Simenon | Maigret im Nachtzug | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Simenon Maigret im Nachtzug


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70572-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-311-70572-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein »Maigret avant Maigret« – zum ersten Mal auf Deutsch

Stolz, rekrutiert worden zu sein, leistete der zwanzigjährige Seemann Jean Monnet Dienst an Bord der Bretagne vor Toulon, eines der schönsten Schiffe der französischen Marine. Doch schon bald begann er, die Tage bis zum ersten Urlaub zu zählen – und dann wurde das lang ersehnte Weihnachtsfest im Kreis der Familie eher trist als feierlich. Einsam und unglücklich sitzt Jean im Zug – zum Mittagsappell muss er zurück sein –, als ihn eine junge schöne Frau aus der zweiten Klasse um einen Gefallen bittet. Er möge eine prall gefüllte Brieftasche zu einer Adresse unweit des alten Hafens bringen. Was der Matrose nicht ahnt: Am Bahnhof von Marseille herrscht bereits helle Aufregung, die Gendarmen kontrollieren alle Reisenden. Denn in ebenjenem Schnellzug, in dem auch Jean und die elegante Rita saßen, wurde ein Verbrechen verübt: Auf den Gleisen vor Lyon wurde die Leiche eines Mannes gefunden, der während der Fahrt getötet worden sein muss. Ehe er sichs versieht, verliert Jean nicht nur sein Herz, sondern gerät auch ins Visier der Polizei. Es ermittelt niemand Geringerer als ein behäbiger Mann mit Hut, Mantel und Pfeife – Kommissar Maigret aus Paris.

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Erster Teil


1 Die Reisende in Schwarz


Er war allein in einem Abteil dritter Klasse. Aufdie gegenüberliegende Bank hatte er seine Mütze mit dem roten Pompon, seinen kleinen Kunstlederkoffer und ein schlecht verschnürtes Paket geworfen, in dem ein Topf Butter, ein selbst gebackener Mandelkuchen und ein Dutzend geräucherter Heringe waren. In der Hoffnung, schlafen zu können, hatte er sich ausgestreckt. Doch es nützte nichts. Unbehaglich wälzte er sich ständig hin und her.

Das lag nicht an der harten Holzbank: Mit dreizehn hatte er auf Dorschfängern unterwegs nach Neufundland in einem schmalen Verschlag auf einem Strohsack geschlafen.

Und manchmal hatte er drei Tage und drei Nächte lang die Stiefel nicht ausgezogen, in denen er an den Füßen fror.

Doch nun war ihm kalt. Keine beißende Kälte, sondern diese besondere klare Kälte, die vom Meer kam.

Seit acht Tagen tobte ein Unwetter aus Südwesten. Jeden Morgen berichteten die Zeitungen von neuen Opfern. Und überall in Westeuropa waren Telegrafenmasten umgekippt.

Weihnachten war trostlos gewesen, beherrscht von Wind und Matsch.

Doch an diesem Abend war das Barometer unverhofft gestiegen. Der Wind hatte nach Norden gedreht und sich bald darauf gelegt.

Nun war Winter. Im geheizten Abteil löste dies sonderbare Gefühle aus.

Die siedend heiße Feuchtigkeit trieb einem das Blut in die Wangen und ließ die Arterien pochen. Große Perlen rieselten trüb die Fenster hinab. Die Eisenplatte der Heizung war so heiß, dass man sie unmöglich anfassen konnte.

Dann plötzlich kam von irgendwoher ein Eiseshauch, strich einem um den Nacken oder die Nierengegend.

Der Matrose drehte sich zum zehnten Mal um. Er fühlte sich wie gerädert, sein Kopf war schwer, er wusste nicht, wo er war. Und da seine Uhr stehen geblieben war, konnte er nicht messen, wie die Zeit verstrich.

Hatte er geschlafen? Oder hatte er nur kurz die Augen geschlossen?

Er war unglücklich. Dieser Urlaub war völlig anders ausgefallen, als er ihn sich während seiner ersten zwei Monate Dienst an Bord der Bretagne vor Toulon vorgestellt hatte.

Wie alle registrierten Seeleute war er für die Marine rekrutiert worden. Das hatte er ganz normal gefunden. Er war sogar stolz darauf gewesen, vor allem wegen seiner Uniform.

Rasch aber hatte er merken müssen, dass ein Kreuzer nichts gemein hat mit einem für den Fischfang ausgerüsteten Dreimaster oder einem Nordseetrawler.

Der strengen Disziplin wegen hatte er in seiner Hängematte oft geweint. Er hatte die Tage gezählt bis zu seinem ersten Urlaub.

An Weihnachten war dann die Reihe an ihm gewesen.

Aber auch hier hatte die Wirklichkeit so gar nicht seinen Hoffnungen entsprochen. Zuerst dieses Unwetter, das einen ermüdete, fertigmachte, das durch alle Poren drang und die Nerven zittern ließ wie die Telegrafendrähte, die parallel zu den Schienen liefen.

Dann diese lange Reise: Toulon—Marseille, Marseille—Paris, Paris—Fécamp.

Abends noch das Auto, um nach Yport zu gelangen, dieses zehn Kilometer weit entfernte Dorf am Fuß der Steilküste.

Das sollte Weihnachten sein? Sein Vater, der mit der Francette in See gestochen war, war nicht zurückgekehrt. Die Mutter machte sich Sorgen, zumal die Reederei auch nichts gehört hatte.

Man hatte zunächst gehofft, das Schiff habe in Boulogne, in Dünkirchen, irgendeinem belgischen oder holländischen Hafen Zuflucht gesucht. Dann aber hätte man etwas davon erfahren.

Des Unwetters wegen hatte man auch nicht zur Mitternachtsmesse gehen können. Und was ist Weihnachten ohne Mitternachtsmesse?

Ein langer trüber Tag in der Küche, gegen deren Fenster der Regen klatschte und in der wegen des Windes das Feuer im Kamin nicht zog. Die kleinen Schwestern, die lustlos spielten. Die Mutter, die fragte, was es denn zu essen gebe in Toulon …

Zwei Tage. Mehr nicht. Den zweiten hatte er in Fécamp verbracht und nach der Francette Ausschau gehalten. Dann musste er wieder los.

Und dieser Abschied! Um fünf Uhr früh! Das Dorf schwarz. Das Meer, das gegen die Riffe klatschte. Der Lieferwagen, der statt eines Busses nach Fécamp fuhr und dessen Motor alles erzittern ließ.

Nur er war darin gesessen und ein Dienstmädchen, das zurück zur Arbeit in Paris fuhr.

Die stundenlange Fahrt. Und am Abend hatte er wieder den Zug genommen.

Es gab keinen besonderen Grund, warum er unglücklich war. Und das machte die Sache noch schlimmer. Er fühlte sich durch und durch unglücklich, ohne Grund, oder vielmehr wegen allem.

Vom Urlaub war nichts als ein bitterer Nachgeschmack übrig, und so sehnte er sich geradezu nach dem genauestens geregelten Leben an Bord, wo man gar nicht zum Denken kam.

Zum ersten Mal hatte er das Milieu verlassen, in dem er aufgewachsen war, und wie ein Fremder war er zurückgekehrt – und sich bewusst geworden, wie traurig es war.

Seine Mutter beispielsweise, groß und ausgetrocknet, die neun Bälger aufgezogen hatte und deren Mann die ganze Zeit auf dem Meer draußen war …

Mehr als zwanzig Jahre lang sich bei jedem Unwetter fragen müssen, ob das Boot wohl zurückkehren wird …

Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Für ihn war das ganz normal gewesen, ebenso wie er es normal gefunden hatte, sowie man an Land kam, zuerst mit den Kumpeln in eine Bar zu gehen und dann unsicheren Schrittes nach Hause zu wanken und sich dort aufs Bett zu werfen, nachdem er »Hallo« gerufen hatte.

Sein Vater machte es natürlich genauso. Und alle …

Wenn er nur schlafen könnte!

»Ach, ist das Leben blöd! Unseres auf jeden Fall.«

Es wurde eindeutig immer kälter, was man auch daran sah, dass sich auf den Fenstern Eisblumen bildeten.

Das würde seinen Schwestern Freude machen, wenn sie aufwachten. Ihm hatte das einst auch Spaß gemacht. Doch nicht an Bord eines Schiffs, wenn die Taue, mit denen man sich abmühte, starr wie Äste wurden.

Er stand auf. Das mit dem Schlafen hatte keinen Sinn. Der Zug hielt, und eine Stimme rief durch die Waggons:

»Dijon! Dijon! Reisende nach …«

Sein Blick schweifte ziellos über den leeren Bahnsteig mit dem Karren voller Postsäcke.

Dann lief er durch den Gang. Er stellte fest, dass der Nachbarwaggon besser beleuchtet und komfortabler war: ein Wagen zweiter Klasse.

Er ging durch den Faltenbalg. Im ersten Abteil waren die Vorhänge gezogen, die Nachtbeleuchtung eingeschaltet. Im Halbdunkel schliefen Menschen. Drei dunkle Schemen. Zwei auf derselben Bank. Ein Mann und eine Frau.

Die Frau lag in den Armen des Mannes, und Jean Monnier spürte eine Art Stich im Herzen.

Etwas wie Neid. Er seufzte.

Wenn das nicht Liebe war! Er konnte die Hitze der Körper und Herzen der beiden spüren …

Sie ließen sich nicht stören durch den Mitreisenden gegenüber, der mit halb offenem Mund schnarchte.

Jean ging ein paar Schritte weiter. Ein erleuchtetes Abteil. Ein Mann las Zeitung, als säße er in einem Salon.

Eins weiter. In einer Ecke saß eine junge Frau in Schwarz, auf den Bänken um sie herum allerlei Illustrierte.

Sie war sehr schön, ja verlockend, mit purpurroten Lippen – geschminkt natürlich – und langen dunklen Wimpern.

Sie träumte vor sich hin, das Kinn auf die behandschuhte Hand gestützt. Sie trug sehr feine Seidenstrümpfe und kleine elegante Schuhe, die so sauber waren, als hätten sie noch nie den Boden berührt.

Sie nahm den Matrosen durch die trübe Scheibe wahr, und ihr Blick war, als sähe sie ihn nicht, sondern träumte durch ihn hindurch weiter.

Jean machte verdrossen kehrt. In seinem tiefsten Innern knirschte es, eine Mischung aus Neid und Lust.

Neid und Lust worauf? Er hätte es nicht genau sagen können. Er dachte an das Häuschen, das er hinter sich gelassen hatte, an das Paket mit der Butter, dem Kuchen und den Heringen; dann an Toulon, an die Bar, die für die Seeleute der Gipfel des Vergnügens war und wo aufdringliche junge Frauen mit ihnen zu den Klängen eines Musikautomaten tanzten.

Das war ein großer Kasten mit einem Schlitz, in den man Geldstücke steckte. Dann ging ein Licht an, und Puppen taten, als spielten sie Pauke oder Trompete.

Er hätte heulen können. Warum hatte er nur so auf diesen Urlaub gedrängt? Eigentlich wäre er erst an Neujahr dran gewesen.

Und nun würde er bis Ostern warten müssen, um wieder zwei mickrige Tage freizubekommen.

Ein schlecht geschlossenes Fenster ging plötzlich auf, und eisiger Wind fuhr durch den Gang. Jean drehte sich um und blickte hinaus zu den weißen, roten und grünen Lichtern, die vorbeiflitzten in einem Getöse, dessen Rhythmen und Töne in seinem Kopf bisweilen nach denen des Musikautomaten klangen.

Vor sich im undurchsichtigen Schwarz, durch das der Dampf der Lokomotive zog, entdeckte er Schneeflocken.

Der erste Schnee …

Dies erinnerte ihn an einen Trawler vor zwei Jahren, der von so viel Schnee bedeckt und von so vielen Stalaktiten umkränzt war, dass sein Deck beim Einlaufen in den Hafen nur wenig über der Wasseroberfläche gelegen hatte.

Er drehte sich um und ging in sein Abteil zurück, wo noch etwas vom Rauch seiner Zigaretten hing.

Um die Zeit totzuschlagen, machte er sein Paket auf und...


Simenon, Georges
Georges Simenon, geboren am 13. Februar 1903 im belgischen Liège, ist der »meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, mit einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« (Die Zeit). Seine erstaunliche literarische Produktivität (75 Maigret-Romane, 117 weitere Romane und über 150 Erzählungen), seine Rastlosigkeit und seine Umtriebigkeit bestimmten sein Leben: Um einen Roman zu schreiben, brauchte er selten länger als zehn Tage, er bereiste die halbe Welt, war zweimal verheiratet und unterhielt Verhältnisse mit unzähligen Frauen. 1929 schuf er seine bekannteste Figur, die ihn reich und weltberühmt machte: Kommissar Maigret. Aber Simenon war nicht zufrieden, er sehnte sich nach dem »großen« Roman ohne jedes Verbrechen, der die Leser nur durch psychologische Spannung in seinen Bann ziehen sollte. Seine Romane ohne Maigret erschienen ab 1931. Sie waren zwar weniger erfolgreich als die Krimis mit dem Pfeife rauchenden Kommissar, vergrößerten aber sein literarisches Ansehen. Simenon wurde von Kritiker*innen und Schriftstellerkolleg*innen bewundert und war immer wieder für den Literaturnobelpreis im Gespräch. 1972 brach er bei seinem 193. Roman die Arbeit ab und ließ die Berufsbezeichnung »Schriftsteller« aus seinem Pass streichen. Von Simenons Romanen wurden über 500 Millionen Exemplare verkauft, und sie werden bis heute weltweit gelesen. In seinem Leben wie in seinen Büchern war Simenon immer auf der Suche nach dem, »was bei allen Menschen gleich ist«, was sie in ihrem Innersten ausmacht, und was sich nie ändert. Das macht seine Bücher bis heute so zeitlos.



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