien hineingestolpert?«
Petronius war seinerzeit Prokonsul in Bithynien gewesen und hatte, was mehr ist, mit Strenge und Gerechtigkeit regiert. Das war ein merkwürdiger Kontrast zu seinem als verweichlicht bekannten Charakter und er liebte es, diese Zeiten zu erwähnen, die Zeugnis ablegten für das, was er einst war und was er hätte sein können, wäre es sein Wille gewesen.
»Ich war zufällig in Heraklea«, antwortete Vinicius, »Corbulo sandte mich dorthin, um Verstärkungen zu holen.«
»Heraklea! Ich kannte dort ein gewisses Mädchen aus Kolchis, das ich gegen alle diese geschiedenen Frauen Roms nicht vertauscht hätte, Poppäa mitinbegriffen. Aber das sind alte Geschichten. Sag, was gibt’s Neues von der parthischen Grenze? Wahrlich, diese Tirydates und Tigranes bin ich leid, diese Barbaren, die nach der Versicherung des jungen Aurulenus daheim auf allen vieren kriechen und nur in unserer Gegenwart Menschen zu sein scheinen. Aber man spricht jetzt in Rom viel von ihnen, wenn auch bloß deshalb, weil es gefährlich ist, von etwas anderem zu reden.«
»Der Krieg geht schlecht vorwärts; führte ihn nicht Corbulo, so wäre eine Niederlage gar nicht unwahrscheinlich.«
»Corbulo! Beim Bacchus! Der reinste Kriegsgott Mars, ein tüchtiger Feldherr, zugleich Sanguiniker, ehrlich und einfältig. Ich bin auf seiner Seite, schon deshalb, weil – Nero ihn fürchtet.«
»Corbulo ist aber nicht einfältig.«
»Vielleicht hast du recht, aber es kommt auf dasselbe hinaus. Einfalt, sagt Pyrrho, ist keineswegs schlimmer als Weisheit und unterscheidet sich in nichts davon.«
Vinicius begann nun vom Krieg zu erzählen, aber Petronius schloss abermals die Augen, und der Jüngling, der erst jetzt die müden und sozusagen abgezehrten Züge seines Oheims bemerkte, ließ das Thema im Stich und fragte, ob Petronius nicht gesund sei.
Gesund! – Nein. Er fühlte sich nicht wohl. Zwar so weit wie Sissena war er noch nicht gelangt, welcher so wenig mehr seiner Sinne mächtig war, dass er, wenn er des Morgens ins Bad getragen wurde, fragte: »Sitze ich?« Dennoch war Petronius nicht gesund. Vinicius hatte ihn soeben dem Schutz des Asklepios und der Kypris empfohlen; aber Petronius glaubte nicht an Asklepios. Man wusste ja nicht einmal, wessen Sohn dieser Asklepios war, ob Arsinoes oder Koronis’, und wenn sogar die Mutter zweifelhaft war, was musste erst der Vater sein? Wer konnte in jener Zeit überhaupt sicher wissen, wer sein Vater war?
Lachend unterbrach sich Petronius und fuhr dann fort: »Ich schickte wirklich vor zwei Jahren sechsunddreißig Amseln und einen goldenen Becher nach Epidaurus; aber weißt du weshalb? Ich sagte zu mir selbst: Mag’s helfen oder nicht, schaden kann es mir nicht. Obwohl die Leute immer noch Opfer darbringen, glaube ich doch, dass alle meiner Ansicht sind, alle – ausgenommen vielleicht die Eseltreiber, die an der Porta Capeno sich von Reisenden mieten lassen. Von Asklepios ganz abgesehen, will ich auch mit den Söhnen des Asklepios nichts zu tun haben. Als ich voriges Jahr ein Blasenleiden hatte, nahmen sie für mich eine ›Incubation‹ vor. Ich durchschaute ihren Hokuspokus, sagte aber zu mir selbst: Was schadet’s! Die Welt lebt vom Betrug, das Leben selbst ist eine Täuschung, wie auch die Seele. Man braucht bloß so vernünftig zu sein, angenehme und schmerzliche Täuschung auseinanderzuhalten. Ich will Zedernholz mit Ambrergis besprengt in meinem Hypokauston anzünden lassen; denn so lange ich lebe, war mir Wohlgeruch lieber als Gestank. Was Kypris betrifft, welcher du mich gleichfalls empfahlst, so wisse, dass ich so sehr ihr Schützling war, dass ich das Podagra im rechten Fuß ihr verdanke. Im Übrigen ist sie eine gute Göttin! Gewiss wirst du früher oder später weiße Tauben auf ihrem Altar opfern.«
»Sicherlich«, versetzte Vinicius. »Die Pfeile der Parther haben mich nicht erreicht, doch Amors Pfeil hat mich getroffen – ganz unerwartet, einige Stadien außerhalb der Tore Roms.«
»Bei den schneeweißen Knien der Grazien! Davon wollen wir in einer Mußestunde reden.«
»Ich kam eben, um deinen Rat einzuholen«, antwortete Marcus.
In diesem Augenblick erschienen die Badewärter, die sich um Petronius bemühten. Auf dessen Einladung hin legte Marcus seine Tunika ab und stieg in das lauwarme Bad.
»Ah, ich vergaß zu fragen, ob deine Liebe erwidert wird?«, sagte Petronius mit einem Blick auf den jugendlichen Körper seines Neffen, der wie aus Marmor gemeißelt schien. »Hätte Lysippus dich gesehen, so würdest du jetzt als Standbild des jugendlichen Herkules das Tor zum Palatinus verzieren.«
Der junge Krieger lächelte zufrieden und sprang in das Wasser, das hoch aufspritzte und sich über ein Mosaikbild ergoss, welches Hera in dem Moment darstellte, wo sie den Schlafgott anfleht, Zeus in Schlummer zu versenken. Petronius betrachtete ihn mit zufriedenem Künstlerblick.
Nachdem Vinicius sich den Badewärtern ausgeliefert hatte, trat ein Vorleser mit einer Kupferröhre ein, worin sich mehrere Papierrollen befanden.
»Willst du zuhören?«, fragte der...




