Sigg | Das Hohe Lied der Liebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Sigg Das Hohe Lied der Liebe

Geschichten und Liebesgedichte aus unserer Zeit
13001. Auflage 2013
ISBN: 978-3-522-63037-5
Verlag: Gabriel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geschichten und Liebesgedichte aus unserer Zeit

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-522-63037-5
Verlag: Gabriel
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Stephan Sigg interpretiert das Hohe Lied der Liebe neu - sinnlich, herausfordernd und am Puls der Zeit. Geschichten und Gedichte, die Gefühle wecken und zeigen, dass die Liebe ein einzigartiges Geschenk ist.

Stephan Sigg, Jahrgang 1983, studierte Theologie in Chur und lebt heute in Rheineck (Ostschweiz). Inzwischen hat er mehrere Bücher für Kinger und Jugendliche veröffentlicht. Bei Gabriel sind in dieser Reihe seine Interpretationen der biblischen Gleichnisse, der Zehn Gebote und zuletzt der 7 Todsünden erschienen.
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Nicht im Pyjama


Bloß nicht genau hinschauen! Der Geruch sagte alles. Marina drückte die Spülung und tupfte sich mit Toilettenpapier die Lippen ab. Ihre Stirn glühte und der Pyjama klebte auf ihrer Haut. Im Haus war alles still. Kurz vor drei Uhr. Noch fünf Stunden, bis der Wecker klingelte. Bis dahin hatte sich hoffentlich wieder alles beruhigt und ihr würde es wieder blendend gehen. Bestimmt waren die Spaghetti schuld, die Chips oder das Schokoladeneis. Hatte sie gestern Abend sonst noch etwas gegessen? Jetzt einfach an etwas ganz Schönes denken: an Jan. Sich ganz fest auf ihn konzentrieren. Nur noch ein paar Stunden bis zu diesem bombastischen Wochenende. Zwei Tage mit der ganzen Clique ins Ferienhaus von Verenas Eltern am Bodensee. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis sie einen Termin gefunden hatten, an dem alle konnten. Und das Programm war dicht gedrängt: Baden, baden, baden. Wenn nur das Wetter mitmachte! Aber was viel wichtiger war: Jan hatte ihr versprochen, einen Abend mit ihr ganz allein zu verbringen, ganz romantisch in einem Restaurant direkt am Ufer. Allein beim Gedanken daran war das Rumoren in ihrem Magen schon völlig bedeutungslos.

Sie schlief zwar wieder ein, doch sie träumte so verrückte Sachen, dass sie immer wieder hochschreckte und nicht recht hätte sagen können, was real war und was sie geträumt hatte. Als der Wecker klingelte, hatte sie das Gefühl, keine Minute geschlafen zu haben. In ihrem Kopf pochte es. Im Mund hatte sie noch immer einen total schalen Geschmack. Sie fühlte sich, als wären drei Lastwagen über sie drübergefahren. War das stickig hier drin! Sie schwitzte am ganzen Körper. Schnell öffnete sie das Fenster. Warum gerade heute? An einem Schultag hätte sie laut »Danke!« gebrüllt und sich auf einen gemütlichen Fernsehtag gefreut. Aber nicht heute! In zwei Stunden würde Jan klingeln. Sie kroch ins Bett zurück. Ein paar Augenblicke. Bestimmt waren das nur die Nachwirkungen von gestern Nacht und ihr Körper brauchte heute einfach ein bisschen länger, bis er wieder funktionstüchtig war.

»Musst du nicht raus?«

Marina fuhr hoch. Ihre Mutter stand in der Tür und sah sie verwirrt an. Marina kroch aus dem Bett. War sie auf hoher See? Das Zimmer schaukelte hin und her.

»Alles okay mit dir?«

Marina nickte vorsichtig. Bei diesem Pochen in ihrem Kopf durfte sie kein Risiko eingehen. In einer Stunde kam Jan! Beeilung, aber subito!

»Ich hab dir Frühstück gemacht«, sagte ihre Mutter, »und ein paar Sandwiches für die Reise.«

Marina schnitt eine Grimasse. Essen? Sandwiches? Darauf hatte sie jetzt gar keinen Bock.

»Ich spring kurz unter die Dusche.« Sie wechselte ein paarmal zwischen heißem und eiskaltem Wasser. Dadurch wurde sie immer gleich wach. Normalerweise. Heute wollte das nicht recht klappen.

»Geht es dir nicht gut?«, fragte ihre Mutter und stellte Marina eine Kakaotasse vor die Nase.

Sie schüttelte den Kopf, murmelte ein »Alles Okay«, aber schob die Tasse gleich weit von sich. Allein beim Anblick der braunen Flüssigkeit protestierte ihr Magen. Sie strich Butter auf ihre Brotscheibe.

»Ich habe gerade nochmals im Internet nachgeschaut«, plapperte ihre Mutter vergnügt darauflos. »Ihr habt echt Glück: Das Wetter soll absolut traumhaft werden.«

Marina bekam nur die Hälfte davon mit, sie war vollends damit beschäftigt, die Luft anzuhalten. In ihrem Magen war die Achterbahn wieder gestartet. Sie lehnte sich zurück und atmete tief durch. Aber schon nach einer Sekunde kapitulierte sie. Sie presste die Hand vor den Mund und stürzte aus der Küche.

»Du gehörst wieder ins Bett«, befahl ihre Mutter, die ihr in die Toilette gefolgt war. »Du hast sicher auch Fieber. Wir messen besser gleich die Temperatur.«

»Nein. Jan kommt gleich. Und ich bin noch gar nicht angezogen.« Sie betrachtete das Oberteil ihres hellblauen Pyjamas. Das Ganze vorhin war alles andere als spurlos an ihm vorübergegangen. Der gehörte dringend in die Waschmaschine.

»So kannst du unmöglich raus. Schau dich mal an. Du bist weiß wie eine Wand!«

»Das wird schon wieder.«

»Du kannst ja einen späteren Zug nehmen«, schlug ihre Mutter vor.

Marina schüttelte den Kopf. »Verena hat die Tickets schon gekauft.«

»Das ist total unvernünftig.«

Marina schossen die Tränen in die Augen. Sie würde mitfahren! Irgendwie würde das schon gehen! Sie rannte in ihr Zimmer und suchte sich die Kleider für heute raus. Es ging ihr gar nicht so schlecht. Nur ein bisschen Kopfweh und Übelkeit. Gleich würde die Tablette wirken. Dann wäre alles wieder gut. Am besten, sie beachtete ihren Körper jetzt nicht mehr, dann würde er schon aufhören, rumzuzicken.

Als sie wieder ins Badezimmer zurückkehrte, roch es nach Zitrone. Ihre Mutter hatte die Toilette geputzt. Marina betrachtete sich im Spiegel und zuckte zusammen. Sie sah ja wirklich aus wie ein Gespenst! Glasige Augen. Ihre Haut total fahl. Gruselig. Und obwohl sie nur den Pyjama trug, war ihr total heiß. Sie schnappte sich ihr Handy. Verena nahm sofort ab. »Nein, du hast nichts vergessen. Und sonst können wir es am Bodensee kaufen. Wir reisen ja nicht nach Sibirien.«

»Ich rufe nicht deswegen an«, sagte Marina. Sie war alles andere als in Stimmung für Scherze. Sie erzählte, was los war.

»Das soll jetzt ein Witz sein?«, rief Verena.

»Ich kann dir gerne ein Foto schicken«, gab Marina bitter zurück.

»Hast du Medikamente? Meine Mutter gibt mir bei solchen Sachen immer so ein Pulver, das wirkt Wunder.«

»Schon was genommen«, murmelte Marina und spürte, wie ihr schon wieder die Tränen in die Augen schossen. »Dieses Wochenende bedeutet mir so viel. Jan hat so viel dafür vorbereitet.«

»Das ist ja so was von fies!«

»Ich kann doch nicht einfach absagen.«

»Aber hallo?«, erwiderte Verena. »Du kannst doch nichts dafür. Wenn er dich sieht, wird er selber merken, dass es besser ist, wenn du daheimbleibst.«

Marina zuckte zusammen. Jan sollte sie so zu Gesicht bekommen?

»Ich sehe aus wie jemand aus einem Katastrophenfilm. Er darf mich auf keinen Fall so sehen.«

»Du bist krank«, erinnerte Verena sie, »Menschen, die krank sind, sehen in der Regel nicht blendend aus. Ich glaube, das wird auch Jan wissen. Im Gegenteil: Wenn er dich liebt, wirst du ihm leidtun und er wird sich Sorgen machen.«

Marina hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Vielleicht konnte sie mit etwas Make-up die Katastrophe reduzieren und mit einem bisschen Rouge und Puder im Gesicht sah sie vielleicht wieder halbwegs vorzeigbar aus.

»Ist zwar wirklich doof, wenn du nicht mitkommst, aber so wie du dich anhörst, ist es wohl wirklich besser, wenn du dich zu Hause erholst. Wenn es dir bis heute Abend besser geht, kannst du ja immer noch nachkommen.«

Das war nicht das Gleiche. Wenn man gemeinsam irgendwohin fuhr, dann musste man auch von Anfang an bis zum Schluss beisammen sein. Wer später kam, war ein Alien.

»Du kannst es doch gar nicht genießen, wenn du in dieser Verfassung mitkommst. Und ich finde die Vorstellung, dass du die ganze Zeit eine Kotztüte mit dir rumträgst, auch nicht so prickelnd.«

Das war ja wirklich charmant!

»Ich bin an allem schuld!«, entfuhr es ihr.

»Jeder wird mal krank.«

»Aber was wird er von mir denken? Dass ich zu wenig robust bin.«

»Er liebt dich, oder? Er wird eher Mitleid haben und hoffen, dass es dir bald wieder besser geht.«

Sie spürte schon wieder einen Krampf in ihrem Magen. Mist! »Alles wird gut«, verabschiedete sie sich hastig mit ihrem Standardspruch und setzte sich schnell auf die Toilette. Keine Sekunde zu früh. So etwas hatte sie noch nie erlebt!

Es klingelte an der Tür. Das musste Jan sein! Schnell drückte sie die Spülung. Dann putzte sie sich die Zähne. Ihr Mundgeruch war bestimmt die Hölle. Jans Stimme! Er unterhielt sich unten mit ihrer Mutter. Garantiert schilderte die jetzt in allen Details, was heute Morgen passiert war. Sie hatte gerade die Hände gewaschen, als Jan an die Tür klopfte. »Marina?«

Sie checkte ihren Anblick im Spiegel. Sie trug noch immer diesen bekleckerten Pyjama. So durfte ihr Jan auf keinen Fall unter die Augen treten. »Ich komme gleich«, rief sie. »Warte in der Küche auf mich.« Zum Glück widersprach er nicht. Sie wartete, bis wieder die Stimmen von ihrer Mutter und Jan von unten zu hören waren, dann hechtete sie in ihr Zimmer und zog sich an.

In der Küche begrüßte Jan sie mit einem Lächeln. »Ich weiß schon alles.«

Marinas Blick fiel auf Jans Rucksack, den er auf den Boden gestellt hatte. Sie hätte sofort wieder losheulen können.

»Alles halb so wild«, murmelte sie und wollte Jan küssen.

Aber der machte sofort einen Schritt zurück. »Besser nicht. Eine Kranke sollte reichen.«

Heute konnte sie mit Jans Witzen gar nichts anfangen. Warum taten alle, als hätte sie die Pest?

»Nur eine kleine Magenverstimmung«, spielte Marina alles herunter.

Jan verzog das Gesicht. »Die Kinder von unseren Nachbarn haben das auch vor Kurzem gehabt. Ziemlich übel. Scheint wohl gerade was rumzugehen.«

In Marinas Magen begann es zu rumoren. Sie rannte nach oben. Jan und ihre Mutter hefteten sich an ihre Fersen. Warum gerade jetzt? Oh nein! Was Peinlicheres gab es nicht. Sie war den Tränen schon wieder nahe.

»Jan, ich möchte nicht, dass du mich so siehst«, rief sie.

Jan schmunzelte. »Ich weiß, dass man mit einer Magen-Darm-Grippe nicht wie Germany’s Next Topmodel aussieht. Aber das ist doch keine Katastrophe!«

»Marina legt sich am besten wieder hin«, mischte sich ihre Mutter ein....



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