Sienkiewicz | Quo Vadis | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 599 Seiten

Sienkiewicz Quo Vadis


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1862-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 599 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1862-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Quo Vadis ist ein Roman des polnischen Schriftstellers Henryk Sienkiewicz, der die Anfänge des Christentums in Rom zur Zeit Neros beschreibt. Er wurde 1895 erstmals veröffentlicht. Inspiriert wurde Sienkiewicz von einer alten Legende über eine Begegnung des Apostels Petrus mit Jesus. (aus wikipedia.de)

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Viertes Kapitel.



Wirklich hielt Petronius Wort.

Den Tag nach seinem Besuche bei Chrysothemis verschlief er zwar ganz, aber abends ließ er sich nach dem Palatin tragen und hatte mit Nero eine vertraute Unterredung. Die Folge davon war, daß am dritten Tage ein Centurio an der Spitze von über zehn Prätorianern vor Plautius' Hause erschien.

Es waren unsichere und schreckensvolle Zeiten. Boten dieser Art waren meistens zugleich Verkündiger des Todes. Als daher der Centurio den Hammer auf Aulus' Tür fallen ließ und der Aufseher des Atriums meldete, daß sich im Vorhause Soldaten zeigten, herrschte Schrecken im ganzen Hause. Sofort umringte die ganze Familie den alten Feldherrn, denn alle wußten, daß die Gefahr vor allem ihm drohe. Pomponia legte ihm die Arme um den Hals und hielt ihn mit aller Kraft umklammert, ihre blaugewordenen Lippen bewegten sich rasch und flüsterten leise Worte. Lygia, deren Gesicht kreidebleich war, küßte seine Hand, und der kleine Aulus hielt sich an seiner Toga fest – aus den Gängen, aus den Zimmern im oberen Stockwerke, die für die Dienerschaft bestimmt waren, aus den Gesindestuben, aus den Baderäumen, aus den Kellergewölben, aus dem ganzen Hause strömten Scharen von Sklaven und Sklavinnen zusammen und stießen den Ruf: »Wehe uns Armen!« aus; die Sklavinnen fingen laut an zu weinen, einige begannen sich schon die Wangen zu zerkratzen, andere ihr Haupt mit Tüchern zu verhüllen.

Nur der alte Feldherr selbst, sein ganzes Leben lang gewohnt, dem Tod fest ins Auge zu sehen, bewahrte seine Ruhe und sein kurzes, adlerartiges Gesicht blieb unverändert, wie aus Stein gemeißelt. Nach einer Weile, als er den Lärm beschwichtigt und die Diener weggeschickt hatte, sagte er: »Laß mich, Pomponia. Wenn mein Ende nahe ist, so werden wir noch Zeit haben, Abschied voneinander zu nehmen.«

Mit diesen Worten schob er sie sanft beiseite – sie aber rief: »Gott gebe, daß dein Los auch das meinige ist, Aulus!«

Dann fiel sie auf ihre Kniee und begann mit solcher Kraft zu beten, wie sie nur die Sorge um ein teures Haupt zu geben vermag.

Aulus schritt ins Atrium, wo ihn der Centurio erwartete. Es war der alte Gajus Hasta, sein früherer Untergebener und Waffengefährte aus dem britischen Krieg.

»Sei gegrüßt, Feldherr,« sprach er. »Ich überbringe dir einen Befehl und einen Gruß vom Caesar. Hier ist ein versiegelter Brief zum Zeichen, daß ich in seinem Namen komme.«

»Ich bin dem Caesar dankbar für seinen Gruß, und dem Befehl werde ich nachkommen,« erwiderte Aulus. »Sei gegrüßt, Hasta; sprich, welches ist der Zweck deines Kommens?«

»Aulus Plautius,« begann Hasta, »der Caesar hat erfahren, daß in deinem Hause die Tochter des Königs der Lygier weilt, welche jener König noch bei Lebzeiten des göttlichen Claudius den Händen der Römer als Unterpfand überantwortete, daß die Grenze des Reiches von den Lygiern nicht überschritten werde. Der göttliche Nero ist dir dankbar, daß du ihr so lange Jahre hindurch Gastfreundschaft bei dir gewährt hast; da er aber dein Haus nicht länger belästigen will und ebenso der Meinung ist, daß dieses Mädchen als Geisel unter den Schutz des Caesars und des Senates gestellt werden müsse, so befiehlt er dir, sie meinen Händen zu übergeben.«

Aulus war zu sehr Soldat und zu abgehärtet, als daß er sich einem Befehle gegenüber ein nutzloses Wort des Bedauerns oder der Klage gestattet hätte. Doch wurde eine Falte des Jähzorns und des Schmerzes auf seiner Stirn sichtbar. Vor diesen zusammengefalteten Brauen hatten einst die britischen Legionen gezittert, und noch in diesem Augenblicke zeigte sich die Furcht davor in Hastas Zügen. Aber jetzt fühlte sich Aulus Plautius dem Befehle gegenüber machtlos. Eine Zeitlang blickte er auf die Täfelchen, auf das Siegel, dann richtete er seine Augen auf den alten Centurio und sprach ganz ruhig: »Warte hier im Atrium, Hasta, bis die Geisel dir übergeben wird.«

Nach diesen Worten begab er sich in den anderen Flügel des Hauses, in den Saal, Oecus genannt, wo Pomponia Graecina, Lygia und der kleine Aulus ihn voller Angst und Schrecken erwarteten.

»Niemandem droht der Tod oder Verbannung nach entfernten Inseln,« sagte er, »und dennoch ist der Bote des Caesars kein Glücksbringer. Er kommt deinetwegen, Lygia.«

»Lygias wegen?« fragte Pomponia erstaunt.

»So ist es!« antwortete Aulus.

Dann wandte er sich zu dem Mädchen und begann: »Lygia, du bist in unserem Hause wie unser eigenes Kind gehütet worden, und wir beide, Pomponia und ich, lieben dich wie unsere Tochter. Aber du weißt auch, daß du nicht unsere Tochter bist. Du bist eine von deinem Volke den Römern überlieferte Geisel, die Obhut über dich steht dem Caesar zu, und jetzt nimmt dich der Caesar aus unserem Hause weg.«

Der Feldherr sprach ruhig, aber in etwas seltsamem, ungewohntem Tone. Lygia hörte seine Worte mit halbgeschlossenen Augen an, als ob sie nicht verstände, worum es sich handle; die Wangen Pomponias wurden bleich. In den Türen, die vom Gange in den Oecus führten, begannen sich von neuem die erschreckten Gesichter von Sklavinnen zu zeigen.

»Dem Willen des Caesars muß gehorcht werden,« sagte Aulus.

»Aulus,« rief Pomponia, das Mädchen mit ihren Armen umschlingend, als wollte sie sie beschützen, »es wäre besser für sie, zu sterben!«

Lygia aber warf sich an ihre Brust und rief: »Mutter, Mutter,« da sie vor Schluchzen keine anderen Worte finden konnte.

Auf Aulus' Zügen malten sich von neuem Zorn und Schmerz.

»Stände ich allein in der Welt,« sagte er finster, »so würde ich sie nicht lebend hergeben, und meine Verwandten könnten heut' noch dem Jupiter Liberator Opfer für uns darbringen. Aber ich habe kein Recht, dich und unser Kind, das noch glücklichere Tage erleben kann, dem sicheren Tode zu überliefern. Ich will noch heute zum Caesar gehen und ihn bitten, den Befehl zurückzunehmen. Ob er mich anhört, weiß ich allerdings nicht. Inzwischen lebe wohl, Lygia, und wisse, daß sowohl ich wie Pomponia stets den Tag segnen werden, an dem du dich an unserem Herde niederließest.«

Bei diesen Worten legte er ihr die Hand aufs Haupt, aber trotzdem er sich bemühte, ruhig zu bleiben, zitterte doch tiefer Vaterkummer in seiner Stimme, als Lygia die tränengefüllten Augen zu ihm erhob, dann seine Hand ergriff und an ihre Lippen führte.

»Sei gesegnet, du Freude unseres Alters und Licht unserer Augen!« sagte er.

Rasch schritt er ins Atrium hinaus, um sich nicht von der eines Römers und Feldherrn unwürdigen Rührung übermannen zu lassen.

Unterdessen geleitete Pomponia das Mädchen ins Cubiculum und begann sie zu trösten, aufzurichten, ihr Mut einzuflößen und Worte zu sprechen, die in diesem Hause, wo nebenan, in dem anstoßenden Raume noch das »Lararium« und der Herd stand, an dem Aulus Plautius, alter Sitte getreu, den Hausgöttern Opfer darbrachte, seltsam genug klangen. Die Stunde der Prüfung habe jetzt geschlagen. Vorzeiten habe Virginius die Brust der eigenen Tochter durchbohrt, um sie aus Appius' Händen zu retten; noch früher habe Lucretia ihre Schande mit dem Leben bezahlt. Das Haus des Caesars sei eine Höhle der Schande, des Lasters und des Frevels. – »Aber wir, Lygia, wissen, warum wir nicht das Recht haben, Hand an uns zu legen. Ja! Das Gesetz, unter dem wir beide stehen, ist ein anderes, mächtigeres, heiligeres; es erlaubt uns jedoch, uns gegen Laster und Schande zu wehren, sollten wir diese Verteidigung auch mit Tod und Marter zu büßen haben. Wer unbefleckt aus dem Hause der Verderbnis hervorgeht, dem gebührt ein um so größerer Ruhm. Die Erde ist ein solches Haus, aber zum Glück währt das Leben nur einen Augenblick; und der Auferstehung werden wir nur teilhaftig, wenn wir im Grabe gelegen haben, jenseits dessen nicht Nero herrscht, sondern die Allbarmherzigkeit – wo wir an Stelle des Schmerzes Freude, an Stelle der Tränen Seligkeit genießen.«

Dann sprach sie von sich selber. Ja, sie ist ruhig – aber in ihrer Brust fehlt es nicht an schmerzlichen Wunden. Noch sind die Augen ihres Aulus' verblendet, noch hat sich der Quell des Lichtes nicht auf ihn ergossen. Es ist ihr nicht gestattet, auch ihren Sohn in der Wahrheit zu erziehen. Wenn sie nun daran denkt, daß es bis an ihr Lebensende so bleiben und daß vielleicht eine Zeit der Trennung von ihnen kommen wird, tausendmal länger und schrecklicher als die zeitliche, über die sie beide jetzt Schmerz empfinden, so vermag sie es nicht zu fassen, wie ohne sie selbst im Himmel ein Glück für sie...



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